Aus Madrid berichtet Anne Seith
Gefeiert wurde bis spät in die Nacht, mit Feuerwerkskörpern, Flaggen, viel Bier, Lärm und Begeisterung. Das Hupkonzert auf den Straßen riss über Stunden nicht ab. Auch die Zeitungen, die an diesem Donnerstag am Kiosk liegen, haben oben auf den Titelseiten nur Platz für ein Thema: den fulminanten Sieg der spanischen Nationalelf gegen das deutsche Team. "Die Besten der Welt", steht auf einer, darunter fallen sich die spanischen Kicker außer sich vor Freude in die Arme.
Einer, der überhaupt keine Zeit hat, den Sieg im Halbfinale zu feiern, ist Fernando Herrero. Der hagere 35-Jährige mit den mittelblonden Haaren und den gebeugten Schultern schlägt sich gerade mit Schulden von zig Milliarden Euro herum.
Herrero ist der Generalsekretär des Verbandes der Kunden von Banken, Sparkassen und Versicherungen (Adicae). Eine Verbraucherschutzvereinigung, die seit dem Zusammenbruch des Immobiliensektors vor allem überschuldeten Eigenheimbesitzern beispringen muss. Und das bedeutet: Unmengen Arbeit. Hunderttausende Spanier könnten ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen, sagt Herrero. 200.000 oder mehr Zwangsräumungen könnte es in diesem Jahr geben, fürchtet die Vereinigung. 2008 waren es 50.000.
Ein Fußball-Aufschwung? "Allenfalls sehr marginal"
Herrero beachtet den kleinen Teller mit Wurst nicht einmal, der ihm zum Bier gereicht wird. Und auch der Sieg im Fußball macht ihn nicht wirklich glücklich. "Das ist eine temporäre Erleichterung für die Leute", sagt er, während er zum dritten oder vierten Mal seinen Blackberry nach neuen Nachrichten checkt. Aber die vielen, die nicht wüssten, ob ihr Geld bis zum Ende des Monats reicht, werde selbst ein Sieg im Finale am Sonntag nicht retten.
Der Fußballtraum, den Spanien gerade lebt, mag eine Abwechslung sein, an der Unsicherheit im Land ändert er wenig. Selbst in der Halbzeitpause der Kickerpartie am Mittwochabend wurden Deutsche schon einmal gefragt, ob Spanien demnächst aus der Euro-Zone gedrängt werde.
Auf die Frage, ob ein Sieg im Finale auch die Wirtschaft anheizen könne, sagt der Madrider Analyst Jorge Lage von der Firma CM Capital Markets skeptisch: "Allenfalls sehr kurzfristig."
Und die Frage, wie man herauskommt aus dem Dilemma, ist längst nicht beantwortet.
"Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt"
Zunächst muss einmal das schwere Erbe der rauschenden Vergangenheit abgearbeitet werden. Seit die Immobilienblase geplatzt ist und Häuser und Wohnungen rasant an Wert verloren haben, kämpfen etwa Millionen Eigenheimbesitzer um ihre Existenz. Rund sechs bis acht Millionen Spanier haben sich für einen Immobilienkauf verschuldet, heißt es bei der Adicae. Das sind rund 20 Prozent der Bevölkerung. Die Familien, die für die Hypotheken von durchschnittlich 150.000 Euro mitleiden müssen, noch nicht mitgerechnet. Die Möglichkeit einer Privatinsolvenz gibt es nicht.
"Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt", sagt Verbraucherschützer Herrero nüchtern. Das ganze Land habe jahrelang ungezügelt konsumiert. "Wenn es irgendwo das neue iPhone gab oder die neueste Playstation, standen die Leute Schlange." So mancher Käufer habe sich um die Finanzierung seines Wohlstandes einfach keine Sorgen gemacht, "weil die Banken eine komplett unverantwortliche Kreditvergabe betrieben haben", sagt Herrero. Das Geld sei den Spaniern geradezu hinterhergeworfen worden. Mit dem Wohlwollen der Politik.
Eine ganze Weile ging das gut. Doch seit die Immobilienblase geplatzt ist, der Wirtschaft mit der Bauindustrie ihr Wachstumsmotor weggebrochen ist und so mancher hochverschuldete Häuserkäufer seine Arbeit verloren hat, ist das Schuldenchaos perfekt. Die enorme private Verschuldung ist eins der vielleicht größten Probleme des Landes. Außer Privathaushalten finanzierten vor allem Firmen der blühenden Bauindustrie viele Megaprojekte auf Pump, die sich mittlerweile als komplette Fehlinvestition erwiesen haben.
Vom Bankangestellten zum Barbetreiber
Nun freilich hat so manche Bank den Geldhahn zugedreht. Mit teils abstrusen Folgen.
Fran Ameijeiras ist einer von denen, die eigentlich als Hoffnungsträger im krisengeschüttelten Land gelten sollten. Gemeinsam mit seiner britischen Frau Ellie Baker betreibt er in der hippen Straße Almirante eine schicke Bar im englischen Stil. Rote Plüschmöbel, schwarze Ledersessel, in der neuen "Churchill Lounge" sind die Wände mit dunkelgrünem Holz getäfelt. Auf der Karte stehen Spezialitäten wie Kängurufleisch und unzählige Ginsorten.
Ameijeiras, der früher eine gute Stelle bei einer Bank hatte, ist 35, seine Frau 29. Sie haben einen zweijährigen Sohn und schuften in der Bar oft Tag und Nacht, vor allem während der Fußball-Weltmeisterschaft. Den Traum seiner Eltern lebt Ameijeiras nicht gerade. Sein Branchenwechsel sei für die Familie ein "Trauma" gewesen, erklärt der zurückhaltende Galicier mit dem kurzgeschorenen Haar und dem Dreitagebart. Den Barbetrieb gegen eine respektable Stelle in einer Bank eintauschen?
Doch für Ameijeiras ist die "Bristol Bar" ein Unternehmen - und zwar eines, das läuft. Das recht gehobene Publikum, das hier verkehrt, blieb von der Krise weitgehend verschont.
Banken sagen Unternehmern ab
Deshalb hat das junge Paar vor kurzem über einen zweiten Laden nachgedacht. "Wir haben bei sechs Banken angefragt", sagt Ameijeiras. Drei hätten nicht einmal geantwortet, zwei lehnten sofort ab. Am Ende starb das ganze Projekt. Ameijeiras guckt resigniert. Als seine Frau und er vor vier Jahren anfingen, "haben sie mir den Kredit quasi geschenkt", sagt er. Dabei habe er damals rein gar nichts vorzuweisen gehabt. Den Traum von der eigenen Ginproduktion ist das Paar dann von vorneherein in Großbritannien angegangen.
Auch wenn Ameijeiras es so nicht ausspricht - er hat offensichtlich das Gefühl, dass Unternehmern in Spanien das Leben schwergemacht wird. "Wenn du hier etwas aufmachst, kommt am nächsten Tag die Arbeitsinspektion, dann die Gesundheitsinspektion, dann jemand von der Stadt", sagt er nur.
Immerhin: Vom Fußballrausch profitiert Ameijeiras erst einmal. Denn auch wenn die Euphorie von kurzer Dauer sein mag - für ein paar Tage werden die Leute abends ein bisschen länger am Tresen bleiben. Und über die jüngsten Wundertaten ihrer Kicker philosophieren.
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Wenn Spanien schlau ist und zusammensteht, koennen sie ihren Glaeubigern, die zumindest indirekt meistens aus der deutschen Geldelite bestehen, ein Schnippchen schlagen: Die Moeglichkeit der Privatinsolvenz so sehr [...] mehr...
[QUOTE=eric111;5831635]Spanien ist in der Krise. Doch die Krise ist weit weniger schlimm, als es die deutsche Presse zeichnen will. Klar, bei gleichen Werten wäre in Deutschland Bürgerkrieg. Doch Spanier sind solidarisch, [...] mehr...
[QUOTE=eric111;5831635]Spanien ist in der Krise. Doch die Krise ist weit weniger schlimm, als es die deutsche Presse zeichnen will. Klar, bei gleichen Werten wäre in Deutschland Bürgerkrieg. Doch Spanier sind solidarisch, [...] mehr...
Es ist sehr nett, die deutschen Steuerzahler schon mal schonend darauf vorzubereiten, dass ihnen (nach Griechen- land)bald schon ein zweites Patenkind beschert wird... mehr...
Nein, das ist alles ganz anders. Es ist an der Zeit für eine neue Verschwörungstheorie! Wieso hat die deutsche Kanzlerin auf einmal ihre Liebe zum Fussball entdeckt? Warum ist die Merkel wohl auf einmal persönlich nach [...] mehr...
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