Zürich - Seit Längerem verdächtigen die US-Behörden Schweizer Banken, reichen Amerikanern bei Steuerhinterziehung geholfen zu haben. Eines der ins Visier geratenen Geldhäuser, die Privatbank Wegelin, streckt nun die Waffen - und verkauft den größten Teil des Geschäfts an die Schweizer Raiffeisenbank. Praktisch alle 700 Mitarbeiter wechseln nach Angaben vom Freitag zu der Genossenschaftsbank. Einzig das US-Geschäft bleibt bei den bisherigen Teilhabern, die sich nun ganz auf die Auseinandersetzung mit den US-Strafverfolgungsbehörden konzentrieren wollen.
"Die ungeheuer schwierige und existenzbedrohende Lage, in welche uns die rechtliche Auseinandersetzung mit den US-Behörden gebracht hat, zwingt mich und meinen langjährigen Partner Otto Bruderer, zusammen mit allen unbeschränkt haftenden Teilhabern, zu diesem ausserordentlich schmerzlichen Vorgehen", sagte Wegelin-Chef Konrad Hummler. Er hat aus der 1741 gegründeten Mini-Bank in zwei Jahrzehnten ein Geldhaus mit 700 Mitarbeitern und knapp 25 Milliarden Franken Kundenvermögen gemacht. Nun sieht er sein Lebenswerk bedroht: "Gewiss kann man sich vorstellen, wie schwer uns dieser Schritt fällt, geben wir doch gleichzeitig unser Lebenswerk auf", sagte er am Freitag.
Die US-Behörden werfen Wegelin-Mitarbeitern vor, amerikanische Kunden von der Großbank UBS übernommen zu haben, als gegen diese bereits wegen des Verdachts auf Beihilfe zu Steuerhinterziehung ermittelt wurde. Die Bank habe ihnen Schutz vor der amerikanischen Steuerbehörde IRS versprochen, hieß es in der Anklageschrift gegen drei Wegelin-Mitarbeiter. Die Männer sollen reichen US-Steuersündern geholfen haben, über 1,2 Milliarden Dollar vor den Steuerbehörden zu verbergen.
Neben Wegelin stehen zehn weitere Banken im Visier der US-Justiz, darunter Credit Suisse und Bank Julius Bär. Mindestens zwei Dutzend Schweizer Banker und Dutzende von US-Kunden haben die Amerikaner angeklagt. Bei in aller Öffentlichkeit ausgetragenen rechtlichen Auseinandersetzungen drohe die Gefahr, dass sich Kunden nach einem anderen Vermögensverwalter umsehen. So hatte etwa ein Team von Kundenberatern Anfang Januar von Wegelin zur Banque Privée Edmond de Rothschild gewechselt.
Geständige Steuersünder
Auf Wegelin gekommen waren die amerikanischen Steuerbehörden durch einen geständigen amerikanischen Steuersünder. Der 81 Jahre alte Ex-Anwalt gab im letzten Sommer zu, 2008 Geld von der UBS zu Wegelin verschoben zu haben. Seitdem muss Hummler geahnt haben, was auf ihn zukommen kann. Auf die Frage, was er tue, wenn die Amerikaner seine Bank verklagen, sagte er dem "Tages-Anzeiger" im November: "Dann wird es vor allem richtig spannend. Wir sind gut vorbereitet".
Seit Jahresanfang versuchte Wegelin das Problem zu entschärfen. Die Bank nahm Verhandlungen mit den US-Behörden auf und ein Partner, der in das US-Geschäft involviert war, wurde suspendiert. Doch das reichte offenbar nicht. Der Verkauf der Vermögensverwaltung sei unumgänglich, erklärte Wegelin nun. "Es ist unsere Pflicht, unseren Kunden und Mitarbeitern ein Maximum an Sicherheit zu geben," sagte Hummler.
Raiffeisen kann sich mit der Übernahme den lange gehegten Traum einer eigenen Privatbank erfüllen. Im vergangenen Herbst hatte Raiffeisen auch ein Angebot für die Übernahme der Bank Sarasin vorgelegt, gegen die brasilianische Safra aber das Nachsehen gehabt. Mit verwalteten Vermögen von gut hundert Milliarden Franken ist Sarasin zwar rund vier Mal größer als Wegelin. Aber auch die St.Galler Wegelin hat in der Privatbankenszene einen klangvollen Namen. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Leiter des Privatebankings bei Raiffeisen wird der Wegelin-Manager Adrian Künzi.
aar/Reuters/AFP
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