Ausbildungsprojekt für Alleinerziehende: Leiharbeit im Kindergarten

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Alleinerziehend, arbeitslos, aufgeschmissen? Rund 260.000 Frauen und Männer in Deutschland haben kaum Chancen auf einen Job, weil sie ohne Partner ihre Kinder erziehen. Ein Berliner Projekt will das jetzt ändern - mit einer ungewöhnlichen Methode.

Natalie Schwark: "Chefs kriegen immer Panik, wenn sie das Wort 'alleinerziehend' hören" Zur Großansicht
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Natalie Schwark: "Chefs kriegen immer Panik, wenn sie das Wort 'alleinerziehend' hören"

Berlin - Grau ist der Himmel an diesem Morgen im Berliner Frühling. Mit grauen Steinen gepflastert ist auch der Hinterhof der Kita Casa Azul im Zentrum der Stadt. Nur die spielenden Kinder auf dem Gelände bringen Farbe ins Bild: rot, blau, gelb oder grün leuchten ihre Jacken und Hosen. Aus der Ferne sehen sie aus wie bunte, schwirrende Punkte.

Mittendrin steht Natalie Schwark: schwarz gefärbte Haare, blonder Pony, Piercing in Lippe und Zunge, Tätowierung am Unterarm. Ihre Blicke gehen mal nach rechts: "Vorsicht, pass auf, dass du nicht vom Baum fällst!", ruft sie einem Kind zu. Dann nach links: "Wo hast du Aua?" Die 29-jährige Schwark wird gerade zur Erzieherin ausgebildet. Über eine Zeitarbeitsfirma. Das allein ist schon ungewöhnlich. Hinzu kommt: Schwark zieht ihre vierjährige Tochter allein groß. Sie macht ihre Ausbildung deshalb in Teilzeit.

Schwark ist Teil eines Modellprojekts, das den etwas bemüht modischen Namen "FlexiBalance" trägt. Gut 20 Alleinerziehende werden seit September 2011 über zwei Jahre hinweg ausgebildet. Sie arbeiten für rund 20 Stunden in wechselnden Kitas mit akutem Personalbedarf, sind aber über die Zeitarbeitsfirma Manpower angestellt. Ähnlich wie normale Azubis gehen auch sie zur Schule: an einem Werktag und jeden zweiten Samstag.

Hinter dem Projekt steckt eine simple Idee: Die mehr als 260.000 arbeitslosen Alleinerziehenden in Deutschland - meistens sind es Frauen - gelten als eine der hartnäckigsten Problemgruppen auf dem Arbeitsmarkt. So ging der Aufschwung an ihnen weitgehend vorbei. Zugleich gehen den Kitas die Erzieherinnen aus. Schätzungen zufolge fehlen künftig mehr als 20.000 Fachkräfte, wenn bis 2013 alle Einjährigen einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben. Im Idealfall also bekommen die Teilnehmer von "FlexiBalance" direkt nach der Lehrzeit einen Job.

Schwark hält die Idee für ziemlich gut. Jahrelang hat sich die gelernte Stylistin um eine Stelle bemüht, unzählige Bewerbungen geschrieben und die Mitarbeiter im Jobcenter auf Trab gehalten. Doch vergeblich. "Chefs kriegen ja immer gleich Panik, wenn sie das Wort 'alleinerziehend' hören", sagt Schwark.

Mit Kind zum Unterricht am Samstag

Nicole Plate: "Ohne Hartz IV obendrauf kommen wir nicht über die Runden" Zur Großansicht
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Nicole Plate: "Ohne Hartz IV obendrauf kommen wir nicht über die Runden"

Die 31-jährige Nicole Plate hatte schon als Jugendliche den Traum, Erzieherin zu werden. Doch weil sie bei der Ausbildung an einer Fachschule kein Gehalt bekommen hätte, entschied sich Plate für eine Lehre in einer Drogerie. Danach arbeitete sie als Verkäuferin in einer Bäckerei, bis ihr inzwischen sieben Jahre alter Sohn zur Welt kam. Ihr Wunschberuf schien danach für immer außer Reichweite gerückt.

Seit Anfang des Jahres aber ist auch Plate in der Casa Azul beschäftigt. Sie ist im zweiten Vorbereitungskurs für die sogenannte "Nicht-Schüler-Prüfung für staatlich anerkannte Erzieherinnen" und ebenfalls bei der Zeitarbeitsfirma angestellt. Neben der quirligen, lebensfrohen Natalie Schwark wirkt Plate wie ein ruhender Pol. Die Kinder kommen zu ihr, um mit ihr zu schmusen, sich auszuruhen. Mit Schwark toben sie lieber. Offenkundig ist: Die zwei Frauen bringen als berufserfahrene Mütter wertvolle Erfahrung mit in den Betrieb. Sie sind in jeder Hinsicht keine Lehrlinge im klassischen Sinne. "Die Kinder nehmen mich so wie ich bin", sagt Schwark.

Doch ganz so einfach ist dann doch nicht alles, wie Schwark und Plate zögerlich einräumen. "Jeden Abend lernen, wenn mein Kind im Bett ist, das schaffe ich einfach nicht", sagt Schwark. "Dafür muss ich mir Urlaub nehmen." Hinzu kommt der Samstagsunterricht. Wenn nicht Familie oder Freunde während der Unterrichtszeit auf die Kinder aufpassen, dann "nimmt man sie einfach mit". Auch der Arbeitgeber ist immer wieder ein anderer. Die Leiharbeit-Azubis werden nach Bedarf eingesetzt, je nachdem, in welcher Kita gerade wieder jemand krank geworden ist oder für längere Zeit ausfällt. So war Schwark schon in mehr als fünf Kitas im Einsatz. "Ich weiß schon nicht mehr, wie viele es genau waren", sagt sie.

Immer zwischen Kind und Beruf hin- und herspringen, zwischen Schule und Freizeit, zwischen unterschiedlichen Arbeitgebern - dieses Wechselspiel nehmen die beiden Frauen erstaunlich locker hin. Was sie mehr belastet: Dass sie trotz der langen Arbeitstage immer knapp bei Kasse sind. Rund 700 Euro zahlt die Zeitarbeitsfirma ihnen, angelehnt an den geltenden Mindestlohn. Unterm Strich blieben ihnen maximal 550 Euro im Monat, sagen Plate und Schwark. "Ohne Hartz IV obendrauf kommen wir nicht über die Runden." Mit anderen Worten: Trotz ihrer stressigen Arbeitstage bekommen die Frauen als sogenannte Aufstocker nur unwesentlich mehr Geld als Langzeitarbeitslose. Allein ihr innerer Antrieb lässt sie jeden Morgen zur Arbeit gehen. "Ich möchte, dass mein Kind sieht, dass man das Geld aus dem Automaten erst verdienen muss", sagt Schwark. Noch mehr schmerzt die beiden Frauen das geringe Einkommen, wenn sie darüber nachdenken, dass ihre Kita an Manpower Stundenlöhne zahlt wie für voll ausgebildete Kräfte.

Bei der Zeitarbeitsfirma verteidigt man das Modell. Der Verdienst mit den Leih-Azubis falle im Vergleich mit anderen Zeitarbeitnehmern so gering aus, dass man im Normalfall darauf verzichten müsste. Man sehe das Ganze daher vielmehr als Investition in die Zukunft und Vorsprung gegenüber den Wettbewerbern an.

Uwe Otto: "Wir bilden aus, wir kümmern uns. Obendrein wird uns das in Rechnung gestellt." Zur Großansicht
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Uwe Otto: "Wir bilden aus, wir kümmern uns. Obendrein wird uns das in Rechnung gestellt."

Der Chef der Kita Casa-Azul, Uwe Otto, ist da kritischer. Er schätzt seine Kräfte auf Zeit zwar, weil er akuten Personalmangel hatte und Plate und Schwark seiner Meinung nach gute Arbeit leisten. Doch die Kosten seien viel zu hoch. Er spricht vom sogenannten Luxuspersonal, das er sich nur vorübergehend leisten könne. "Zahlreiche Gründe sprechen dafür, Alleinerziehende aus ihrer Arbeitslosigkeit zu holen", sagt er. "Aber wir bilden aus, wir kümmern uns und obendrein wird uns dieses Engagement vom Personaldienstleister in Rechnung gestellt."

Natalie Schwark und Nicole Plate sind trotzdem dankbar. "Ohne Zeitarbeit hätten wir den Einstieg in diesen Job nicht hinbekommen", sagt Plate. "Und die Härte des Alltags haben wir bewusst in Kauf genommen." Ihre Kollegin Schwark nickt zustimmend. Ob sie nach ihrer Ausbildung Zeitarbeitnehmerinnen bleiben wollen, bezweifeln die beiden dagegen. Schwark zumindest träumt schon von ihrer eigenen Kita. "Dann wäre ich mein eigener Chef."

Schwark, Plate: "Die Härte des Alltags haben wir bewusst in Kauf genommen." Zur Großansicht
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Schwark, Plate: "Die Härte des Alltags haben wir bewusst in Kauf genommen."

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insgesamt 62 Beiträge
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    Seite 1    
1. Sklavenarbeitsfirma
AusVersehen 10.05.2012
Warum muß immer alles über eine Sklavenarbeitsfirma laufen? Damit die Kommunen viel zahlen, die Frauen aber fürs arbeiten wieder nur hüngerlöhne bekommen. Mir wird schlecht, wenn ich sehe wie versucht wird diese Sklaventreiber durch solche PR-Aktionen hoffähig zu machen. Ein Skandal ist sowas!
2. Wieviel erhält denn die ZA "Manpower"?
sailor_84 10.05.2012
Es wäre für mich lieber gewesen, im Artikel hätte mal gestanden, was die ZA "Manpower" für dieses Projekt vom deutschen Steuerzahler erhält! Was denken sich denn die Medien allgemein in der BRD aus, wenn sie solche Zahlen NIE nennen? Hier wird doch wieder der Bürger "für dumm verkauft" !!! Zeitarbeit! Zeitarbeit! Zeitarbeit über Alles und bald auch Zeitarbeit für Jeden!!
3. bedenklich
wschwarz 10.05.2012
Kinder in der KITA brauchen eine kontinuierliche Betreuung durch Erzieher, die ihnen bekannt sind und zu denen sie Vertrauen aufbauen können. Das ist nicht gegeben, wenn diese Arbeit durch Leiharbeitssklaven ausgeführt wird. Schnell wird die neue Mitarbeiterin ausgetauscht, weil sie doch nicht der Idealvorstellung der neuen Kollegin entspricht, und ein neuer Versuch wird gestartet. Die armen Kinder, alle 3 Monate neue Erzieher.
4. Gut für die Kinder ...
naklar? 10.05.2012
Gut für die Kinder und ... 1) Sie werden schon frühzeitig an den ständigen Jobwechsel (Zeitarbeit) gewöhnt. 2) Ist gut für die Statistik der Arbeitslosenzahlen. 3) Ist gut für die klammen Kommunen (spart kosten für teure städtische Angestellte). 4) Ist gut für die politische Bildung (Bisher sind ja hauptsächlich Frauen die Stammwähler der CDU --- weil Frau Merkel ja so nett ist). Schlecht nur, daß die ARGEN immer noch nicht abgeschafft werden!!!
5.
inci2 10.05.2012
Zitat von AusVersehenWarum muß immer alles über eine Sklavenarbeitsfirma laufen? Damit die Kommunen viel zahlen, die Frauen aber fürs arbeiten wieder nur hüngerlöhne bekommen. Mir wird schlecht, wenn ich sehe wie versucht wird diese Sklaventreiber durch solche PR-Aktionen hoffähig zu machen. Ein Skandal ist sowas!
hört sich nach einer tollen erfolgsstory an. so wie der cargolifter, E10 und der neue flughafen in berlin. das ganze ding ist vermutlich auch noch von der agentur für arbeit voll gegenfinanziert, so daß man sich da erst mal 'ne goldene nase verdient bei dem partner aus berlin. erst gestern habe ich beim abendessen geunkt, daß sicher bald auch azubis über zeitarbeitsfirmen vermittelt werden..........
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