Alternative Investments Wie Bürger den Turbokapitalismus bändigen

Bankencrash, Klimakrise, Ausbeutung der Dritten Welt - bei den Bürgern wächst das Misstrauen gegen die Profitwirtschaft. Immer häufiger setzen sie ihr Kapital politisch ein, ethische Investments gewinnen an Bedeutung. Noch ist die neue Zivilökonomie klein, aber die Moralisierung der Märkte nimmt zu.

Von Hannes Koch

Börsenkurse in Fernost: Abschied von der eindimensionalen Gewinnmaximierung
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Börsenkurse in Fernost: Abschied von der eindimensionalen Gewinnmaximierung


Berlin - Die Idee, die die Manager der Hamburger Ökostrom-Firma Lichtblick hatten, ist so einfach wie genial: Viele kleine Kraftwerke in vielen Wohnhäusern werden über die Datennetze zusammengekoppelt und machen damit große Atom- und Kohlekraftwerke überflüssig. Sie ist umso erstaunlicher, weil Lichtblick, ein zwar erfolgreicher, aber vergleichsweise kleiner Stromanbieter, den Volkswagen-Konzern Chart zeigen gewinnen konnte, die passend umgebauten Erdgasmotoren zu liefern. Damit wird in Tausenden Gebäuden gleichzeitig Strom und Wärme produziert - und das enorm effektiv, enorm flexibel und enorm billig.

Vor ziemlich genau zehn Jahren kam Lichtblick auf den Markt. Die damals sieben Mitarbeiter und acht Kunden wollten eine andere Energieerzeugung - mit der man trotzdem Geld verdienen kann.

Dass aus dem kleinen Haufen überzeugter Umweltschützer inzwischen ein gut funktionierendes Unternehmen mit über 400.000 Kunden geworden ist, ist das jüngste Beispiel für eine neue Art des Wirtschaftens - die Zivilökonomie. Ähnlich wie die moderne Zivilgesellschaft aus Umweltinitiativen, Bürgerrechtsgruppen und Verbraucherverbänden seit den siebziger Jahren die Politik des Staates verändert hat, wächst allmählich auch eine zivile Art des Wirtschaftens.

Denn die Haus- und Wohnungsbesitzer, die erst in Hamburg und später in ganz Deutschland die Mini-Kraftwerke von Lichtblick in ihre Keller bauen, machen sich unabhängig von den Stromkonzernen - und entziehen den großen Unternehmen damit einen Teil ihrer Macht. Während diese in erster Linie möglichst hohen Gewinn erwirtschaften, und nur in zweiter Linie vernünftige Produkte verkaufen wollen, handeln die Energie-Autonomen anders.

Nicht nur Profitmaximierung als Ziel

Denn erstens vertrauen sie auf ihre eigene unternehmerische Kraft. Und zweitens streben sie nicht nach Profitmaximierung - obwohl sie einen finanziellen Vorteil erzielen wollen. Aber sie begnügen sich mit einer moderaten Rendite. Der Grund: Neben dem Gewinn verfolgen sie auch andere Ziele - etwa den Schutz des Klimas. Die Bürger-Unternehmer betreiben damit eine pluralistische Form des Wirtschaftens, die sich wohltuend von der eindimensionalen Gewinnmaximierung herkömmlicher Unternehmen unterscheidet.

Denn tatsächlich hat nicht nur die Klimakrise, sondern auch die Finanzkrise das Misstrauen gegenüber dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem vertieft. Als Konsequenz entziehen jetzt immer mehr Bürger dem alten System ihr Geld und tragen es zu alternativen Banken. So berichtet die GLS-Bank, die sozial- und umweltverträgliche Investments anbietet, dass die Zahl ihrer Kunden seit Anfang 2008 von 55.000 auf mittlerweile 70.000 angestiegen ist. Die Bilanzsumme wird dieses Jahr um rund 30 Prozent auf mehr als 1,3 Milliarden Euro wachsen. Bei anderen Öko-Investment-Firmen sieht es ähnlich aus.

Die konventionellen Kapitalverwalter dagegen leiden unter dem Finanzcrash. Bis Mitte 2008 sank die Zahl der Bundesbürger, die Anteile an Investmentfonds besaßen, laut Bundesverband Investment und Asset Management (BVI). Der Verlust für die Institute hält sich zwar in Grenzen: Insgesamt ging die Zahl der Fondsbesitzer nur von 16 Millionen (2007) auf 15,9 Millionen zurück. Aber es könnte ein Anfang sein.

Denn auch der Geldnachschub bei Publikums- und Spezialfonds insgesamt läuft träge. Bei den Investmentfonds, über die der BVI berichtet, gingen zwischen Januar und August 2009 etwa 87 Prozent weniger neue Mittel ein als im gleichen Zeitraum 2007. So betrug der Zuwachs zwischen Januar und August 2009 rund 5,7 Milliarden Euro, 2007 hatte das Volumen dagegen um fast 46 Milliarden zugenommen. Offensichtlich haben weniger Leute Lust, ihr Geld in die konventionellen Fonds der Institute zu stecken.

Zunehmendes Unbehagen über Wachstums- und Gewinnökonomie

Zwei Motive dürften dabei eine Rolle spielen: Zum einen die Angst vor Wertverlusten im Zuge der Finanzkrise, zum anderen aber ein zunehmendes Unbehagen über die traditionelle Wachstums- und Gewinnökonomie.

Die Folgen dieses Umdenkens lassen sich mittlerweile an vielen Stellen beobachten: US-amerikanische Privatentwickler bringen Elektroautos auf die Straßen, die die großen Unternehmen nicht herstellen wollen. Die Gewerkschaft IG Metall fordert neuerdings, dass die Beschäftigten nennenswerte Aktienanteile an den Automobilkonzernen erhalten sollen. Wieder andere Unternehmen kommen unter Druck, weil ihre T-Shirts im Verdacht stehen, von Kinderarbeitern hergestellt zu sein.

Das zeigt: Die alte Logik der eindimensionalen Gewinnorientierung ist diskreditiert, eine neue Wirtschaftsethik soll andere Faktoren berücksichtigen: Klima, Umwelt, Menschenrechte - und nicht zuletzt die Interessen der Beschäftigten. "Moralisierung der Märkte" hat das der Konstanzer Kulturwissenschaftler Nico Stehr genannt.

Bisher sind das allerdings nur Anfänge. Noch stecken nur wenige Prozent des gesamten in Deutschland angelegten Kapitals in alternativen Investments. Und nur einige Prozent der verkauften Waren genügen besonderen ökologischen und sozialen Kriterien.

Trotzdem ist diese Bewegung nicht rückgängig zu machen, immer mehr Beispiele lassen sich finden. So arbeitet etwa ein weltweites Netzwerk von Entwicklern an Computerprogrammen wie dem Browser Firefox oder dem Betriebssystem Linux. Die Lizenzen dieser Programme erlauben jedem die kostenlose Nutzung und Weiterentwicklung des öffentlich einsehbaren Programmcodes - während der Software-Riese Microsoft Chart zeigen das Gegenteil macht: Die Basiscodes seiner Programme Windows und Internet Explorer sind geheim. Der Konzern erwirtschaftet damit den maximalen Gewinn - und doch feiern die offenen Programme Erfolge.

Das ist Zivilökonomie. Sie tritt als drittes Element zwischen die Bürger und die Konzerne, hier entwickelt sich ein Raum für ökonomische Selbstbestimmung. Wer will, kann daran teilnehmen - und viele Menschen tun es. Sie räumen beispielsweise ihre Konten bei der Commerzbank Chart zeigen, der Deutschen Bank Chart zeigenoder anderen Kreditinstituten und eröffnen neue bei einer Ökobank.

Das ist ein kleiner Schritt und er ist ganz einfach. Aber er zeigt, dass nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft eine pluralistische Veranstaltung ist.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
Strichnid 13.10.2009
1. ...
Ja, die Wirtschaft ist ebenso pluralistisch. Das zeigt sich daran, dass es inzwischen als Gegenstück zu den ethischen Fonds gezielte Bad-Moral-Fonds gibt, die gezielt in Waffen, Alkohol und Pornoindustrie investieren. Und die gehen ebenso gut ab wie die ethischen, weil es immer genug Anleger gibt, die zwar gierig, aber nicht moralisch sind. Als Problemlösung taugt das also nicht.
hlschorsch 13.10.2009
2. Kleinkredit von Privat zu Privat
.....was ich auch ganz nett finde in dem Zusammenhang: Projekte wie smava.de, bei denen man selbst entscheiden kann, wohin das Geld geht und gleichzeitig eine Absicherung für den Kredit-Ausfall hat.
Noodles, 13.10.2009
3. Die Moralisierung der Märkte nimmt zu !
was für ein hanebüchner Unsinn. Altruismus ist nun einmal nicht marktfähig, und kann sich schlichtweg keiner leisten. Auch der Spiegel hat sich jahrelang über sozialistische Traumtänzer,Sozialromantiker, ewig Gestrige, Gutmenschen usw. usf echauffiert. Immer wieder mit dem Hinweis daß der Markt nun einmal keine Moral kenne ( was zweifelsohne richtig ist )und grenzenlose Gier die einzige Triebkraft einer vernünftigen Ökonomie von von daher alternativlos sei. Plötzlich wird der Markt moralisch, schüttel den Kopf. Doch das Gedächtniss des Marktmenschen ist kurz, und was vor 24 Stunden noch der Gipfel aller Weishheit war,ist heute Schnee von gestern.
thorwalt 13.10.2009
4. Demokratisierung statt nur Geldverschiebung
@ Strichnid Nur nicht so pessimistisch sein! Geld von einer "bösen" Bank zu einer "guten" Bank zu verschieben hat noch wenig politischen Effekt. Wichtiger ist es, dass immer mehr Menschen wieder den Unterschied von Geld und Kapital erkennen, zwischen "Geld anlegen" und "Investieren". Investieren heißt, direkt als Teilhaber/in in ein produktives Unternehmen einsteigen, möglichst OHNE Bank dazwischen, auch möglichst ohne "gute" Bank. Durch Investieren verwandelt sich Geld in Kapital. Aus Druckerschwärze auf dem Kontoauszug wird produktive Substanz. Sogar wenn z.B. in einem Dorf möglichst alle Bewohner/innen in die Dorfbrauerei oder Weinkellerei investieren, so wie sie bislang nur durch Kauf von Anteilen der örtlichen Raiffeisenbank unternehmerisch investieren, wenn sie örtlichen Tabakanbau nebst Zigarrendreherei betreiben (mit Genehmigung) und vielleicht auch ein genossenschaftliches Puff ;) - dann hat sich politisch etwas Grundlegendes verändert, unabhängig vom Inhalt solcher Gewerbe, nämlich etwas Strukturelles, das Bewusstsein, das Denken: eine Demokratisierung der ökonomischen Verantwortung. Bürgerkraftwerke durch Photovoltaik, Windkrafträder oder Biogas, aber auch private Kindergärten nach Art von Sportvereinen auf Vereins- oder Genossenschaftsbasis wären dann weitere inhaltliche Fortschritte. Im 19. Jahrhundert hat dieses Modell des breiten wirtschaftlichen Bürgerengagements viel erreicht, z.B. große genossenschaftliche Arbeitersiedlungen, Bau von Eisenbahnen auf Aktienbasis. Aber auch in der Gegenwart bewährt es sich, wie speziell der Banksektor zeit: Die erwähnten Genossenschaftsbanken (Raiffeisen) haben als fast einzige nicht unter der aktuellen Finanzkrise gelitten - wohl deshalb, weil hier die Verantwortung weder an die Bürokraten des Staates (Landesbanken, Sparkassen) noch an ein profitgieriges Management (kapitalistische große Banken) vertrauensselig ausgeliefert worden ist.
hlschorsch 13.10.2009
5. Altruismus lebt!
Zitat von Noodleswas für ein hanebüchner Unsinn. Altruismus ist nun einmal nicht marktfähig, und kann sich schlichtweg keiner leisten. Auch der Spiegel hat sich jahrelang über sozialistische Traumtänzer,Sozialromantiker, ewig Gestrige, Gutmenschen usw. usf echauffiert. Immer wieder mit dem Hinweis daß der Markt nun einmal keine Moral kenne ( was zweifelsohne richtig ist )und grenzenlose Gier die einzige Triebkraft einer vernünftigen Ökonomie von von daher alternativlos sei. Plötzlich wird der Markt moralisch, schüttel den Kopf. Doch das Gedächtniss des Marktmenschen ist kurz, und was vor 24 Stunden noch der Gipfel aller Weishheit war,ist heute Schnee von gestern.
Was für ein Quatsch. Natürlich ist Altruismus marktfähig: wer einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat, der ist auch durch 10% mehr Zinsen nicht zu überzeugen. Wer seinen Kant verinnerlicht hat, der kann gar kein reiner Kapitalist sein. Ich verzichte z.B. gerne auf mehr Geld, wenn ich die volle Kontrolle darüber bekommen, wohin mein Geld geht. Ich möchte nicht, dass mein Geld für Waffen, Drogen und für die Verarmung der Welt ausgegeben wird. Ich möchte, dass mein Geld für eine *bessere* Welt arbeitet. Wenn diese Rahmenbdingungen stimmen, dann kucke ich auch auf die Zinsen und den Gewinn - aber eben in dieser Reihenfolge. Die reine Geld- und Marktorientierung mag zwar das Weltbild und die Ausbildung der BWL-Heinis vereinfachen, ist aber eben nur ein Teil der gelebten Wirklichkeit - Gott sei Dank.
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