Wirtschaft



ThemaBundesbankRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
01.09.2010
 

Polit-Provokateur

Bundesbank vertagt Entscheidung über Sarrazin

Bundesbanker Sarrazin: Bundesbank zögert mit BeschlussZur Großansicht
DPA

Bundesbanker Sarrazin: Bundesbank zögert mit Beschluss

Für einen Schnellschuss ist die Lage offenbar zu kompliziert: Der Vorstand der Bundesbank hat die Entscheidung über die berufliche Zukunft von Thilo Sarrazin erst einmal aufgeschoben. Vor Donnerstag ist nicht mit einem Ergebnis zu rechnen.

Frankfurt am Main - Die allgemeine Empörung ist groß, an eindeutigen Empfehlungen von Seiten der Politik fehlt es nicht. Und trotzdem tut sich der vorstand der Bundesbank schwer, den umstrittenen SPD-Politiker Thilo Sarrazin einfach vor die Tür zu setzen.

Trotz den großen Drucks hat der Bundesbank-Vorstand die Entscheidung am Mittwoch zunächst noch einmal aufgeschoben. Wie ein Sprecher der Bundesbank am Mittwoch in Frankfurt sagte, dauern die Gespräche zwischen dem Vorstand und Sarrazin über mögliche Folgen seiner umstrittenen Äußerungen zu Juden und muslimischen Einwanderern an. "Vor Donnerstag ist nicht mit einer Entscheidung zu rechnen", sagte der Sprecher nach einer Sitzung.

Beide Seiten hätten Stillschweigen über den Inhalt der Gespräche vereinbart. Dem Vernehmen nach liegt die Verzögerung daran, dass sich Bundesbank-Präsident Axel Weber auf eine Sitzung des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag vorbereiten muss.

Sarrazin sieht sich Rücktrittsforderungen aus allen politischen Lagern ausgesetzt. Die Bundesbank hatte sich von dem früheren Berliner Finanzsenator, der seit Mai vergangenen Jahres in ihrem Vorstand sitzt, zu Wochenbeginn bereits mit ungewöhnlich scharfen Worten distanziert und den 65-jährigen zum Rapport bestellt.

Merkel spricht sich für Rausschmiss aus

Am Wochenende bereits hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel der Bundesbank indirekt nahegelegt, sich von Sarrazin zu trennen. Der SPD-Politiker hat einen Rücktritt wegen seiner umstrittenen Thesen bislang kategorisch abgelehnt. Die Bundesbank hatte ihn am Montag bereits gerügt, aber auch da keine Entscheidung über die weitere Zusammenarbeit getroffen. Der Vorstand räumte ihm die Möglichkeit ein, sich zu den Vorwürfen zu äußern.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zeigte indes das Dilemma auf, in dem der Bundesbankvorstand steckt. Seiner Überzeugung nach habe Sarrazin seine Pflichten als Vorstandsmitglied der Notenbank verletzt. Seine Thesen seien "verantwortungsloser Unsinn". Es sei jedoch der Bundesbank alleine vorbehalten zu entscheiden, wie sie mit ihrem Vorstand umgehen wolle, sagte Schäuble. Aus rechtlicher Sicht ist eine Amtsenthebung Sarrazins schwierig. Schäuble mahnte deshalb zur Umsicht. Es gehe im Umgang mit der Affäre auch darum, "sehr klug die Autonomie der Bundesbank" zu beachten. Er habe selbst mit Bundesbankpräsident Axel Weber über die Personalie Sarrazin gesprochen.

Welche Mittel dem Bundesbank-Vorstand zur Verfügung stehen, um ein Mitglied des Gremiums zu entlassen, ist jedoch unter Juristen umstritten. In der mehr als 50-jährigen Geschichte der Notenbank gab es einen solchen Fall noch nicht. Das Bundesbankgesetz schweigt sich dazu aus. Allerdings gibt es in den individuellen Arbeitsverträgen der Vorstandsmitglieder einen Passus, wonach der Bundespräsident auf Antrag des Gesamtvorstandes eines seiner Mitglieder wegen "schwerer Verfehlungen" entlassen kann.

Die zentrale Frage, die nach Überzeugung von Arbeitsrechtlern zu beantworten ist, lautet daher, ob die Äußerungen Sarrazins als "schwere Verfehlung" zu werten sind. Juristen tun sich mit der Beantwortung in der Regel schwerer als die Öffentlichkeit.

SPD erwägt Parteiausschlussverfahren

Die Gespräche des Bundesbank-Vorstands mit Sarrazin begannen dem Vernehmen nach bereits am Dienstag in Frankfurt. Bei der Anhörung war auch der Ethik-Beauftragte der Notenbank, Uwe Schneider, anwesend. Er muss feststellen, ob der SPD-Politiker gegen den Verhaltenskodex für Vorstandsmitglieder verstoßen hat.

Sarrazin hat seine umstrittenen Thesen in den vergangenen Tagen mehrfach wiederholt - unter anderem bei der Vorstellung seines neuen Buches "Deutschland schafft sich ab" am Montag in Berlin und in einer Talkshow. Bundesbank-Chef Weber hatte Sarrazin im Herbst vergangenen Jahres wegen ähnlicher Äußerungen einen Teil seiner Vorstandskompetenzen entzogen, ihn aber nicht gefeuert.

Die SPD will ihr langjähriges Mitglied nun aus der Partei ausschließen. Das Parteiausschlussverfahren, das noch diesen Monat auf den Weg gebracht werden soll, stößt an der Parteibasis aber offenbar auf Unmut. Parteichef Sigmar Gabriel sagte der "Bild-Zeitung", der Umgang der Partei mit Sarrazin sei "den Wählern und an der SPD-Basis nicht leicht zu vermitteln". Es gehe der Parteiführung dabei nicht um Sarrazins Kritik an Fehlern der Integrationspolitik, sondern um "sein fatales menschenverachtendes Menschenbild".

mik/Reuters

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 251 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.09.2010 von rabenkrähe: Sondersendungen!!!!

....... Also ich plädiere für tägliche Sarrazin-Sondersendungen von mindestens zwei Stunden auf allen deutschen Kanälen und Sonderausgaben aller wesentlichen Medien. Mit dieser ganzen unsinnigen Öffentlichkeit wird der [...] mehr...

03.09.2010 von mundi: Schon wieder ein neues Opfer des Systems

Es ist ja nicht der erste Fall! Die frühere Ministerin Frau Herta Däubler-Gmelin verlor ihr Ministeramt, als sie über den Präventivkrieg im Irak sagte, Bush will damit nur von innenpolitischen Problemen ablenken. Aus der [...] mehr...

03.09.2010 von Lapochka: "krude Thesen"

Ja, sehe ich genau so. Das Buch habe ich (noch) nicht gelesen, aber die drei Fernsehdiskussionen (Beckmann, Plasberg,Illner) habe ich mit großem Interesse verfolgt. "Krude Thesen" sah ich dabei immer nur auf der Seite [...] mehr...

03.09.2010 von juh: Unter vernünftigen Menschen gibt es keine Tabus

Wer stellt in einem freiheitlichen Gemeinwesen Tabus auf?! Was zur Zeit läuft, ist absurd. Deutschland - Land der Denker und Logiker - schafft sich wirklich ab. Wer Tabuverletzungen tabuisiert, ist irre. Einzig Gesetze sind [...] mehr...

03.09.2010 von bittrich: korrupt

Würde das System dann auch die Arbeitsgerichtsbarkeit auf ihre Seite bringen, was ich befürchte in einem solch relevanten Fall, dann wäre Herr Dr. Sarrazin nicht mehr als ein schäbiger Lump und er würde unter der Gemeinheit [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
alles zum Thema Bundesbank

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote

Soll die Bundesbank Sarrazin entlassen?

Die Bundesbank prüft, ob sie die Abberufung Thilo Sarrazins wegen seiner Äußerungen durch den Bundespräsidenten beantragen soll. Wie würden Sie entscheiden?

  • Sarrazin sollte sofort entlassen werden
  • Er sollte bleiben - wenn er sich verpflichtet, künftig weniger zu polarisieren
  • Ein Rausschmiss ist nicht angemessen - Sarrazin hat ja nicht als Bundesbanker gesprochen
  • Kein Rausschmiss - Sarrazin hat das Problem doch nur beim Namen genannt

Kodex für Bundesbank-Vorstände

Die Deutsche Bundesbank ist politisch unabhängig, ihre Vorstände müssen sich aber an gewisse Regeln halten. Diese sind seit Juli 2004 im Verhaltenskodex für Bundesbank-Vorstände festgehalten. Ein Überblick. Quelle: dpa

Ansehen der Bundesbank wahren

Interessenkonflikte vermeiden

Auftritte in der Öffentlichkeit

Prüfung von Regelverletzungen

Entlassungsverfahren

Gründe für Entlassung

Bislang keine Entlassung






TOP



TOP