Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
11.08.2010
 

Arbeitsmarkt

Sozialverband startet Großangriff gegen Rente mit 67

Senioren am Ammersee: Gesetz sieht Überprüfung des Arbeitsmarkts vorZur Großansicht
DDP

Senioren am Ammersee: Gesetz sieht Überprüfung des Arbeitsmarkts vor

Der Sozialverband Deutschland wittert Morgenluft: Von Beginn an zählten die Interessenvertreter zu den schärfsten Kritikern der Rente mit 67. Jetzt nutzen sie die neu entflammte Diskussion für einen Großangriff. Verbandspräsident Adolf Bauer will die Regelung gleich ganz einstampfen lassen.

Berlin - In der Diskussion über die Rente mit 67 fordert der Sozialverband Deutschland (SoVD), die Gesetzesreform komplett einzustampfen und die bestehende Altersgrenze von 65 Jahren langfristig beizubehalten. Die Voraussetzungen für die Rente mit 67 seien einfach nicht gegeben, sagte Verbandspräsident Adolf Bauer der "Braunschweiger Zeitung". Schon gegenwärtig arbeite nur jeder 20. sozialversicherungspflichtig Beschäftigte bis 65. "Deshalb bedeutet das höhere Renteneinstiegsalter eine faktische Rentenkürzung", beklagte er.

In etlichen Branchen fällt die Lebensarbeitszeit sogar noch deutlich kürzer aus. Nach der im Gesetz vorgesehenen Überprüfung der Regelungen, die bis Jahresende erfolgen muss, müsse die Rente mit 67 deshalb "endgültig zurückgezogen" werden. Bis dahin sollte das Gesetz ausgesetzt werden, sagte Bauer.

Damit geht der Sozialverband noch über die Vorschläge aus der SPD hinaus. Eine Aussetzung hatte zuvor auch SPD-Chef Sigmar Gabriel ins Gespräch gebracht, allerdings nur solange, bis ein größerer Anteil älterer Menschen auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich auch Beschäftigung findet. Bauer bezog sich auf eine Überprüfungsklausel im Gesetz, die die Regierung verpflichtet, erstmals 2010 und dann alle vier Jahre über die Beschäftigungssituation Älterer zu berichten und eine Einschätzung abzugeben, ob die Anhebung der Regelaltersgrenze vertretbar erscheint.

Bericht im November

Ein Ministeriumssprecher sagte der Zeitung, der Bericht werde im November vorgelegt. Der SPD-Rentenexperte Anton Schaaf warf dem Arbeitsministerium vor, diese Berichtspflicht nicht ernst zu nehmen. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) habe "voreilig" schon vor dem Bericht erklärt, dass sie an der Verlegung des Renteneintrittsalters nicht rütteln lasse wolle. "Das deutet darauf hin, dass sie die Rente mit 67 auf Biegen und Brechen einführen will", sagte der Bundestagsabgeordnete.

Schaaf forderte, die Reform für fünf Jahre auszusetzen: Die Anhebung der Altersgrenze würde dann nicht 2012, sondern erst 2017 beginnen. Damit werde Zeit gewonnen, um die notwendigen Voraussetzungen für die Rente mit 67 zu schaffen, die angesichts der schlechten Beschäftigungssituation Älterer derzeit nicht gegeben seien, sagte Schaaf. Am Ziel, die Rente mit 67 bis zum Jahr 2030 umzusetzen, könne dennoch festgehalten werden.

Auch die Grünen plädieren für ein Aussetzen der Rente mit 67. "Trotz leichter Verbesserungen ist die Arbeitsmarktlage für ältere Arbeitnehmer weiterhin schwierig", sagte der rentenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Wolfgang Strengmann-Kuhn, der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Nach Ansicht des Grünen-Politikers sollte der Starttermin 2012 verschoben werden. Am Zieljahr 2029/30 solle dagegen festgehalten werden.

IW Köln fordert Rente mit 70

Strengmann-Kuhn bestätigte den Trend, dass mittlerweile der Anteil der 60- bis 64-Jährigen in Arbeit auf 40 Prozent gestiegen ist. Er verwies jedoch darauf, dass von den 64-Jährigen gerade einmal 20 Prozent erwerbstätig seien und nur zehn Prozent einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgingen. "Man kann darüber streiten, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist. Für mich ist es halb leer." Er bedauerte, dass sich die Regierung bereits auf die Einführung der Rente mit 67 ab 2012 festgelegt habe, obwohl laut Gesetz im Herbst erst einmal eine Überprüfung der Arbeitsmarktchancen älterer Arbeitnehmer ansteht.

So viel Rente gibt es im Schnitt (in Euro)
Bundesland Männer Frauen
Baden-Württemberg 1055,39 516,05
Bayern 983,41 496,12
Berlin 1039,27 684,06
Brandenburg 1035,67 677,38
Bremen 1044,16 507,53
Hamburg 1069,70 596,02
Hessen 1051,61 493,95
Mecklenburg-Vorpommern 1000,65 652,84
Niedersachsen 1024,05 459,31
Nordrhein-Westfalen 1118,28 457,83
Rheinland-Pfalz 1013,52 429,57
Saarland 1119,18 390,32
Sachsen 1059,04 682,58
Sachsen-Anhalt 1031,79 649,76
Schleswig-Holstein 1017,89 482,99
Thüringen 1030,28 669,74
Bundesdurchschnitt 1049,27 528,23
Quelle: Deutsche Rentenversicherung. Angaben für gesetzl. Altersrenten, Stand: 31.12.2008

Nach Überzeugung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) gehen die Bemühungen um eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit indes längst nicht weit genug. "Wenn wir uns die höhere Lebenserwartung und die abnehmende Geburtenrate in Deutschland anschauen, wird die Rente mit 70 perspektivisch kommen müssen", sagte IW-Chef Michael Hüther der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post".

Nach geltender Rechtslage wird das gesetzliche Renteneintrittsalter zwischen 2012 und 2029 in monatlichen Schritten von derzeit 65 auf 67 Jahre angehoben. Hüther forderte die Bundesregierung auf, diesen Prozess der Anhebung des Rentenalters über die Marke von 67 Jahren hinaus fortzusetzen. "Wir sollten 2029 nicht aufhören, das Rentenalter anzuheben, sondern auch danach damit fortfahren."

mik/ddp/AFP/apn

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 4435 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
18.05.2011 von karl-felix: In dieser Frage tendiere ich

dazu XM Recht zu geben. Ich erinnere mich an ein Gespräch zwischen Helmut Schmidt und Frau Maischberger in dem Herr Schmidt sinngemäß sagte: Was heißt Pressefreiheit? Pressefreiheit ist das Recht von 100 Leuten auf dieser Welt [...] mehr...

17.05.2011 von Berg:

Also, für die "vielen", die "gar nicht können", ist doch das ALG und Hartz4 eingerichtet worden. *Ohne* ALG und Hartz4 wären diese Leute tatsächlich arm. mehr...

17.05.2011 von Epoporp: Quelle der Weisheit

Wenn sie mit der Bewusstseinindustrie u.a. den SPIEGEL meinen, dann haben Sie teilweise Recht. Da steht zwar nicht, dass die Alten die Jungen ausnutzen, aber dass das System so nicht mehr funktioniert. Wenn Sie natürlich meinen, [...] mehr...

17.05.2011 von Madir: ...

Doch sie hatten da so einige Beispiele bei den vielen neuen Berufsfeldern die man mit Mitte 50++ anstreben kann. Fakt ist aber das es diese ganzen offenen Stellen nicht gibt und viele das gar nicht können werden. Klar kann [...] mehr...

17.05.2011 von matthias schwalbe:

Und immer wieder falsch Berg: "Muss es lassen!" Sie lernen ja noch nicht mal im hohem Alter dazu... mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Staat & Soziales

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Rentengarantie

ddp
Die Rentengarantie wurde 2009 von der Großen Koalition beschlossen. Die Schutzklausel sieht vor, dass Rentenkürzungen in wirtschaftlich schwachen Zeiten ausgeschlossen sind. Mit der gesetzlichen Garantie wird sichergestellt, dass die Renten in Deutschland auch dann stabil bleiben, wenn die Löhne sinken sollten. Rentner werden somit vor sinkenden Altersbezügen geschützt.

Die damalige Bundesregierung hatte für 2010 und die Folgejahre keine Lohnsenkungen erwartet. Die Rentengarantie war daher eine reine Vorsichtsmaßnahme. Das Gesetz war eine Reaktion auf eine Debatte über mögliche Rentenkürzungen im Jahr 2010.

Die Berechnung der Rentensteigerung

Lohn der Arbeitnehmer

Das Prinzip der dynamischen Rente besagt, dass die Rentner vom steigenden Wohlstand der Arbeitnehmer proftieren sollen. Deshalb steigen die Bezüge der älteren Generation grundsätzlich um den gleichen Prozentsatz, mit dem sich auch der Durchschnittslohn je Arbeitnehmer im Vorjahr erhöht. Vereinfacht gesagt: Verdient ein durchschnittlicher Arbeitnehmer dank Lohnererhöhungen zwei Prozent mehr, erhöht sich auch die Rente entsprechend. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren zwei Faktoren eingeführt, die den Rentenanstieg bremsen.

Riester-Faktor

Nachhaltigkeitsfaktor

Rentengarantie


Die Säulen des Sozialsystems

Arbeitslosenversicherung

Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.

Krankenversicherung

Rentenversicherung

Pflegeversicherung

Alles zur Rente ab 67

So steigt das Rentenalter

Wann Sie mit Ihrer vollen Rente rechnen können
Jahrgang Alter*
1946 65
1947 65+1
1948 65+2
1949 65+3
1950 65+4
1951 65+5
1952 65+6
1953 65+7
1954 65+8
1955 65+9
1956 65+10
1957 65+11
1958 66+0
1959 66+2
1960 66+4
1961 66+6
1962 66+8
1963 66+10
ab 1964 67+0
* in Jahren + Monaten
Ab 2012 steigt das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre. Die Umstellung beginnt mit dem Geburtsjahrgang 1947. Menschen, die in diesem Jahr geboren wurden, müssen einen Monat länger arbeiten, wenn sie ihre Rente vollständig erhalten wollen. Bis 2023 kommt dann für die einzelnen Jahrgänge jeweils ein Monat Mehrarbeitszeit hinzu. Ab 2024 geht es weiter mit Zweimonatsschritten. Ab dem Geburtsjahrgang 1964 gilt so schließlich das neue Rentenalter 67.

Das sind die Ausnahmen

So viele Abschläge zahlen Sie

Das ändert sich bei der Witwenrente

So ändert sich Ihr Versicherungsbeitrag

Das ändert sich für Schwerbehinderte

Das ändert sich bei den Erwerbsminderungsrenten





TOP



TOP