AfD im Aufwind "Der Gerechtigkeitswahlkampf der SPD war nicht klug"

Um die AfD zu schwächen, wollte sich die SPD als Schutzmacht kleiner Leute profilieren. Falscher Ansatz, zeigen Studien: Nicht Armut treibt Wähler nach rechts - sondern ein schwelender Kulturkampf.

AfD-Anhänger in Hamburg (Archiv)
imago/ Lars Berg

AfD-Anhänger in Hamburg (Archiv)

Ein Interview von


Als die großen Parteien zur Jahreswende Strategien festlegten für ihre Bundestagskampagnen, waren Teile der Union und Sozialdemokraten in einer Sache ziemlich einig: Die AfD könne man bekämpfen, indem wirtschaftlich etwas getan werde für ihr Wählerpotenzial. Die SPD versprach, wieder "Schutzmacht der kleinen Leute" (Sigmar Gabriel) zu werden, CDU/CSU wollten mehr tun, "um die Globalisierungsverlierer zu erreichen".

Neun Monate später steht die AfD in Umfragen wieder dort, wo sie Ende 2016 schon einmal war: bei zweistelligen Zustimmungswerten. Liegen die Meinungsforscher richtig, hat die Partei sogar gute Chancen, in den neuen Bundestag als drittstärkste Kraft einzuziehen.

Was ist schiefgelaufen? Der Soziologe Holger Lengfeld hat die Motive von Bürgern untersucht, die mit der AfD sympathisieren. Er kommt zu dem Schluss, dass die Strategien der etablierten Parteien von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren - weil ihnen die falsche Annahme zugrunde liegt: Die meisten AfD-Anhänger seien in Wahrheit gar keine Verlierer der wirtschaftlichen Entwicklung.

  • Swen Reichhold/ Universität Leipzig
    Holger Lengfeld, Jahrgang 1970, ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig. Er ist Autor zahlreicher Untersuchungen über die ökonomischen Abstiegsängste der Deutschen - die Motive von AfD-Sympathisanten.

SPIEGEL ONLINE: Warum taugt die Theorie, Modernisierungsverlierer seien besonders anfällig für rechte Populisten, nicht als Erklärung für den Erfolg der AfD?

Lengfeld: Die Daten widersprechen dieser These: 29 Prozent der AfD-Sympathisanten sind Bezieher eines mittleren Einkommens, 39 Prozent verdienen sogar deutlich überdurchschnittlich. Weder formal gering Gebildete, noch Arbeiter oder Bezieher von geringen Einkommen neigen besonders stark dazu, AfD zu wählen.

Lengfeld steht mit seinen Erkenntnissen nicht allein. Bereits im März kam eine Umfrage im Auftrag des SPIEGEL zu dem Ergebnis, dass 79 Prozent der AfD-Anhänger ihre wirtschaftliche Lage als gut bis sehr gut einschätzen, im Durchschnitt aller Befragten waren es mit 76 Prozent etwas weniger.

Im August kam auch eine Studie der den Gewerkschaften nahestehenden Hans-Böckler-Stiftung zu einem ähnlichen Ergebnis. AfD-Sympathisanten blicken demnach zwar deutlich pessimistischer in die Zukunft als der Rest der Bevölkerung - sind aber tatsächlich "überwiegend nicht in einer finanziell prekären Situation".

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich dann den Zulauf der Partei?

Lengfeld: Es ist nicht die objektive wirtschaftliche Position, die Menschen zur AfD treibt. Es ist das Gefühl, kulturell zurückgesetzt zu werden. Es geht ihnen um die grundsätzliche Frage, wie die Gesellschaft und das Land in Zukunft aussehen sollen. Wir haben es zu tun mit einer offenbar nicht geringen Minderheit der Bevölkerung, die die kulturellen Veränderungen der vergangenen Jahre zutiefst ablehnt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Veränderungen sind gemeint?

Lengfeld: Die gesellschaftliche Modernisierung, der Wandel zu Weltoffenheit, Multikulturalismus und Kosmopolitismus. Die Mehrheit der Bevölkerung ist dafür, aber eine Minderheit hegt den Wunsch nach der Bewahrung eher traditionellerer Ideale, nach Abgeschlossenheit und einem Staat, der für kulturelle Homogenität sorgt. Ihr Unbehagen richtet sich nicht so sehr auf die Wirtschaft, sondern auf die Entwicklung der Gesellschaft insgesamt.

Soziologen aus den USA und Europa sprechen in dem Zusammenhang von einer "stillen Revolution": Im Westen haben sich demnach - beginnend seit den Siebzigerjahren - Ideale eines liberalen Gesellschaftsbildes durchgesetzt. Ein Beispiel ist die Frage nach der Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Anfang des Jahrtausends, als die rot-grüne Regierung die Möglichkeit eingetragener Lebenspartnerschaften für Schwule und Lesben schuf, sprach sich in Umfragen nur eine knappe Mehrheit der Bürger dafür aus, zwischen 52 und 56 Prozent. Als der Bundestag im Sommer 2017 hingegen die "Ehe für alle" beschloss, waren bundesweit drei Viertel aller Befragten dafür. Die einzige Partei, deren Anhänger die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare mehrheitlich ablehnte, ist die AfD. Unter ihren Wählern sind 55 Prozent dagegen. Zum Vergleich: Bei CDU/CSU waren 73 Prozent dafür.

SPIEGEL ONLINE: AfD-Politiker wie Alexander Gauland oder Björn Höcke machen mit rechten Parolen von sich reden. Ist die Wählerschaft der AfD rechtsradikal?

Lengfeld: Die AfD zieht natürlich einen Teil rechtsradikaler Wähler an. Deren Anteil an der Bevölkerung ist aber viel zu klein, um den Zuspruch der AfD zu erklären. Man kann aus der Geschichte rechtsextremer Parteien nicht viel lernen über die AfD. Die NPD und die Republikaner waren besonders erfolgreich bei Wählern mit sehr niedrigem Einkommen und sehr geringem Bildungsniveau. Die AfD ist anders, ihr Aufstieg findet statt vor dem Hintergrund eines lange Zeit latenten Wertekonflikts. Sie ist nur die äußere Erscheinung, die Unzufriedenheit gibt es schon länger.

SPIEGEL ONLINE: Ist das AfD-Potenzial im Osten größer als im Westen?

Lengfeld: Der Anteil der Menschen, die Deutschlands kulturelle Modernisierung als Fehler ansehen, ist im Osten höher. Die Voraussetzungen für diese Modernisierung waren dort aber auch deutlich schlechter: Es ist gerade einmal 27 Jahre her, dass innerhalb weniger Monate ein ganzes Lebenssystem zusammengebrochen ist.

SPIEGEL ONLINE: Wieso entlädt sich das Unbehagen dann so oft in ausländerfeindlichen Parolen?

Lengfeld: Die Menschen haben das Gefühl: Wir strengen uns an, aber anderen wird einfach so gegeben, zum Beispiel Flüchtlingen. Die Leute leben in einer Blase mit einer geschlossenen Weltsicht, die sehr schwer durch Fakten zu erschüttern ist. Sie wollen nicht hören, dass die Kita in ihrem Ort wegen des Geburtenrückgangs geschlossen wurde. Sie wollen denken: Der Grund sind Hilfen für Flüchtlinge.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie den Wahlkampf der etablierten Parteien?

Lengfeld: Er war nicht geeignet, um die Wähler von der AfD abzuhalten. Ich möchte mir offen gestanden aber auch nicht ausmalen, wie eine solche Wahlkampagne hätte aussehen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem die SPD hatte vor, mit einem Gerechtigkeitswahlkampf zu punkten. Der scheint zu verpuffen.

Lengfeld: Wir haben heute eine wirtschaftliche Lage, in der es fast allen besser geht als vor vier Jahren. In dieser Lage einen Gerechtigkeitswahlkampf zu starten ist sicher nicht die klügste aller Strategien. Wenn es um Verteilungsfragen gehen würde, könnte man die Stücke des Kuchens neu zuschneiden, an Steuersätzen drehen. Bei Wertkonflikten hingegen geht es immer um das große Ganze, da lassen sich schwer politische Kompromisse finden. Das war auch Teilen der SPD klar.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Lengfeld: Die SPD hatte unter ihrem damaligen Vorsitzenden Sigmar Gabriel spätestens Anfang 2016 verstanden, dass die Flüchtlingskrise zum Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen führt. Gabriel hat das damals angesprochen, man müsste auch mehr für die "eigene Bevölkerung" tun. Mit Martin Schulz an der Spitze sind solche Ansätze komplett verschwunden. Sarah Wagenknecht fährt noch eine solche Strategie, sonst praktisch niemand.



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MütterchenMüh 23.09.2017
1. mangelnde Glaubwürdigkeit
Man kann im Wahlkampf nicht die Dinge anprangern, die man jahrelang in der GroKo mitgetragen hat. Das musste schiefgehen und ist auch schiefgegangen. Nichts gegen Herrn Schulz, aber Glaubwürdigkeit kam da nie rüber, allerdings bei allen anderen Parteien auch nicht. Lediglich hat mich persönlich die Frau Wagenknecht überzeugt. Aber für eine kraftvolle Opposition braucht man diesmal etwas anderes.
schwabenstreich 23.09.2017
2. hmm... dacht ich mir doch, der nachdenkende Mensch wählt ==>
==> Weder formal gering Gebildete, noch Arbeiter oder Bezieher von geringen Einkommen neigen besonders stark dazu, AfD zu wählen. lol
dirkozoid 23.09.2017
3. SPD ist nicht glaubwürdig!
Das Problem ist doch nicht die Strategie an sich, sondern dass der SPD keiner mehr glaubt, wenn sie etwas von mehr Gerechtigkeit erzählt. Die Leute haben aus SPD-Sicht leider ein zu langes Gedächtnis und wollen tatsächlich auch etwas von dem in der Regierungsarbeit sehen, was im Wahlkampf versprochen wurde. Da die SPD sich aber nicht an sowas hält, sind sie unwählbar.
florian29 23.09.2017
4. Was soll die SPD sonst tun?
Sich als Kämpferin gegen Terror darstellen? Oder als Sheriff für innere Sicherheit? Das glaubt ihnen ja gar keiner! Schul- und Bildungspolitik, wo Schulen in SPD-BUNDESLÄNDERN notorisch schlecht sind. Einwanderung und Asylpolitik, nachdem diese Regierung Millionen hat einwandern lassen, von denen wir bis heute nichts wissen?
multimusicman 23.09.2017
5. Gut, dass es SPON gibt und Autoren, die versuchen
den Zulauf der AFD zu erklären... Mieten von 1400 Euro für eine 4 Raum Wohnung sind mittlerweile für Normalverdiener mit 2 Kindern nicht mehr erschwinglich, weil sämtliche Politiker der großen Parteien nur verwalten statt wirkliche Konzepte zu entwickeln, ausgenommen die Linken, bei denen sich aber außer Wagenknecht niemand traut eine eigene Meinung zu vertreten. die SPD hat sich den Rest gegeben, weil sie eine Koalition mit den Linken ausgeschlossen hat. Für viele Wähler ist es eine Art Notwehr AFD zu wählen, wohlwissend, dass diese Partei die größten Chancen hat sich selbst zu zerlegen wenn sie in den Bundestag kommt. Ich sage mal 15%+ voraus. Und die Verantwortung dafür liegt beim politischen Mainstream zu dem auch SPON gehört.
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