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02.07.2010
 

Deutschland im Umbruch

Letzte Chance Radikalkur

Alternde Gesellschaft: Was Deutschland droht
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REUTERS

Schwaches Wachstum, alternde Gesellschaft, überlasteter Staatsetat: Deutschland muss sich einer Langzeitstudie zufolge radikal modernisieren, um international nicht dramatisch zurückzufallen. SPIEGEL ONLINE zeigt, wo der größte Reformbedarf besteht - und welche Erneuerungschancen die Republik hat.

Berlin - Die Rezession ist überwunden, der Aufschwung ist da, die Arbeitslosenzahlen sinken: So lauteten die Schlagzeilen deutscher Medien in den vergangenen Wochen. Doch die eigentliche Krise steht Deutschland noch bevor. Das ist zumindest die Kernaussage der am Freitag veröffentlichten Langzeitstudie "Deutschland Report 2035" des Schweizer Prognos-Instituts.

In der Projektion für die kommenden 25 Jahre steht Deutschland demnach vor immensen Herausforderungen: Das Wirtschaftswachstum dümpelt auf niedrigem Niveau, die Bevölkerung schrumpft rapide und zusätzlich kämpft sich der Staat an einer nie dagewesenen Verschuldung ab.

So gehen die Forscher davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren durchschnittlich nicht über ein Niveau von mehr als 1,0 Prozent im Jahr hinauskommt. Die EU-Länder werden im Schnitt mit einem Wachstum von 1,4 Prozent auskommen müssen.

Angesichts der kräftigen Wachstumsraten in Deutschland von bis zu 2,5 Prozent in den Jahren vor der Finanzkrise ist das eine ernüchternde Prognose. Überdurchschnittliches Wachstum sagt die Studie nur den deutschen Stadtstaaten Hamburg und Bremen voraus. Berlin und die anderen ostdeutschen Länder hinken dagegen deutlich hinterher.

Die Zahl der Arbeitsfähigen sinkt um mehr als acht Millionen

Hauptursache für die schwache Dynamik ist die alternde Bevölkerung: "Der demografische Wandel ist in vollem Gange und wird sich ab dem Jahr 2020 deutlich beschleunigen", heißt es in der Untersuchung. Leben aktuell knapp 82 Millionen Menschen in Deutschland, werden es bis 2035 nur noch 78 Millionen sein.

Bricht man die Zahlen weiter herunter, wird die Gruppe der Personen im erwerbsfähigen Alter bis 2035 um mehr als acht Millionen oder rund 17 Prozent sinken. Der Wirtschaft werden die Arbeitskräfte zunehmend wegbrechen. Ein positiver Effekt: Die Zahl der Menschen ohne Job dürfte um mehr als eine Million auf dann rund zwei Millionen sinken.

Deutschland steuere auf eine massive Fachkräftelücke zu, warnen die Forscher. Diese hätte erhebliche Wachstumseinbußen sowie eine noch schlechtere Beschäftigungsentwicklung zur Folge, weil vergleichbare Stellen nicht besetzt werden könnten.

Gravierend bleibt zudem das Problem der Staatsverschuldung. Wie soll ein Staat, der jahrzehntelang über seine Kosten gelebt hat, in die Zukunft investieren beziehungsweise kräftig wachsen? Doch statt die Neuverschuldung abzubauen, geht die Tendenz in eine andere Richtung: Die Schuldenstandsquote werde von derzeit knapp unter auf mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, schreiben die Forscher - und das, obwohl sich die Bundesregierung gesetzlich dazu verpflichtet hat bis 2016 jährlich mindestens zehn Milliarden Euro einzusparen. Die Forscher glauben nicht daran: "Der Einhaltung der Schuldenbremse messen wir keine Realisierungschance bei."

Mehr Frauen in Jobs bringen, Wochenarbeitszeit verlängern, Schulden abbauen

Für Deutschland sind das schlechte Nachrichten: Das Land droht angesichts der vielen Probleme im internationalen Vergleich dramatisch abzurutschen. Vorreiter werden dagegen Länder wie China und andere Staaten speziell in Asien, die mit zweistelligen Wachstumsraten aufwarten.

Allerdings lassen die Schweizer Forscher noch eine Spur Zuversicht zu - sollte Deutschland schnell die Weichen stellen. Stichwort Alterung und Arbeitsmarkt: Das gesetzliche Renteneintrittsalter müsste schrittweise angehoben werden, mehr Zuwanderer müssen ins Land gelassen werden und mehr Frauen arbeiten. Daneben sei eine längere Wochenarbeitszeit zwingend - wenn auch moderat.

Folge man den Ratschlägen, würde sich die Situation für die Unternehmen merklich entspannen, heißt es in der Studie. Außerdem würden die sozialen Sicherungssysteme entlastet, die sonst eine harte Belastungsprobe bestehen müssten: Denn die Alterung in der Bevölkerung und die sinkende Erwerbstätigenquote führen zu stark steigenden Kosten für die Rente, Krankenversicherung und die Pflege.

Prognos zufolge steigen die Gesamtbelastungen von heute knapp 40 Prozent auf voraussichtlich 46 Prozent im Jahr 2035. Doch sorgt man jetzt vor, dürften die Kosten deutlich geringer ausfallen als bisher angenommen.

Die größte wirtschaftspolitische Herausforderung stelle jedoch der Abbau der Staatsverschuldung dar: "Diese ist nicht nur Voraussetzung für einen starken Euro-Raum, sondern ebenso für wirtschaftliches Wachstum in Deutschland."

Gelingt dies alles nicht mindestens teilweise, sieht es schlecht aus für Deutschland. Dann nämlich sei selbst das moderate Wachstum von 1,0 Prozent gefährdet.

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17.12.2010 von hoppeditz2: und jetzt ist Brüderle schuld ...

... an der zu vorsichtigen Schätzung seiner Mitarbeiter. Dabei ist es doch im Sinne kaufmännischer Vorsicht geboten, dass man sich erst mal am unteren Rand der Prognosen bewegt. Schulden haben wir auch so schon genug. Und [...] mehr...

17.12.2010 von ergoprox:

Sie haben, so glaue ich, den Sarkasmus nicht verstanden ;-)) Ansonsten sollten alle Prognostiker und deren minderbemittelte Freunde mal N.Taleb lesen. Je expertiger die Experten sind, desto schlechter die Prognosen. Gilt immer [...] mehr...

17.12.2010 von elbröwer: auf Kosten des Volkes

Experten und Gutachter müssen definitiv nichts können. Wenn eine Prognose nicht stimmt wird sie rückwirkend angepaßt. Ich bin richtig neidisch auf so viel Scharlatanerie. Der Brüderle soll wohl demnächst FDP Vorsitzender werden. [...] mehr...

17.12.2010 von Hubert Rudnick: Witzbold

Da kann man nur zu sagen, sie sind ein Witzbold, oder einer deren Vertreter, die sich erneut auf Kosten derjenigen, die die Werte der Gesellschaft hart erarbeiten bereichern wollen, um anschließend erneut alles in den [...] mehr...

16.12.2010 von rabenkrähe:

...... Es ist eben alles relativ: Im Vorjahr war der Vergleichszeitraum ein sehr guter, also fiel der Rückgang mit runden sechs Prozent dramatisch aus, nun ist der Vorjahreszeitraum ein schlechter, also wirken gute drei [...] mehr...

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Quelle: Statistisches Bundesamt / ILO

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