Aktionsplan für Großprojekte Dobrindts Bauklötzchen

Bundesverkehrsminister Dobrindt hat einen Leitfaden für die Umsetzung künftiger Großprojekte formulieren lassen - damit Desaster wie beim BER oder der Elbphilharmonie vermieden werden. Das Papier ist eine Ansammlung von Selbstverständlichkeiten.

Hauptstadtflughafen BER: Von der Entwicklung überholt
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Hauptstadtflughafen BER: Von der Entwicklung überholt

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Künftig soll alles besser werden. Mit seinem "Grundstein für einen Kulturwandel auf dem Bau" will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt dafür sorgen, dass auch Vorzeigeprojekte wieder dem Niveau entsprechen, das man von deutschen Ingenieuren erwarten kann. Zuletzt hatten sie nur noch für Hohn und Spott gesorgt: Ob Elbphilharmonie, Hauptstadtflughafen oder ICE-Verbindungen - mit Ruhm haben sich Planer und Bauunternehmen wahrlich nicht bekleckert. Und diese Liste ist keineswegs vollständig.

Klar, dass der Ober-Bau-Boss von Deutschland da mal auf den Tisch hauen und den Chaostruppen zeigen muss, wo es lang geht. Wurde auch Zeit, dass mal einer erklärt, dass man erst die Pläne zu Ende zeichnen muss, bevor man anfangen kann zu bauen. Auch, dass es sinnvoll sein kann, beizeiten Finanzabteilungen zu befragen, um Pläne oder Planungsänderungen durchzurechnen, bevor man das Ganze ins Werk setzt, sollten sich die Beteiligten hinter die Ohren schreiben. So deutlich hat das zuvor noch nie jemand zusammengefasst, wie die Expertenrunde von Dobrindt.

Oder doch? Der jetzt vom Bundeskabinett abgesegnete Aktionsplan erinnert an den Lehrstoff, den Architekturstudenten in den Vorbereitungskursen zum Grundstudium durcharbeiten müssen. Viele Erstsemester fühlten sich wahrscheinlich sogar unterfordert, müssten sie in der ersten Klausur nicht mehr abliefern.

Lieber von Anfang an ehrlich - auch wenn es unbequem ist

Die eigentlichen Ursachen von Fehlplanungen, ausufernden Kosten und Terminüberschreitungen kommen in Dobrindts Papier allenfalls zwischen den Zeilen vor. Dabei ließen sich die Risiken an der Elbphilharmonie in Hamburg und am Hauptstadtflughafen bestens illustrieren. Natürlich waren in beiden Fällen nachträgliche Änderungswünsche der entscheidende Faktor für Fehlplanungen und Preisexplosionen. Doch bei genauerer Betrachtung gibt es in beiden Fällen spezifische Ursachen, die eine völlig unterschiedliche Betrachtung notwendig machen.

Im Falle der Elbphilharmonie wollten Planer und Politiker nicht einen simplen Konzertsaal erschaffen, sondern ein Wahrzeichen, das dereinst zum Erkennungsmerkmal von Hamburg werden soll, wie es die Oper in Sydney ist, oder der Eiffelturm in Paris. Die Kosten dafür waren von Anfang an zu niedrig kalkuliert, denn andernfalls wäre es der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln gewesen.

Ein unrealistischer Kostenrahmen hat auch im Falle des Hauptstadtflughafens entscheidend zum Misslingen beigetragen. Ausschlaggebend war jedoch, dass von den ersten Skizzen bis zum Rohbau fast 20 Jahre ins Land gingen, was übrigens für ein Projekt diesen Ausmaßes ganz normal ist. Über einen solchen langen Zeitraum hinweg aber lassen sich schon elementare Eckdaten wie die Kapazität oder andere technische Entwicklungen kaum vorhersagen.

Für die Öffentlichkeit am sichtbarsten ist der rasante Anstieg der Passagierzahlen, mit dem die Planer kaum Schritt halten konnten. Hätten sie von Beginn an großzügiger geplant, dann wären ihnen viele kostensteigernde Änderungen erspart geblieben. Die Proteste der Kritiker hätten sie jedoch hinweggefegt.

Die Aufgabe von Politik ist es also, der Bevölkerung Großprojekte so zu vermitteln, dass sie von dieser akzeptiert werden - ganz gleich, ob sie dem Prestige dienen sollen oder dem Ausbau der Infrastruktur. Wenn Bürger und Steuerzahler mitzuentscheiden haben, dann haben sie auch das Recht, jeden Cent umzudrehen.

Wer diese harte Arbeit der Mehrheitsfindung umgehen will und stattdessen Milchmädchenrechnungen präsentiert, wird früher oder später als Lügner entlarvt. Oder sein Name wird für lange Zeit mit einem Baudesaster verbunden sein. Das hätte in Dobrindts Papier stehen müssen. Alles andere ist Grundkurs.

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Michael Kröger ist Korrespondent im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Michael_Kroeger@spiegel.de

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