Gleichberechtigung Sexismus-Streit bei Allianz-Agentur

Wie sexistisch ist dieses Bild? Eine Frauenrechtlerin sagt, die Mitarbeiterinnen könnten so auch für ein Bordell werben. Die Firma selbst sagt, die Damen hätten gern so posiert.

David Patrick Kundler und seine Mitarbeiterinnen
KUNDLER

David Patrick Kundler und seine Mitarbeiterinnen

Von Olga Scheer


Im Vordergrund steht David Patrick Kundler, der Chef einer kleinen Agentur, die Versicherungsverträge für den Allianz-Konzern vertreibt. Ein paar Schritte hinter ihm stehen seine acht Mitarbeiterinnen. Kundler, so ist unschwer zu erkennen, ist in seinem Laden der einzige Mann. Er trägt auf dem Bild einen Anzug. Seine acht weiblichen Angestellten tragen allesamt schwarze Minikleider.

Das Foto, ein Werbebild der Berliner Firma, das zunächst in zwei kleinen, lokalen Publikationen erschien, macht derzeit in den sozialen Netzen eine steile Karriere. Die Publizistin und Frauenrechtlerin Inge Bell war eine der Ersten, die es auf ihrer Facebook-Seite teilte, versehen mit dem Kommentar "Nicht zu fassen! Allianz Berlin. Offenbar ernstgemeint".

Später fügte Bell noch hinzu: "Ich musste stutzen, ob ich hier eine Werbung fürs Berliner Laufhaus 'Artemis' sehe oder für die Berliner Allianz Generalvertretung." Bells Beitrag wurde in kurzer Zeit 1500 mal kommentiert. Am Freitag nun griff die "Bild"-Zeitung das Thema auf. Schlagzeile: "Geschlechter-Zoff um dieses Werbe-Foto".

Die Mitarbeiterinnen der Versicherungsagentur können die Aufregung nicht verstehen. Sie fühlen sich von Bell beleidigt und haben beim Landgericht München eine Unterlassungsklage eingereicht. Bell solle den Beitrag löschen, fordern die Frauen. Sie erwirkten eine einstweilige Verfügung.

Sexismus kann die Allianz Generalvertretung Kundler in dem Bild nicht erkennen. Die Mitarbeiterinnen hätten sich "freiwillig und im Übrigen auch gerne in schwarzen Kleidern und mit High Heels gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber auf einem Teamfoto ablichten lassen", heißt es in der Unterlassungsklage.

Die Anwältin der Firma teilte auf Anfrage mit, ihre Mandantinnen ließen sich von Frau Bell nicht vorschreiben, wie sie sich zu kleiden hätten. Auch die Allianz stellte sich hinter die Mitarbeiterinnen der Agentur. Diese "haben das Recht, sich zu kleiden, wie es ihren Vorstellungen entspricht", teilt der Konzern mit.

"Schauen Sie sich mal in der Business-Abteilung von H&M um"

Yasemin Kundler, die Frau des Firmenchefs, die im Unternehmen als Vertrieblerin arbeitet, wird noch deutlicher: "Schauen Sie sich mal in der Business-Abteilung von H&M um." Dort hingen bei Weitem nicht nur Hosenanzüge für Frauen, sondern auch Kleider, die denen der Mitarbeiterinnen auf dem Werbefoto gar nicht mal so unähnlich seien.

Bell gehe es lediglich um Medienpräsenz, glaubt Kundler. Ihre Firma hätte Bell mehrfach zu einem klärenden Gespräch eingeladen, dieser Aufforderung sei sie allerdings nicht nachgekommen. Stattdessen habe sie auf Facebook die Öffentlichkeit gesucht.

Bell weist die Vorwürfe zurück. Das Foto sei schlichtweg sexistisch, entindividualisierend und frauenverachtend, sagt sie dem SPIEGEL. Die Kleidung entspräche nicht dem Dresscode der Allianz Chart zeigen. Und allein die Aufstellung, Kundler an der Spitze, die Mitarbeiterinnen hinter ihm, zeige, dass Frauen und Männer bei der Berliner Agentur nicht gleichgestellt seien.

Neue Sexismusdebatte

Der Streit um die Berliner Agentur sagt viel über das Frauenbild aus, das in manchen Firmen der Versicherungsbranche noch immer verbreitet ist. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Versicherer wegen Sexismusvorwürfen für Schlagzeilen sorgt.

Den wohl größten Skandal leistete sich der Versicherer Ergo, der im Sommer 2007 ausgewählten Angestellten eine Lustreise nach Budapest genehmigte.

Das Bild der Allianz Generalvertretung Kundler wirkt im Vergleich dazu regelrecht harmlos. Die Frage ist jetzt nur noch, warum die Agentur einerseits lautstark ihr Werbefoto verteidigt - es aber mittlerweile ausgetauscht hat. Auf dem neuen Bild stehen Chef und Kolleginnen nun nebeneinander, die Damen tragen Blazer, Hosen und knielange Röcke.

Das neue Werbefoto der Berliner Agentur
KUNDLER

Das neue Werbefoto der Berliner Agentur



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
harryklein 04.03.2017
1. Frech
Es ist doch unverschämt, aus der Tatsache, dass die Firma das Foto nun ausgetauscht hat, vermutlich um weiteren Shitstorms zu entgehen eine Art Schuldeingeständnis zu machen. Außerdem ist es extrem schlechter Stil, hier ein Pseudoargument zu konstruieren, in dem das Mitarbeiterfoto und die Bordellausflüge einer Versicherung in einen Zusammenhang gebracht werden. Schlimmster "Journalismus", pfui.
Wassup 04.03.2017
2. Statt Sexismusdebatte: mehr weibliche selbstständige Chefs!
Die Frauenrechtlerinnen sollen lieber mehr Frauen dazu ermutigen, sich selbstständig zu machen. Statt dessen wird um Fotos diskutiert - schwach!
licorne 04.03.2017
3. Rechtschreibung
"endindividualisierend" ?, ent... wie entgegen.
phillyst 04.03.2017
4. Also...
gut, der Mann stellt mit einer gewissen Präferenz gut aussehende Frauen in seiner Agentur ein. Könnte man jetzt nicht viel eher meckern, dass seine Personalauswahl eindeutig sexistisch ist, weil Männer benachteiligt werden? Im übrigen finde ich die zitierten Aussagen, das Foto könnte so auch für einen Puff werben um ein vielfaches sexistischer als es dieses Foto vielleicht ist - unterstellt diese Aussage doch, dass jede Frau in einem Kleid und High Heels eine Prostituierte sein könnte/müsste. Das ist nah dran an den schwachsinnigen Thesen eine Frau würde durch ihr Äusseres sexuelle Übergriffe provozieren. Das in manchen Unternehmen immer noch ein stark patriarchisches Klima herrscht kann ich nicht abstreiten (da hab ich allerdings schon wesentlich schlimmeres erlebt als in Versicherungen), aber das aus diesem Bild abzuleiten ist die eigentliche Herabwürdigung der Frauen in der Gesellschaft. Weil die Damen Kleider tragen und gut aussehen können das keine ernst zu nehmenden Versicherungsmaklerinnen sein?
alterhaase 04.03.2017
5. Frage des Selbstverständnisses
Wie ich meine Mitarbeiter/innen und mich für ein Foto aufstelle oder aufstellen lasse, hängt zuallererst von meinem Selbstverständnis als Chef/in ab: Halte ich meine Mitarbeiter/innen für die Diener/innen meines Genies, werde ich so ein Allianz-Foto machen bzw. machen lassen. Habe ich aber begriffen, dass das Boot ohne ihre Leistung keinen Meter vorankäme (egal wie schick meine Kapitänsuniform ist), ohne mich aber durchaus, dann werde ich zwar auch auf dem Foto zu sehen sein, aber da, wo ich hingehöre: Im Hintergrund.
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