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Abkehr von Europa: Der Denkfehler deutscher Konzerne

Eine Kolumne von

Autoterminal in Bremerhaven: Deutsche Konzerne haben sich zu stark aus Europa zurückgezogen Zur Großansicht
Corbis

Autoterminal in Bremerhaven: Deutsche Konzerne haben sich zu stark aus Europa zurückgezogen

Wenn die Schwellenländer in die Krise geraten, leidet kaum ein westliches Land so stark wie Deutschland. Zu lange haben deutsche Konzerne auf China, Brasilien oder Russland gesetzt. Was uns fehlt, ist eine solide Basis - in Europa.

Wie ein Wasserball treibt die deutsche Wirtschaft auf den unruhigen Wellen der Globalisierung. Die Aktienbörsen präsentieren das gerade eindrucksvoll.

Chinas Finanzmärkte schmieren ab - und der Leitindex Dax verliert so viel wie kaum ein anderer westlicher Markt. Amerikas Notenbanker äußern Zweifel an der erwarteten Zinserhöhung im September - und deutsche Aktien schießen hektisch in die Höhe. Was passiert kommenden Dienstag, wenn neue Zahlen zur Stimmung bei Chinas Managern veröffentlicht werden? Gut möglich, dass es dann wieder abwärts geht.

Die heraufziehende Krise der Schwellenländer zeigt, wie direkt Deutschland mit den Weltmärkten schwankt. Was der Wirtschaft fehlt, ist eine stabile Heimatbasis.

Früher stellte Europa dieses Fundament dar: Fast die Hälfte der Exporte gingen bei Gründung der Währungsunion in die übrige Eurozone. Seither ist dieser Anteil auf nur noch ein Drittel geschrumpft. Angesichts stagnierender Wirtschaft und politischer Unsicherheit orientierte sich die Industrie anderweitig - zunächst ein großer Vorteil, nun aber zeigt sich die Kehrseite.

Börsenchart in Shanghai: Kehrseite der Orientierung nach Übersee zeigt sich Zur Großansicht
REUTERS

Börsenchart in Shanghai: Kehrseite der Orientierung nach Übersee zeigt sich

Inzwischen ist Deutschland extrem vom Überseebusiness abhängig. Keine andere große Volkswirtschaft fährt seit Jahren so hohe Überschüsse im Auslandsgeschäft ein, insbesondere durch den Absatz in den großen Schwellenländern und in den USA. Viele Konzerne machen dort einen Großteil ihrer Gewinne. Eine überragende Rolle spielt das China-Geschäft. Entsprechend wäre Deutschland von einem heftigen Konjunktureinbruch dort spürbar härter getroffen als die Eurozone insgesamt oder die USA, errechneten kürzlich die Volkswirte der Bundesbank.

Jetzt rächt sich, dass Staat und Wirtschaft über Jahre den europäischen Heimatmarkt vernachlässigt haben. Angela Merkel hat durch ihre Politik der kleinen Schritte in Kauf genommen, dass die Eurokrise bis heute nicht gelöst, sondern lediglich eingedämmt ist.

Große Befreiungsschläge, ein neuer Deal für Europa, eine echte Bankenunion, ein kohärenter Plan zum Abbau von staatlichen und privaten Schulden, ohne den Europa kaum zu nachhaltigem Wachstum zurückfinden wird - all das war und ist mit Deutschland nicht möglich. Stattdessen gerät die Währungsunion immer wieder an den Rand des Scheiterns.

Europamüdigkeit unter deutschen Top-Managern

Die Folge ist eine schwelende Dauerkrise. Seit 2009 liegen große Teile Europas ökonomisch darnieder. Zwischenzeitliche Meldungen über relativ hohe Wachstumszahlen, wie sie diese Woche aus Spanien und - Überraschung! - aus Griechenland kamen, ändern nichts an diesem Befund. Immer noch hat die Wirtschaftsleistung großer Länder wie Italien noch nicht ihr Vorkrisenniveau erreicht - auch deshalb ist es denkbar, dass die EZB am Donnerstag angesichts der aktuellen Unwägbarkeiten ankündigt, noch mehr Geld in die Märkte zu pumpen.

Vor der Börse in Mumbai: Abschwung in Schwellenländern wirft Europa auf sich selbst zurück Zur Großansicht
AFP

Vor der Börse in Mumbai: Abschwung in Schwellenländern wirft Europa auf sich selbst zurück

Lange schien es, als könne sich die Bundesrepublik diese abwartende Politik leisten. Hatte sich die dynamische deutsche Wirtschaft nicht längst vom Rest Europas entkoppelt?

Wer sich in den vergangenen Jahren mit Top-Managern aus Vorzeigebranchen wie der Autoindustrie oder dem Maschinen- und Anlagenbau unterhielt, stieß auf akute Europa-Müdigkeit: lahmer Markt, schwierige Perspektiven, dazu die quälende Eurokrise, der Ärger über vertragsbrüchige Partnerländer und zahlungsunwillige Schuldner - diverse Konzernchefs machten sich für das Ausscheiden einzelner Länder aus der Eurozone stark. Entsprechend handelten sie: kein Umsatz, kein Zutrauen. Investiert wurde woanders auf dem Globus.

So konnte der Eindruck entstehen, als habe die deutsche Wirtschaft weniger Interesse an einem guten Verhältnis zu den europäischen Nachbarn als zu den autoritären Führungen Chinas und Russlands. Deutschland wähnte sich der Nickeligkeiten des alten Kontinents entwachsen. Welch' eine Illusion!

Auch ökonomisch ist Deutschland ohne ein starkes Europa nicht vorstellbar

Nicht nur politisch, auch ökonomisch ist die Bundesrepublik ohne ein stabiles Europa kaum vorstellbar. Konzerne wie Volkswagen, Bayer oder BMW sind darauf gebaut. Sie mögen gute Geschäfte in Asien oder in Nordamerika machen. Aber ohne gesundes europäisches Standbein wird die Konstruktion instabil - zumal wenn wie derzeit zwei von drei Beinen wackeln.

Falls die EU - und das heißt in erster Linie die Eurozone - ihre Dauerkrise nicht überwindet, dann sieht es düster aus für die deutsche Wirtschaft. Schon jetzt steht der freie Personenverkehr in der EU zur Disposition. Gut möglich, dass bei fortdauernden ökonomischen Schwierigkeiten auch der Warenverkehr durch neue Grenzen behindert wird.

Der Abschwung in den Schwellenländern wirft Europa auf sich selbst zurück. Die Stabilisierung des Kontinents wird deshalb zur zentralen Aufgabe. Eigentlich stand die große Debatte darüber für diesen Sommer auf dem Programm. Die Griechenlandkrise und der Streit in der Flüchtlingsfrage haben das verhindert. Wenn nun auch im Herbst nichts vorangeht, wird es eng: Kommendes Jahr beginnen schon wieder die Wahlkämpfe in Deutschland und in Frankreich - und das sind wirklich schlechte Zeiten für politische Durchbrüche.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche

Montag

BRÜSSEL - Inflation, Deflation? - Vorläufige Zahlen zur Veränderung der Verbraucherpreise in der Eurozone im August: Schwache Werte könnten die EZB am Donnerstag zur Ankündigung weiterer Lockerungsübungen bewegen.

GÜTERSLOH - RTL, Gruner & Co. - Deutschlands immer noch größter Medienkonzern Bertelsmann berichtet vom Geschäft im ersten Halbjahr.

Dienstag

PEKING - China-Stimmung, offiziell - Der Caixin Einkaufsmanager-Index für die Industrie.

NÜRNBERG - (Noch) Gute Zeiten - Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht die Arbeitsmarktdaten für August.

Mittwoch

FRANKFURT - Auflaufen der Hochfinanz - Das "Handelsblatt" lädt zu seiner jährlichen Bankentagung (bis Donnerstag). Mit dabei: Jürgen Fitschen (Deutsche Bank), Martin Blessing (Commerzbank), Georg Fahrenschon (Sparkassenverband), und Axel Weber (UBS)

WASHINGTON - Verschiebt die Fed die Zinserhöhung? - Die US-Notenbank veröffentlicht ihren Konjunkturbericht ("Beige Book"). Spekulationen, ob sie tatsächlich, wie bis vorige Woche erwartet, im September die Zinsen erhöht, werden dann in den Markt schießen.

Donnerstag

Frankfurt - Leichter, immer noch leichter? - Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) befindet über die weitere Geldpolitik. Die Börsen werden genau hinhören: Sollte EZB-Chef Draghi angesichts der Unsicherheiten in China eine Ausweitung des "Quantative Easing" in Aussicht stellen, dürfte das die Kurse beflügeln.

Freitag

Ankara - Währungskrieger - Treffen der Finanzminister und Notenbank-Chefs der G20-Staaten (bis Samstag): Im Zentrum dürften die heftigen Wechselkursschwankungen der vergangenen Wochen stehen.

BERLIN - Verblasste Mythen - Die Unterhaltungselektronik-Messe IFA beginnt.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.
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insgesamt 149 Beiträge
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1. So ein Quatsch
hekul 30.08.2015
Wären wir auf Europa fixiert, hätten und die PIGGS schon vor 3 Jahren in den Strudel gerissen! Den Markt in Übersee hätte dann Fiat unf GM bearbeitet. Toll diese Vergangenheits- Hellseher, die am Ergebnis sehen was vorher falsch lief!
2. Nun,
ftester 30.08.2015
wer den russischen Raum auf Druck der USA und der geschichlich nicht so bewanderten Klientel der westdeutschen Politiker einfach so aufgibt braucht jetzt nicht jammern, nach einem "Tal der Tränen" wird Russland und seine Anhängsel nach Asien verloren sein, Schade um den tollen Wirtschaftsraum, na ja, TTIP wird den Rest beisteuern...
3. Solide Basis
claus.w.grunow 30.08.2015
Kein Denkfehler. Europa ist pleite. Eine kleine Finanzkrise genügt, und das Kartenhaus Europa stürzt ein. Ist denn Griechenland &Co. schon vergessen?
4. Thema verfehlt!
scrooger338 30.08.2015
Zum Glück hat die deutsche wirtschaft auf die starken export märkte china und usa gesetzt! Französische Konzerne wie etwa Peugeot haben kein China-Geschäft und stehen ganz schlecht da. Vielleicht, darüber sollte der author mal nachdenken, ist das sozialistische überbürokratisierte europa einfach abgehängt! Da kommt wohl nicht mehr viel wachstum... .
5. Solide Basis ..
knipser2013 30.08.2015
Da muss ich direkt an die Target 2 Salden denken. Wie wird sich dieses Problem noch lösen lassen. Im Moment laufen diese Dinge auf ein Böses Ende zu.. aber die Unternehmen haben Ihre Kohle schon.
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