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Atomkraft in Europa: Oettinger will einheitliche Versicherung gegen AKW-Unfälle

Energiekommissar Oettinger: Versicherungssumme "so hoch wie möglich" Zur Großansicht
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Energiekommissar Oettinger: Versicherungssumme "so hoch wie möglich"

Frankreichs Atomkraftwerke sind nur bis 90 Millionen Euro versichert, in Deutschland immerhin bis zu zwei Milliarden Euro. Nun fordert EU-Energiekommissar Oettinger eine einheitliche Haftpflicht für Europas Meiler. Einen ähnlichen Vorstoß hatte er bereits vor einem Jahr angekündigt.

Berlin/München - EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) will die Absicherung von Atomkraftwerken gegen die finanziellen Folgen von Unfällen neu regeln. Er werde im Frühjahr einen Vorschlag vorlegen, um eine einheitliche Haftpflichtversicherung für alle Atomkraftwerke in Europa einzuführen. Dann würden die "wahren Kosten" der Atomkraft transparent werden, sagte Oettinger der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ").

Es ist nicht der erste Vorstoß des Energiekommissars in diese Richtung. Bereits vor einem Jahr kündigte Oettinger einen Vorschlag für eine europaweite AKW-Pflichtversicherung an, den er eigentlich in diesem Frühjahr vorlegen wollte.

Passiert ist seitdem aber nichts: Nach wie vor legt jeder Mitgliedstaat die jeweilige Deckungssumme selbst fest - was zu extremen Unterschieden in der Absicherung von Atommeilern in der EU führt. So sind dem Bericht zufolge Atomkraftwerke in Frankreich lediglich bis 90 Millionen Euro versichert, in Bulgarien sind es sogar nur 49 Millionen Euro. In Deutschland sind es immerhin zwei Milliarden Euro.

Oettinger sagte, die angestrebte europaweit einheitliche Versicherungssumme müsse "so hoch wie möglich" ausfallen und werde "sicher bei einer Milliarde Euro oder höher" liegen. Allerdings brauche er dazu die Zustimmung aller 28 Mitgliedstaaten, daher sei ihm ein realistischer Betrag lieber als gar keiner. Die Versicherungspflicht für Atomkraftwerke werde "automatisch zu höheren Kosten" für die Verbraucher führen, da die Betreiber die Kosten auf die Strompreise umlegen würden.

Kosten lägen in Deutschland bei fünf Billionen Euro

Dabei ist klar, dass die realen Kosten eines Atomunglücks weitaus höher liegen würden. Experten schätzen die bisherigen Kosten des Atomunglücks im japanischen Fukushima auf 187 Milliarden Euro. Laut den Ökonomen Peter Hennicke und Paul Welfens würden die Kosten eines Atomunfalls in Deutschland jedoch bei rund 5000 Milliarden liegen- etwa das doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung. Grund dafür ist die dichte Besiedelung in Deutschland.

Der Chef des Rückversicherers Munich Re Chart zeigen, Nikolaus Bomhard, antwortete denn auch 2011 auf die Frage, welche Prämien AKW-Betreiber ohne staatliche Garantien zahlen müssten: "Das können wir mit unseren herkömmlichen Modellen nicht berechnen."

Die ungenügende Versicherung von Kernkraftwerken gehört seit langem zu den Argumenten der Anti-Atomkraft-Bewegung. Aus ihrer Sicht werden dadurch ebenso wie durch die nicht geklärte Endlagerfrage die wahren Kosten der Technologie verdeckt. Die mangelnde Versicherung verbunden mit staatlichen Garantien für den Fall eines Unfalls dienen demnach als versteckte Subvention der Atomindustrie.

fdi/dab/AFP

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1.
derdingens 31.10.2013
Mit anderen Worten: deutlich unter den in Deutschland geltenden 2Mrd. Kernkraft in D soll also billiger werden ...
2. Dann würden die
derdingens 31.10.2013
dafür müßte die Versicherungssumme aber deutlich höher als 1 Mrd liegen ...
3. Unbegrenzte Haftung sollte gefordert werden,
mibigan@web.de 31.10.2013
dann hat sich die Atomkraft sofort erledigt. Die Versicherungsbeiträge würden die Kosten in eine unwirtschaftliche Höhe treiben. Was mir sehr recht wäre, denn wenn man sich die möglichen Kosten einer Katastrophe (Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima) ansieht, sind selbst 2 Mrd. noch VIEL zu wenig.
4.
alaunemad 31.10.2013
Der Vorschlag klingt sehr venünftig, da die 2 Mrd € natürlich viel zu gering angesetzt sind. Allerdings ist das alles etwas verdächtig, weil ich dem Öttinger grundsätzlich mißtraue. Wo ist da der Haken in seinem Vorstoß, wo die Unterstützung seiner CDU-Freunde?
5. AKW's sind immer ein Unsicherheitsfaktor...
urknallmarinchen@yahoo.de 31.10.2013
100%-ige Sicherheit gibt es ja bekannntlich nicht. Deshalb reichen 2 Milliarden Euro für einen Schadenfall von 5.000 Euro Milliarden nun mal vorne und hinten nicht aus. Die Verursacher müssen daher vollständig den möglichen Gesamtschaden versichern. Ein weiter so auf Kosten der Allgemeinheit darf es nicht geben. Es darf nicht länger bemäntelt werden, daß Atomstrom insgesamt die teuerste Energieform überhaupt ist. Wenn auch, wie geschehen, nur alle 25 Jahren ein AKW explodiert, ist abzusehen wann unsere geliebte und einzigartige Erde vollständig atomar verseucht ist. Es widerspricht daher der Intelligenz, diese Technik weiter zu verfolgen. Der Mensch neigt dazu, sich mit seiner Technikgläubigkeit zu überschätzen und so die Zukunft / das Überleben seiner Spezies grundsätzlich in Frage zu stellen. Deshalb ist es aus meiner Sicht zwingend, sich von dieser Technologie weltweit zu verabschieden. Wir können unsere Energie viel kostengünstiger auch aus regenerativen Energiequellen beziehen.
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Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
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In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
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Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.


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