SPIEGEL ONLINE: Herr Birol, Sie gelten als Vordenker der Energiewirtschaft. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in zehn Jahren aussehen?
Birol: Ich sehe eine Zeit, in der Energie viel mehr kostet und ein noch viel stärkeres geopolitisches Machtmittel sein könnte als jetzt.
SPIEGEL ONLINE: Worauf stützen Sie Ihre Annahme?
Birol: Der Energiebedarf steigt, gleichzeitig schwinden die Ressourcen. Und ein strategischer Markt wie Öl oder Gas wird immer stärker von wenigen staatlichen Konzernen kontrolliert.
SPIEGEL ONLINE: Klingt bedrohlich.
Birol: In der Tat. Aber es gibt Gegenstrategien. Teure, regional konzentrierte Energie kann uns wirtschaftlich schaden. Sie kann uns aber auch zwingen, Ressourcen sparsamer einzusetzen, die Energieeffizienz zu erhöhen und den Ausbau erneuerbarer Energien und neuer Technologien zu beschleunigen. Da sehe ich große Chancen.
SPIEGEL ONLINE: Was müssen wir tun?
Birol: Wir müssen Energie-Technologien entwickeln, die wie das iPhone sind: bahnbrechend für die Branche, erschwinglich für Verbraucher.
SPIEGEL ONLINE: Die westliche Ölindustrie behauptete vor kurzem noch, eine solche Technologie entwickelt zu haben. Sie bohrte viele Kilometer unter dem Meer und versorgte Industriestaaten mit erschwinglichem Öl. Dann explodierte BPs Bohrplattform "Deepwater Horizon" und verursachte eine entsetzliche Ölpest. Welche Folgen hat das Desaster?
SPIEGEL ONLINE: Wer sagt denn, dass der Westen die Bohrungen stoppt? Brasilien und Norwegen haben gerade erst neue riskante Tiefseebohrungen auf den Weg gebracht.
Birol: Keine Frage, das Rohstoff-Roulette geht ungebremst weiter. Dennoch steht die Branche durch die Ölpest vor großen Unsicherheiten.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?
Birol: Neue Auflagen könnten etwa bewirken, dass bei jeder Tiefseeförderung zwei Löcher gebohrt werden müssen - eins für die Förderung, eins als Absaug-Alternative für Notfälle. Alle Anbieter müssen ihre Sicherheitskonzepte verbessern, um riskante Bohrungen zu rechtfertigen. Das aber wird die Kosten in die Höhe treiben und den Bau neuer Bohrinseln verlangsamen.
SPIEGEL ONLINE: Öl wird durch die Katastrophe teurer?
Birol: Ja, die Ära des billigen Öls ist vorbei, vermutlich für immer. 75 Dollar kostet das Barrel Öl zurzeit - in Zukunft könnte uns das günstig vorkommen. Es gibt kaum Hoffnung, dass wir uns rasch aus unserer Ölabhängigkeit befreien. Es wird noch ein paar Jahrzehnte dauern, ehe wir Autos flächendeckend mit Strom betreiben - mindestens.
SPIEGEL ONLINE: Der Gasmarkt erlebt schon jetzt eine Revolution. Durch verbesserte Fördermethoden können Rohstoffjäger riesige neue Vorkommen erreichen. Und durch Flüssiggas-Transporte kann der Rohstoff erstmals weltweit gehandelt werden. Was bedeutet das für den Energiesektor?
SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet die Atomindustrie leidet? Sprechen deren Branchenvertreter nicht seit Jahren von einem globalen Atom-Comeback?
Birol: Das weltweite Interesse an neuen Kernkraftprojekten steigt - in China etwa oder im Nahen Osten. Doch ich glaube nicht, dass dies einen Bau-Boom bei Kernkraftwerken auslöst.
SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen?
Birol: Es gibt zu wenige Fachkräfte, zu wenige Produktionskapazitäten für spezielle Kraftwerksteile und zu wenig Investitionssicherheit, insbesondere in den OECD-Ländern.
Birol: Neben erneuerbaren Energien und Atomenergie sind Kohlekraftwerke, die CO2 unter der Erde speichern, eine vielversprechende Idee.
SPIEGEL ONLINE: Wirklich? Sogenannte CCS-Kraftwerke haben doch kaum erforschte Risiken und bringen es bei Pilotversuchen der Firma Vattenfall gerade mal auf einen Wirkungsgrad von 40 Prozent. Das iPhone der Energiebranche ist das sicher nicht.
Birol: Ich habe gesagt, CCS-Kraftwerke sind eine gute Idee. Tatsächlich könnte die Technologie viel weiter sein, vielleicht sogar marktreif. Doch es fehlen Anreize, in CCS zu investieren. Zum Beispiel ein globaler Emissionshandel, der Staaten mit geringem CO2-Ausstoß Standortvorteile beschert.
SPIEGEL ONLINE: Die Verhandlungen der G-20-Staaten über eine globale Finanzreform sind gerade spektakulär gescheitert. Ist es nicht naiv zu glauben, man könnte eine weltweite CO2-Steuer durchsetzen?
Birol: Nicht naiv - ambitioniert. Alle Staaten wissen, welch verheerende Folgen eine zu starke Erderwärmung hätte. Das sollte Motivation genug sein, verbindliche CO2-Regeln zu vereinbaren, auch wenn es schwer ist.
SPIEGEL ONLINE: Warum nicht gleich auf erneuerbare Energien umsteigen?
Birol: Warum nicht CCS und erneuerbare Energien voranbringen? Mir ist jede Technologie recht, die den globalen CO2-Ausstoß mindert. Vor allem sollte man sich in der Debatte das Moralisieren sparen. Der Betreiber eines Kohlekraftwerks und der Besitzer einer Offshore-Windanlage sind doch im Prinzip gleich: Beide wollen Geld verdienen.
Birol: In der Tat. Es ist absurd, wie die Infrastruktur der Energieerzeugung hinterherhinkt. Die Politik versäumt es seit Jahren, einen Investitionsrahmen für den Ausbau der Stromnetze zu schaffen. Schon jetzt verpuffen Unmengen von Ökostrom in den Netzen - eine gewaltige Verschwendung!
SPIEGEL ONLINE: Was muss getan werden?
Birol: Regional brauchen wir ein schlaues Stromnetz, das Energieerzeugung und -verbrauch in Echtzeit misst und das Über- noch zu Unterversorgung ausgleicht. Europaweit brauchen wir ein Supergrid, über das etwa überschüssiger Solarstrom aus Andalusien in einem norwegischen Wasserkraftwerk zwischengespeichert werden kann.
Das Interview führte Stefan Schultz
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