IG Metall kämpft für 28-Stunden-Woche Nehmt euch die Zeit

Zwei Jahre ohne große finanzielle Einbußen Angehörige pflegen oder Kinder erziehen können: Das fordert die IG Metall für Arbeitnehmer. Der Vorstoß entspricht dem Zeitgeist - und kann funktionieren.

IG-Metall -Protest (Archiv)
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IG-Metall-Protest (Archiv)

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Die Mutter im Pflegeheim oder ein Kind zu Hause: Die IG Metall fordert ein Recht auf verkürzte Vollzeit - und stößt damit auf heftige Kritik. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall schimpft über eine "Stilllegeprämie für Fachkräfte". Doch der Vorstoß der Gewerkschaft nach vorübergehend geringeren Arbeitszeiten trifft einen Nerv.

"Von den zwei Währungen Geld und Zeit gewinnt die Währung Zeit zunehmend an Bedeutung", sagt Arbeitsmarktforscherin Jutta Rump. Denn: "Die Menschen haben nicht mehr das Gefühl, sie können noch selbst bestimmt über ihre Zeit verfügen", so Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen.

33 Jahre nach dem bislang letzten großen Streit um die Arbeitszeit kämpft die IG Metall nun erneut nicht mehr nur um mehr Geld, sondern auch für eine Regel, wonach jeder Beschäftigte seine Stundenzahl befristet für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren auf 28 reduzieren darf. Schichtarbeiter, Eltern kleiner Kinder sowie Beschäftigte, die zu Hause Angehörige pflegen, sollen ihren Lohn zum Teil weiter bekommen. Laut Gesamtmetall könnten allein in der Metallbranche 1,5 Millionen Arbeitnehmer solch einen Anspruch haben.

Animation zur IG-Metall-Forderung: Die 28-Stunden-Woche

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Wie beim damaligen Kampf um die 35-Stunden-Woche ist die Streikkasse auch heute nach langer Pause gut gefüllt. Doch wie sinnvoll ist die Forderung nach "verkürzter Vollzeit", für die sich Zehntausende an Warnstreiks beteiligen?

Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sieht eine gestiegene Nachfrage an flexiblen Arbeitszeitmodellen. "Das Zuhause der Menschen ist heute anders organisiert als früher, in aller Regel arbeiten beide Partner", sagt der Forscher des Instituts der Bundesarbeitsagentur.

Die Arbeit in bestimmten Lebensphasen für eine bestimmte Zeit reduzieren zu können, hält Weber deshalb für vernünftig - und schlägt vor, sie außer für Erziehung und Pflege etwa auch für Weiterbildung zu nutzen.

Lücken in Betrieben müssen gestopft werden

"Reduziert etwa wegen der Kindererziehung ein Elternteil die Arbeitszeit, kommen da viele nicht wieder raus", sagt Weber. "Doch in Teilzeit sind Löhne und Entwicklungschancen geringer, gerade Frauen sind davon betroffen."

Die Forderung nach mehr Mitbestimmung der Arbeitszeit gibt es nicht nur in der Metallbranche. Bei der Deutschen Bahn schlug dieses gesellschaftliche Bedürfnis vor rund einem Jahr bereits auf den Tarifabschluss durch. Mitarbeiter können demnach zwischen mehr Geld - oder weniger Arbeit beziehungsweise mehr Urlaub wählen.

Neu ist nun der zusätzlich geforderte Lohnausgleich in der Metallbranche - und der schmerzt die Arbeitgeber besonders. "Sie haben einen Fachkräftemangel und sollen dann auch noch dafür aufkommen", sagt Arbeitsmarktforscherin Rump. "Das mag in Zeiten guter Konjunktur zu finanzieren sein, aber wenn sie sich verschlechtert, könnten die steigenden Lohnkosten ein Problem sein." Die Lebenssituation der Menschen sei zudem eher "eine gesamtgesellschaftliche und keine unternehmerische Aufgabe".

IAB-Forscher Weber hält eine Lohnfortzahlung bei verringerter Arbeitszeit dennoch für überlegenswert. Die Mehrkosten sollten aber nicht vom Arbeitgeber übernommen werden - sondern vom Staat. "Wie beim Elterngeld könnte es auch für andere Zwecke wie etwa für Pflege oder Weiterbildung Ausgleichszahlungen geben", sagt er. Auch das Elterngeld-Plus gehe bereits in die Richtung, "da geht es auch um Gleichstellung".

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Wie viele Beschäftigte bei Lohnausgleich überhaupt in "verkürzte Teilzeit" gehen würden, ist laut Weber schwer zu sagen. Das gelte "erst recht in der von männlichen Vollzeitarbeitnehmern dominierten Metallbranche".

Die schon längst mögliche Elternzeit nutzen insgesamt nur rund ein Drittel der Männer - obwohl es dabei Elterngeld vom Staat gibt. Dies könnte gegen eine von den Arbeitgebern behauptete Verschärfung des Fachkräftemangels bei "verkürzter Vollzeit" sprechen.

Ob nun als "verkürzte Vollzeit" oder als "Rückkehrrecht aus der Teilzeit": Auch die Politik streitet seit Langem über das Thema. Selbst die Union hatte in ihrem Wahlprogramm 2013 bereits formuliert: "Wir wollen Frauen und Männern nach einer Erziehungs- oder Pflegephase die Rückkehr in Vollzeit mithilfe eines Rechtsanspruchs ermöglichen." Passiert ist bis heute nichts. Ein entsprechender Gesetzentwurf der damaligen SPD-Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles scheiterte im Mai.

Kann die Metall- und Elektroindustrie nun also zum Vorreiter werden? Auch mit dem IG-Metall-Vorstoß gäbe es noch Probleme. Arbeitnehmer, die schon fest im Sattel sitzen, erhielten zusätzliche Rechte - und fielen dann aus. "Die Lücken müssten irgendwie gestopft werden. Das kann natürlich spalten", sagt Ökonom Weber. "Daher sollten Betriebe, die als Ersatz zusätzliche reguläre sozialversicherungspflichtige Jobs schaffen, unterstützt werden", fordert er.

Ob sich all das auch abseits der Metallbranche durchsetzen ließe, ist aber ebenfalls noch fraglich. Denn auch an den bundespolitischen Machtverhältnissen scheint sich mit Blick auf die Regierungssondierungen von Union und SPD nur wenig zu ändern.



insgesamt 113 Beiträge
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kritischer-spiegelleser 10.01.2018
1. Für "Privates"
ist wohl der Arbeitgeber nicht zuständig. Diese "Selbstbestimmungsträume" der Gewerkschaften gehen mir etwas zu weit. Der Arbeitgeber braucht Planungssicherheit für seine Produktion und muss auf die Verfügbarkeit seiner Arbeitskräfte bauen können..
Gläbbisch 10.01.2018
2. Fachkräftemangel
Gerade in größeren Betrieben, wo jede unbefristete Übernahme von Jungfacharbeitern und Leihkräften hart erkämpft werden muss finde ich es einen Hohn vom "Fachkräftemangel" zu sprechen. Die Fachkräfte sind da, aber die Betriebe wollen lieber flexibel bleiben. Wohlgemerkt hat natürlich nur der Arbeitgeber was von dieser Flexibilität. Von daher finde ich es gut und richtig auch den Arbeitnehmern etwas mehr Kontrolle über ihre Arbeitszeiten zu geben.
Rubyconacer 10.01.2018
3. IG-Metall
Wir sind IG-Metall-Betrieb. Bei uns kennt niemand eine 35h-Woche. Woher auch? Wir arbeiten 39h laut Tarif und 45-48h real. Ich halte die Altersteilzeit für ein sehr gutes Modell, damit ältere Arbeitnehmer nicht mit 67 gleich ins Grab fallen, sondern ihr Wissen geordnet weitergeben können und sich trotzdem gesund erhalten können.
bstendig 10.01.2018
4. Das sehe ich genauso
Zitat von kritischer-spiegelleserist wohl der Arbeitgeber nicht zuständig. Diese "Selbstbestimmungsträume" der Gewerkschaften gehen mir etwas zu weit. Der Arbeitgeber braucht Planungssicherheit für seine Produktion und muss auf die Verfügbarkeit seiner Arbeitskräfte bauen können..
Wenn man einen kranken Partner, ein Kind oder die Eltern pflegen muss, ist das zwar bedauerlich, aber nicht Sache des Arbeitgebers oder des Staates oder der Gesellschaft. Das ist persönliches Schicksal und gehört zum normalen Lebensrisiko. In der Regel hat der Arbeitgeber dafür Verständnis, aber eben ohne Lohnausgleich.
C-Hochwald 10.01.2018
5. Staatliche Aufgabe
Sie schreiben es in Ihrem Beitrag zurecht; die Lohnzuschüsse im Falle einer zeitlich befristeten Arbeitszeitverkürzung müßten staatlich reguliert werden (z.B. über Pflegeversicherung, o.ä.). Diese Kosten können Arbeitgeber nicht übernehmen, und das sage ich als Tarifangestellter in der Metallindustrie; ich hätte also eigentlich gute Gründe mich der Gewerkschaftsforderung anzuschliessen, denn ich könnte ja evtl. eines Tages davon provitieren, sollte es zu der Erfüllung der aktuellen Forderungen kommen. Doch ich erkenne wohl an, daß mein Arbeitgeber weder eine Versicherung noch ein Sozialamt ist. Wir sind Zulieferer der bekannten Automarken. Unsere Preise für die aktuellen Produkte sind lange vor Serienstart verhandelt und somit vertraglich festgelegt; bis zum Ende der Produktlaufzeit. Mehr noch, es ist branchenüblich, daß die Preise der Zulieferteile über die Laufzeit von Jahr zu Jahr sinken. Somit ist die gesamte Zulieferbranche gezwungen, durch ständige Optimierungen die Produktionspreise entweder zu senken, oder gegen den Trend der steigenden Herstellungskosten (steigende Rohstoff- und Energiepreise, steigende Löhne) zu kompensieren. Gelingt dies nicht kontinuierlich, schmälert es die Gewinne, oder es werden im Extremfall auch Verluste gemacht. Wirkliche Gewinne macht ein KFZ-Zulieferbetrieb eigentlich nur über die Stückzahl, wenn die Automodelle besser als erwartet verkauft werden. Insofern sind selbst die "normalen" tariflichen Gehaltssteigerungen nur schwer zu erwirtschaften. 2-jährige Rekuktion der Wochenarbeitszeiten um 20% bei gleichzeitiger Kompensation würde ja nicht nur die Lohnkosten für den betroffenen Mitarbeiter erhöhen (er / sie produziert ja auch 20% weniger Beitrag zum Umsatz), sondern es müßten ja auch neue Mitarbeiter eingestellt werden (zum. befristet) um die 20% Minderarbeit zu übernehmen; und solche Mitarbeiter kosten ja auch. Sollte sich die IG-Metall hier durchsetzen (was ich nicht hoffe), würde das ein ähnlicher Rohrkrepierer wie die 35Std-Woche in den 80er Jahren - massenweise Abwanderung der Industriearbeitsplätze ins billige Ost-EU-Land, also noch idealer für Verlagerungen geeignet als einst China / Fernost. Wie war damals einer der Gewerkschafts-Slogans auf den Kampfplakaten: "35Std-Woche, dann gehört der Papi wieder mir!" Das kam dann ja auch wegen der Massenarbeitslosigkeit so, nur anders als gedacht - "0" anstelle 35 Wochenarbeitsstunden. Und daß sich die Väter mehr in die Kindererziehung und -betreuung als Folge der 35h-Woche einbrachten, ist de Facto nicht passiert. Die IG-Metall sollte sich aus solchen gesellschaftspolitischen Fragen zumindest tarifvertraglich raushalten. Sie hat schon in der Vergangenheit gezeigt, daß das nicht ihre Kernkompetenz ist.
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