Wirtschaft



ThemaThilo SarrazinRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.08.2010
 

Umstrittene Integrationsthesen

Bundesbank gibt Sarrazin letzte Chance

Sarrazins Buchvorstellung: Großer Andrang in Berlin
Fotos
DDP

Es gibt scharfe Kritik, aber zunächst kein Entlassungsverfahren: Trotz immensen Drucks aus der Politik verzichtet die Bundesbank darauf, die Abberufung ihres umstrittenen Vorstands zu beantragen. Erst einmal soll der Provokateur und Buchautor zum Rapport bestellt werden.

Berlin - Die Bundesbank geht auf Distanz zu Thilo Sarrazin. Seine Äußerungen zum Thema Integration fügten der Bundesbank schweren Schaden zu, teilte das Institut nach einer außerordentlichen Sitzung des Vorstands in einer Stellungnahme mit. Obwohl Sarrazins Worte als persönliche Meinung deklariert seien, "werden sie zunehmend der Bundesbank zugerechnet".

Trotz scharfer Kritik bleibt Sarrazin vorerst im Amt: Auf einen Abwahlantrag wolle man zunächst verzichten, teilte die Bundesbank mit. Stattdessen werde unverzüglich ein Gespräch zwischen dem Vorstand und Sarrazin stattfinden. Man werde den Bundesbank-Präsidenten anhören und "zeitnah über weitere Schritte entscheiden".

Der 65 Jahre alte SPD-Politiker und frühere Berliner Finanzsenator ist wegen provokanter Äußerungen unter Druck geraten. Muslimen hatte er mangelnden Integrationswillen vorgeworfen. Darüber hinaus hatte er gesagt: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen." Dies bezeichnete Regierungssprecher Steffen Seibert als "abstrus". Sarrazin machte seine umstrittenen Äußerungen kurz vor der Vorstellung seines Buchs "Deutschland schafft sich ab" publik. Am Montagmorgen hatte er die Publikation auf einer Pressekonferenz vorgestellt ( zum Minutenprotokoll).

Die Bundesbank teilte mit, Sarrazins Äußerungen "stehen in keinem Zusammenhang mit den Aufgaben der Deutschen Bundesbank; er gebe in seinem Buch nicht die Ansichten der Bundesbank wieder. Aufgrund ihrer besonderen Stellung seien die Mitglieder des Bundesbank-Vorstands verpflichtet, Mäßigung und Zurückhaltung zu wahren. Diese Verpflichtung missachte Sarrazin "fortlaufend und in zunehmend schwerwiegendem Maße".

"Menschenverachtendes Gesellschaftsbild"

Sarrazin selbst sagte am Montag, er sehe sich "durch die Meinungsfreiheit in Deutschland gedeckt". Dienstliche Obliegenheiten habe er nicht verletzt. Mit seiner Äußerung, dass "alle Juden ein bestimmtes Gen teilen", sei kein Werteurteil verbunden. Er habe sich auf neuere Forschungen aus den USA bezogen, die nahelegten, "dass es in höherem Maße gemeinsame genetische Wurzeln heute lebender Juden gibt, als man bisher für möglich hielt".

Der Druck auf Sarrazin und die Bundesbank wird gegenwärtig immer größer. Mehrere Politiker forderten offen Sarrazins Rauswurf. Die SPD will den Bundesbanker aus der Partei werfen. "Das menschenverachtende Gesellschaftsbild und die diskriminierenden Pauschalurteile in seinen Thesen haben mit sozialdemokratischer Politik nichts zu tun", sagte der stellvertretende Parteichef Klaus Wowereit am Montag.

Am Wochenende hatte sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel der deutschen Notenbank indirekt nahegelegt, sich von Sarrazin zu trennen. "Die Bundesregierung sieht das nationale und internationale Ansehen der Bundesbank beeinträchtigt durch die Äußerungen von Herrn Sarrazin", sagte Regierungssprecher Seibert. Die Frage, ob dieser weiterhin dem Direktorium angehören kann, müsse die Bundesbank aber selbst beantworten.

Entlassen kann Sarrazin nur der Bundespräsident. Dieser will sich vorerst nicht zu den Vorgängen äußern, da er sie "im Rahmen seiner Amtsführung möglicherweise noch juristisch bewerten muss", teilte ein Sprecher von Christian Wulff (CDU) mit.

ssu/dpa/Reuters

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 6335 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.09.2010 von rafkuß: Mein Gott, die Nazikeule...gähn! - die sich heute keiner

...mehr, dank gnädig-später Geburt mehr willig ist überziehen zu lassen, haben sie denn nicht etwas anderes, Geistreicheres? Du morden, dann ich morden, dann du wieder morden - wie dröge! mehr...

01.09.2010 von kanne007: Fragen über Fragen

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, die deutschen Regierungen wissen / wußten was die in den letzten 40 Jahren gefahrene Politik für Folgen haben wird. Ich werde auch das Gefühl nicht los, dass die Folgen gewollt sind. Wenn [...] mehr...

01.09.2010 von rafkuß: Ich habe absolut nichts gegen Muselmanen...

...solange sie die Grundordnungen eines humanismus verkörpern: Toleranz, Gewaltlosigkeit, auch in der Ehe, gleiche Rechte und Pflichten für alle Bürger, auch die Weiblichen. Nur: Ist der Muselmann dann noch ein Moslem? mehr...

01.09.2010 von rafkuß: Das man sehr wohl, mit einer entsprechenden Mehrheit

...auch ändern kann, wie Sie eigentlich wissen sollten, so Sie in Staatsbürgerkunde mit Glück und ohne die allgefällige entsprechende Note hinübergerutscht sind... Übrigens: ein wenig arg kurz gedacht und gesprungen - Platsch, [...] mehr...

01.09.2010 von ungeknickterKerl: Kern getroffen!

Gut formuliert! Stimme dem vollinhaltlich zu! @Alle: Nur Intelligente können Respekt erweisen. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
alles zum Thema Thilo Sarrazin

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Mehr dazu im SPIEGEL

Illustration DER SPIEGEL / Fotos Marc Darchinger; AFP Foto
Heft 35/2010:
Die Dagegen-Republik
Stuttgart 21, Atomkraft, Schulreform - Bürgeraufstand gegen die Politik

Inhaltsverzeichnis

Titelthema - diskutieren Sie mit

Hier geht es zum E-Paper

Hier kaufen Sie das Heft

Hier finden Sie Ihre Abo-Angebote und Prämien

Bundesbanker Thilo Sarrazin

Wie kam Sarrazin zur Bundesbank?

Alle Vorstandsmitglieder der Bundesbank ernennt der Bundespräsident. Die Kandidaten für das Amt des Präsidenten, des Vizepräsidenten und eines weiteren Vorstands schlägt die Bundesregierung vor. Die Vorschläge für die übrigen Mitglieder des Bundesbank-Vorstands kommen vom Bundesrat im Einvernehmen mit der Regierung. Im Falle Sarrazins hatten turnusgemäß die Länder Berlin und Brandenburg das Vorschlagsrecht im Bundesrat. 2009 trat er sein Amt an.

Könnte Sarrazin entlassen werden?

Warum wäre eine Abberufung problematisch?






TOP



TOP