Von Stefan Schultz
Hamburg - Das Energiekonzept dürfte die Laufzeiten von Atommeilern deutlich länger strecken als offiziell angegeben. Laut dem Kompromiss der Bundesregierung werden sieben ältere AKW 8 Jahre länger laufen, die übrigen zehn Meiler 14 Jahre. Durchschnittlich kommt die Regierung so auf eine Laufzeitverlängerung von 12 Jahren.
Tatsächlich sind diese Jahreszahlen Augenwischerei. Denn die Verlängerung der Laufzeiten wird auf der Basis sogenannter Jahresvolllaststunden berechnet. Diese sind eine idealtypische Größe. Sie geben an, wie viele Stunden ein Atommeiler mit voller Kraft laufen müsste, um seine Jahresenergieproduktion zu erreichen. Seit der Reform des Atomgesetzes im Jahre 2002 werden die Restlaufzeiten von Kraftwerken so berechnet.
Jahresvolllaststunden sind die wahre Währung des Atomkonzepts, nicht Jahre.
Derzeit laufen Deutschlands Meiler im Durchschnitt mit rund 8000 Jahresvolllaststunden. Tendenz: rasch sinkend. Denn die Netzbetreiber müssen zunächst den Erzeugern von Wind-, Solar- und Biomassestrom ihre Elektrizität abnehmen, ehe sie Atom- oder Kohlestrom durch die Leitungen lassen. Je mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, desto stärker also wird die Kernkraft aus den Netzen verdrängt.
Diesen Effekt jedoch hat die Bundesregierung in ihrem Energiekonzept nur sehr halbherzig berücksichtigt. Folgende Zahlen gab die Regierung am Vormittag in der Bundespressekonferenz bekannt:
Diese Zahlen sind nach Meinung von Experten viel zu hoch - und das aus zwei Gründen. Erstens sind Jahresvolllaststunden, wie gesagt, eine idealtypische Größe, ein Durchschnittswert. Die meisten Meiler haben schon jetzt deutlich weniger Jahresvolllaststunden. "Auslastungen von 95 Prozent sind in den letzten Jahren nur von den neueren AKW erreicht worden", schreibt das Ökoinstitut in einer Blitzanalyse zum Energiekonzept. "Die in den nächsten Jahren in den Genuss von Laufzeitverlängerungen kommenden AKW haben in der letzten Dekade nur selten Auslastungen von 90 Prozent erreicht."
Die Institute gehen für den gesamten Kernkraftwerkspark in den Zielszenarien von folgenden Auslastungswerten aus:
Sprich: Die Auslastung, die die Bundesregierung bis 2016 ansetzt, ist schon für heutige Verhältnisse enorm optimistisch. Auch die Auslastung, die sie ab 2021 ansetzt, ist definitiv zu hoch. Die Atommeiler bekommen für jedes Jahr deutlich mehr Strommengen gutgeschrieben, als sie real brauchen. Also werden sie vermutlich deutlich länger laufen als die von der Regierung angegebenen zwölf Jahre. Das Ökoinstitut schätzt, dass es faktisch rund 14 Jahre sind.
Andere Institute rechnen damit, dass es noch viel mehr Jahre sind. Zum Beispiel das Institute for Sustainable Solutions and Innovations (ISUSI). Das Institut, das auch schon mit dem Bundesumweltministerium zusammengearbeitet hat, rechnete im April aus, dass deutsche Meiler 2020 noch mit 7663 Jahresvolllaststunden laufen und 2030 nur noch mit 5855. Bei einer durchschnittlichen Laufzeitenverlängerung um 12 Jahre wären die Meiler demnach faktisch 15 Jahre am Netz.
Die Grünen kritisieren die Regelungen zur Laufzeitverlängerung daher scharf. "Den Bürgern wird etwas vorgemacht", sagt der Abgeordnete Hans-Josef Fell. "Die Atomkraftwerke werden weit länger am Netz bleiben, als es die Regierung behauptet."
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