Abschlussbericht zur Finanzkrise: "Gier, Unachtsamkeit, beides"

Es ist ein vernichtendes Zeugnis für Washington und die Wall Street: Die US-Untersuchungskommission zur Finanzkrise wirft den Geldkonzernen, Ex-Präsident Bush und Notenbankchef Bernanke glattes Versagen vor - sie hätten das Desaster verhindern können, doch sie taten genau das Falsche.

Bankmanager vor dem Untersuchungsausschuss: Insgesamt wurden 700 Zeugen befragt Zur Großansicht
REUTERS

Bankmanager vor dem Untersuchungsausschuss: Insgesamt wurden 700 Zeugen befragt

New York - Die Finanzkrise kam 2008 über die Menschheit wie eine Strafe Gottes. Keiner sah sie voraus, keiner konnte sie stoppen. Das in etwa ist die offizielle Lesart, die US-Regierung, Notenbank und Geldkonzerne gerne verbreiten. Doch sie hat nichts mit der Wahrheit zu tun. Das stellt ein US-Untersuchungsausschuss nun mit deutlichen Worten klar.

Die Finanzkrise war "vermeidbar", heißt es in dem Abschlussbericht des Ausschusses, der an diesem Donnerstag präsentiert werden soll und aus dem die "New York Times" schon jetzt zitiert. Ursache der Krise war demnach ein "enormes Versagen" von Regierung und Finanzaufsicht einerseits sowie ein "rücksichtsloses Risikomanagement" der Geldindustrie andererseits.

Die Untersuchungskommission (Financial Crisis Inquiry Commission) war vom US-Kongress eingesetzt worden, um die Finanzkrise aufzuarbeiten. Sie besteht aus zehn Mitgliedern, sechs davon wurden von den Demokraten entsandt, vier von den Republikanern. Der Ausschuss hat insgesamt 700 Zeugen befragt. Sein Abschlussbericht umfasst laut "New York Times" 576 Seiten.

Folgen nun strafrechtliche Verfahren?

Das Dokument stellt Washington und der Wall Street ein vernichtendes Zeugnis aus: "Die größte Tragödie wäre es, wenn wir dem ewig wiederkehrenden Refrain glaubten, wonach niemand die Krise voraussehen und etwas dagegen tun konnte. Falls wir diese Sichtweise akzeptieren, wird all dies wieder passieren."

Laut "Wall Street Journal" wird die Untersuchungskommission nun zahlreiche Dokumente an die zuständigen Behörden weiterleiten. Diese sollen prüfen, ob zivil- und strafrechtliche Verfahren gegen die Verantwortlichen eingeleitet werden können.

Gleich mehreren Finanzkonzernen wirft der Bericht "Gier, Unachtsamkeit oder beides" vor, schreibt die "New York Times". Die Unternehmen hätten minderwertige Darlehen vergeben, Kredite "exzessiv" zu Paketen verschnürt und diese dann weiterverkauft. Das Ganze sei eine "extrem riskante Wette" gewesen. Namen einzelner Geldfirmen nennt die Zeitung nicht.

Noch härter geht die Untersuchungskommission mit den politisch Verantwortlichen ins Gericht. Die republikanische Regierung unter dem damaligen Präsidenten George W. Bush habe auf die sich anbahnende Krise völlig "inkonsistent" reagiert. So habe Bushs Finanzminister Henry Paulson - früher Chef der Investmentbank Goldman Sachs Chart zeigen - die Krisenbank Bear Stearns vor dem Zusammenbruch gerettet; bei Lehman Brothers hingegen habe er den Kollaps des Instituts in Kauf genommen, was die Finanzkrise erst richtig ausbrechen ließ. Dieses Vorgehen, heißt es laut "New York Times" in dem Untersuchungsbericht, habe an den Finanzmärkten zu "Unsicherheit und Panik" geführt.

Ein "entscheidendes Versagen" sehen die Autoren bei Alan Greenspan

Allerdings geraten auch Demokraten in die Kritik. Schon die Regierung unter Präsident Bill Clinton habe im Jahr 2000 den "Marsch in Richtung Finanzkrise" begonnen. Der Bericht begründet dies mit der von Clinton eingeleiteten Deregulierung der Finanzmärkte. Damals sei die strenge Kontrolle für exotische Finanzprodukte abgeschafft worden - was den Boom in diesem Segment erst angeheizt habe.

Besonders harsch kritisieren die Autoren des Berichts die US-Notenbank Federal Reserve. Der frühere Fed-Chef Alan Greenspan habe stets für Deregulierung plädiert, und unter seiner Ägide habe sich die US-Immobilienblase aufgebläht. Dennoch habe die Notenbank nichts dagegen unternommen - dies sei ein "entscheidendes Versagen" gewesen.

Dem amtierenden Notenbankchef Ben Bernanke werfen die Autoren vor, in die Krise unvorbereitet hineingestolpert zu sein. Noch 2007 habe er öffentlich erklärt, es drohe auf dem Kreditmarkt kein Kollaps. Wenige Zeit später wurde er eines Besseren belehrt.

Laut "New York Times" wollte keine der beschuldigten Personen zu dem Bericht Stellung nehmen.

Von den zehn Ausschussmitgliedern stimmten nur die sechs demokratischen für den Abschlussbericht. Drei Republikaner wollen eine abweichende Darstellung präsentieren, die weniger Gründe für die Finanzkrise aufführt. Der vierte Republikaner - Peter J. Wallison - will eine eigene Sichtweise auf die Finanzkrise veröffentlichen.

wal

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insgesamt 55 Beiträge
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1. oder
pariah_aflame 26.01.2011
man könnte auch schlussfolgern: pure absicht!
2. *
geroi.truda 26.01.2011
Dieses Ergebnis ist vor dem Hintergrund der Zusammensetzung der Kommission nicht eben überraschend...
3. welch Überraschung
berpoc 26.01.2011
Zitat von sysopEs ist ein vernichtendes Zeugnis für Washington und die Wall Street: Die US-Untersuchungskommission zur Finanzkrise wirft den Geldkonzernen, Ex-Präsident Bush und Notenbankchef Bernanke glattes Versagen vor - sie hätten das Desaster verhindern können, doch sie taten genau das Falsche. Zum SPIEGEL-Artikel (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,741711,00.html)
Neben dem Verbrechen des war-on-terrors (Irak-Lüge, Abu Ghureib und Guantanamo) und dem Abbau der Bürgerrechte (patriot acts I+II) ein weiterer Grund die damalige US-Regierung geschlossen in Den Haag anzuklagen. Konservative sind offensichtlich kein Stück besser als Linke, in ihrem Wirken aber erheblich gefährlicher.
4. Das...
fatherted98 26.01.2011
...wundert mich aber jetzt. Ich dachte die gierigen Kleinsparer in Deutschland wären an der globalen Finanzkrise Schuld?
5. Der arme Häuslbauer an der Tankstelle
founder 26.01.2011
Weit weg von der Großstadt, weit weg vom Arbeitsplatz, wo die Grundstücke erschwinglich sind. Alles aufs knappeste finanziert. Doch zuerst stigen die Zinsen. Dann stieg der Benzinpreis, eine Katastrophe für arme Langstreckenpendler, die einen V6 3,8 Liter Automatic für das mindeste standesgemäße Fahrzeug halten (http://politik.pege.org/2009-neujahr/). Das Geld für die Hypothekenrate wurde an der Tankstelle ausgegeben. Darum gingen auch die großen Immobilienfinanzierer als erstes Pleite. Die wahren Schuldigen, all die Autokonzerne die gegen den CCAA California Clean Air Act geklagt haben.
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