Abu Dhabi versus Dubai Die neue Macht am Golf

In den Vereinigten Arabischen Emiraten gab es bisher eine klare Arbeitsteilung: Dubai stand im Rampenlicht, Abu Dhabi blieb im Schatten. Damit ist jetzt Schluss: Offensiv vermarktet sich das superreiche Öl-Emirat Abu Dhabi als Boomregion mit Öko-Image.

Von Jörg Schäffer und Helen Staude

REUTERS

Die Schmach stand Scheich Mohammad Al Maktoum, dem Herrscher Dubais, ins Gesicht geschrieben, als er der Welt den Namen des neuen Wahrzeichen Dubais verkündete. Aus Burdsch Dubai machte er kurzerhand Burdsch Khalifa, benannt nach dem Herrscher Abu Dhabis, Scheich Khalifa Bin Zayed Bin Sultan Al Nahyan. Dieser hatte im vergangenen Jahr seinen Nachbarn vor dem finanziellen Ruin bewahrt: 25 Milliarden Dollar sind in die leeren Kassen Al Maktoums geflossen. Erkauft hatte sich Abu Dhabi den Namen nicht: Das Geld muss Dubai zurückzahlen. Dennoch ist es ein Kniefall der Maktoums und ein deutliches Zeichen, wer in Dubai das Sagen hat.

"Die Zeit der Alleingänge ist vorbei", sagt der Golfexperte Belabbes Benkredda. Der 31-Jährige ist seit vier Jahren Medien- und Unternehmensberater in Dubai. Den schillernden Aufstieg hat er miterlebt, die Krise auch. "Es wird sich einiges ändern. Dubai war lange eine Art Staat im Staat, dessen eigenwillige Praktiken von Abu Dhabi allenfalls geduldet wurden", erklärt er. Nachdem sicher ist, dass Dubai auf absehbare Zeit kein Geld auf den internationalen Kreditmärkten bekommen wird, ist es auf das Wohlwollen Abu Dhabis angewiesen.

"Wie jeder Gläubiger stellt Abu Dhabi Bedingungen, an die sich Dubai halten muss," sagt Benkredda. Dabei gehe es zum einen konkret um die Weiterverwendung des Geldes. Zum anderen sichert sich Abu Dhabi mittelbar seinen Einfluss: Dubai müsse sich in Zukunft in vielen Bereichen enger mit dem Nachbarn abstimmen, etwa in der Migrations-, Handels-, Sicherheits- und Finanzpolitik, vor allem aber in der Außenpolitik.

Pro Palästina - oder pro Israel?

Dadurch könnte sich das Verhältnis zu Israel verändern. Die Al Maktoums sind traditionell pro-palästinensisch eingestellt, die Herrscherfamilie in Abu Dhabi orientiert sich stärker an der israelischen Schutzmacht USA. So reiste nur zwei Wochen nach der Einweihung des Burdsch Khalifas zum ersten Mal ein israelisches Kabinettsmitglied, Infrastrukturminister Uzi Landau, in die Emirate.

Abu Dhabis Schritt aus dem Schatten Dubais kam nicht plötzlich: Im Jahre 2005 öffnete das Hotel "Emirates Palace" die Tore. Insider munkeln, dass der Glanz des Hotelpalastes Bundeskanzlerin Angela Merkel etwas zu viel war, als sie 2007 an den Persischen Golf fuhr. Wer aber vermuten würde, dass in der Hauptstadt der Emirate ein zweites Dubai entsteht, der täuscht sich. "In Dubai muss sich jeder Quadratzentimeter rentieren und verkauft werden, in Abu Dhabi nicht", erklärt Benkredda.

Die Al Nahyans haben beides: Platz und das nötige Kleingeld für Großprojekte. Bis 2030 soll das Stadtzentrum verschoben werden, das sieht ein Masterplan vor. Noch ist die Skyline an der Küste das Herz der Stadt. Ein neues Zentrum soll nun um die große Scheich-Zayed-Bin-Sultan-Al-Nahyan-Moschee gebaut werden, mit kleinen Parks, Plätzen mit Cafés und Restaurants - typische Orte einer Stadtlandschaft, die sich abheben soll von einer Architektur, die auf das reine Business ausgerichtet ist.

Beide Emirate brauchen einander

Die Machtverschiebung bedeutet aber keinesfalls das Ende Dubais. Im Gegenteil. "Keines der Emirate hat ein Interesse an einer Schwächung Dubais, schon gar nicht Abu Dhabi", sagt Sabine Reindel, Rechtsanwältin in der Kanzlei Rödl & Partner. "Dafür sind die strategischen Ausrichtungen zu unterschiedlich. Beide Emirate brauchen einander."

Während Dubai sich als Handels- und Finanzplatz positioniert, investiert Abu Dhabi kräftig in die Verwertung seiner Öl- und Gasressourcen. Mit dem Industriekomplex Chemaweyaat will Abu Dhabi weltweit konkurrenzfähig werden. So sollen das eigene Öl und Gas genutzt werden, um chemische Produkte für den Export zu erzeugen.

Ein Schlagwort für die erwünschte Wettbewerbsfähigkeit ist Vernetzung: Reststoffe und Abwärme der einen Fabrikanlage sollen als Grundstoffe und Prozesswärme der nächsten dienen. Bis 2014 soll die erste, zehn Milliarden Dollar teure Anlage entstehen. Mehr als zehn Millionen Tonnen chemische Produkte wollen die Gesellschafter jährlich exportieren. Die Hauptanteilseigner sind mit jeweils 40 Prozent der "Abu Dhabi Investment Council" (ADIC) und die "International Petroleum Investment Company" (IPIC).

Abu Dhabi setzt auf Ökoenergie

IPIC hat schon früher auf sich aufmerksam gemacht: 2008 wurde bekannt, dass das Unternehmen mit 70 Prozent bei der deutschen MAN-Tochter Ferrostaal einsteigt. In diesem Jahr übernimmt es nun auch die restlichen Anteile. Dafür wurden Ferrostaal schon jetzt Projekte für Chemawayaat im Umfang von zwei Milliarden Dollar zugesagt. In den vergangenen Jahren hat sich die Essener Ferrostaal auf den Anlagenbau für die Petrochemie spezialisiert. Somit passt das Unternehmen perfekt ins Portfolio von IPIC.

Deutsche Befürchtungen, Abu Dhabi werde sich zu sehr in die Firmenpolitik einmischen, haben sich bislang nicht bestätigt: Das Management bleibt in deutscher Hand, die Konzernzentrale in Essen. Mit Ferrostaal kauft sich IPIC aber auch wichtige Technologien für erneuerbare Energien ein.

Denn neben der Chemieindustrie setzt Abu Dhabi vor allem auf Zukunftstechnologien. Ein wichtiger Meilenstein soll das 22 Milliarden schwere Prestigeprojekt Masdar City werden. Ein Land, das förmlich auf dem Öl sitzt, baut nun eine Stadt, die keinen Tropfen davon verwendet: eine Stadt, die komplett ohne Kohlendioxid-Emissionen auskommen soll und als Freihandelszone für technologieorientierte Unternehmen fungiert. Über 1500 Firmen, vornehmlich aus dem Ökologiesektor, sollen sich hier ansiedeln. Als Herzstück der Anlage ist ein Forschungszentrum geplant.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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JoschSche 11.04.2010
1. Schon...
...beeindruckend, wie hartnäckig die Öl-Milliardäre dabei sind, ihre Dollars in Sachwerte zu verwandeln. Das scheint in der Region ja geradezu zu einer Art Schweinegrippe geworden zu sein... Dieses Phänomen sollte sedierten westlichen Hirnen durchaus mal zu denken geben: wissen die Scheichs vielleicht doch mehr als wir?
Hubert Rudnick, 11.04.2010
2. Hinter die Fassade schauen
Zitat von JoschSche...beeindruckend, wie hartnäckig die Öl-Milliardäre dabei sind, ihre Dollars in Sachwerte zu verwandeln. Das scheint in der Region ja geradezu zu einer Art Schweinegrippe geworden zu sein... Dieses Phänomen sollte sedierten westlichen Hirnen durchaus mal zu denken geben: wissen die Scheichs vielleicht doch mehr als wir?
----------------------------------------------------------- Dubai ist im Aufbruch und es wird gebaut was das Zeug hält, oder vielleicht besser gesagt, es kann sich nur so entwickeln wie es die Arbeitssklaven ihnen ermöglichen. Wenn man mal etwas genauer hinschaut, dann wird man erfahren, dass dieses System was da in Dubai regiert nur auf totale Ausbeutung und Erniedrigung derjenigen ausgerichtet ist,die diesen reichen Leuten die Werte schaffen. Die vielen ausländischen Arbeitern werden buchstäblich wie Sklaven gehaltenm, man holt sie mit Versprechungen ins Land, nimmt ihnem die Papiere weg und lässt sie für sich schuften, aber an einer Bezahlung denken diese Leute dann nicht. Aber auch vielen ausländichen Firmen ist es oft nicht besser ergangen, sie alle wollten was vom Bauboom abhaben und sind dann nur finanziell auf die Nase gefallen, denn in diesem Land gibt es nur das Recht der Reichen und alle sind praktisch rechtlos. Schöne neue Scheinwelt. HR
Christian Krippenstapel 11.04.2010
3. Dazu fallen mir 2 Sachen ein
1.) Sind die Wüstensöhne offenbar schlauer als wir und sorgen mit ihren Ökoprojekten für die Zeit nach dem Öl vor, obwohl sie förmlich im Öl schwimmen. Wir dagegen tun so, als ginge der Boom nie zu Ende und machen es Pionieren, die nach Alternativen suchen, das Leben schwer, weil wir ständig vor lauter Haaren die Suppe nicht mehr sehen. 2.) Sind die Araber offenbar gerade dabei, ihre größte Schwäche zu überwinden: Ihre Uneinigkeit. Das sollte uns, vor allem aber Israel, zu denken geben! Sonst wird es enden wie die Kreuzzüge des Mittelalters: Anfangs wurden märchenhafte Erfolge gegen die zersplitterten Sippen der Araber erfochten, aber als sie sich um Sultan Saladin geschart hatten wendete sich das Blatt dramatisch und halb Europa wurde auf Jahrhunderte besetzt. Vielleicht ein Anlaß mal darüber nachzudenken, ob es wirklich klug ist, immer nur den starken Mann zu markieren und den Arabern bei jeder Gelegenheit vors Scheinbein zu treten, anstatt endlich eine einvernehmliche Lösung anzustreben.
ex_t_kunde 11.04.2010
4. offenes Geheimnis
Zitat von JoschSche...beeindruckend, wie hartnäckig die Öl-Milliardäre dabei sind, ihre Dollars in Sachwerte zu verwandeln. Das scheint in der Region ja geradezu zu einer Art Schweinegrippe geworden zu sein... Dieses Phänomen sollte sedierten westlichen Hirnen durchaus mal zu denken geben: wissen die Scheichs vielleicht doch mehr als wir?
Dass die Oelvorräte auf der arabischen Halbinsel endlich sind, sollte jedem noch so sedierten westlichen Hirn klar sein. Dass alle Golfstaaten so stark nach alternativen Einkünften suchen, könnte aber darauf hindeuten, dass sogar die noch verbliebenen Reserven überbewertet wurden. Vermutungen in die Richtung gibt es schon lange. Und übrigens investiert auch der notorische British-Petrol-Konzern in UK massiv in Windenergie. Aber die Deutschen kapieren es mal wieder als letzte und wenn das Oel in 10 oder 20 Jahren so rar sein wird, dass es unbezahlbar ist, dann schreien wieder alle nach dem Staat.
Das Auge des Betrachters 11.04.2010
5. Verschwindet alles wie es kam
Dubai oder Abu Dhabi? Luftblasen in ihrer reinsten Form. Ist das Öl weg bleibt ein Haufen Sand. Wer dort investiert oder glaubt Geld verdienen zu können ist selbst schuld. Am Ende, werden Steueroasen, als einzig mögliche Existenzform bleiben, denen bis dahin hoffentlich, ein neue Klasse der Weltpolitik begegnet.
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