Aufstieg der AfD Abstiegsangst schafft Feinde

Politiker erklären den Aufstieg der AfD gerne mit der Angst vor Flüchtlingen. Dabei sind die Gründe womöglich viel profaner - und eher im Nachbarsgarten zu suchen als bei Burka tragenden Frauen. Ein Erklärungsversuch.

AfD-Unterstützer in Berlin
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AfD-Unterstützer in Berlin


Der Befund scheint naheliegend. Wenn derzeit fast überall die Populisten von rechts Aufwind haben, dann muss das etwas damit zu tun haben, dass es fast überall eine Menge Verlierer der Globalisierung gibt. Das schafft Unmut. Klar.

Die Frage ist dann nur, warum in Deutschland so viele Leute AfD wählen - als nächstes wohl am Sonntag in Berlin? Wo wir als Land doch zu den (Export-)Gewinnern zählen, es bei uns so wenige Arbeitslose gibt wie lange nicht, die Einkommen steigen und der Staat trotz aller Unkenrufe über teure Flüchtlinge steigende Überschüsse einfährt. Und warum ist der Unmut über alles Mögliche auch unter denen so groß, die gar nicht zu den Tagelöhnern mit Wackeljob und Billigkonkurrenz aus dem Osten zählen, sondern gelegentlich sogar zur Elite der Ingenieure, Chemiker und Ärzte?

Der Grund für die Stimmungslage muss woanders liegen. Eine Erklärung könnten die Ergebnisse einer höchst spannenden Studie einer Forschergruppe um das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) geben.

Die Ökonomen haben ausgewertet, ob und wie stark die wirtschaftliche Unzufriedenheit von Menschen im eigenen Land auf den persönlichen Hang wirkt, Hass auf Ausländer zu schieben. Und zwar weniger gemessen an der absoluten Höhe des Einkommens - also an der Frage, ob man in der Gesellschaft unten oder oben steht - sondern daran, wie man sich im Vergleich gegenüber denen entwickelt, die zum persönlichen Umfeld gehören. Also Familie, Nachbarn und Freunde.

Das Ergebnis birgt auch eine Botschaft an alle, die gerade versprechen, das Unheil in der Welt mit Burka-Verboten zu beseitigen.

Als lebenswirklichen Test nutzten die Forscher Daten und Umfragewerte aus der Zeit kurz nach dem Mauerfall. Dabei waren im Spätsommer 1990 rund tausend Ostdeutsche befragt worden, wie sie es mit Ausländern und rechten Parteien halten - ob etwa Fremde dieselben Rechte wie wir haben sollten. Und sie wurden gefragt, wie groß ihr Unmut darüber ist, dass sie gegenüber den Westdeutschen weniger Einkommen haben - wobei zur besseren Beobachtung der zeitlichen Entwicklung nur jene beobachtet wurden, die schon vor dem Mauerfall Kontakt zum Westen hatten.

Ausdruck sehr viel diffuserer Ängste

Beides führten die IWH-Ökonomen jetzt zusammen - und siehe da: diejenigen (27 Prozent), die mehr oder weniger starken Unmut über das nunmehr offenbar gewordene Einkommensgefälle gegenüber ihren Brüdern und Schwestern im nahen Westen äußerten, gaben stärker als alle anderen an, die politischen Rechte von Ausländern einschränken oder rechte Parteien wählen zu wollen.

Nach Rechnung der Experten lag die Wahrscheinlichkeit, große Vorbehalte gegenüber Ausländern zu haben, bei denen um 35 Prozent höher, die stark unter Westler-Neid litten. Was ganz nebenbei neuere Erkenntnisse darüber bestätigt, wie stark unsere Zufriedenheit davon abhängt, ob der Nachbar einen neuen Mercedes fährt oder nicht (oder ob die Nachbarin schon die neue Schultasche hat). Und weniger von unserem absoluten Wohlstand.

Eine Deutung könnte nun noch darin liegen, dass halt ein starker Zustrom (billiger) ausländischer Kräfte tatsächlich die Gefahr eines wirtschaftlichen Abstiegs geringer qualifizierter Einheimischer erhöht. Das könnte den Unmut über die neuen Bürger erklären. Belege dafür liefert die Studie allerdings nicht, wie IWH-Ökonom Walter Hyll einräumt.

Dagegen spricht auch, dass es zum Zeitpunkt der Ost-Erhebung 1990 noch gar keine so nennenswerte Zuwanderung im Osten gab. Und es würde umgekehrt auch nicht auflösen, warum dann selbst in der Mittelschicht heute so viel Unmut gegen Fremde herrscht - dort muss man ja nicht wirklich die Arbeitsmarktkonkurrenz von unausgebildeten syrischen Flüchtlingen fürchten.

Eine plausiblere Deutung könnte sein, dass der Hass auf das Fremde nicht nur, aber ziemlich oft auch Ausdruck sehr viel diffuserer Ängste ist - etwa davor eben, gegenüber Freunden und Nachbarn abzusteigen oder schlechter dazustehen. Wofür wiederum die Ausländer in der Regel nicht so viel können oder bestenfalls sehr indirekt: Weil die Globalisierungs-Heilslehre zum Dauerkonkurrenzstress führt - und dies Bundesregierungen dazu getrieben hat, alte Sicherungsmechanismen zu kappen. Beispiel: Arbeitslosengeld. Wer seinen Job verliert, droht seit den Schröder-Reformen eben in der Regel schon nach einem Jahr auf Hartz-IV-Niveau zu landen - egal, wie lange er vorher gearbeitet hat.

Unmut - auch in der Mittelschicht

Derlei könnte erklären, warum der Unmut nicht nur bei denen da ist, die zur ökonomischen Billigklasse gehören - sondern auch in der Mittelschicht, wo die wirtschaftliche Fallhöhe größer ist. Die Ergebnisse der Studie könnten auch verstehen helfen, warum, sagen wir, auf Usedom so viele rechts wählen, obwohl es dort kaum Ausländer gibt. Und sie könnten verstehen helfen, warum die AfD just in den Monaten seit Januar noch einmal enorm an Zulauf gewonnen hat, in denen die Zahl der Flüchtlinge stark abnahm und das Abendland bis auf weiteres gerettet scheint.

Wenn das stimmt, hilft es eben auch schrecklich wenig, gegen die Populisten alle zwei Monate ein neues Gesetz zu beschließen, Regeln zur Integration von Ausländern zu verschärfen, Asylrechte einzuschränken und den Druck auf Geflüchtete zu erhöhen. Oder wie die Seehofers besinnungslos Obergrenzen für etwas zu fordern, was es (im Moment) ohnehin nicht mehr gibt, und mit mehr oder weniger unsinnigen Ideen zur Eindämmung von Islamisten zu kommen (so sinnvoll das eine oder andere auch sein mag).

Das wird jene nicht beruhigen, die sich in Wirklichkeit womöglich davor fürchten, wirtschaftlich den Anschluss an Freunde und Nachbarn zu verlieren.

Dann wäre es sinnvoller, bayerische Politiker würden sich etwas intensiver mit den Tücken der Globalisierung, der dramatischen Ungleichheit von Einkommen und der Grundreform des Finanzsystems beschäftigen. Und weniger mit Burkas. Das bremst weder die AfD - noch wird es den Unmut im Land beseitigen.

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Seite 1
vox veritas 16.09.2016
1. Sehr viel komplexer
Schön, daß man sich inzwischen auch mal nach den tatsächlichen Ursachen sucht und diese nicht nur pauschal im vermeindlich Nationalistischen sucht (und "findet"). Wenn man die Gesamtlage mal genauer betrachtet, findet man sehr viele Paralellen zu linken politischen Positionen. Die wahre Ursache düfte in einer ziemlichen Unzufriedenheit mit der Regierungsarbeit sein und mit den vielen Ankündigungen und Versprechen, die nicht gehalten werden (können).
omop 16.09.2016
2. Abstruse Zusammenhänge..
die in der Studie konstruiert werden. Der Aufstieg der AfD ist allein dem Zustand zu verdanken, dass Frau Merkel aus der CDU eine linksgrüne Partei macht (und de facto somit fast keine Differenzierung bei CDU/SPD/Grünen/FDP besteht) und mit der Masseneinwanderung im letzten Jahr das Ordnungsverständnis vieler Bürger verletzt hat. Von diesem einfachen Sachverhalt braucht man nicht ablenken, indem man jede Woche eine neue abenteuerliche Theorie konstruiert, die zeigt wie angeblich dumm und rassistisch AfD-Wähler sind. Oder kommt auch bald mal eine ähnliche Studie über die Grünen-Wähler?
galbraith-leser 16.09.2016
3. Der Unmut der Mittelschicht
rührt vor allem daher, dass sie es ist, die den Großteil der Steuer- und Abgabenlast trägt, mit der die Sozialhilfe für die Aufstocker und Hartz IV-Bezieher - darunter auch die steigende Zahl von Flüchtlingen - zahlen muss. Weil gerade in den teuren Ballungszentren die Mittelschicht (noch) entweder im Speckgürtel oder in Stadtvierteln wohnt, in denen weniger Menschen mit Migrationshintergrund oder Flüchtlinge leben, ist sie nur mittelbar von der Flüchtlingskrise betroffen. Die unteren Einkommensschichten erleben die Neuankömmlinge dagegen als neue Nachbarn und Konkurrenz auf dem sozialen Wohnungsmarkt, der nach jahrelangem Schrumpfen jetzt wieder etwas aufgebaut wird. Und natürlich als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb ist es auch ein Klischee, dass nur gesellschaftliche Verlierer die AfD wählen. Das geht quer durch alle Wählerschichten und Parteien, mit Ausnahme der Grünen. Aber als verbeamteter Lehrer oder Verwaltungsangestellter ist man ohnehin nicht dem Wettbewerb ausgesetzt.
haltetdendieb 16.09.2016
4.
Genau! Und mit einer Wohneigentumsquote von lächerlichen 43% gehören wir an das Ende in Europa. Genau so bei der Rente, die bald nur noch 40% betragen soll! In Holland sind es 98% des letzten Netto! Ich verstehe gar nicht, was die Deutschen eigentlich haben, Wo wir als Land doch zu den (Export-)Gewinnern zählen! Sehr merkwürdig Alles.
thomasconrad 16.09.2016
5. Einer hats verstanden
Ist halt nicht jeder vom Staat rundumversorgt und kann Bahnhofsklatschen gehen. Die wahre Perversion ist die Bedrohung durch HartzIV und damit die Gleichstellung mit jedem Hergeflüchteten oder Nichtstuer. Dazu ist für Alles Geld da nur nicht für normale, durchschnittliche Bewohner Deutschlands die das Ganze Spiel finanzieren. Ich bin ausgewandert, andere wählen AfD
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