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10. Mai 2011, 19:41 Uhr

AKW-Katastrophe

Japanische Regierung wendet sich von Atomkraft ab

Strategiewechsel in Japan: Infolge der Atomkatastrophe will die Regierung künftig mehr auf erneuerbare Energien setzen. Um die Stromversorgung in dem Land in den kommenden Monaten am Laufen zu halten, muss der Staat den Energieversorger Tepco mit Milliarden stützen.

Tokio - Die japanische Regierung hat eine radikale Wende ihrer Energiepolitik angekündigt. Der Plan, den Anteil der Atomenergie von bisher rund 30 Prozent auf 50 Prozent bis 2030 aufzustocken, werde aufgegeben, sagte Premierminister Naoto Kan. Die Energiepolitik werde von Grund auf überarbeitet. Das Land werde künftig mehr Gewicht auf erneuerbare Energien legen.

Doch trotz neuer Strategie wird die Regierung noch viel Geld für Atomkraft aufbringen müssen - speziell für die Folgen der Katastrophe in Fukushima. Denn der Betreiber der Atomruine, Tepco, beantragte offiziell Staatshilfe. Allein für das laufende Geschäftsjahr benötige der Konzern zusätzlich etwa eine Billion Yen (8,6 Milliarden Euro), um Treibstoff für die Stromproduktion anzukaufen, hieß es in dem offiziellen Antrag des Unternehmens. Ohne die Hilfe stehe Tepco schon bald vor dem Aus. Analysten hatten allein die fälligen Entschädigungszahlungen auf umgerechnet insgesamt etwa 86 Milliarden Euro geschätzt.

Ein Aus von Tepco könne die Entschädigung der Opfer wie auch eine stabile Stromversorgung beeinträchtigen, warnte Asiens größter Stromkonzern. Auch Experten sagen, dass Tepco weiter funktionieren muss. Nur so könne die Energieversorgung für den Großraum Tokio und damit das wirtschaftliche Zentrum Japans über den Sommer garantiert werden.

Industrieminister Banri Kaieda forderte Tepco im Gegenzug für Hilfen zu weiteren harten Einschnitten auf, damit die Steuerzahler so gering wie möglich belastet und eine Anhebung der Stromgebühren vermieden wird. Tepco kündigte an, seinen Managern die Gehälter weiter zu kürzen.

Ministerpräsident Kan verzichtet auf Gehalt

Der Konzern hatte anfänglich geplant, seinen Vorstandsmitgliedern 50 Prozent der Bezüge zu kappen, 25 Prozent bei Mitarbeitern auf Managerposten und 20 Prozent bei anderen Beschäftigten. Die Regierung forderte aber noch stärkere Maßnahmen. Tepco müsse "äußerste Anstrengungen" zur Verschlankung des Managements unternehmen, sagte Kaieda. Zudem sollen unabhängige Experten in einem Untersuchungsausschuss die Finanzlage des Konzerns durchleuchten, um strikte Kostensenkungen zu bewirken.

Auch Ministerpräsident Kan will ein Zeichen setzen und kündigte an, bis zum Ende der Atomkrise auf sein Gehalt als Regierungschef von umgerechnet knapp 14.000 Euro im Monat verzichten zu wollen. Gemeinsam mit Tepco trage die Regierung große Verantwortung für den Atomunfall. Seine Abgeordnetenbezüge von umgerechnet etwa 7000 Euro monatlich wolle er aber weiter in Anspruch nehmen, sagte Kan.

Bei dem Erdbeben der Stärke 9,0 und dem folgenden Jahrhundert-Tsunami am 11. März kamen mehr als 15.000 Menschen ums Leben; rund 9900 werden noch immer vermisst. Rund 120.000 Menschen hausen weiter in Notunterkünften.

mmq/dpa/AFP

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