Streit über Schweizer Managergehälter Abzocker gegen Brandstifter

In der Schweiz tobt ein erbitterter Streit über die Höhe von Managergehältern. Die Kontrahenten diffamieren sich gegenseitig als "Abzocker", "Brandstifter" oder "Kommunisten". Am Sonntag haben die Bürger nun die Wahl: Sollen die Löhne künftig gedeckelt werden?

Aus Bern berichtet


Pia Tschannen ist eine Überläuferin. Eine Unternehmerin an der Seite von Jusos, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern. Von ihrer Sorte gibt es nicht so viele in diesem Streit, der seit Monaten die politische Debatte in der Schweiz bestimmt. Und in dem die Front recht klar zwischen linkem und rechtem Lager verläuft.

"Immer höhere Millionengehälter für Manager suggerieren, dass der Erfolg eines Unternehmens von einer einzigen Person abhängt. Und das glaube ich eben nicht", sagt Tschannen. Die Bernerin kämpft für die 1:12-Initiative, über die am Sonntag abgestimmt wird. Das Ziel: Firmenchefs sollen in einem Monat maximal so viel verdienen wie ein einfacher Mitarbeiter in einem Jahr. Niemand könnte dann noch viel mehr als 500.000 Franken im Jahr verdienen.

Also etwa 400.000 Euro. Zur Erinnerung: Die Vorstände der Commerzbank betrachteten es bereits als Zumutung, als der Staat ihr Gehalt auf 500.000 Euro begrenzte. Und nun die große Überraschung: Im Heimatland des Calvinismus, der wirtschaftlichen Erfolg als gottgefällig ansieht, genießt die Kampagne breite Unterstützung, weit über das linke Lager hinaus. So lagen die 1:12-Initiatoren in Umfragen zeitweilig sogar gleichauf mit ihren Gegnern. Mittlerweile sieht es aber nicht mehr nach einer Sensation aus, nach derzeitigem Stand dürften die Gegner am Sonntag triumphieren.

Im Mittelpunkt stehen die Abzocker, wie sie im Kampagnensprech der Jusos heißen. Einer wie Daniel Vasella, der Ex-Chef des Pharmariesen Novartis. Er sollte im Frühjahr eine Abfindung von 72 Millionen Franken erhalten, rund 58 Millionen Euro. Vasella verzichtete wegen des massiven öffentlichen Drucks zwar auf das Geld - in der Schweiz gilt er immer noch als Prototyp des gierigen Managers.

Die Empörung über den goldenen Handschlag hat bereits für gesetzliche Verschärfungen bei den Managergehältern gesorgt. Mit einer Zweidrittelmehrheit stimmten die Schweizer damals für ein Verbot der Exzesse bei Abfindungen und Handgeldern. Zudem bestimmen die Aktionäre künftig die Höhe der Managergehälter. Von der Anti-Vasella-Stimmung profitierten auch die Initiatoren der 1:12-Idee. Noch vor wenigen Jahren hätte eine solche Volksabstimmung in der wirtschaftsliberalen Schweiz wohl keine Chance gehabt.

Tabu Gehaltsdiskussion gebrochen

Die Jusos sehen die Initiative bereits jetzt als Erfolg. Sie haben es geschafft, ein Tabu zu brechen. Fragen nach dem Gehalt galten in der Schweiz lange als ungehörig. Nun diskutieren die Bürger seit Monaten darüber, wie viel Geld Managern eigentlich zusteht. Bei der Wirtschaftslobby haben die Jusos zudem derart viel Druck erzeugt, dass diese mit einer aufwendigen Gegenkampagne reagieren musste.

"Die Brandstifter von der Juso wollen das Erfolgsmodell Schweiz zerstören", warnt der Schweizer Gewerbeverband (SGV) in einer Zeitung, die alle Haushalte im Land bekommen haben. Auf der Titelseite prangt ein Bild von steinewerfenden Autonomen vor brennenden Barrikaden. Die Idee der Jusos sei ein "sozialistisches Experiment", heißt es. Eine Gruppe von Kommunisten spiele mit dem Feuer.

"Die schlimmsten Kommunisten sind hier versammelt"

Ein Besuch also bei den kommunistischen Brandstiftern: In einem Berner Gewerkschaftsbüro sitzen Marco Kistler und fünf Mitstreiter vor ihren Laptops. Sie treiben an diesem Tag die Schlussmobilisierung über soziale Medien voran - Facebook, Twitter, WhatsApp. Via Livestream sind sie mit ihren Unterstützern in allen 26 Kantonen vernetzt, im Hintergrund läuft der Soundtrack von Johnny Depps "Fluch der Karibik". "Die schlimmsten Kommunisten sind hier versammelt", spottet einer. Tatsächlich taugen die jungen Aktivisten kaum zu Klassenkämpfern. Der 29-jährige Kistler etwa, einer der Köpfe der Kampagne, wirkt eher wie ein schüchterner Informatikstudent. Fragen beantwortet er kurz und abwägend, von wütender Umsturzrhetorik ist bei ihm nichts zu spüren.

"Natürlich finde ich es nicht lustig, als Sowjetkommunist bezeichnet zu werden", sagt er. "Aber dass man uns auf diesem Niveau bekämpft, zeigt, dass unsere Idee für Unruhe sorgt." Warum sehen die Schweizer hohe Managergehälter mittlerweile so kritisch? Kistler nennt als einen wesentlichen Grund die Finanzkrise: "Da hat sich gezeigt, dass Millionenlöhne in keinem Verhältnis zur Leistung stehen." So hätte etwa die Großbank UBS Millionenboni gezahlt, obwohl der Staat sie mit knapp 70 Milliarden Franken retten musste.

Wachstum, Vollbeschäftigung, geringe Verschuldung

Kistlers Gegenspieler, der Gewerbepräsident Hans-Ulrich Bigler, will diese Argumente nicht gelten lassen. "Die 1:12-Initiative würde nur das Gehalt von rund 4000 Menschen betreffen, die Folgen für die Schweizer Wirtschaft wären aber katastrophal." Bigler nennt vor allem sinkende Staatseinnahmen bei Steuern und Sozialversicherungen. "Das würden Bürger, Mittelstand und kleinere Unternehmen zu spüren bekommen." Wie groß die Einnahmenausfälle wären, ist unklar. "Aber welches Szenario man auch nimmt: Der Schaden für die Allgemeinheit wäre da", sagt Bigler.

Beim Treffen mit dem Wirtschaftslobbyisten fällt auf: Die grobschlächtigen Warnungen vor Kommunisten und Brandstiftern scheinen auch ihm ein wenig unangenehm zu sein. Biglers Argumentation ist facettenreich, die Entkopplung wirtschaftlicher Eliten sieht er durchaus kritisch. Dennoch verteidigt er die Kampagne: "In einer politischen Auseinandersetzung müssen Argumente zugespitzt werden." Die Schweiz stehe hervorragend da. "Unsere Wirtschaft wächst kräftig, wir haben eine geringe Staatsverschuldung und quasi Vollbeschäftigung."

Dieser Erfolg sei aber in Gefahr, wenn der Staat die Freiheiten immer mehr beschränke. Im kommenden Jahr stimmen die Schweizer darüber ab, Millionenerbschaften zu besteuern und mit dem Geld die Rentenversicherung zu stützen. Außerdem wollen die Gewerkschaften einen Mindestlohn durchsetzen. Die Initiative sieht einen Stundenlohn von 22 Franken vor, bei einer Vollzeitstelle wären das 4000 Franken (rund 3200 Euro) im Monat.

Verbandschef Bigler warnt, auch ein staatlich vorgeschriebener Mindestlohn gefährde die Wettbewerbsfähigkeit Schweizer Firmen. Die Berner Unternehmerin Pia Tschannen hätte damit hingegen kein Problem. "Unsere Mitarbeiter erreichen ein solches Gehalt bereits." In Tschannens Beratungs- und Reinigungsfirma arbeiten rund 280 Menschen. Der überwiegende Anteil sind Putzfrauen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 193 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
RobinSeyin 21.11.2013
1.
Zitat von sysopIn der Schweiz tobt ein erbitterter Streit über die Höhe von Managergehältern. Die Kontrahenten diffamieren sich gegenseitig als "Abzocker", "Brandstifter" oder "Kommunisten". Am Sonntag haben die Bürger nun die Wahl: Sollen die Löhne künftig gedeckelt werden? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/1-12-initiative-schweizer-zoffen-sich-ueber-gehaltslimit-fuer-manager-a-934681.html
Genau genommen ist der Manager oft einer der unwichtigsten Personen im Betrieb, bei dem man froh sein kann, wenn er wenigstens nicht behindert. Aber Leistung abgreifen, darin sind diese Leute super.
appenzella 21.11.2013
2. Mindestlohn in der Schweiz
Die Initiative sieht einen Stundenlohn von 22 Franken vor, bei einer Vollzeitstelle wären das 4000 Franken (rund 3200 Euro) im Monat. Ich vermute mal, daß ein Schweizer Bürger von seiner Rente leben kann, kein Aufstocken à la german Grundsicherung nötig. Davon mal abgesehen beträgt die Schweizer Mindestrente ungefähr das Doppelte wie Hartz 4 in Germoney. Wie machen die Schweizer das bloß? Sind das etwa alle Kommunisten?
HenryFromWob 21.11.2013
3.
Dass durch die Begrenzung der Managergehälter die Einnahmen für den Staat sinken und die Wirtschaft leidet, ist eines der Totschlagargumente für solch gierige Kapitalisten. Würde man die in der Summe gezahlten Gehälter jedoch auf die komplette Belegschaft eines Unternehmens umverteilen, würde wieder mehr Konsum die Folge sein, da nur die Besserverdienenden im Verhältnis zu ihrem Einkommen am meisten Geld beiseite legen und eben nicht ausreichend konsumieren. Dementgegen geben gerade Wenigverdiener im Verhältnis zu ihrem Einkommen besonders viel aus und sparen maximal, um das Geld anschließend wieder ausgeben zu können. Und da diese Umsätze schließlich auch versteuert werden müssen, ist das Argument dieser Wirtschaftsvertreter bloß ein Versuch, den Bürger für dumm zu verkaufen und den Wohlstand nicht teilen zu müssen.
dieter_h 21.11.2013
4. optional
>Die Initiative sieht einen >Stundenlohn von 22 Franken vor, .... >In Tschannens Beratungs- und >Reinigungsfirma arbeiten rund 280 > Menschen. Der überwiegende Anteil > sind Putzfrauen. Kann mir mal bitte jemand den "offiziellen" Wechselkurs erklären? In Wirklichkeit müsste der nämlich 3:1 sein. Bei uns bekomtm eine Kassiererin 8-9 Euro, dafür kann man beim Italiener ein Pizza essen. In der Schweiz bekomtm eine Kassiererin (ungelernt/Aushilfe) 21,64 Frankenund eine Pizza beim Italiener kostet? 19 Franken (selbst im Sommer bezahlt). Dito ein Bier im Strassencafe 7 Franken, also 3 Bier = ein Stunde Arbeit. Dito der BigMac (3 Big Mac = 1h). Und das ist bei uns nicht anders: 1 Bier 2,80 x 3 = 1h Mindestlohn. Bic Mac desgleichen. Der Wechselkurs müsste also ganz anders sein, als er an der Börse ist. Warum zur Hölle, verdienen irgendwelche Finanzhaie daran? Vielleicht ändert sich ja auch daran mal was.
nocreditoexperto 21.11.2013
5. Die Manager sind vernetzt = moderner Nepotismus
Die oberen paar Tausen Manager sind miteinander vernetzt und schanzen sich gegenseitig überproportionale Geld - und Sachwerte zu. Dabei verweisen sie gerne auf die branchenüblichen Managergehälter - nur haben sie diese ohne Kontrolle, wie in einem Selbstbedienungsladen, selber festgesetzt. Das Modell 1:12 kann zur Folge haben, das die Manager die Niedriglöhne erhöhen, um ihre eigenen Bezüge erhöhen zu können. Nach dem Motto: geht es dem einfachen Arbeiter gut, geht es mir noch besser. Leider wird in unserem Land von Unternehmern gerade umgekehrt postuliert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.