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Absage an Beschäftigte: Arbeitgeber stellen sich in Lohnstreit stur

Deutschlands Wirtschaft boomt, doch die Beschäftigten haben davon bislang wenig. Und das soll laut führenden Arbeitgebervertretern auch so bleiben. Es gebe "keinen Spielraum für Lohnerhöhungen", sagen sie. Wirtschaftsminister Brüderle dagegen pocht auf einen spürbaren Aufschlag.

Arbeiter bei einem Autoteile-Zulieferer: Arbeitgeber warnen vor Konjunkturrisiken Zur Großansicht
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Arbeiter bei einem Autoteile-Zulieferer: Arbeitgeber warnen vor Konjunkturrisiken

Berlin - Die Arbeitgeber stehen unter Druck. Nicht nur die Gewerkschaften, auch Wirtschaftsminister und Kanzlerin fordern im Aufschwung deutlich Lohnerhöhungen. Dabei denken Rainer Brüderle und Angela Merkel nicht nur an zufriedenere Wähler, auch der Konsum soll mit höheren Gehältern gestärkt werden.

Die Unternehmervertreter befürchten nun horrende Forderungen in den kommenden Tarifverhandlungen. Daher warnen sie schon jetzt, quasi vorbeugend. In der "Bild"-Zeitung erklärten gleich mehrere Arbeitgebervertreter, warum sie Lohnaufschläge ablehnen - obwohl die Wirtschaft in diesem Jahr voraussichtlich um 3,5 Prozent wächst.

So sagt etwa der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB), Karl Robl, es gebe "keinen Spielraum für Lohnerhöhungen". Im Bauhauptgewerbe sei "der Aufschwung noch nicht angekommen". Erhöhe man zu früh die Löhne, drohten sogar Entlassungen: "Betriebe müssen höhere Löhne erst mal verdienen. Können sie das nicht, müssen Arbeitsplätze abgebaut werden."

Ähnlich äußert sich der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser. Er sagte der Zeitung: "Der Aufschwung hat noch längst nicht alle Sparten und Betriebe der Metall- und Elektroindustrie erfasst." Nach der bislang schwersten Rezession müssten sich die Betriebe erst einmal wieder erholen. "Weder Dividenden noch Lohnsteigerungen stehen jetzt im Vordergrund."

Der Verband der Familienunternehmer bezeichnete die Lohnforderungen von Gewerkschaften und Regierung als "Risiko für den Aufschwung". Ihr Präsident Patrick Adenauer sagte der "Bild"-Zeitung: "Viele Unternehmen schaffen es gerade erst, die Kurzarbeit zu beenden und wieder Weihnachtsgeld zu zahlen."

Brüderle plädiert erneut für höhere Löhne

Doch nicht nur die Privatwirtschaft, auch der Öffentliche Dienst reagiert allergisch auf das Thema Lohnerhöhungen. Der Verhandlungsführer der Länder, Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring (CDU), sagte, der Haushalt biete "keinen Spielraum für Lohnerhöhungen". Im Öffentlichen Dienst bestehe zudem kein Nachholbedarf. "Das Lohnniveau bei den Ländern ist in den vergangenen Jahren gestiegen, während es in der freien Wirtschaft gefallen ist", erklärte Möllring.

Wirtschaftsminister Brüderle plädierte dennoch erneut für höhere Löhne: Er hoffe, dass der gegenwärtige Aufschwung bei den Arbeitnehmern ankomme, sagte er der "Bild"-Zeitung: "Den fleißigen Menschen in unserem Land gehört der Wirtschaftsaufschwung."

Zwar würden über die Lohnerhöhungen die Tarifpartner entscheiden. Gleichzeitig gelte aber auch: "Leistung muss sich lohnen. Das gehört zur Sozialen Marktwirtschaft. Und das darf sich in guten Zeiten auch in den Tarifabschlüssen niederschlagen."

Die Erwartung von Experten, Deutschland brauche wegen des Mangels an Fachkräften bald eine 45-Stunden-Woche, wies Brüderle zurück. Es gebe andere Rezepte gegen den Fachkräftemangel: "Wir müssen auch älteren Arbeitnehmern neue berufliche Perspektiven eröffnen und Frauen noch besser in das Erwerbsleben einbinden." Die Zuwanderung müsse "nach unseren nationalen Interessen" gestaltet werden.

cte/dpa/dapd

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Forum - Löhne - werden die Arbeitnehmer genügend am Aufschwung beteiligt?
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1. Nein, ganz und gar nicht.
vory 04.09.2010
Eher im Gegenteil, noch nie waren soviel Arbeitnehmer in prekärer Zeitarbeit untergebracht, wovon man nicht leben kann und auch keine Rente erwirtschaftet. Trotzdem ist die Regierung stolz, die steigende Beschäftigung melden zu können. Der Arbeitsmarkt verkommt immer mehr zum Sklavenmarkt und das in einem der reichsten Länder der Erde. Schuld daran ist das System der Arbeitsverteuerung durch die Staatsfinanzierung und sozialen Lasten. Es ist nicht einzusehen, das dies alles von der abhängigen Arbeit geschultert werden muß. Wegen dieser Überteuerung bleibt wenig Raum für Lohnerhöhungen im internationalen Wettbewerb. Da hilft nur eine Systemumsteuerung zum MWPOT-Konzept.
2. Lohnkuerzungen, waren fuer die meisten die Realitaet!
merapi22 04.09.2010
Zitat von voryEher im Gegenteil, noch nie waren soviel Arbeitnehmer in prekärer Zeitarbeit untergebracht, wovon man nicht leben kann und auch keine Rente erwirtschaftet. Trotzdem ist die Regierung stolz, die steigende Beschäftigung melden zu können. Der Arbeitsmarkt verkommt immer mehr zum Sklavenmarkt und das in einem der reichsten Länder der Erde. Schuld daran ist das System der Arbeitsverteuerung durch die Staatsfinanzierung und sozialen Lasten. Es ist nicht einzusehen, das dies alles von der abhängigen Arbeit geschultert werden muß. Wegen dieser Überteuerung bleibt wenig Raum für Lohnerhöhungen im internationalen Wettbewerb. Da hilft nur eine Systemumsteuerung zum MWPOT-Konzept.
In den achtzigern bekam man noch für gute Arbeit gutes Geld, mit der Einführung des Niedriglohnbereichs wurden die meisten AN vom Wirtschaftswachstum ausgeschlossen und mussten Reallohneinbusen hinnehmen! Dadurch öffnet sich die Schere zwischen arm und reich immer mehr. Gegen diese ungerechte Lohnentwicklung der letzten 20 Jahre hilft nur die Einführung des Bürgergeld! http://www.bge-petition.de/
3.
rolli 04.09.2010
Zitat von merapi22In den achtzigern bekam man noch für gute Arbeit gutes Geld, mit der Einführung des Niedriglohnbereichs wurden die meisten AN vom Wirtschaftswachstum ausgeschlossen und mussten Reallohneinbusen hinnehmen! Dadurch öffnet sich die Schere zwischen arm und reich immer mehr. Gegen diese ungerechte Lohnentwicklung der letzten 20 Jahre hilft nur die Einführung des Bürgergeld! http://www.bge-petition.de/
Wer diese Petition unterschreibt, der weiss nicht, ob er damit den Kommunisten oder den Neoliberalisten hilft. beides ist zutiefst unmoralisch. Die Arbeitnehmer haben in den letzten 20 Jahren mindestens auf 100% mehr Lohn verzichtet. Keine Teilhabe am Produktivitätsfortschritt und keinen Inflationausgleich. Wenn nun eine Beteilgung der Arbeitnehmer am "Aufschwung" erfolgen soll, dann muss er so aussehen: Inflationsausgleich, Produktivitätsfortschritt und entgangene Teilhabe in der Vergangenheit. Lohnsteigerungen in den nächsten 5 Jahren von mindestens 8% sind machbar und notwendig. rolli
4. Lol!
T. Wagner 04.09.2010
Die beiden bisherigen Antworten sind mal wieder typisch SPON-Forum: Der eine wirbt für das MWPOT-Konzept, der andere für das BGE. Ich lach' mich kaputt! Ich warte nur noch auf die Dame, die ständig für das "Freiheitswerk" trommelt.
5. ttt
marant 04.09.2010
Zitat von sysopDie deutsche Wirtschaft boomt wieder, der Export steigt, alle sind zuversichtlich. Aber sind auch alle zufrieden? Werden die Arbeitnehmer genügend am neuen Aufschwung beteiligt?
Es wurde schon des öfteren berichtet, wer genügend am Aufschwung beteiligt war. Die sogenannte Zeitarbeitbranche ! Im Zuge der bevorstehenden Tarifrunden sollten sich die Gewerkschaften an ihre Aufgaben wiederbesinnen, und die Gesamtbelegschaften stärken, und nicht nur die "werkseigene" Stammbelegschaften,- indem sie das Mindestmaß an Unterstützung der "Fremdarbeiter" gewährleisten. Eine Null-Runde wäre akzeptabell, sollten die Zeitarbeitnehmer die mindestens 6 Monate ( würde einer Befristung entsprechen ) in dem selben Betrieb beschäftigt sind, übernommen werden, oder die gerechte Entlohnung bekommen. Dies wäre wenigstens ein längst fälliger Anfang seitens der Gewerkschaften, und kein Schulterschluß mit der Politik, die diese Mißstände billigend in Kauf nimmt.
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