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Kampf gegen die Armut: Afrika bannt seinen Fluch

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Einst begünstigten Entwicklungshilfe und der Rohstoffreichtum in Afrika vor allem Korruption und Bürgerkriege. Heute gelingt es immer mehr Ländern, Armut aus eigener Kraft zu bekämpfen. Mut machen die Beispiele Tansania und Ghana.

Schwarzer Kontinent: Afrikas Aufbruch Fotos
Scott Wallace/ Weltbank


Wie Menschen für eine bessere Welt kämpfen

Armut, nüchtern betrachtet, ist zunächst mal ein Mangel an Geld. Um Mama Shida davon zu befreien, tut Tansanias Regierung deshalb seit drei Jahren das Offensichtliche: Statt ihr Nahrungsmittel oder Moskitonetze zu schenken, erhält die Mutter jeden Monat 18 Dollar, wenn sie ihre vier Kinder regelmäßig in die Schule schickt.

Die Frau aus Kibaha, 60 Kilometer westlich der Metropole Daressalam, kaufte sich von dem Geld Hühner und organisiert mit ihren Nachbarinnen seitdem den Verkauf von Eiern und Fleisch auf den Märkten in der Nähe.

Bislang läuft das Pilotprojekt, dem Mama Shida ihre bescheidene Existenz verdankt, in 40 Dörfern des ostafrikanischen Landes. Demnächst will es die Regierung auf das ganze Land ausweiten und dafür umgerechnet fast 200 Millionen Euro pro Jahr ausgeben. Noch nicht sehr viel für ein Land mit 48 Millionen Einwohnern, von denen fast 90 Prozent von weniger als zwei Dollar pro Tag leben. Aber immerhin das erste allgemeine Sozialprogramm in Tansanias Geschichte.

Schon in den vergangenen Jahren hat die einstige deutsche Kolonie große Fortschritte bei der Armutsbekämpfung gemacht. Laut dem umfassenden Index für Armut und menschliche Entwicklung, den Ökonomen der Universität Oxford für die Uno erheben, verbessern sich die Lebensumstände in Ruanda, Äthiopien, sogar in Nigeria - doch so viel besser wie den Tansaniern geht es fast keinem anderen Volk. Zwar sinkt die Einkommensarmut in dem Land nur langsam, Kindersterblichkeit und der Mangel an sauberem Wasser gehen dafür umso stärker zurück.

Der "Liebling der Spender" blieb lange arm

Den sozialen Aufstieg verdankt Tansania seiner boomenden Wirtschaft. Die wuchs in den vergangenen zehn Jahren jährlich um rund sieben Prozent. Den Aufschwung tragen kleine Manufakturen und der blühende Mobiltelefoniemarkt. Fast jeder zweite Tansanier nutzt sein Handy inzwischen, um bargeldlos zu bezahlen.

Wachstum funktioniert plötzlich in Tansania, wo Entwicklungshilfe über Jahrzehnte versagte. Lange galt das Land als "Liebling der Spender" im Ostblock wie im Westen. In den siebziger und achtziger Jahren erhielt Tansania so viel Hilfsgeld pro Einwohner wie kein anderes Land südlich der Sahara.

Und blieb doch eines der ärmsten. Sein sozialistischer Präsident Julius Nyerere träumte von Autarkie und baute mit westlichem Geld Denkmäler der Verschwendung: 600 Millionen Dollar kostete eine in den achtziger Jahren gebaute Papierfabrik, mitfinanziert von der deutschen KfW-Bank. Produziert wurde in den gigantischen, vor moderner Technik strotzenden Hallen mangels teurer Rohstoffe aus dem Ausland nur selten - und wenn, dann zu völlig überhöhten Preisen.

Wenigstens schützten die eher geringen Rohstoffreserven Tansania lange vor der anderen Krankheit, die noch heute viele afrikanische Länder zu Armut verdammt: dem Ressourcenfluch. Reiche Bodenschätze füllen häufig nur die Kassen korrupter Diktatoren und heizen Bürgerkriege an. In Tansania gab es nicht viel, worum es sich zu kämpfen lohnte.

Doch auch das ändert sich gerade: Vor der Küste wurden Gasreserven entdeckt, die so groß sind, dass sie den Jahresbedarf Deutschlands knapp 20 Jahre lang decken könnten. Tansania könnte den Rohstoff bald entweder verflüssigt exportieren oder die notorisch unzuverlässige Stromproduktion des Landes stützen.

Der norwegische Staatskonzern Statoil, der in Tansania die erste Verflüssigungsanlage für Gas in Ostafrika bauen will, vermutet noch ein Vielfaches der bisher bekannten Reserven auf dem Boden des Indischen Ozeans. "Wir kratzen erst an der Oberfläche", frohlockt Henrik Dalland, der Statoils Operation in dem Land leitet. Wer Afrikas Geschichte kennt, kann das als Drohung verstehen.

Ghana sorgt mit Gesetz für Transparenz

Ein Schicksal ist der Ressourcenfluch jedoch nicht mehr: Als 2007 Öl vor der Küste Ghanas entdeckt wurde, fürchteten viele, der Kleinstaat an der Atlantikküste könnte abhängig von dem Rohstoff werden, die Gewinne würden in dunklen Kanälen versickern.

Es kam anders: In einem Gesetz ist festgelegt, dass ein Großteil der Öleinnahmen in bessere Straßen oder Dünger für die Landwirtschaft investiert wird. Was mit dem Geld passiert, können die Bürger im Internet nachlesen. Winnie Byaniyma, Vorsitzende der Hilfsorganisation Oxfam, bezeichnet das Ölgesetz Ghanas als Vorbild für andere Staaten. "Ghana verwaltet seine Ölreserven sehr gut und ist transparent bei ihrer Verwendung", sagt die Uganderin Byaniyma.

Ghana ist das einzige Land Afrikas, in dem die von den Oxforder Forschern gemessene Armut im Jahresdurchschnitt noch stärker zurückging als in Tansania. Die Einkommen der Ärmsten, Kinder in der Schule, Stromversorgung - in allen Bereichen hat sich der Staat in Westafrika klar verbessert.

Dass Ghana gelingt, woran andere bis heute scheitern, ist kein Zufall. Das Land hat sich seit 2000 zur afrikanischen Musterdemokratie gemausert. Bei den Parlamentswahlen stritten die beiden Volksparteien Ghanas darum, ob das Geld aus dem Ölexport eher in Infrastruktur oder in Bildung investiert werden soll. Luxusprobleme, selbst für westliche Standards.

Auch Tansania entwickelt sich in diese Richtung. Die Nichtregierungsorganisation Freedom House zählt das Land inzwischen zu den zehn freiesten Ländern in Subsahara-Afrika. Die Wahlen gelten als frei und relativ fair, auch wenn die sozialdemokratische Regierungspartei CCM die Politik seit Jahrzehnten dominiert.

Das Erdgasgesetz, das das Kabinett von Präsident Jakaya Kikwete im November verabschiedete, ist aber selbst unter der Opposition kaum umstritten. Sein erster Satz: "Das Erdgas Tansanias gehört seinem Volk und muss so verwaltet werden, dass es der gesamten Gesellschaft dient."

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insgesamt 42 Beiträge
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1.
genlok 08.01.2014
Armut bekaempfen? Armut wird erschaffen, es ist nicht ein natürlicher Zustand. Wer seine Familie kaum ernähren kann, schafft noch mehr Armut indem die nächsten 5 Kinder auf die Welt kommen. Afrika wird immer so dahin gestellt als ob eine Naturkatastrophe die Menschen ständig arm hält, dabei sind die Afrikaner selbst ihres Glückes Schmid.
2. Hohe Beschäftigung in der Landwirtschaft ist kritisch ohne Absatzmarkt
rkinfo 08.01.2014
Gemäß Wikipedia hat Tansania 75% Beschäftigte und in den Niederlanden 1% ... und die fertigen auch noch Blumen bis Biosprit um über die Runden zu kommen. Afrika benötigt mittelfristig 2-10% Anteil wobei ohne Biosprit / Biomasse für Industriezwecke der Anteil noch geringer wird. Hauptproblem ist wie man die vielen Menschen anderweitig beschäftigen kann. Ggf. werden viele Nebenerwerbsbauern entstehen.
3. Woher Korruption
max_schwalbe 08.01.2014
Man sagt immer, viele Schrecken Afrikas rührten von korrupten Politikern her, die sich am Rohstofferlös bereichern. Wenn der Westen gesagt hätte "wir kaufen euer Erdöl nur, wenn ihr die Erlöse fair verteilt", dann wäre das echte Entwicklungshilfe gewesen. Das Gegenteil war der Fall, die korruptesten Typen schlossen die "besten" deals mit dem Westen ab. Und kauften sich u.a. aus Deutschland jede Menge Waffen um Blutbäder anzurichten. Das sind die Gründe, warum die scheinheilige Entwicklungshilfe des Westens jahrzehntelang nicht greifen wollte und wenn sie dann doch greift, zuerst in Ländern, die mangels Rohstoffe eigentlich am schlechtesten dran sind.
4. Sie 5 Jahren lebe ich in Ostafrika...
michi_ 08.01.2014
und was ich über die klassische Entwicklungshilfe sagen kann, ist, dass die Entwicklungshelfer sich erst mal selbst helfen und die Luxusindustie am Laufen halten... besonders schlecht macht es die UN... die nur korrupte Politiker und deren interessen bedient!
5. Gute Nachrichten!
drünja 08.01.2014
gibt es tatsächlich. Gut, dass sie auch in den Medien vorkommen.
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