Hamburg - Am vergangenen Samstagabend war mal wieder mächtig Stimmung auf dem Kampener Strönwai. Schon um 9 Uhr standen die Gäste in Dreierreihen um die Außenbar von "Greta's Rauchfang" auf Sylt: lauter tiefbraune, nicht mehr ganz faltenfreie Gesichter unter blonden Wuschelmähnen (die Damen) und graumelierten Schläfen (die Herren).
An den Handgelenken baumelten Taschen mit Louis-Vuitton-Logo, viele Gürtelschnallen hatten die Form des H von Hermès. Und es fielen Sätze wie dieser: "Eigentlich wollte ich zum Jochen auf seine Yacht, aber dann habe ich gehört, dass Mimi hier auf Sylt ist, da bin ich schnell rübergefahren."
Dann mussten alle mal kurz das Gespräch unterbrechen, weil ein schwarzer Bentley lautstark in eine viel zu kleine Parklücke zu rangieren versuchte.
Es gibt wenige Orte, an denen die deutsche Oberschicht so sehr ihrem eigenen Klischee zu entsprechen scheint wie an Kampens "Whiskymeile" - extrovertiert, statusbewusst, konsumfreudig.
Doch wie passt dieses Klischee zur Lebenswirklichkeit von Theo Albrecht, dem verstorbenen Milliardär und Aldi-Gründer, der selbst mit der Bepflanzung seiner eigenen, im Voraus gebuchten Grabstelle so lange wartete, bis Aldi die passenden Grünpflanzen im Angebot hatte?
Sechs verschiedene Reichenmilieus
Die Brüder Albrecht bilden das andere Klischeebild des deutschen Reichtums: den verschlossenen Milliardär, dem öffentliche Präsenz ebenso ein Graus ist wie protzige Statussymbole. Theo, einer der reichsten Deutschen überhaupt, trug graue Anzüge von der Stange und hatte sein Ferienhaus natürlich nicht auf Sylt, sondern auf der ruhigen Nachbarinsel Föhr.
Die deutsche Oberschicht gibt es nicht. Die Deutschen, die in Sachen Einkommen und Vermögen ganz am oberen Rand unserer Gesellschaft stehen, unterscheiden sich in ihren Werthaltungen und Lebensstilen untereinander so stark wie jene in der Mittelschicht und unteren Einkommensgruppen. Insgesamt sechs Reichenmilieus hat das Sozialforschungsinstitut Sinus Sociovision ausgemacht, als es vor drei Jahren in einer umfangreichen empirischen Studie die deutsche Oberschicht unter die Lupe nahm. Auftraggeber war damals die HypoVereinsbank, die sich Erkenntnisse für ihre eigene Vermögensverwaltung erhoffte.
Das Ergebnis: Die Angehörigen der sechs Oberschichtmilieus unterscheiden sich nicht so sehr in ihrem Reichtum - sie verfügen alle über ein Nettovermögen von mindestens einer Million Euro. Wohl aber in ihrem Habitus und ihrer Wertorientierung gibt es Unterschiede.
So groß die Unterschiede zwischen den einzelnen Milieus sind - es gibt viele Gemeinsamkeiten. Da wäre zum Beispiel die ungewohnt starke Familienorientierung aller reichen Deutschen. Die Oberschicht denkt in geradezu dynastischen Kriterien: Es gehört zu ihren wichtigsten Anliegen, das Unternehmen, den Immobilienbesitz oder die Kunstsammlung wohlbehalten an die nächste Generation zu übergeben. Eigene, zahlreiche und möglichst wohlgeratene Kinder zählen deshalb zu den wichtigsten Statussymbolen.
Eine weitere Besonderheit: Alle Reichen verkehren am liebsten in Netzwerken mit ihresgleichen oder aber mit alten Freunden. Dieses Netzwerk mag für manche der Golfclub sein, die Nachbarschaft in einem elitären Villenviertel oder aber der Kreis alter Schulkameraden, die einen schon mochten, als man noch kein Geld hatte. Ob bewusst oder unbewusst: So wollen sich viele Reiche davor schützen, dass andere Menschen sie um ihres Geldes willen ausnutzen.
Eine Urangst, die bekanntlich schon Dagobert Duck zu schaffen machte. Und wohl auch dem legendären Aldi-Gründer Theo Albrecht.
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