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Abgeblasenes Referendum: So bändigten Merkel und Sarkozy die Griechen

Aus Cannes berichtet

Kein Geld mehr, raus aus dem Euro und aus der EU: Um ihren Hilfsplan für die Gemeinschaftswährung zu retten, drohten Deutschland und Frankreich den Griechen mit dem Äußersten. Die Abschreckung wirkte - das Referendum ist abgeblasen. Doch Merkels und Sarkozys Strategie ist riskant.

Merkel und Sarkozy in Cannes: Standpauke für die Griechen Zur Großansicht
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Merkel und Sarkozy in Cannes: Standpauke für die Griechen

Schon die Zahlenverhältnisse verhießen nichts Gutes für Griechenlands Top-Politiker: Der angeschlagene Ministerpräsident Georgios Papandreou und sein Finanzminister Evangelos Venizelos sahen sich mächtigen Krisenmanagern gegenüber. Gemeinsam bearbeiteten Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker, EU-Präsident Herman Van Rompuy und IWF-Chefin Christine Lagarde am Mittwochabend die beiden Griechen. Der Appell: Wie könnt ihr nur so verrückt sein, einen Volksentscheid über ein längst beschlossenes Hilfspaket anzukündigen?

Zwar versichern deutsche Delegationsvertreter, es sei "ein ruhiges und sachliches Gespräch unter Freunden" gewesen - auch habe niemand versucht, den Griechen das Referendum auszureden. Aber man habe klar gemacht, welche Auswirkungen der Volksentscheid haben könne. Keine 24 Stunden später war das Referendum abgeblasen.

Ähnlich verfuhr Merkel mit Silvio Berlusconi. Am Donnerstagvormittag knöpfte sie sich den italienischen Ministerpräsidenten vor und machte ihm deutlich, er solle sein geplantes Sparprogramm gefälligst forcieren. Prompt tauchte am Abend im Entwurf für das Abschlussdokument eine Zusage Italiens auf, bis 2013 nahe an einen ausgeglichenen Haushalt zu kommen.

Man mag darüber streiten, was im Fall Griechenland letztlich den Ausschlag gegeben hat: die Drohgebärden der Europäer und des Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der innenpolitische Druck in Griechenland. Fest steht: Merkel und Sarkozy können den griechischen Rückzieher als Erfolg ihrer Abschreckungsstrategie verbuchen.

Die Drohung könnte sich abnutzen

Um Papandreou zurechtzustutzen, hatten die Führer der Euro-Zone heftige Geschütze aufgefahren: Nicht nur die Hilfen aus dem ersten Griechenland-Hilfspaket von 2010 sollten mit sofortiger Wirkung gestoppt werden. Merkel und Sarkozy brachten auch ein Szenario ins Spiel, das sie bisher stets als unvorstellbar bezeichnet hatten: Den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, ja sogar aus der EU. "Wir sind gewappnet", sagte Merkel. Und hochrangige Vertreter der Euro-Staaten ließen durchblicken, man rechne schon mal die Folgen einer Pleite Griechenlands durch.

So gut die Drohung fürs Erste wirkte: Sie wird den entstandenen Schaden wohl nicht wettmachen können. "Die globalen Finanzmärkte werden in höchster Unruhe bleiben, auch wenn Griechenland in der Euro-Zone bleiben sollte", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Diplomaten in Cannes.

Hinzu kommt: Das Pleite-Szenario ist nun quasi eine offizielle Option. Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, wie die Investoren an den Finanzmärkten damit umgehen. Allzu oft lässt sich das Abschreckungsspiel jedenfalls nicht wiederholen.

Das weiß auch Merkel. Dennoch war die Kanzlerin auch am Donnerstag bemüht, den Druck auf Griechenland zu halten. "Für uns zählen Taten", sagte sie mit Blick auf die griechischen Beteuerungen, man wolle die gemachten Zusagen einhalten. "Ich kann die Taten noch nicht erkennen."

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1. Merkel u. Sarkotzi
amerzenich, 03.11.2011
Ich kann agr nicht so viel saufen wie ich sarkotzen möchte. Die Prinzessin aus der Ukermark und der kleine Napoleon - die Nachrichten über die zwei Europameister gehen mir gehörig auf die Nüsse. Was Madame Merkel da macht? Sie ist Kanzlerin Deutschlands und nicht Präsidentin Europas - oder wird sie es vielleicht gar und der kleine Mann in den Herrenpömps wird ihr Hofrat?
2. Gegen
drouhy 03.11.2011
Zitat von sysopKein Geld mehr, raus aus dem Euro und aus der EU:*Um ihren Hilfsplan für die Gemeinschaftswährung*zu retten, drohten Deutschland und Frankreich*den Griechen mit*dem Äußersten.*Die Abschreckung wirkte - das Referendum ist abgeblasen.*Doch Merkels*und Sarkozys Strategie*ist*riskant. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795779,00.html
wen geht es? Der Artikel hört sich an wie Frontberichterstattung im Kalten Krieg. Drohen die Griechen jetzt mit Komplettverweigerung - was dann? Gleichgewicht des Schreckens? Entweder Kohle oder ihr habt einen 100% Cut bei allen Gläubigern? Eines haben der Ganove und die Dame mit dem Sitzfleisch deutlich gemacht - Demokratie ist in Europa nicht mehr zu haben - und die Pseudo-Regierung in Brüssel kann dicht machen - die Karten spielen andere. Wer bändigt die eigentlich?
3. Überschrift
Der Bruddler, 03.11.2011
Zitat von sysopKein Geld mehr, raus aus dem Euro und aus der EU:*Um ihren Hilfsplan für die Gemeinschaftswährung*zu retten, drohten Deutschland und Frankreich*den Griechen mit*dem Äußersten.*Die Abschreckung wirkte - das Referendum ist abgeblasen.*Doch Merkels*und Sarkozys Strategie*ist*riskant. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795779,00.html
Bin mal gespannt ob die irgendwann anfangen sich um die Probleme und nicht nur um die Omen zu kümmern. Derzeit scheint das noch nicht en Vogue zu sein.
4. Kein Grund zur Verzweiflung ...
47/11 03.11.2011
Zitat von amerzenichIch kann agr nicht so viel saufen wie ich sarkotzen möchte. Die Prinzessin aus der Ukermark und der kleine Napoleon - die Nachrichten über die zwei Europameister gehen mir gehörig auf die Nüsse. Was Madame Merkel da macht? Sie ist Kanzlerin Deutschlands und nicht Präsidentin Europas - oder wird sie es vielleicht gar und der kleine Mann in den Herrenpömps wird ihr Hofrat?
...., die beiden leisten hervorragende Arbeit . Niemals konnte man hoffen, dass Politiker " im Blutrausch" derart verbissen an dem EURO hängen, dass sie nicht mehr erkennen können, wie sie und die ganze EU untergeht . Damit löst sich doch eines der wichtigsten Preobleme , die Abschaffung dieser Fehlkonstruktionen , beinahe von selbst .Also erstmal abwarten und dann den Scherbenhaufen entsorgen !!!
5. Das also zum Thema
b.lödheimer 03.11.2011
Demokratie und Volksentscheide. Es ist schon interessant, wie sich wieder der Spruch bewahrheitet, dass Geld die Welt regiere. Wenn Don Merkozy ein Angebot macht, kann Subcapo Georgios das einfach nicht ablehnen. Und wozu noch das Volk befragen, wenn es per Drohung viel einfacher und schneller geht? Wir gehen da in eine Richtung, die mir irgendwie immer weniger gefällt: Höchstgeschwindigkeit bei politischen Entscheidungen schien mir bisher eher ein Charakteristikum von Diktaturen zu sein ... oder ist es jetzt einfach Panik?
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Gipfel in Cannes: Politiker und Proteste
Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.


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