Ältere Beschäftigte Senioren am laufenden Band

Arbeitsministerin von der Leyen fordert, dass Unternehmen sich besser auf ältere Beschäftigte einstellen. BMW hat das schon getan - und Teile seiner Fabriken modernisiert. Mit Gymnastik, leichtem Schuhwerk und kräfteschonenden Abläufen wollen die Mitarbeiter bis zum 67. Geburtstag durchhalten.

SPIEGEL ONLINE

Aus Landshut berichtet


Johann Wenzl hat nur noch wenige Wochen bis zum Ruhestand. An Weihnachten geht der 60-Jährige in Rente. Seine letzten Arbeitstage im BMW-Werk Landshut nutzt er intensiv für seine Fitness: Vor einer lauten Maschine in der Gelenkwellenfertigung steht der Meister und streckt die Arme gen Hallendecke, lässt sie fallen, schüttelt sie aus. Dann kreist er den Kopf, nach rechts, nach links und einmal rundherum.

Mehrere Minuten macht Wenzl das. Seine Kollegen blicken nicht ein einziges Mal von ihren Maschinen auf. Stattdessen lassen auch sie ab und an die Köpfe kreisen, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. "Wir kamen uns zuerst schon etwas blöde vor, als wir mit den Gymnastikübungen angefangen haben", schmunzelt Wenzl. "Jetzt aber machen alle mit. Das tut uns einfach gut."

Bei BMW ist eine entscheidende Zeitenwende angebrochen - in der es um nichts Geringeres geht als um die Zukunft des Autobauers: Das durchschnittliche Alter der BMW-Arbeiter steigt rapide. Schon in wenigen Jahren wird es bei 47 Jahren liegen statt wie heute bei 39 Jahren. Und dann werden seine Kollegen länger als bis 65 arbeiten müssen.

Argumente für die Rente mit 67 finden

Die Rente mit 67 ist unausweichlich. Das steht für Ursula von der Leyen fest. An diesem Mittwoch hat die Arbeitsministerin einen offiziellen Bericht vorgestellt, der nur ein Ziel hat: Argumente für den späteren Ruhestand zu liefern. Gerechtfertigt sei die Rente mit 67, weil sich immer mehr Ältere auch in sozialversicherungspflichtigen Jobs befänden, steht in dem Bericht. Die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters sei deshalb "vertretbar und bleibt notwendig".

Das Problem der offiziellen Lesart: Sie hat wenig mit der Realität in den Betrieben zu tun. Nur jede fünfte Firma mit 50-jährigen und älteren Beschäftigten bot 2008 altersspezifische Personalmaßnahmen an, wie es in einer Studie des Nürnberger IAB-Instituts heißt. Im Umkehrschluss bedeutet das: 80 Prozent der Unternehmen sind auf die dramatische demografische Entwicklung der kommenden Jahre nicht vorbereitet.

Ein Umstand, der offenbar auch der Ministerin bekannt ist. Am Mittwoch rief sie die Unternehmen dazu auf, "interessante, motivierende und kräfteschonende Arbeitsplätze" für Ältere zu schaffen. In der Wirtschaft, so von der Leyen, sei grundsätzlich ein Umdenken nötig.

Aber was genau können Firmen tun, um eine altersgerechte Arbeitswelt zu schaffen?

Fitness bis ins Alter trotz Fließbandarbeit erhalten

Um eine Antwort zu finden, hat BMW vor einigen Jahren einen Test gestartet. In mehreren Werken wurden Bänder aufgebaut, an denen nur ältere Mitarbeiter zugelassen wurden. Wenzl hat mitgemacht. Die Arbeiter sollten erproben, wie sie trotz schwerer Fließbandarbeit ihre körperliche Fitness bis ins Alter erhalten - und im besten Fall sogar noch produktiver werden. Jeder Vorschlag war dem Konzern willkommen.

Inzwischen ist die Testphase beendet - heute sind viele der Ideen Standard in der BMW-Produktion: Die schweren Schuhe der Arbeiter wurden gegen leichte ausgetauscht. Vor den Maschinen liegt Laminatboden, der beim Gehen und Stehen besser nachgibt als der alte Betonboden. Neue Hebevorrichtungen transportieren die schwersten Teile in der Produktion, jede unnötige Belastung der Arbeiter soll verhindert werden.

Während einer Schicht wechseln die Arbeiter außerdem häufiger ihren Standort, um einseitige Bewegungen vor den Fließbandabschnitten zu verhindern. Auch die Gymnastikübungen gehören zur modernen BMW-Welt. Eine Physiotherapeutin hat die Bewegungen mit den Mitarbeitern einstudiert. An den Maschinen angebrachte Fotos erinnern immer wieder an die korrekte Haltung. In der Pause können die BMWler in der "Oase" entspannen - ein Ruheraum, an dessen Wand ein Abbild einer Buddha-Statue prangt.

Die vermeintlich kleinen Änderungen haben innerhalb kürzester Zeit viel bewirkt: Die Arbeiter klagen trotz des Kurzzeittakts am Fließband seltener über Schmerzen am Rücken, in den Armen, an den Knien. "Fitness-Parcours" nennen manche ihren Arbeitsplatz inzwischen, andere sagen in Anspielung auf die Rotation lieber "Roulette" dazu.

"Früher hat mich allein die Vorstellung, 20 Jahre so weiterzuarbeiten, krank gemacht", sagt Wenzls Kollege Michael Lugauer. Man mag es dem 42-Jährigen kaum glauben, weil er dabei so fröhlich dreinschaut. Schnell schiebt er den Satz hinterher: "Inzwischen halte ich die Rente mit 67 nicht mehr für ganz unmöglich."

Und selbst die sonst kritischen Arbeitnehmervertreter sind begeistert: "Für alle Beteiligten ist es etwas Besonderes, an dem Projekt beteiligt zu sein - auch weil die Änderungen wirklich helfen", sagt Stefan Schmid, der den Betriebsrat im Werk Dingolfing leitet.

Außerhalb von BMW fürchten viele die Rente mit 67

Bei BMW funktioniert das Modell: Das Unternehmen prosperiert und braucht jeden Mitarbeiter. Doch außerhalb des Autobauers sehen das viele anders. Sie haben Angst davor, im Alter zu gebrechlich zu sein, um noch arbeiten zu können. Andere fürchten, noch lange vor dem 67. Lebensjahr aus dem Job gedrängt zu werden und keine neue Beschäftigung mehr zu finden, etwa weil die Anforderungen an den Beruf gestiegen sind. Über allem schwebt auch die Sorge, im Alter zu verarmen. Denn wer früher in Rente geht, muss Abschläge in Kauf nehmen.

Diese Sorgen beschäftigen auch die Gewerkschaften. Seit Wochen halten sie in einer Stadt nach der anderen ihre Aktionen gegen die Rente mit 67 ab. Eines ihrer Kernargumente: Auch wenn die spätere Rente Gesetz ist, ist dadurch noch kein Arbeitsplatz erträglicher geworden.

BMW versucht, dieses Argument zu entkräften. Dass der Konzern so fortschrittlich ist, sei aber "keinesfalls altruistischer Natur", räumt man dort ein. Zwar setzt BMW die meisten seiner Autos in Asien und den USA ab und baut dementsprechend Werke vor Ort. Aber die Top-Modelle werden nach wie vor in Deutschland gebaut.

Der Grund: BMW kann es sich nicht leisten, dass seine Betriebsgeheimnisse von chinesischen Konkurrenten abgekupfert werden. Die Kernproduktion muss also auch künftig in Deutschland bleiben, selbst wenn wenige jüngere Mitarbeiter nachrücken.

Die Qualität an den "Rentner-Fließbändern" nahm zu

In Landshut geht die Suche nach weiteren Verbesserungen derweil weiter: Wenige Meter von Johann Wenzls Maschine entfernt haben sich einige seiner Kollegen vor einer Konstruktion aus Holz und Pappe versammelt. Der einfache Bau ähnelt einer Fertigungsstraße in der Fabrik, allerdings sieht er so aus, als hätten sich Hobby-Handwerker ausgetobt.

Die Arbeiter ahmen - die Holzkonstruktion im Blick - Fertigungsschritte nach, als würden sie Motorenkomponenten anfertigen. "Hier muss man sich zweimal nach rechts drehen, um die Gelenkwelle abzulegen. Das kann man besser machen", sagt einer von ihnen. Ein anderer nickt, der Dritte notiert die wichtigsten Punkte.

Die Mitarbeiter wollen feststellen, wo Arbeitsgänge am Band noch geschmeidiger laufen können. Ihre Ideen haben sie zunächst mit Lego vor-, dann mit Holz und Pappe nachgebaut. Sobald eine Produktionslinie bei BMW umgebaut werden muss, werden die Vorschläge dann in echte Fließbandabschnitte umgesetzt. Nach diesem Prinzip soll die gesamte Produktion in den kommenden Jahren nach und nach modernisiert und altersgerecht aufgebaut werden. Ein langer Prozess.

Dass dieser aber nicht nur im Interesse der Mitarbeiter, sondern des Unternehmens selbst ist, zeigt sich schon heute. So hat BMW in den Testphasen die Erfahrung gemacht, dass die Produkte an den "Rentner-Bändern" von höchster Qualität waren. Zwar waren die Abläufe etwas verlangsamt, aber dafür machten die Arbeiter so wenig Fehler wie nie.

Inzwischen hat der Konzern die "Rentner-Bänder" wieder aufgelöst. Die Älteren sind wieder an ihre normalen Arbeitsplätze zurückgekehrt.

Johann Wenzl senkt die Arme wieder und stellt sich gerade vor seine Maschine. "Bis vor kurzem habe ich mich richtig auf den Ruhestand gefreut. Auch jetzt noch zähle ich die Tage bis zum letzten Arbeitstag", gibt der Fast-schon-Rentner zu. "Aber jetzt werde ich traurig, wenn ich daran denke, dass bald alles vorbei ist."



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
KarlKäfer, 17.11.2010
1. *
Auf ihr Ü-50iger stürmt das BMW-Werk und fordert euere Arbeitsplätze ein.
aktenzeichen 17.11.2010
2. Warum?!
Zitat von sysopArbeitsministerin von der Leyen fordert, dass Unternehmen sich besser auf ältere Beschäftigte einstellen. BMW hat das schon getan - und*Teile seiner Fabriken modernisiert.*Mittels*Gymnastik, leichtem Schuhwerk*und kräfteschonenden Abläufen*werden die Mitarbeiter auf die Rente mit 67*vorbereitet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,728514,00.html
Mit dem Verursacherprinzip hat die Rente mit 67 nichts zu tun! Warum zahlen Leute ohne oder mit nur einem Kind nicht einfach höhere Renten- und Krankenkassenbeiträge, obwohl sie ja das Geld, welches Kinder kosten, übrig haben? Diese Leute werden es in der Regel nicht sein, die bis 67 arbeiten, weil sie von den gesparten Kosten für den Nachwuchs private Rentenversicherung abschließen können, die ihnen die Plage abnehmen...
archie, 17.11.2010
3. Antwort
Mein Arbeitgeber (Öff. Dienst) bietet gar nichts für Senioren an. Alle Gesundheitsangebote richten sich an Frauen. Im übrigen sind fast alle Kollegen meines Alters mit 55 in Altersteilzeit gegangen und seit geraumer Zeit schon im passiven Teil. Bei mir ging das nicht, mit 55 war ich noch nicht berechtigt, meine Einkünfte freiwillig zu reduzieren wegen Unterhaltszahlungen an studierdende Kinder. Die Kollegen, die ihre Kinder einen anständigen Beruf hatten lernen lassen, waren aus dem Schneider. So schleppt man sich mit über 60 ins Büro und muss sich von 40jährigen Akademiker-Cheffinnen schikanieren lassen.
serottner 17.11.2010
4. Wie wär`s denn mal....
Zitat von sysopArbeitsministerin von der Leyen fordert, dass Unternehmen sich besser auf ältere Beschäftigte einstellen. BMW hat das schon getan - und*Teile seiner Fabriken modernisiert.*Mittels*Gymnastik, leichtem Schuhwerk*und kräfteschonenden Abläufen*werden die Mitarbeiter auf die Rente mit 67*vorbereitet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,728514,00.html
....mit freiwilligem Arbeiten ab 65. Da gibt es sicher einige die Lust haben. Und das sind sicher mehr, als es Arbeitsplätze gibt. Wer nicht mehr kann oder will, darf in Rente gehen. Es ist keinesfalls weniger Geld im Umlauf als zuvor. Es wird nur anders verteilt. Wo ist es nur???
heinrichp 17.11.2010
5. Märchentante von der Leyen
Zitat von sysopArbeitsministerin von der Leyen fordert, dass Unternehmen sich besser auf ältere Beschäftigte einstellen. BMW hat das schon getan - und*Teile seiner Fabriken modernisiert.*Mittels*Gymnastik, leichtem Schuhwerk*und kräfteschonenden Abläufen*werden die Mitarbeiter auf die Rente mit 67*vorbereitet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,728514,00.html
Politiker können nur reden, haben keine Ahnung von der wahren Realität. Anstatt das System zu ändern werden Märchen erzählt und das verunsicherte Volk glaubt es noch. Die Rente mit 67 ist nicht realisierbar, nicht einmal die Jugend bekommt Arbeit! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/pages/Wer_hat_dem_wird_gegeben-772270.html
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