Abrechnung mit einem Modethema Stresstest lass nach!

Banken, Bildung, Stuttgarter Bahnhof: Alles wird neuerdings mit Stresstests überzogen. Doch hinter dem großen Wort verbergen sich leere Versprechen - wie die Farce um die europäischen Atom-Stresstests zeigt.

US-Händler verfolgen die europäischen Banken-Stresstests: Viel zu lasche Kriterien
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US-Händler verfolgen die europäischen Banken-Stresstests: Viel zu lasche Kriterien

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Hamburg - Wir jammern, schreien oder hauen die Tastatur auf den Tisch: Wenn uns unbedarften Computernutzern mal wieder der Rechner abstürzt, überwiegt meist das Gefühl der Ohmacht. Dabei könnten wir jeden Absturz auch positiv sehen - als Stresstest. Schließlich haben wir dem Rechner gerade seine Grenzen aufgezeigt. Fotos bearbeiten, eine CD brennen und nebenbei noch im Internet surfen? Ist ihm offenbar zuviel, Stresstest nicht bestanden.

Was wir ungewollt und schmerzhaft lernen mussten, finden Computerexperten längst gezielt heraus: Mit Stresstests werden Prozessoren oder Programme über längere Zeit am Rande der Leistungsfähigkeit betrieben. Auch in der Finanzbranche gibt es den Begriff seit vielen Jahren. Hier bezeichnet er Extremszenarien, denen Unternehmen auf dem Papier ausgesetzt werden: Sind sie gerüstet, falls die Aktie abstürzt, der Ölpreis steigt oder es einen Terroranschlag gibt?

Doch was bislang nur Finanzexperten oder Computer-Nerds interessierte, ist neuerdings in aller Munde. Seit im Zuge der Finanzkrise amerikanische und europäische Banken Stresstests unterworfen wurden, soll so ziemlich alles getestet werden:

  • Im S21-Streit setzte Schlichter Heiner Geißler einen Stresstest für den Stuttgarter Bahnhof durch.
  • Nach der Katastrophe im Golf von Mexiko wollte Österreichs Umweltminister einen Stresstest für Ölkonzerne.
  • Nach den Banken-Stresstests revanchierten sich die deutschen Bankenverbände mit der Forderung, auch die Haushalte der Mitgliedstaaten zu stressen.
  • EnBW-Chef Hans-Peter Villis fordert wegen der geplanten Energiewende einen Stresstest fürs deutsche Stromnetz.
  • Die Lehrerlobby VEB verlangt sogar einen Stresstest für die Bildungsfinanzierung.

Anstrengend sind die meisten dieser Vorschläge. Zu offensichtlich ist, dass die Fordernden ein Modewort aufgreifen, das nun einmal gerade in der Öffentlichkeit herumfliegt. Doch spätestens mit den von EU-Energiekommissar Günther Oettinger angekündigten Stresstests für europäische Atomkraftwerke ist dieser Trend auch ein Ärgernis.

Ein Wort, drei Versprechen

Denn mit dem Begriff Stresstest verbinden sich eigentlich drei Versprechen: Das Testobjekt wird - in der Realität oder einer Simulation - extremen und realistischen Belastungen ausgesetzt. Dabei gibt es wie bei jedem ordentlichen Test objektive Prüfer und Kriterien. Und es gibt selbstverständlich die Option, den Test nicht zu bestehen.

Und da geht das Problem los. Schon die europäischen Banken-Tests, mit denen der Stresstest-Trend hierzulande seinen Anfang nahm, gelten unter Experten als viel zu lasch. Im ersten Durchgang bestanden im vergangenen Jahr 84 von 91 Instituten. Die sind halt gut aufgestellt, hätte man denken können. Doch kurz darauf musste Irland seine Banken retten - die im Stresstest alle bestanden hatten.

Auch für den zweiten Durchgang der europaweiten Stresstests sind Szenarien geplant, die fast alle Banken überstehen dürften. Weder wird die mögliche Pleite eines Staates oder einer Großbank durchgespielt, noch sollen langfristige Anlagen im sogenannten Bankbuch berücksichtigt werden. Experten wie der Wirtschaftsweise Lars Feld glauben, dass die Tests von den Regierungen mit voller Absicht unrealistisch gestaltet werden - weil sie sonst weitere Institute ins Taumeln bringen könnten.

Natürlich ist auch mehr Objektivität möglich. Für den Stresstest des Stuttgarter Bahnhofs haben sich die Konfliktparteien immerhin auf ein unabhängiges Schweizer Gutachterbüro geeinigt. Doch allein auf dessen Urteil will sich die neue grün-rote Landesregierung dann doch nicht verlassen: Zusätzlich sollen im Herbst per Referendum die Bürger entscheiden.

Die Tester sind befangen

Nirgendwo aber ist die Kluft zwischen Versprechen und Realität so groß wie bei den Stresstests für europäische Atomkraftwerke. Die hatte Energiekommissar Günther Oettinger kurz nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima angekündigt und dabei ausdrücklich auch die Möglichkeit des Scheiterns einbezogen. Er glaube nicht, "dass wir allen unser Gütesiegel geben können". Später legte Oettinger nach und forderte sogar Stresstests für alle Kernkraftwerke weltweit. Überall müssten "die höchsten Standards gelten".

Das ist nicht mehr als ein frommer Wunsch. Mittlerweile ist absehbar, dass selbst innerhalb der EU kein einziges Merkmal eines Stresstests wirklich erfüllt wird: Die Kraftwerke werden nicht allen denkbar Gefahren ausgesetzt, Terrorangriffe oder Bedienfehler etwa sollen nach dem Willen der Vereinigung der Westeuropäischen Aufsichtsbehörden ausgeklammert bleiben. Oettinger hat jetzt zwar angekündigt, er wolle sich mit solchen "Stresstests light" nicht zufrieden geben. Wie er sich gegenüber widerwilligen Ländern wie Großbritannien oder Frankreich durchsetzen will, bleibt aber völlig offen.

Zudem sollen die Aufsichtsbehörden die Tests selbst durchführen - aufgrund von Daten, welche die Atomkonzerne ihnen vorlegen. Dass die Betreiber nicht objektiv sind, dürfte klar sein. Doch auch die nationalen Aufsichtsbehörden sind befangen - schließlich haben sie die Reaktoren bislang allesamt genehmigt. Da beruhigt es dann auch wenig, dass laut Oettinger am Ende "internationale Teams die nationalen Ergebnisse unter die Lupe nehmen" - schließlich bekommen sie nur Daten weitergereicht.

Unter diesen Voraussetzungen ist es schon wenig wahrscheinlich, dass eine nennenswerte Anzahl von Reaktoren bei den Stresstests durchfällt. Doch zu allem Überfluss sind die Überprüfungen auch noch freiwillig - Regierungen mit Problemreaktoren können also von vornherein einen Rückzieher machen.

Vermutlich sind halbherzige Überprüfungen besser als gar keine. Die EU-Kommission etwa freut sich schon alleine darüber, durch die Stresstests erstmals die Baupläne aller AKW in der Staatengemeinschaft einsehen zu können. Nur sollte man solche und andere bescheidene Ergebnisse ab sofort nicht mehr als Stresstests verkaufen. Sonst können wir uns nach dem nächsten Absturz unseres Computers auch alle bei der Atomaufsicht bewerben.

insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
dlmaj 11.05.2011
1. Stresstest für Politiker
Ein Stresstest für Politiker ist notwendig! Die chaotische Reaktion auf Fukushima und andere Ereignisse, die mich an einen aufgescheuchten Hühnerhaufen erinnert, lässt in mir die Frage hochkommen, wie denn dieses Qualitätspersonal in Berlin reagieren würde, wenn wir mal eine echte Katastrophe hätten (Unruhen, Seuchen, Terroranschläge).
wolfman11 11.05.2011
2. Leere Phrasen
Zitat von sysopBanken,*Bildung, Stuttgarter Bahnhof: Alles*wird neuerdings mit Stresstests überzogen. Doch hinter dem großen Wort verbergen sich leere Versprechen - wie die Farce um die europäischen Atom-Stresstests zeigt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,760907,00.html
Wichtig ist, dass die Stresstests ergebnisoffen durchgeführt werden und auch nachhaltig sind. Dafür aber brauchen die Stresstester ein robustes Mandat. Diese Vorgehensweise ist absolut alternativlos. Alles klar?
Geziefer 11.05.2011
3. Was "wir" alles so brauchen.
Zitat von sysopBanken,*Bildung, Stuttgarter Bahnhof: Alles*wird neuerdings mit Stresstests überzogen. Doch hinter dem großen Wort verbergen sich leere Versprechen - wie die Farce um die europäischen Atom-Stresstests zeigt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,760907,00.html
Jetzt brauchen "wir" also einen "Stress-Test". Vorher brauchten wir einen "Schutz-Schirm". Davor brauchten wir "mehr Controlling". Davor brauchten wir unbedingt "Synergie-Effekte". Davor brauchten wir mehr "Co-Management". Und so weiter und so fort.
kdshp 11.05.2011
4. Stresstest
Zitat von sysopBanken,*Bildung, Stuttgarter Bahnhof: Alles*wird neuerdings mit Stresstests überzogen. Doch hinter dem großen Wort verbergen sich leere Versprechen - wie die Farce um die europäischen Atom-Stresstests zeigt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,760907,00.html
Hallo, auch die jetzige bundesregierung sollte so einem stresstest unterzogen werden. Das chaos von schwarz-gelb nimmt ja kein ende und schadet uns deutschen mehr als das es was bringt. Da würde es uns ja mit grün-rot besser gehen!
herbert_schwakowiak 11.05.2011
5. Stresstest
Ein heißer Anwärter für das Unwort des Jahres 2011.
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