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AKW-Katastrophe: Japanische Regierung wendet sich von Atomkraft ab

Strategiewechsel in Japan: Infolge der Atomkatastrophe will die Regierung künftig mehr auf erneuerbare Energien setzen. Um die Stromversorgung in dem Land in den kommenden Monaten am Laufen zu halten, muss der Staat den Energieversorger Tepco mit Milliarden stützen.

Japans Premier Naoto Kan: Verzicht auf Gehalt Zur Großansicht
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Japans Premier Naoto Kan: Verzicht auf Gehalt

Tokio - Die japanische Regierung hat eine radikale Wende ihrer Energiepolitik angekündigt. Der Plan, den Anteil der Atomenergie von bisher rund 30 Prozent auf 50 Prozent bis 2030 aufzustocken, werde aufgegeben, sagte Premierminister Naoto Kan. Die Energiepolitik werde von Grund auf überarbeitet. Das Land werde künftig mehr Gewicht auf erneuerbare Energien legen.

Doch trotz neuer Strategie wird die Regierung noch viel Geld für Atomkraft aufbringen müssen - speziell für die Folgen der Katastrophe in Fukushima. Denn der Betreiber der Atomruine, Tepco, beantragte offiziell Staatshilfe. Allein für das laufende Geschäftsjahr benötige der Konzern zusätzlich etwa eine Billion Yen (8,6 Milliarden Euro), um Treibstoff für die Stromproduktion anzukaufen, hieß es in dem offiziellen Antrag des Unternehmens. Ohne die Hilfe stehe Tepco schon bald vor dem Aus. Analysten hatten allein die fälligen Entschädigungszahlungen auf umgerechnet insgesamt etwa 86 Milliarden Euro geschätzt.

Ein Aus von Tepco könne die Entschädigung der Opfer wie auch eine stabile Stromversorgung beeinträchtigen, warnte Asiens größter Stromkonzern. Auch Experten sagen, dass Tepco weiter funktionieren muss. Nur so könne die Energieversorgung für den Großraum Tokio und damit das wirtschaftliche Zentrum Japans über den Sommer garantiert werden.

Industrieminister Banri Kaieda forderte Tepco im Gegenzug für Hilfen zu weiteren harten Einschnitten auf, damit die Steuerzahler so gering wie möglich belastet und eine Anhebung der Stromgebühren vermieden wird. Tepco kündigte an, seinen Managern die Gehälter weiter zu kürzen.

Ministerpräsident Kan verzichtet auf Gehalt

Der Konzern hatte anfänglich geplant, seinen Vorstandsmitgliedern 50 Prozent der Bezüge zu kappen, 25 Prozent bei Mitarbeitern auf Managerposten und 20 Prozent bei anderen Beschäftigten. Die Regierung forderte aber noch stärkere Maßnahmen. Tepco müsse "äußerste Anstrengungen" zur Verschlankung des Managements unternehmen, sagte Kaieda. Zudem sollen unabhängige Experten in einem Untersuchungsausschuss die Finanzlage des Konzerns durchleuchten, um strikte Kostensenkungen zu bewirken.

Auch Ministerpräsident Kan will ein Zeichen setzen und kündigte an, bis zum Ende der Atomkrise auf sein Gehalt als Regierungschef von umgerechnet knapp 14.000 Euro im Monat verzichten zu wollen. Gemeinsam mit Tepco trage die Regierung große Verantwortung für den Atomunfall. Seine Abgeordnetenbezüge von umgerechnet etwa 7000 Euro monatlich wolle er aber weiter in Anspruch nehmen, sagte Kan.

Bei dem Erdbeben der Stärke 9,0 und dem folgenden Jahrhundert-Tsunami am 11. März kamen mehr als 15.000 Menschen ums Leben; rund 9900 werden noch immer vermisst. Rund 120.000 Menschen hausen weiter in Notunterkünften.

mmq/dpa/AFP

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insgesamt 54 Beiträge
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1. Titellos glücklich!
kjartan75 10.05.2011
Ich wäre definitiv positiv überrascht, wenn die japanische Regierung das wirklich durchzieht. Das wird viel Mut und Durchhaltewillen erfordern. Doch was passiert, wenn eine neue Regierung das Szepter in der Hand hält? Der Druck von der Bevölkerung ist ja nicht so groß, als dass eine neue Regierung diesen Plan nicht sofort wieder aufgeben könnte.
2. Da geht wohl einigen die Sonne auf
eburoni 10.05.2011
Die Nationalflagge zeigt ja bereits wo die Zukunft für Japans Energieversorgung liegt. Die Japaner können mit einem Energiewandel weg von der für sie besonders gefährlichen Atomenergie nur gewinnen. Ausserdem winkt da ein riesiger Zukunftsmarkt den man ja nicht unbedingt den Deutschen überlassen muss. Windräder von Toyota, Solaranlagen von Sony und Meereskraftwerke von Tepco, yes you can!
3. ...
Klaus Helfrich 10.05.2011
Das ist sicher eine Auswirkung der als "German Angst" bezeichneten Gemütslage oder wird jetzt daraus die "Japan Angst"?
4. Japan
warzenmeissel 10.05.2011
Zitat von Klaus HelfrichDas ist sicher eine Auswirkung der als "German Angst" bezeichneten Gemütslage oder wird jetzt daraus die "Japan Angst"?
Reality
5. Der Titel ist beim BVB
MarkusW77 10.05.2011
Zitat von Klaus HelfrichDas ist sicher eine Auswirkung der als "German Angst" bezeichneten Gemütslage oder wird jetzt daraus die "Japan Angst"?
Es gibt keine German Angst. Jeder 2 Ami hat ne Knarre -aus Angst Jeder 2 Asiate läuft mit Mundschutz rum- aus Angst vor Pollen oder was weiß ich Die Chinesen sperren Leute weg- aus Angst vor der Opposition Der Islam (teile) diskriminiert Frauen- aus Angst vor der eigenen Minderwertigkeit Hört auf von German Angst zu sprechen- nennt es umsichtig! Wo sonst kommt der Erfolg her??
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Japan nach der Katastrophe: Schmerz des Herzens

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

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AKW Fukushima: Mit Robotern in die Ruine

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