Deutsches Ackerland: Agrarminister kämpfen gegen Bodenspekulanten

Von Young-Sim Song und Nicolai Kwasniewski

Kaufkräftige Investoren legen ihr Kapital seit der Finanzkrise zunehmend in Ackerland an - das ist wertvoll und knapp. Jetzt schlagen die Landwirtschaftsminister Alarm: Um die Spekulation vor allem in Ostdeutschland zu stoppen, müsse die Bundesregierung endlich handeln.

Acker in Mecklenburg-Vorpommern: Kapitalanleger investieren in landwirtschaftliche Flächen Zur Großansicht
dapd

Acker in Mecklenburg-Vorpommern: Kapitalanleger investieren in landwirtschaftliche Flächen

Hamburg - Wenn sich die Landwirtschaftsminister der 16 Bundesländer von Mittwoch an im Konstanzer Fünf-Sterne-Hotel Steigenberger zur halbjährlichen Agrarministerkonferenz treffen, können sie den Schuhputzservice genießen oder am hoteleigenen Strand flanieren. Eigentlich ist es kein Ort, um gegen das Großkapital zu wettern. Doch genau darum wird es gehen: Vor allem für die ebenfalls anwesende Bundesministerin Ilse Aigner könnte es ungemütlich werden.

Unter den Tagesordnungspunkten 15 bis 17 soll es in dem ehemaligen Dominikanerkloster darum gehen, wie der Ankauf von Ackerland durch Nichtlandwirte eingeschränkt werden kann - denn einige Minister fürchten um die Zukunft ihrer kleinbäuerlichen Betriebe.

Die Preise für landwirtschaftliche Flächen steigen immer schneller. Seit der Finanzkrise gilt Ackerland als krisenfeste Anlage: Die Weltbevölkerung wächst, der Bedarf nach Anbauflächen für Energiepflanzen wie Mais steigt, fruchtbares Land aber ist rar. Investoren, die bisher mit Landwirtschaft wenig zu tun hatten, kaufen weltweit Ackerland auf - seit Jahren auch in Ostdeutschland. Die Bodenpreise in Sachsen-Anhalt beispielsweise sind einer Studie zufolge in nur vier Jahren um satte 85 Prozent gestiegen.

Sachsen-Anhalts Agrarminister Hermann Onko Aeikens steht deshalb an der Spitze des Protests: Er hat das Thema in Konstanz auf die Tagesordnung gehoben. "Es sind immer mehr außerlandwirtschaftliche Investoren vertreten, die Geldanlagen in Land und Forstwirtschaft suchen", sagt der CDU-Politiker SPIEGEL ONLINE.

Länder sehen Bund als Profiteur

Schuld an der Preisentwicklung ist nach Ansicht der Länder die Bundeseigene Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG). Die Treuhandnachfolgerin ist für die Privatisierung der Äcker, Wälder und Seen in den neuen Bundesländern zuständig. Die BVVG ist dabei so erfolgreich, dass sie für den Bund schon Hunderte Millionen Euro Gewinn eingefahren hat. Allerdings gehe das auf Kosten der Länder, kritisiert der brandenburgische Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD): "Grund und Boden darf nicht zum Spielball für Spekulanten werden, die mit Landwirtschaft nichts am Hut haben." Die Verwertungsstrategie des Bundes bei der Flächenprivatisierung solle vielmehr darauf ausgerichtet sein, auch die kleineren Höfe zu erhalten.

Hunderttausende Hektar aus dem Nachlass der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) der DDR kommen jetzt auf den Markt. Kleinbäuerliche Betriebe, das kritisieren Verbände wie die der Bundesverband der gemeinnützigen Landgesellschafen (BLG) schon lange, seien gar nicht mehr in der Lage, Pachtflächen zu erwerben. Denn je höher die Preise sind, die pro Hektar bezahlt werden müssen, desto höher ist auch die Rendite, die der Boden abwerfen muss, damit sich die Investition bezahlt macht.

BLG-Geschäftsführer Karl-Heinz Goetz fordert den Bund auf, den Verkauf an Investoren gesetzlich zu beschränken. Die zuständigen Behörden sollten zudem einfacher vom Vorkaufsrecht Gebrauch machen können, sagte Goetz SPIEGEL ONLINE.

"Boden darf nicht zum Spielball der Spekulanten werden"

Auch wenn das Problem schon länger bekannt ist - neu ist die scharfe Kritik der Agrarminister: Die Bauern in Mecklenburg-Vorpommern seien von dem Preisanstieg besonders hart getroffen, sagt der Schweriner Landwirtschaftsminister Till Backhaus: "Es mehren sich hier die Anzeichen von Weiterveräußerungen der Landwirtschaftsbetriebe an Kapitalanleger ", sagt der SPD-Politiker. Das sei Spekulation.

Backhaus fordert jetzt, dass bei Verkäufen der BVVG Bauern Vorrang vor Spekulanten haben müssten: "Statt durch Kaufdruck Finanzkraft aus den ländlichen Räumen abzuziehen, sollte den Landwirtschaftsbetrieben, die Arbeitsplätze im ländlichen Raum schaffen, durch langfristigere Verpachtung ein Vorrang eingeräumt werden." Gemeinsam mit seinen Kollegen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen will Backhaus den Bund auf der Agrarministerkonferenz per Änderungsantrag zum Handeln auffordern. Beispielsweise soll die Zeit, die die BVVG für die Privatisierung der restlichen Flächen hat, um mindestens 30 Jahre verlängert werden.

Bundesministerium räumt "Kenntnislücken" ein

Die Chancen stehen aber schlecht. Auf Anfrage teilt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit: "Um die Privatisierung in einem überschaubaren Zeitraum zu beenden, haben sich Bund und Länder 2010 bei der Aktualisierung des Privatisierungskonzepts darauf verständigt, diesen Prozess im Wesentlichen bis 2025 abzuschließen." Das Jahr wird auch im Koalitionsvertrag angepeilt.

Das Bundesministerium hat zudem im vergangenen Jahr selbst eine Studie über die "Aktivitäten von nichtlandwirtschaftlichen Investoren" in Auftrag gegeben. Auf der Agrarministerkonferenz sollen daraus "Schlussfolgerungen" gezogen werden. Auf die konkreten Forderungen der Länder, beispielsweise das Vorkaufsrecht von Landwirten gegenüber Investoren zu stärken, geht das Haus von Ministerin Aigner nicht ein. Die Studie stellt ebenfalls fest, dass die Bodenpreise in den ostdeutschen Bundesländern stark gestiegen sind. Ob das an den spekulativen Kapitalanlegern liege, sei aber unklar.

In der Studie heißt es: "Da trotz der intensiven Fallstudien nicht viele Informationen über angeblich umfangreiche Engagements von Investoren 'hinter den Kulissen' gesammelt werden konnten, weisen die zusammenfassenden Aussagen in diesem Punkt Kenntnislücken auf."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Gort 24.04.2012
... muß es denn immer diese Brachialrhetorik sein? Die Minister "kämpfen" gegen gar nichts, höchstens um öffentliche Wahrnehmung. Alles, was sie tun, ist, etwas zu fordern. Wenn das schon "Kampf" ist, dann kämpfe ich hiermit für sachlichere SPON-Überschriften.
2. Komisch
galens 24.04.2012
Zitat von sysopKaufkräftige Investoren legen ihr Kapital seit der Finanzkrise zunehmend in Ackerland an - das ist wertvoll und knapp. Jetzt schlagen die Landwirtschaftsminister Alarm: Um die Spekulation vor allem in Ostdeutschland zu stoppen, müsse die Bundesregierung endlich handeln. Deutsches Ackerland: Agrarminister kämpfen gegen Bodenspekulanten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,829510,00.html)
Meines Wissens muss ich beim Verkauf von Ackerland als Privatmann das erst der Gemeinde anbieten,welche ein Vorkaufsrecht hat! Nur anders kommen dann wieder die zum Zuge die Geld haben und nicht der Bauer von nebenan! Typisch!
3.
PeterShaw 24.04.2012
Das interessiert mich - ich möchte mehr wissen. Ich frage mich, da Landwirte meiner Erfahrung nach sehr viel Wert auf ihren Status als selbständiger Unternehmer legen, warum die Gemeinschaft sie auf einem weiteren Feld unterstützen soll. Vielleicht ist es gar nicht gut, wenn der große Hof noch größer wird? Und warum ist es schlecht, wenn ein Waldliebhaber persönlich für Biodiversität sorgen möchte?
4.
nilsss 24.04.2012
Ich sehe leider nicht den Haken an der Geschichte. Endlich besteht die Möglichkeit die Landwirtschaft effizienter zu gestalten. Investoren haben in der Hinsicht mehr Möglichkeiten als Kleinbauern. Die wiederum können von den gestiegenen Preisen profitieren und ihr Land für viel Geld verkaufen. Der Markt bestimmt nun mal den Preis. Manche Leute (besonders im Osten) wollen das nicht wahr haben.
5. Das Problem ...
47/11 24.04.2012
... ist doch einfach zu lösen : Grund und Boden sind Gemeinschaftseigentum der Deutschen Bürger und dürfen weder privatisiert werden noch können sie verkauft werden . Boden kann nur in Erbpacht " erworben " werden und mit einer fairen Pacht könnten Bauern vernünftig wirtschaften und Bauherren kostengünstig bauen . Wozu muss immer derjenige, der schon genug hat noch mehr kassieren wollen ???
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Landwirtschaft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 43 Kommentare
  • Zur Startseite