Fehlende Förderung Bundesagentur lässt ältere Arbeitslose im Stich

Die Zahl der Älteren ohne Job in Deutschland wächst, obwohl die Arbeitslosigkeit insgesamt sinkt. Die Bundesagentur fördert die meisten nicht mehr, die über 55 sind, und lässt sie aus der Statistik fallen.

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Wartende in einer Arbeitsagentur (Archiv): Überdurchschnittlich schlechte Chancen
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Wartende in einer Arbeitsagentur (Archiv): Überdurchschnittlich schlechte Chancen


Hamburg - Die Ankündigung klang vielversprechend. "Wir wollen das Prinzip des lebenslangen Lernens stärken und die Weiterbildungsbeteiligung Älterer steigern." Bald ein Jahr später ist das Versprechen der schwarz-roten Bundesregierung im Koalitionsvertrag weit davon entfernt, umgesetzt zu werden. Im Gegenteil: Ältere Arbeitslose werden immer seltener gefördert. Zugleich steigt die Zahl arbeitsloser über 55-Jähriger deutlich, wie aus einer Kleinen Anfrage der Bundestagsabgeordneten Brigitte Pothmer (Grüne) an die Bundesregierung hervorgeht.

Die Entwicklung überrascht vor allem deshalb, weil die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren insgesamt gesunken ist und immer mehr Ältere erwerbstätig sind. Doch während die Älteren, die noch nah am Job sind, als Fachkräfte stark umworben werden, fallen die Arbeitslosen dieser Gruppe immer weiter zurück. So ist der Anteil Älterer an allen Arbeitslosen auf 23,2 Prozent im Jahr 2013 gestiegen. Vier Jahre zuvor waren es mit 15 Prozent vergleichsweise wenig - mitten in einer schweren Wirtschaftskrise wohlgemerkt. Auch in absoluten Zahlen lässt sich der negative Trend belegen. Waren 2009 noch 495.000 über 55-Jährige arbeitslos gemeldet, waren es im vergangenen Jahr bereits fast 573.000.

Obwohl sich die Bundesregierung derzeit - anders als 2009 - über sprudelnde Einnahmen freuen kann und einen ausgeglichenen Haushalt anstrebt, schrumpfen die Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik - also Umschulungen oder Weiterbildungskurse - für ältere Menschen ohne Job massiv zusammen. So wurden im vergangenen Jahr von der Behörde nur etwas mehr als 11 Prozent der Arbeitslosen, die älter als 55 waren, gefördert. Vier Jahre zuvor lag die Quote noch bei 12,6 Prozent.

Unterbeschäftigt statt arbeitslos

"Die Entwicklung ist besonders dramatisch, weil ältere Arbeitslose überdurchschnittlich schlechte Chancen haben, wieder Arbeit zu finden", sagt die Bundestagsabgeordnete Pothmer. "Trotzdem geizt die Bundesagentur für Arbeit ausgerechnet bei ihnen an Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen."

Wie aber passt das zusammen - das Bekenntnis der Bundesregierung, Ältere stetig weiterzubilden, und die schwache Förderung? Arbeitsmarktpolitikerin Pothmer wirft der Regierung vor, sich nur auf diejenigen zu konzentrieren, die noch am Markt, also noch nicht in der Arbeitslosigkeit gefangen sind.

Zugleich gibt es ein strukturelles Problem: Seit 2008 nämlich gelten Arbeitsuchende, die älter als 58 sind, nicht mehr als arbeitslos, wenn sie länger als ein Jahr Hartz IV beziehen und keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten bekommen. Statt sie weiter als arbeitslos zu führen, wird diese Gruppe nur noch in einer gesonderten Tabelle - der sogenannten Unterbeschäftigungsstatistik -geführt. In der offiziellen Arbeitslosenstatistik, die jeden Monat in den Nachrichten läuft, taucht sie nicht mehr auf. "Diese Regelung gilt nicht gerade als Anreizprogramm, in ältere Arbeitslose zu investieren", konstatiert Pothmer.

Und: Auch diese versteckte Gruppe wächst. 2008 fielen noch 75 Ältere so aus der offiziellen Statistik. 2013 waren es bereits knapp 146.000.

Um diese Menschen wieder sichtbarer zu machen, sollte die Regel laut Pothmer schleunigst abgeschafft werden - als Teil eines radikalen Kurswechsels bei der Förderung älterer Arbeitsloser. "Wenn der wachsende Fachkräftebedarf gedeckt werden soll, dann geht es nicht ohne die Älteren", sagt sie. Nur dürften ältere Arbeitslose dann nicht länger nur verwaltet, sondern müssen mit Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen gezielt unterstützt werden.

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insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
cola79 13.08.2014
1. Richtig so
Wozu so hochbetagt auch noch arbeiten? Da sollte man das Leben doch eher genießen. Die meisten Menschen werden ja gerade so 70-73 Jahre, da kann man ihnen doch die letzten 15 in Freiheit schenken, ohne Hamsterrad. Deutschland hat wohl tieferliegende Probleme, wenn man hierzulande mit sich selber nichts anzufangen weiß, ausser sich mit Arbeit zu schinden. Einfache Lösung: Rente für jeden ab 55, wer trotzdem arbeitet, bekommt 80% Lohnsteuer. Grundsicherung ab dem Alter verdoppeln. Alles wird gut!
fridericus1 13.08.2014
2. Ist doch größtenteils Nonsens ...
... was das Arbeitsamt mit älteren Arbeitslosen so treibt. Da wird einem Speditionskaufmann (mein Schwager) ein Englischkurs aufgedrängt, obwohl dieser zeit seines Berufslebens internationale Seefracht bearbeitet hat und wahrscheinlich besser Englisch spricht als der Referent. Da soll ein 61jähriger, der nach jahrelangem Kampf aus seinem Job geekelt wurde (Einzelhandelskaufmann, zu teuer), erstmal einen Computerkurs machen, obwohl er nur noch die Zeit bis zur Frühverrentung überbrücken muss. Jeder Arbeitnehmer über 55, der nicht unkündbar ist, braucht einen Plan B, wie er irgendwie bei Arbeitsplatzverlust bis 63 über die Runden kommt.
cato-der-ältere 13.08.2014
3. Zwei Punkte
1. Wie war das mit der Rente ab 67? Es sollte geprüft werden ob vor der Einführung der Anteil älterer Beschäftigter gestiegen ist und es einen Trend gibt dass das weiter so geht. Es scheint das war ein klassisches Verar...ungs-Manöver. Denn die Rente mit 67 ist wohl Fakt. 2. Wenn die über 58 nicht mehr als arbeitslos geführt werden heißt das vermutlich auch dass man sie nicht mehr ständig schikaniert, mit irgendwelchem entwürdigenden Aktionismus von Fördern und Fordern. Wenn man die jetzt wieder als "richtig" arbeitslos führt geht das natürlich auch wieder los. Dabei wird so getan als sei die Arbeitslosigkeit Schuld der Arbeitslosen und man müsse diesen nur genug auf die Füsse treten und fortbilden. Dabei ist ein gewisser Prozentsatz Arbeitslosigkeit schlicht ein Systemfehler der Marktwirtschaft, es ist lächerlich wie das ständig vertuscht werden soll. Und in diesem Fall hat es zu tun mit Vorurteilen, es ist schlicht eine Diskriminierung.
Niehen 13.08.2014
4. Fördermaßnahmen...
Fördermaßnahmen kann man sich ohnehin schenken. Meist am Praxisbedarf vorbei, teuer und sichern nur ner weiteren Branche das überleben. Mittelfristig kann es nur das Grundeinkommen geben. Und ich bin politisch nicht links verortet. Aber wenn man sich das Geld, das für Arbeitsämter mitsamt Personal, Arbeitsfördermaßnahmen, Sozialbürokratie etc. vernichtet wird, ansieht, gibt es nur die eine Lösung. Wer nicht arbeiten will, der wirds so oder so nicht tun. Ich kann mich auch so bewerben, daß mich bestimmt niemand einstellt. Der Sanktionsmechanismus ist eine weitere Bürokratiehürde, die weitere Personalkapazitäten von Ländern und Kommunen bindet. Transfergesellschaften? Unsinnig. Wieder Steuergelder. Wenn der ganze Apparat weg fällt, kann man schon nen Großteil des bedingungslosen Grundeinkommens für alle zahlen.
wermoe 13.08.2014
5. Schikanieren statt fördern
Wenn sie uns wenigstens in Ruhe sterben lassen würden, aber innerhalb eines Jahres das zweite mal zum Umzug zwingen - einer der überflüssigen 60 - jährigen Akademiker ...
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