Berlin - Neues Jahr, alte Probleme: Weil die Kosten im Gesundheitswesen stark steigen, drohen vielen Versicherten im kommenden Jahr deutlich höhere Abgaben. Millionen Kassenpatienten müssen mit Zusatzbeiträgen von AOK, Techniker & Co rechnen, die unabhängig vom Einkommen erhoben werden.
Besonders hart trifft es jedoch viele der 8,7 Millionen Privatversicherten. Sie müssen zum Jahresbeginn mit teilweise saftigen Beitragserhöhungen leben. "Es hat tendenziell zugenommen, dass Privatversicherte von Erhöhungen im zweistelligen Bereich berichten", sagte der Chefberater des Bundes der Versicherten, Jens Trittmacher, am Donnerstag. In bestimmten Tarifen könnten die Steigerungen im Vergleich zu den Vorjahren damit ungewöhnlich hoch ausfallen. Die durchschnittlichen Erhöhungen der einzelnen Versicherungsunternehmen lägen hingegen im normalen Rahmen, sagte Trittmacher.
Bei der DKV zahlen Versicherte künftig im Schnitt acht Prozent mehr, bei der Victoria sind es sechs Prozent, wie die Sprecherin der Ergo Versicherungsgruppe, Sybille Schneider, sagte. "Es gibt aber auch Tarife mit über 20 Prozent." Der Hauptgrund seien Kostensteigerungen für Ärzte, Kliniken und Arzneimittel. "In manchen Tarifen wird die Entwicklung aber auch nachgeholt", sagte Schneider. Mehrere Versicherer waren im vergangenen Jahr mit Beitragserhöhungen zurückhaltend, um zu verhindern, dass Kunden in den zu Jahresbeginn gestarteten Basistarif wechseln.
Jährliches Beitragsplus von fünf bis zehn Prozent
Die durchschnittlichen Steigerungen liegen nach Branchenangaben zwischen knapp drei und mehr als acht Prozent. So sind es bei der Debeka fünf, bei der Allianz, der Signal und der Axa drei bis vier Prozent und bei der Central im Schnitt rund 8,5 Prozent.
Zwischen 2003 und 2008 mussten knapp 41 Prozent der Privatversicherten durchschnittliche Beitragssteigerungen zwischen fünf und zehn Prozent pro Jahr hinnehmen. Ein Viertel wurde mit mehr als zehn Prozent zur Kasse gebeten. Das geht aus einer Umfrage unter 1680 Versicherten hervor, die der Bund der Versicherten durchgeführt hatte.
"Das Risiko, das die Prämie steigt, ist besonders groß in geschlossenen Tarifen, bei denen keine Neukunden mehr dazukommen", erläuterte Trittmacher. Der Plan der Koalition, einen Wechsel in die PKV wieder nach einmaligem statt nach dreimaligem Überschreiten der Jahresverdienstgrenze zu ermöglichen, werde wohl das Neukundengeschäft insgesamt wieder erleichtern.
Harsche Kritik am Gesundheitsminister
Deutlich höhere Kosten drohen aber nicht nur den Privatversicherten, sondern auch Millionen Kassenpatienten. Zu erwarten seien Zusatzbeiträge "im großen Maße", sagte die Vorsitzende des Spitzenverbandes der Krankenversicherung, Doris Pfeiffer, der "Berliner Zeitung". Die finanzielle Lage der gesetzlichen Kassen sei weiter kritisch.
Auf die gesetzliche Krankenversicherung kommt nach der Prognose des Schätzerkreises im Gesundheitswesen nächstes Jahr ein Defizit von fast 7,5 Milliarden Euro zu. Der Bund hat Steuerzuschüsse in Höhe von 3,9 Milliarden Euro angekündigt, um die krisenbedingten Mindereinnahmen und damit zumindest etwa die Hälfte des Gesamtdefizits auszugleichen. Das verbleibende Defizit von etwa 3,6 Milliarden Euro würde demnach rein rechnerisch einen Zusatzbetrag von sechs Euro monatlich für Versicherte ergeben.
Pfeiffer warf der schwarz-gelben Bundesregierung und dem neuen Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) vor, die falschen Schwerpunkte zu setzen: "Die Prioritäten stimmen nicht." Zwar sei es richtig, sich Gedanken über das Beitragssystem zu machen. Jetzt müsse es aber vor allem darum gehen, den Ausgabenanstieg zu bremsen.
Krankenkassen machen 2009 Milliardenminus
"Es kann doch nicht sein, dass die Bürger, die um ihren Arbeitsplatz bangen, immer öfter zur Kasse gebeten werden, die Einnahmen von Ärzten, Krankenhäusern und der Pharmaindustrie aber ungebremst weiter steigen." Pfeiffer forderte mehr Wettbewerb im Apothekensektor und eine Preisregulierung für neuartige, fast immer sehr teure Arzneimittel: "Wir müssen endlich die Kosten in den Griff bekommen, ohne Abstriche bei der Versorgung zu machen."
Fehlende Sparvorgaben der neuen Regierung kritisierte auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Die Kosten stiegen weiter ungebremst, sagte er dem Fernsehsender n-tv. "Der Minister ist noch nicht lange im Amt, aber das war der erste Fehler." Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn wies den Vorwurf zurück. "Selbstverständlich werden wir uns auch intensiv um die Ausgabenseite kümmern und Sparpotentiale ausloten", erklärte er. "Aber bei manchem Krankenkassenfunktionär würde ich mir wünschen, dass er die bestehenden Möglichkeiten, Kosten zu sparen, etwa über Vertragsverhandlungen stärker aktiv nützt." Sie dürften nicht von der eigenen Verantwortung ablenken.
In diesem Jahr entwickeln sich die Finanzen der Kassen etwas besser als erwartet, weil die Konjunktur nicht ganz so stark eingebrochen ist wie zunächst befürchtet. Nach Angaben von Pfeiffer wird die Krankenversicherung bis Jahresende voraussichtlich in der Lage sein, das vom Bund gewährte Liquiditätsdarlehen zur Deckung von Beitragsausfällen zurückzuzahlen. Unter dem Strich wird die Krankenversicherung dieses Jahr jedoch mit einem Defizit von rund 2,3 Milliarden Euro abschließen: "Wir können keine Entwarnung geben", sagte Pfeiffer.
böl/dpa/AP/AFP
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