9/11-Jahrestag Die Kosten des Terrors - und die Profiteure

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben nicht nur Politik und Gesellschaft verändert, sondern auch die Wirtschaft. Ob Handel oder Versicherungen - vieles ist seither teurer geworden. Doch es gibt auch Firmen, die von der Terrorangst profitieren.

Sicherheitsvorkehrungen am Londoner Flughafen: Längere Wartezeiten, höhere Kosten
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Sicherheitsvorkehrungen am Londoner Flughafen: Längere Wartezeiten, höhere Kosten

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Hamburg - Fast 3000 Tote, dazu zahlreiche verletze und verstörte Menschen - die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben unendlich viel Leid verursacht. Doch neben den persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Folgen haben die Anschläge auch ökonomische Auswirkungen gehabt.

Allein die direkten Schäden durch zerstörte Flugzeuge und Gebäude belaufen sich Schätzungen zufolge auf 25 bis 50 Milliarden Dollar. Doch es gibt auch indirekte Folgen - und die sind erheblich größer.

Da sind zum einen die Verbraucher und Unternehmen, die aus Verunsicherung ihre Ausgaben und Investitionen zurückgefahren und so die Wirtschaft geschwächt haben. Diesen Effekt schätzt das amerikanische Center for Risk and Economic Analysis of Terrorism Events auf bis zu 109 Milliarden Dollar - allein für die USA. Hinzu kommen erhöhte Sicherheitskosten und enorme Ausgaben für den "Krieg gegen den Terror", der unmittelbar nach den Anschlägen mit dem Afghanistan-Feldzug begann.

Noch jetzt lassen sich zudem psychologische Auswirkungen spüren, die sich auch auf die Wirtschaft übertragen. "Die Angst hat sich tief ins Bewusstsein der Menschen eingegraben - das verursacht Kosten", sagt Tilman Brück, Leiter der Abteilung Entwicklung und Sicherheit am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Ich befürchte, dass diese Angst der Wirtschaft letztlich mehr schadet als die Anschläge selbst."

Welche Wirtschaftsbereiche haben die Terroranschläge und ihre Folgen besonders getroffen? Welche Branchen haben darunter gelitten? Welche haben vom Kampf gegen den Terror profitiert? Die ökonomischen Auswirkungen im Überblick:

Wie der 11.September 2001 die Wirtschaft veränderte
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Welthandel

"Der Handel ist teurer geworden - vor allem der mit den USA", sagt Sicherheitsexperte Tilman Brück vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Grund sind die gestiegenen Sicherheitsvorkehrungen, die die Transportkosten erhöhen. "Globalisierung lebt davon, dass wir günstig und schnell Waren austauschen können", sagt Brück. Das ist heute schwieriger als vor den Anschlägen."

Schätzungen gehen davon aus, dass zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen die Transportkosten um ein Prozent des Warenwerts erhöht haben. Das bedeutet: Wer Güter im Wert von 100.000 Euro handeln will, muss 1000 Euro mehr für den Transport aufwenden als vor 2001. In einem Exportland wie Deutschland, das 2010 Waren im Wert von rund 960 Milliarden Euro ausgeführt hat, kommen so zusätzliche Kosten von 9,6 Milliarden Euro zustande - pro Jahr. Besonders betroffen sind Agrarprodukte, Textilien und Maschinen, da sie im Verhältnis zu ihrem Wert relativ schwer und deshalb aufwendig zu transportieren sind.

Doch auch andere Branchen mussten sich mühsam auf die neuen Sicherheitsanforderungen einstellen: "Es ist extrem mühsam und teuer, sichere Produktions- und Lieferketten aufzubauen", sagt Brück. "Am Anfang hat man das vor allem durch schärfere Kontrollen gemacht, mittlerweile wird das vorgelagert, zum Beispiel durch die Zertifizierung von Zuliefer- oder Transportbetrieben."

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Aktienmärkte

Waren sie nicht gigantisch, die Verluste auf den Aktienmärkten - damals, direkt nach dem 11. September? Nein, so gigantisch waren sie gar nicht. Zwar sackten die wichtigsten Indizes wie der New Yorker Dow Jones und der deutsche Dax in den Tagen nach den Anschlägen kräftig ab. Doch schon am 11. Oktober, einen Monat später, hatte der Dax seinen Stand von vor den Anschlägen wieder erreicht. Der Dow Jones brauchte kaum länger: Er war im Dezember 2001 wieder da, wo er vor den Anschlägen notiert hatte.

Dennoch hatten die Anschläge Auswirkungen auf Unternehmen und Finanzmärkte. Sie lassen sich allerdings schwer beziffern, weil sie mitten hineinfielen in einen längerfristigen Abwärtstrend, der schon im Frühjahr 2000 begonnen hatte. Innerhalb von drei Jahren fiel der Dax dabei um mehr als 70 Prozent. Der Dow Jones war zuvor nicht ganz so stark gestiegen wie der Dax - und fiel deshalb auch nicht ganz so tief.

Auslöser des Abwärtstrends war das Platzen der Spekulationsblase, die Ende der neunziger Jahre vor allem die Aktien von Internet- und Telekommunikationskonzernen erfasst hatte. Die Anschläge vom 11. September 2001 und der allgemeine Konjunkturabschwung verschärften die große Abwärtsbewegung am Aktienmarkt.

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Luftfahrt

Die Luftfahrtbranche hat sich noch immer nicht vollständig vom Schock des 11. September erholt. Viele Menschen scheuten unmittelbar nach den Anschlägen das Reisen - und einige trauen sich bis heute nicht, wieder ein Flugzeug zu besteigen. In den USA waren die Airlines am stärksten betroffen: Obwohl sie mit staatlichen Hilfen gestützt wurden, schrieben sie hohe Verluste: Gleich drei der großen amerikanischen Fluggesellschaften mussten in den Jahren nach den Anschlägen Gläubigerschutz beantragen und retteten sich danach in Fusionen: United Airlines, US Airways und Delta.

Die Terrorangst ist nicht der einzige Grund für die Schwierigkeiten der Luftfahrtbranche, aber sie spielt noch immer eine Rolle. Der Niedergang lässt sich an den Aktienkursen ablesen: Am 10. September 2001 notierte der Dow Jones US Airlines Index bei 190 Punkten. Diesen Stand hat er bis jetzt nicht wieder erreicht. Derzeit dümpelt er um die 55-Punkte-Markte. Die großen amerikanischen Fluggesellschaften sind an der Börse also rund 70 Prozent weniger wert als damals. Auch die Aktie der größten deutschen Fluggesellschaft Lufthansa hat sich deutlich schlechter entwickelt als der Dax.

Für die Passagiere hat sich ebenfalls einiges geändert: Sie müssen inzwischen aufwändige Sicherheitschecks über sich ergehen lassen. Das kostet Zeit und Geld: "Der ganze Sicherheitsapparat ist wahnsinnig teuer", sagt der Hamburger Luftfahrtspezialist Heinrich Großbongardt. "Und diese Kosten haben die Fluggesellschaften zum guten Teil auf die Passagiere umgelegt."

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Versicherungen

Die Versicherungen mussten 2001 kräftig zahlen. "Die Anschläge vom 11. September war einer der größten Einzelschäden der Versicherungsgeschichte", sagt Dirk Harbrücker, Vorstandsmitglied der Extremus-Versicherung. Allein der versicherte Sachschaden der zerstörten Gebäude belaufe sich auf knapp 25 Milliarden Dollar. Hinzu kommen die Kosten für die zum Absturz gebrachten Flugzeuge und für die Lebensversicherungen, die an Angehörige der knapp 3000 Todesopfer ausgezahlt wurden.

Auch strukturell hat sich die Branche verändert. Weil die normalen Versicherungsunternehmen den wahrscheinlichen Maximalschaden, der ihren Berechnungen zugrunde liegt, dramatisch erhöhen mussten, wurden Terrorrisiken privatwirtschaftlich praktisch unversicherbar. In Deutschland gründeten deshalb 16 große Versicherungsunternehmen den Spezialversicherer Extremus. Er soll dann einspringen, wenn die normalen Versicherungen nicht mehr können.

Dieser Punkt ist bei Terroranschlägen bei 25 Millionen Euro erreicht - alle höheren Schäden müssen zusätzlich bei Extremus versichert sein, sonst werden sie nicht ersetzt. Extremus wiederum haftet bis zwei Milliarden Euro, der Staat springt für alle Schäden zwischen zwei und zehn Milliarden Euro ein. In vielen anderen Ländern gibt es mittlerweile ähnliche Terrorversicherer mit staatlicher Bürgschaft.

Das alles hat dazu geführt, dass die Versicherung von Gebäuden, Industrieanlagen oder Verkehrsprojekten deutlich teurer geworden sind. "Die Versicherungsnehmer müssen höhere Prämien zahlen", sagt Extremus-Vorstand Harbrücker. Allein sein Unternehmen verbucht in diesem Jahr Prämieneinnahmen von 54 Millionen Euro.

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Konsumenten

Die Terroranschläge haben die amerikanischen Verbraucher verunsichert. Monatelang bewegten sich die Menschen in den USA in einem Klima der Angst. Der US-Konsumklima-Index fiel dramatisch. Größere Anschaffungen wurden zurückgestellt. Die ohnehin im Abwärtstrend befindliche US-Wirtschaft flaute dadurch weiter ab. Sie ist zu zwei Dritteln vom Konsum abhängig.

Mit niedrigen Zinsen versuchte die amerikanische Zentralbank Fed dem Doppel-Schock aus geplatzter New-Economy-Blase und Terroranschlägen entgegenzuwirken: Von Anfang 2001 bis Ende 2003 senkte sie den Leitzins von 6,5 auf 1,0 Prozent. Kurzfristig war sie damit zwar erfolgreich: Die US-Konsumenten kauften wieder fleißig ein. Mittelfristig erwies sich diese Politik aber als hochgefährlich, weil sie den enormen Anstieg der privaten Verschuldung begünstigte, der 2007 die weltweite Finanzkrise auslöste.

Auch in Deutschland hatten die Anschläge Auswirkungen auf die Verbraucher. "Bis zur Finanzkrise war die Terrorgefahr laut Umfragen die größte Sorge der Deutschen", sagt Tilman Brück vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Am meisten Angst hätten ältere Menschen, Frauen, und Landbewohner. "So etwas schlägt sich natürlich auch im Konsumverhalten nieder."

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Sicherheits- und Rüstungsfirmen

Für die meisten Firmen bringen zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen vor allem ungeliebte Kosten, für einige jedoch bedeuten sie steigende Umsätze und Gewinne. Anbieter von Überwachungsausrüstung profitieren ebenso vom erhöhten Sicherheitsbedürfnis wie Hersteller von Geräten zur Erkennung von Bio- und Chemiewaffen oder die privaten Anbieter von Sicherheitsdienstleistungen. Größter Abnehmer war und ist die amerikanische Regierung, die ihre Ausgaben für den sogenannten "Heimatschutz" seit 2001 drastisch erhöht hat.

Noch stärker verdienten allerdings die klassischen Rüstungskonzerne - an den Kriegen, die die USA und ihre Verbündeten gegen Afghanistan und den Irak führten. Laut einer aktuellen Studie der Brown University im US-Bundeststaat Rhode Island werden die in den vergangenen zehn Jahren geführten Kriege gegen den Terror alleine die USA 3,2 bis 4 Billionen Dollar kosten. Rund 1,6 Billionen Dollar davon sind direkte Ausgaben des Verteidigungsministeriums, wovon wiederum ein guter Teil an Rüstungfirmen geflossen sein dürfte.

Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts haben die USA ihre Militärausgaben seit 2001 um 81 Prozent erhöht. Sie machen nun 43 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben aus.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 08.09.2011
1. Ob Handel oder Versicherungen...
ist dem Schreiber vielleicht aufgegangen das es sich bei Handel und Versicherungen nicht um einfache Bürger sondern eben um "Firmen" handelt. Die eben der wahren Profit an der Sache gemacht haben? Bitte lieber SPON schickt eure Ghostwriter wieder nach Hause und schaltet BITTE die Rechtschreibprüfung in eurem Redaktionssystem wieder ein. Das Geschreibsel wird von Woche zu Woche gruseliger.
rainman_2 08.09.2011
2. ...
Wieder so ein links verbrämter Artikel, um dezente Hinweise auf "...Gewinnler" im kapitalistischen System unterzubringen.
caecilia_metella 08.09.2011
3. Morgen:
Morgen wird ein TV-freier Tag.
Holzhausbau 08.09.2011
4. Ach wirklich?
Zitat von sysopDie Anschläge vom 11. September 2001 haben nicht nur Politik und Gesellschaft verändert, sondern auch die Wirtschaft. Ob Handel oder Versicherungen - vieles ist seither teurer geworden. Doch es gibt auch Firmen, die von der Terrorangst profitieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,783578,00.html
"Jemand" profitiert von der Terrorangst? Wer hätte das gedacht? In erster Linie profitieren Politiker, die den dringenden Wunsch hegen, den Überwachungsstaat zu etablieren, als "Schutz vor Terror" - der angeblich überall lauert.
spatenheimer 08.09.2011
5. hmm
Zitat von felisconcolorist dem Schreiber vielleicht aufgegangen das es sich bei Handel und Versicherungen nicht um einfache Bürger sondern eben um "Firmen" handelt. Die eben der wahren Profit an der Sache gemacht haben? Bitte lieber SPON schickt eure Ghostwriter wieder nach Hause und schaltet BITTE die Rechtschreibprüfung in eurem Redaktionssystem wieder ein. Das Geschreibsel wird von Woche zu Woche gruseliger.
Ja gut, da in Deutschland kein einziger Bürger sein Geld mit Handel und Versicherungen verdient, kann man diesen Einwand durchaus gelten lassen.
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