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13.07.2010
 

Kosten-Nutzen-Rechnung

Krankenkassen kämpfen für Homöopathie

Von Michael Kröger

Die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel ist extrem umstritten - doch die Krankenkassen wollen es sich nicht nehmen lassen, für die esoterisch angehauchte Medizin zu zahlen. Sparpläne von Gesundheitspolitikern weisen sie zurück: Für die Versicherungen überwiegen trotz aller Kritik die Vorteile.


Berlin - Es klang fast wie zu Zeiten der Großen Koalition. In seltener Eintracht sprang CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn seinem SPD-Kollegen Karl Lauterbach am Montag bei, nachdem sich dieser am Wochenende im SPIEGEL für ein Verbot von Homöopathie-Behandlung auf Kassenrechnung ausgesprochen hatte. Seine Fraktion sei offen für Lauterbachs Vorschlag, sagte Spahn. "Wir haben Wahltarife für Homöopathie seinerzeit auf Wunsch von SPD und Grünen eingeführt." Sollte die SPD nun veränderungsbereit sein, "können wir sofort darüber reden".

Mit Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), Claudia Roth (Grüne) und Johannes Singhammer (CSU) formierte sich dagegen eine Allianz der kleineren Parteien, die ebenso vehement für eine Beibehaltung des Status quo plädieren. "Grundsätzlich spricht nichts gegen Wahltarife, auch nicht bei der Homöopathie", sagte Rösler der "Passauer Neuen Presse". Singhammer warnte: "Es beginnt vielleicht mit Kürzungen bei der Homöopathie, aber wo endet das?" Roth verwies auf die gesunde Lebensführung, auf die gerade Befürworter von Naturheilverfahren besonders achteten. Diese würden vor den Kopf gestoßen.

Dabei ging es in erster Linie um die eher wissenschaftliche Frage, ob Globuli tatsächlich nachweisbare Heilerfolge bringen - so heißen die kleinen weißen Kügelchen, denen die Verfechter der Naturheilkunde geradezu magische Wirksamkeit zusprechen. Dass sie das nicht können, steht für den designierten Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Jürgen Windeler, außer Zweifel: "Die Homöopathie ist ein spekulatives, widerlegtes Konzept", sagte er dem SPIEGEL. "Dazu muss man auch gar nicht mehr weiter forschen, die Sache ist erledigt." Die Verfechter der Naturheilkunde verweisen hingegen auf etliche Studien, die ihre These stützen.

Minimaler Anteil an den Gesamtkosten

Trotzdem nutzen SPD und CDU die Diskussion als Steilvorlage, um sich als Sanierer des maroden Gesundheitssystems in Szene zu setzen. Überflüssige Leistungen zu streichen, spart viel Geld - das ist die Botschaft.

Bei genauerer Betrachtung allerdings relativiert sich der Effekt. Nach Angaben der Vizechefin des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Barbara Sickmüller, macht der Anteil der Homöopathieausgaben, die die Kassen regulär erstatten, lediglich 0,06 Prozent der Gesamtausgaben für Arzneimittel aus. Rund neun Millionen Euro für Homöopathie stünden mehr als 170 Milliarden Euro Gesamtausgaben der Kassen gegenüber.


Von den 28 Milliarden Euro, welche die gesetzlichen Krankenversicherungen 2009 für Arzneimittel ausgegeben haben, entfielen demnach gerade einmal 25 Millionen Euro auf homöopathische Mittel. Einige Kassen übernehmen zwar auch die Kosten für nicht verschreibungspflichtige Naturmedizin - allerdings nur gegen einen zusätzlichen Beitrag, der laut Gesetz kostendeckend sein muss und deshalb die große Gemeinschaft der Versicherten keinen Cent kostet.

Auch im Vergleich zu den 13 Milliarden Euro, die allein im kommenden Jahr für die Sanierung der maroden Finanzen der Kassen eingesammelt werden müssen, erscheint das Sparpotential lächerlich. Zumal noch in keiner Weise geklärt ist, ob die Streichung dieser Leistung den Kassen unter dem Strich überhaupt Geld sparen würde.

Daran zweifeln nicht zuletzt die Kassen selbst, allen voran die Techniker Krankenkasse. "Rund ein Fünftel unserer Beitragszahler verdienen so viel, dass sie zu einer privaten Kasse wechseln könnten", sagt Sprecher Hermann Bärenfänger. "Wenn wir diese Gruppe im System der gesetzlichen Krankenversicherung halten wollen, müssen wir dafür auch etwas bieten."

Das negative Signal käme die Kassen teurer

Die angesprochenen hochqualifizierten Gutverdiener sind es, die die gesetzlichen Kassen am stärksten entlasten. Sie zahlen den höchsten Beitrag und verursachen gleichzeitig die geringsten Behandlungskosten. Auf der anderen Seite stellen sie aber die größten Ansprüche an die Leistung einer Kasse, sagt Bärenfänger - und dazu gehört Homöopathie.

Diese wiederum kostet die TK relativ wenig Geld. Im vergangenen Jahr machten nur 0,5 Prozent der TK-Versicherten von ihr Gebrauch. Bärenfänger zufolge handelt es sich um keinen dicken Kostenbrocken. Das negative Signal durch ein Streichen der Leistung käme die Kasse teurer.

Auch abseits der Eigeninteressen der gesetzlichen Krankenkassen könnte die Homöopathie ihr Geld wert sein, selbst wenn sich die medizinische Wirkung nicht nachweisen lässt. Die Kassenleistung umfasst nämlich regelmäßig ein- bis eineinhalbstündige Gespräche mit dem behandelnden Arzt, der dabei den oft komplexen Hintergründen der Symptome auf die Spur zu kommen versucht. Da werden Lebensumstände und Ernährungsgewohnheiten abfragt - eine Behandlung, für die im normalen Alltag der Schulmedizin allenfalls fünf bis acht Minuten Zeit bleibt.

In einer Vielzahl der Fälle hilft die ausführliche Analyse, den Einsatz teurer Arzneien und weiterer Untersuchungen zu vermeiden. Und oft stellt sich ein nachhaltiger Behandlungserfolg allein deshalb ein, weil die Patienten aufgrund der Beratung ihre Lebensgewohnheiten ändern.

Bei der Techniker Krankenkasse jedenfalls ist man vom positiven Kosten-Nutzen-Verhältnis der Homöopathie überzeugt. Bald will man dies mit handfesten Zahlen untermauern. Bärenfänger sagt, das Thema werde derzeit mit einer Studie an der Charité untersucht.

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Die neuesten Beiträge:
16.09.2010 von Krassopateras:

Na dann erzählen Sie mal wieviel Sie einzahlen. Vermutlich hatte ich in meiner aktiven Zeit wesentlich mehr eingezahlt. mehr...

16.09.2010 von Neuer Debattierer:

Quatsch,die Ärzte streiken nicht für den Erhalt der Hausverträge, denn die will niemand abschaffen. Die Ärzte streiken dagegen, dass die Honorare in den Hausarztverträgen nicht stärker steigen sollen als die allgemeine [...] mehr...

16.09.2010 von Neuer Debattierer:

Das ist doch gar nicht der entscheidende Punkt. Es geht darum, dass von Ärzteseite ständig suggeriert wird, die Kassenärzte müssten in vielen Regionen mit weniger Honorar auskommen als vor der Reform 2009. Tatsächlich [...] mehr...

16.09.2010 von pigmentosa: komisch

wenn es den Ärzten so schlecht geht, warum studieren dann so viele für diesen Beruf?? Niemand zwingst sie. Wenn nicht die Bevölkerung in Jahrzehnten so erzogen worden wäre, bei jeder Kleinigkeit [...] mehr...

16.09.2010 von Jurist45_: Tränen, nichts als Tränen

Natürlich ist er das nicht, aber was sagen Sie den Krankenschwestern? Geht es denen anders? Erzählen Sie DENEN mal was von 90.000€! Richtig! Deswegen haben Sie auch Verantwortung - den Menschen gegenüber. Genauso wie die [...] mehr...

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Homöopathie

Was ist Homöopathie?

Homöopathie - griechisch für "ähnliches Leiden" - wird von ihren Befürwortern sowohl gegen körperliche als auch gegen seelische Beschwerden angewandt. Homöopathie beruht auf zwei Grundprinzipien: dem Ähnlichkeitsprinzip und der Verdünnung.

Homöopathen benutzen Substanzen, die bei Gesunden die Symptome der zu behandelnden Krankheit hervorrufen würden. Die Herstellung der Medikamente beruht auf dem sogenannten Potenzieren: Die Wirkstoffe werden durch Vermischen mit Alkohol oder Wasser oder durch Verreiben mit Milchzucker stark verdünnt. Anhänger der homöopathischen Idee gehen davon aus, dass das Medikament umso besser wirkt, je stärker es verdünnt ist: Die schädlichen Wirkungen der Arzneisubstanzen würden minimiert und die positiven gesteigert. Es gibt verschiedene Verdünnungsgrade, von einem Tropfen auf das Volumen einer Erbse (D1) bis zu einem Tropfen auf das gesamte Universum (D78). D78 bedeutet, dass ein Mittel 78-mal um den Faktor zehn verdünnt wurde. Erhältlich sind aber auch Potenzen wie D200 oder gar D1000. In vielen homöopathischen Mitteln ist der Wirkstoff deshalb nicht mehr nachzuweisen - im Medikament kommt von ihm kein einziges Molekül mehr vor.

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