Personalmangel in der Altenpflege "Wir laufen auf eine Katastrophe zu"

Kurz vor der Wahl wird der Pflegenotstand zum Thema. Im Interview spricht Ökonom Stefan Sell von Niedriglöhnen und Personalmangel - und erklärt, weshalb Altenpfleger in die Gewerkschaft eintreten sollten.

Seniorin und Pflegekraft in Berlin (2012)
DPA

Seniorin und Pflegekraft in Berlin (2012)

Ein Interview von


Selten hat eine Bürgerfrage in einer Wahlsendung so viel Wirkung erzielt wie die von Alexander Jorde: Am 11. September konfrontierte der angehende Krankenpfleger in der ARD Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit seinem Berufsalltag. Die Würde des Menschen, laut Grundgesetz eigentlich unantastbar, werde in Wirklichkeit in Deutschland "tagtäglich tausendfach verletzt". Es gebe einfach zu wenig Pflegepersonal.

Seitdem präsentiert vor allem die SPD Vorschläge gegen den Pflegenotstand: Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert ein Lohnplus von 30 Prozent für Altenpfleger. Parteichef Martin Schulz verspricht einen "Neustart in der Pflegestruktur" binnen 100 Tagen und verbindliche Personalschlüssel - wofür sich auch Merkel einsetzen will.

Der Koblenzer Ökonom und Sozialwissenschaftler Stefan Sell befasst sich seit Jahren mit den Missständen in der Pflege. Er kritisiert, dass die Pflegemisere vor dem TV-Auftritt des Pflege-Azubis überhaupt keine Rolle im Wahlkampf gespielt habe und in den Programmen der Parteien stiefmütterlich behandelt werde. Tatsächlich finden sich dort - mit Ausnahme der Linken - kaum konkrete Forderungen, sondern eher unbestimmte Versprechen, sich des Themas anzunehmen.

Entsprechend skeptisch ist Sell, dass die Pflege von einer neuen Bundesregierung tatsächlich so hoch auf die Agenda gesetzt wird, wie es die Kanzlerin und ihr Herausforderer versprechen: "Darauf würde ich nicht wetten."

  • Stefan Sell
    Stefan Sell, Jahrgang 1964, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz. Auf seinem Fachblog "Aktuelle Sozialpolitik" setzt er sich mit den Tiefen und Untiefen der Sozialpolitik auseinander.

SPIEGEL ONLINE: SPD-Kandidat Martin Schulz verspricht einen "Neustart in der Pflegestruktur", CDU-Kanzlerin Angela Merkel spricht von einer "großen Herausforderung". Wie groß ist der Notstand in der Pflege wirklich?

Sell: Das kommt darauf an, was Sie mit "die Pflege" meinen - die Altenpflege oder die Pflege in den Krankenhäusern? Das sind zwei sehr unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Strukturen und Problemen. Missstände gibt es zwar in beiden, aber in der Altenpflege laufen wir auf eine regelrechte Katastrophe zu: Bereits jetzt meldet die Bundesagentur für Arbeit einen flächendeckenden Mangel an Fachkräften. In Bremen - und nicht nur dort - dürfen einige Pflegeheime keine neuen Bewohner aufnehmen, weil sie nicht genügend Fachkräfte haben.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist die Situation in der Altenpflege noch kritischer als bei der Krankenpflege?

Sell: Altenpfleger verdienen im Schnitt bis zu 30 Prozent weniger als Krankenpfleger. Ein examinierter Altenpfleger - also eine versierte Fachkraft mit einer Ausbildung von mindestens drei Jahren - bekommt nur unbedeutend mehr als ein Helfer in der Krankenpflege, dessen Ausbildung ein bis zwei Jahre dauert. Diese Lohnlücke zwischen Alten- und Krankenpflege muss dringend geschlossen werden.

SPIEGEL ONLINE: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert genau das: ein Lohnplus in der Altenpflege von 30 Prozent. Dafür soll der Beitragssatz zur Pflegeversicherung um einen halben Prozentpunkt steigen. Reicht das?

Sell: Ein halber Prozentpunkt klingt nach wenig, bedeutet in absoluten Zahlen aber Mehreinnahmen von 7,2 Milliarden Euro im Jahr - allein für die absolut dringendste Maßnahme. Für eine gute Pflege in beiden Bereichen werden wir insgesamt noch sehr viel mehr Geld zusätzlich ausgeben müssen. Immerhin stimmt die Finanzierungsrechnung für diese erste Maßnahme: Gesundheitsökonomen haben die Kosten für gleiche Löhne in Alten- und Krankenpflege mit 5,9 Milliarden Euro berechnet. Aber das Geld muss auch bei den Altenpflegern ankommen. Das wird absehbar nicht geschehen, wenn man sich darauf beschränkt, nur mehr Geld ins System zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Heimbetreiber das Geld in die eigene Tasche stecken würden?

Sell: Tatsächlich werden fast die Hälfte der Heime von privatgewerblichen Trägern betrieben - also von Unternehmen, deren Zweck es ist, Gewinn zu machen. Es wäre aber falsch, die Schuld allein bei ihnen zu suchen: Sie müssen betriebswirtschaftlich denken, das hat der Gesetzgeber bewusst so entschieden. Wenn man aber ein derart sensibles Gut wie die Altenpflege schon den Kräften des Marktes öffnet, muss man die Rahmenbedingungen so setzen, dass weder die Bewohner noch die Mitarbeiter darunter leiden. Und hier liegt einiges im Argen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Sell: Es gibt in der Altenpflege keine gesetzlich verbindlichen Personalschlüssel, sondern ein indirektes System: Abhängig vom Pflegegrad der Bewohner wird der Personalbedarf berechnet, wobei sich das von Bundesland zu Bundesland unterscheidet. Für den höchsten Grad 5 gilt derzeit zum Beispiel in Bayern ein Richtwert von 1,79 Pflegekräften pro Bewohner. Auf dieser Grundlage bekommen die Heime dann Geld von der Pflegeversicherung. In der Theorie funktioniert das, in der Praxis produzieren Sie damit aber strukturell einen Personalmangel.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das?

Sell: Angenommen, Sie betreiben ein Pflegeheim mit 50 Plätzen, sind voll belegt und haben ausschließlich Bewohner im höchsten Pflegegrad. Wenn Sie nun entsprechend dem Schlüssel Pflegekräfte fest anstellen, kommen Sie schnell in ein Dilemma: sobald nämlich einige ihrer Bewohner mit dem höchsten Pflegegrad versterben und die Bewohner, die Sie neu aufnehmen, niedrigere Pflegegrade haben. Für die bekommen Sie natürlich weniger Geld aus der Pflegeversicherung - auf ihrer Gehaltsliste stehen aber immer noch so viele Pflegekräfte wie zuvor. Aus diesem Grund kalkulieren die allermeisten Betreiber ihr Personal unter dem eigentlichen Bedarf.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren also für verbindliche Personalschlüssel, wie ihn jetzt sowohl Kanzlerin Merkel als auch Herausforderer Schulz ins Spiel bringen?

Sell: Ja, umso mehr, als die Pflegeversicherung eine Teilkaskoversicherung ist: Sie trägt ja nur einen Teil der Kosten, den anderen müssen die Bewohner und ihre Angehörigen selbst bezahlen - oder die Sozialämter. Ohne verbindliche Personalschlüssel ist die Versuchung für Betreiber groß, das zusätzliche Geld aus der Pflegeversicherung zum Beispiel dazu zu verwenden, die Eigenbeteiligung zu senken und sich so einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Selbstverständlich müsste nicht nur ein allgemeiner und verbindlicher Personalschlüssel eingeführt werden. Auch die derzeitige Fachkraftquote von 50 Prozent darf auf keinen Fall abgesenkt werden, wie das die privaten Heimbetreiber gerade fordern. Und selbstverständlich müsste den Betreibern zugestanden werden, ihr Personal auch dann halten zu können, wenn sich die Bewohnerstruktur wie im eben beschriebenen Szenario ändert. Sonst sparen sie nämlich an anderer Stelle zum Nachteil von Bewohnern und Mitarbeitern.

SPIEGEL ONLINE: Steigen bei einem verbindlichen Personalschlüssel automatisch die Löhne in der Altenpflege?

Sell: Das bleibt abzuwarten. In jedem Fall würde der Bedarf an Altenpflegern noch einmal steigen - und zumindest in der ökonomischen Theorie müssten die Heimbetreiber ordentlich mehr Geld bieten, um überhaupt Personal zu bekommen. Allerdings besteht in der Altenpflege ein starkes Kräftegefälle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen werden viele Heime von kirchlichen Trägern betrieben - und nach wie vor wird ihren Angestellten das fundamentale Recht zum Streik verwehrt. Und wo das nicht der Fall ist, sind zum anderen nur sehr wenige Pflegekräfte in einer Gewerkschaft, die gute Flächentarifverträge durchsetzen könnte. Man kann den Pflegekräften nur raten: Organisiert euch!

SPIEGEL ONLINE: Wenn es ohnehin bereits einen Fachkräftemangel gibt: Woher sollen die zusätzlich benötigten Altenpfleger denn kommen?

Sell: Die Lage ist tatsächlich schwierig, aber es gibt durchaus Potenzial: So steigt die Zahl derer, die eine Ausbildung absolvieren, auch weil einige Länder hier jüngst investiert und die Bedingungen verbessert haben - obwohl die Löhne so niedrig sind. Bei einem erheblichen Lohnplus dürften sich noch mehr Menschen für eine Ausbildung entscheiden. Außerdem arbeiten viele Pflegekräfte in Teilzeit, einige von ihnen könnten durch Anreize dazu gebracht werden, ihre Arbeitszeit zu verlängern. Viele Fachkräfte in der Altenpflege werden zudem durch eine qualifizierte Umschulung älterer Menschen gewonnen, das kann man weiter ausbauen. Und wenn das Berufsbild endlich aufgewertet wird, dann steigt auch die Ausbildungsnachfrage.

insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Freidenker10 21.09.2017
1. Danke dass das Thema thematisiert wird!
Der Pflegenotstand existiert nicht erst seit diesem Wahlkampf, der Pflegenotstand existiert sicherlich schon seit 5-10 Jahren und jedesmal versprechen die Parteien und Kandidaten Besserung. Dann fällt denen wohl jedesmal auf, dass Verbesserung Geld kostet und schwupps versinkt das Thema wieder im nichts und die übrig gebliebenen Pflegekräfte halten die Läden mit ihrer eigenen Gesundheit am laufen. Reflexartig hört man dann immer von Billiglösungen wie " da können ja die Flüchtlinge in die Pflege", oder es wird die Ausbildung "aufgewertet", wichtig ist nur das es nichts kosten darf. Liebe Leute, eine Verbessung der Personalsituation wird es ohne Geld nicht geben, keine Chance! Auch eine aufgewertete Ausbildung als Billiglösung bringt gar nichts, wenn die neuen Fachkräfte nach 2-3 Jahren wieder die Segel streichen! Der Beruf darf nicht nur mit warmen Worten attraktiver gemacht werden sondern muss endlich auch mit deutlich mehr Geld attraktiver gemacht werden. hierbei muss man aber wissen, das nur die allerwenigsten Pflegekräfte im Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes abgebildet sind, sondern die kirchlichen, die Privaten und die sozialen alle ihr eigenes Tarifsüppchen kochen und die liegen immer weit unter dem des ÖD! Also wenn Tariferhöhung dann auch bindend für ALLE! Dann müssen allerdings auch die finanziellen Mittel der Träger erhöht werden! Zweitens muss die Personalausstattung auf den Stationen erhöht werden, nur so lässt sich die permanente Überarbeitung der Pflegekräfte wirksam bekämpfen, denn die Träger werden von sich aus gar nichts unternehmen, weil jeder Mitarbeiter zuwenig bare Münze für die Träger ist!
zeichenkette 21.09.2017
2. Das hat ja auch gewaltig abschreckende Wirkung
Absoluter Stress und Überforderung plus beschissene Löhne in einem so oder so schon belastendem Beruf (anders als in der Krankenpflege verlassen die Patienten in der Regel nach einem kontinuierlichen Abstieg das Haus im Sarg) - wer will da arbeiten? Da müssen Bedingungen geschaffen werden, in denen man auch arbeiten WILL. Aber genauso wie bei den Renten ist das eine mathematisch unerbittliche Kurve, es werden immer mehr Menschen alt und krank sein und immer weniger Menschen werden zuhause von ihren Angehörigen gepflegt werden, entweder weil sie keine haben oder weil sie ganz woanders arbeiten und wohnen. Dieses Problem müsste man vor allem mal klar ansprechen, wenn es da Lösungen geben soll. Augen zumachen hilft nur vorübergehend und dann überhaupt nicht mehr.
grommeck 21.09.2017
3. Was erwarten die Menschen eigentlich von dieser Lobbyistenregierung?
Der Bürger ist zweitrangig, es geht um Profite. Investoren bauen Altenheime um Kohle zu machen, zulasten der Menschen. Die Regierung ist eine Unternehmerregierung. Nach der Wahl wird’s noch besser.
Chris_7 21.09.2017
4. Warum müssen wir "ewig" leben?
Gerne die ganzen Verbesserungen. Aber nur, wenn ich gleichzeitig auch das Recht bekomme selbst zu entscheiden, wann ich aus dem Leben scheiden möchte und dieses dann auch so für mich gemacht wird, wenn ich es selbst nicht mehr kann. Sprich ich will auf Wunsch aktive Sterbehilfe bekommen. Und zwar auch so, dass ich das z.B: bei einer Demenz vorher entscheiden kann dass, wenn ein bestimmtes Stadium erreicht ist, mein Wille dann dennoch umgesetzt wird, auch wenn ich das dann nicht mehr entscheiden kann. Wie gesagt, als freie Entscheidung durch mich für mich. Also bitte keine Vorwürfe von wegen Euthanasie. Man darf niemanden zum Sterben zwingen - aber m.E. auch niemandem zum Leben. Und nach einigen Jahren Rettungsdienst und einer pflegerischen Ausbildung weiß ich, was ich alles nicht will. Und da gibt es viele, die so denken. Heute müssen sie leben, ob sie wollen oder nicht. Und müssen irgend wann im Heim wohnen. Und müssen da den Heimbetreibern die Taschen füllen.
plietsch 21.09.2017
5.
Seit verdi und co. nur noch auf Renten und niedrige Pflege-Kosten schauen, werden selbst Reformen torpediert, die jüngere Auszubildende und Arbeitnehmer in eine bessere Verhandlungsposition bringen würden. Wer diesen Babyboomern noch Geld hinterherwerfen möchte, um einen Kurs gegen eigene Interesse zu unterstützen, soll dies aber natürlich gerne tun.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.