Von Michael Kröger
Berlin - Wer an diesem Donnerstag durch die Straßen der spanischen Hauptstadt Madrid streift, bekommt wenig mit von der Anspannung der Wirtschaftsreformer in der Regierung. Die Euphorie nach dem Halbfinalsieg bei der Fußball-WM hat, so scheint es, alle Bedenken über die wirtschaftliche Zukunft zerstreut. Es ist wie eine Art Betäubung gegen die Zumutungen, die die Rosskur noch mit sich bringt.
Nur in Europas Banken vermag man sich den heilsamen Effekt eines wieder aufgerichteten Nationalstolzes nicht recht vorzustellen. Die Finanzexperten glauben schlicht nicht, dass Spanien und die anderen südlichen Euro-Länder in der Lage sein werden, ihre Schuldenprobleme in den Griff zu bekommen. Das geht aus einer an diesem Donnerstag veröffentlichten Umfrage der Wirtschaftsprüfergesellschaft Ernst & Young hervor.
Die Schuldenkrise in Europa und die immer wieder aufflammenden Gerüchte über die Zahlungsunfähigkeit von Euro-Ländern stellen aus Sicht vieler Banken sogar eine ernsthafte Gefahr dar: Laut Umfrage halten es 60 Prozent der Bankmanager für möglich, dass die Euro-Krise den Aufschwung in Deutschland abwürgt. Auch ein Ende der Spekulationen gegen die europäische Gemeinschaftswährung sei nicht in Sicht.
Weitere Ergebnisse der Studie in den Grafiken dieser Fotostrecke:
"An den Kreditmärkten herrscht nach wie vor ein großes Misstrauen gegenüber einigen Euro-Ländern. Solange dieses Misstrauen nicht ausgeräumt ist, werden die Turbulenzen anhalten", konstatiert Claus-Peter Wagner, Leiter des Bereiches Financial Services bei Ernst & Young. Auch wenn vieles für eine robuste Erholung der Wirtschaft spreche - "die ungelöste Schuldenkrise in der Euro-Zone schwebt wie ein Damoklesschwert über der Konjunkturerholung".
Ob die negativen Einschätzungen der Banker nach intensivem Studium von Daten und Analysen erfolgt sind oder eher ein diffuses Stimmungsbild widerspiegeln, vermag Wagner nicht zu beurteilen. "Wir gehen aber davon aus, dass die Befragten vor dem Hintergrund eines großen Fachwissens geantwortet haben", sagt er.
Vielversprechende Reformen
Das Fachwissen wollen unabhängige Gelehrte den Bankern und Analysten auch keineswegs absprechen. Doch nachvollziehen können sie deren Pessimismus nicht. "Eine solch negative Erwartung unterstellt, dass Länder wie Spanien oder Portugal strukturell so schlecht aufgestellt sind, dass Reformen kaum eine Chance haben", erklärt Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Eine Einschätzung, der der Konjunkturexperte klar widerspricht. "Spanien verfügt über eine erfolgreiche Export-Industrie, und die bereits eingeleiteten Reformen werden helfen, die Lohnkosten spürbar zu senken", erklärt er. Beide Kriterien träfen in etwa auch auf Portugal zu. "Es wird ein bisschen Zeit brauchen, aber die Chance ist groß, dass sie die Krise bewältigen", resümiert Boysen-Hogrefe.
Als Zeichen dafür, dass der Experte eher richtig liegt als die befragten Banker, könnte die fünfjährige Anleihe gelten, die die spanische Notenbank in den vergangenen Tagen mit Erfolg platziert hat. So gelang es innerhalb kürzester Zeit, insgesamt 3,5 Milliarden Euro aufzunehmen - mit einer durchschnittlichen Verzinsung von 3,657 Prozent. Damit ist das Schuldenmachen für Spanien nur minimal teurer geworden als bei der letzten Fünf-Jahres-Auktion am 6. Mai.
Auch der wiederbelebte Nationalstolz nach den Erfolgen der Fußball-Nationalelf dürfte eine heilsame Wirkung entfalten, wenn es darum geht, den Weg aus der Schuldenkrise zu finden. Zumutungen lassen sich besser ertragen, wenn man beseelt ist vom allgemeinen Hochgefühl.
Eigeninteresse spielt mit
Die negative Einschätzung der Banker hält Boysen-Hogrefe trotzdem für nachvollziehbar - zumindest aus deren Perspektive: "Vor der Kreditkrise haben die Finanzfachleute die Situation viel zu positiv beurteilt und haben damit massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Entsprechend übervorsichtig gehen sie jetzt zu Werke."
Ein wenig dürfte aber auch Eigeninteresse die Antworten bestimmt haben. Schließlich verdienen Banken am besten, wenn Märkte in Bewegung geraten: Wer Kreditausfallversicherungen im Portfolio hält, hat womöglich Interesse daran, die Situation eine wenig schlechter darzustellen, als sie wirklich ist.
Einen ähnlichen Verdacht hat auch Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. "Es versteht sich von selbst, dass solche Einschätzungen auch von Eigeninteresse bestimmt ist", sagt er. Einen Vorwurf will er daraus aber nicht ableiten. Denn im Prinzip sei es richtig, die Entwicklung in den Schuldnerländern mit großer Aufmerksamkeit zu verfolgen und gleichzeitig den Reformdruck aufrechtzuerhalten. Denn trotz der energischen Sparanstrengungen in den betroffenen Ländern sei die Situation nach wie vor kritisch.
Ein Problem stelle allenfalls die übertriebene Schwarzmalerei dar, fügt der Gelehrte hinzu. Denn an Glaubwürdigkeit könnten die Banken nicht viel zurückgewinnen, wenn sich ihre Prognosen am Ende des Tages wieder als falsch herausstellten.
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Das mit dem "Wachtum red. Schulden stimmt so nicht". Reales Wachstum der Wirtschaft ist nur sehr begrenzt möglich - gerade in einer welt die schon "überfluss hat", also geht "Wachstum" immer dann [...] mehr...
Die aktuelle Situation ist eben völlig neu für Viele - das läßt Ängste wachsen. Im Prinzip sind viele Grundprobleme der Bankenkrise nicht gelöst. Und die Welt wächst zwar - aber wie dauerhaft ist dieser Aufschwung ? [...] mehr...
Ja, das kann man in der Tat. Sie haben gelernt, dass der Staat ihnen ohne Weiteres zweistellige Milliardenbeträge umsonst leiht, falls es mal nicht klappen sollte. Zum Glück sind die leistungsorientierten Bonuszahlungen der [...] mehr...
Vollkommen richtig. Der Unterschied zwischen uns beiden und den von Ihnen genannten Marktteilnehmern ist, dass wir das Risiko dann auch wirklich selbst tragen müssen. Wir sind nämlich leider nicht "systemrelevant", [...] mehr...
Nochmal. Solche Ansichten haben mehr mit "Verschwörungsthorie" zu tun als mit den Marktbedingungen. Keine Bank der Welt tut der Politik den Gefallen und kauft Staatsanleihen um den Bürger in die Irre zu führen. [...] mehr...
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