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Konzerne in der Krise: Risse im deutschen Monument

Eine Kolumne von

Volkswagen: Viele Konzerne haben mit fundamentalen Problemen zu kämpfen Zur Großansicht
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Volkswagen: Viele Konzerne haben mit fundamentalen Problemen zu kämpfen

Die Hurra-Nachrichten über die deutsche Konjunktur sind nur ein Teil der Wahrheit über die Wirtschaft: Viele Konzerne haben mit fundamentalen Problemen zu kämpfen - und das betrifft nicht nur Volkswagen und die Energieriesen.

Deutschland geht's blendend, oder? Auf den ersten Blick sehen die Prognosen fürs kommende Jahr großartig aus: Wachstum, Jobs, Löhne - die hiesige Wirtschaft widersteht den Turbulenzen der Weltwirtschaft anscheinend mit stählerner Stabilität. Der Rest Europas mag von Krise zu Krise zu taumeln, Deutschland bleibt davon unbeeindruckt.

Im Detail jedoch werden Risse sichtbar. Von A wie Allianz bis V wie Volkswagen sind diverse Vorzeigekonzerne mit Erosionserscheinungen konfrontiert. Unterhalb der Schwelle öffentlicher Wahrnehmung sind viele Veränderungen im Gange. Es wird gespart und umgebaut. Für große Teile von Corporate Germany haben ungemütliche Zeiten begonnen.

AUTOINDUSTRIE

Volkswagen-Werk in Wolfsburg: Absatz auf wichtigen Märkten schwächelt Zur Großansicht
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Volkswagen-Werk in Wolfsburg: Absatz auf wichtigen Märkten schwächelt

Der schwache Euro und die niedrigen Zinsen mögen derzeit vieles überdecken, doch gerade die traditionellen Stärken der deutschen Wirtschaft haben mit fundamentalen Problemen zu kämpfen. Die Autoindustrie ist nicht erst durch den VW-Abgasskandal unter Druck. Der Absatz auf wichtigen Märkten schwächelt. Und Newcomer wie Tesla und Digitalgiganten wie Google fordern angestammte Branchenführer mit neuen Antriebskonzepten und Geschäftsmodellen heraus. Nun zeigen auch noch die Umweltbehörden in den USA und in Europa ungewohnte Härte.

Keine Kleinigkeit: Deutschlands Konzernlandschaft - BMW, Bosch, Continental, Daimler, Volkswagen, ZF & Co. - ist extrem aufs Auto fokussiert. Der Anteil der Auto-Werktätigen an der Gesamtbeschäftigung ist doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt. Autos machen rund ein Fünftel der deutschen Rekordexporte aus. Der indirekte Beitrag der Branche ist noch weit höher. So kommen von den Aufwendungen der Wirtschaft für Forschung und Entwicklung (F&E) inzwischen mehr als ein Drittel Prozent von den Autobauern und ihren Zulieferern, wie Erhebungen des Stifterverbands zeigen.

MASCHINEN- UND ANLAGENBAU

Siemens-Außenwerbung: Das Technokonglomerat stagniert vor sich hin Zur Großansicht
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Siemens-Außenwerbung: Das Technokonglomerat stagniert vor sich hin

Auch die zweite Herzkammer der Industrie, der Maschinen- und Anlagenbau, zeigt Stresssymptome. Viele Unternehmen sind in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten rasch gewachsen, haben insbesondere vom China-Geschäft enorm profitiert. Jetzt ist der große Investitionsboom vorbei, Unternehmen wie der Stahlwerksspezialist SMS müssen reagieren. ThyssenKrupp ist nach Jahren schmerzhafter Um- und Abbauprogramme erst mal stabilisiert, spart aber sicherheitshalber nochmal Hunderte Millionen Euro, des unsicheren globalen Umfelds wegen. Das Technokonglomerat Siemens stagniert vor sich hin.

BANKEN UND VERSICHERUNGEN

Deutsche-Bank-Zentrale: Radikales Schrumpfungsprogramm Zur Großansicht
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Deutsche-Bank-Zentrale: Radikales Schrumpfungsprogramm

So geht es weiter: Die Deutsche Bank zieht ein radikales Schrumpfungsprogramm durch, die Commerzbank ist nur noch eine gestutzte Größe. Strengere Regulierungen und unnachsichtige Bankenaufseher machen den Großbanken das Geldverdienen schwerer als früher. Versicherungsriesen wie die Allianz und Rückversicherer wie Munich Re könnten auf Dauer wegen der anhaltenden Niedrigstzinsen in Schwierigkeiten geraten.

ENERGIE, CHEMIE, LOGISTIK

Abgeschalteter RWE-Atommeiler: Existenziell bedroht Zur Großansicht
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Abgeschalteter RWE-Atommeiler: Existenziell bedroht

Die Lufthansa wird von Billigfliegern und emirsubventionierten Golfairlines in die Zange genommen. Die Stromkonzerne E.on und RWE sind existenziell bedroht. Nicht nur wegen der Energiewende, sondern auch weil der technische Fortschritt ihnen angestammte Größenvorteile nimmt und nun kleinere Produzenten erneuerbarer Energien begünstigt. BASF ist im Sparmodus. Die Deutsche Post hat mit Gewinnrückgängen zu kämpfen.

Die Beispiele zeigen: Nach vielen guten Jahren, nur kurzzeitig unterbrochen durch die große Rezession 2008/09, sind Deutschlands Konzerne nun mit diversen Herausforderungen konfrontiert, die nicht so schnell verschwinden werden.

Insbesondere:

  • Die Globalisierung ist auf dem Rückzug, was eine offene Volkswirtschaft wie die deutsche besonders direkt zu spüren bekommt.
  • Das Ende des Schwellenländerbooms dämpft den Absatz von Investitions- und Luxusgütern.
  • Die Digitalisierung löst traditionelle Wertschöpfungsketten und bringt neue Konkurrenten ins Spiel.
  • Die schleichende globale Schuldenkrise erzwingt dauerhaft ultraniedrige Zinsen.
  • Die Klimapolitik wird infolge des Gipfels von Paris deutlich verschärft; bis 2050 aus der Nutzung fossiler Brennstoffe quasi vollständig auszusteigen, ist ein epochales Großprojekt.

Bislang lebt Deutschland von traditionellen Stärken. Tonangebend sind nach wie vor Konzerne, die teils 150 Jahre und älter sind. Auto, Maschinenbau, Chemie - die deutsche Wirtschaft stützt sich immer noch auf jene Branchen, mit denen dem Land im späten 19. Jahrhundert der Aufstieg in die Spitzengruppe der entwickelten Staaten gelang. Immerhin: Bayer, Bosch, Daimler oder Siemens haben schon viel überlebt - Krisen, Kriege, Staatszusammenbrüche. Nun müssen sie zweierlei beweisen: dass sie, erstens, immer noch so viel Widerstandsfähigkeit besitzen wie früher; und dass sie, zweitens, innovativ genug sind, um auch die nächsten Technologiesprünge zu meistern.

Die wichtigsten Ereignisse der kommenden Woche

MONTAG

Brüssel - Consumer's Delight - Neue Daten zum Verbrauchervertrauen in der Eurozone.

München - Jede Menge Kohle - Das Ifo-Institut veröffentlicht neue Umfrageergebnisse zur Kreditvergabe an deutsche Unternehmen (Kredithürde).

DIENSTAG

Nürnberg - Nach-Weihnachtsgeschäft - Die GfK misst das deutsche Konsumklima für Januar.

München - Bankdrücken - Der unendliche Prozess gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen, seine Vorgänger Ackermann und Breuer sowie zwei weitere Ex-Vorstände wegen versuchten Prozessbetrugs geht in einen weiteren Verhandlungstag.

MITTWOCH

Paris - Soldes! - Frankreichs Statistiker vermelden die Konsumausgaben im Vorweihnachtsmonat November.

Washington - Season's Greetings - Die US-Behörden haben die Entwicklung der persönlichen Einkommen, den Konsum sowie die Auftragseingänge für langlebige Güter gemessen.

Luxemburg - Kurz vor Schluss - Der Europäische Gerichtshof spricht Urteile zur Besteuerung verfallener Flugtickets und zum Mindestpreis für Alkohol.

DONNERSTAG

New York, London - Going Home for Christmas - Heiligabend schließen die Börsen früher.

Paris - Schöne Bescherung - Französische Arbeitsmarktdaten vom November.

FREITAG

Vatikanstadt - Weihnachten für Profis - Papst Franziskus erteilt den Segen urbi et orbi.

Tokio - Japan auf Bewährung - Wirkt die aggressive Wirtschaftspolitik? Neue Zahlen zur Entwicklung der japanischen Verbraucherpreise und zum Arbeitsmarkt.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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insgesamt 252 Beiträge
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1. Hauptsache, Murksel glaubt's
Baikal 20.12.2015
dann wird auch das Wählervolk nicht nach der Wahrheit brennen sondern weiter betäubt und glückselig der Mutter aller Gläubigen nachfolgen und dann zumindest selig in den Abgrund stürzen. Leichter Tod ist schließlich schöner Tod und muß nicht jeder einmal sterben?
2. Alles mit Ansage
smartphone 20.12.2015
Was Sie als Risse bezeichnen , hätte JEDER sachverständige(!!) Unternehmensberater vor xx Jahren konstatieren können. Es fängt schonmal damit ,an , daß relevante Stellenbesetzungen quasi nur per Empfehlungsschreiben ( idealerweise eines Schoversgaer in anderer Firma ---zB Mehdron u.ä.) realisiert werden. Oder solche 2-3 Jahre Karrierehopper , die meinen als BWLer könnten Sie jede Firma lenken .......
3.
dent42 20.12.2015
Die digitale Branche liegt dagegen brach. Silicon Valley gibt denTon an und der "brain drain" dorthin nimmt weiter an fahrt auf.
4.
EinJemand 20.12.2015
Wer so konservativ auf veraltete Technik setzt, wird langfristig von den experimentier- und risikofreudigeren Tesla & Co. überholt. Wir haben es hier mit dem Kontext einer Regierung zu tun, für die das Internet laut Eigenaussage "Neuland" ist.
5. Es sieht schlecht aus
Ronny Schlosch 20.12.2015
Es sieht ganz schlecht aus für die Zukunft Deutschlands und der EU. In Deutschland brennt es an allen Ecken und Enden. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis das Land und damit auch die gesamte EU kollabiert. Merkels Asylpolitik stellt uns vor Probleme, die selbst mit einer brummenden Wirtschaft nicht zu lösen sind. Merkels Kurs zerreißt das Land und verschafft rechten Kräften Auftrieb. Unfassbar, was in diesem Land zurzeit passiert.
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