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US-Umfrage: Amerikaner verlieren Glauben an den American Dream

Vom Tellerwäscher zum Millionär - immer weniger Amerikaner halten einen solchen Aufstieg für möglich. Laut einer Umfrage ist der Glaube an den American Dream schwer erschüttert, trotz guter Wirtschaftsdaten.

Verlassenes Gebäude in Camden, New Jersey: "Hart arbeiten, reich werden" gilt nicht mehr Zur Großansicht
REUTERS

Verlassenes Gebäude in Camden, New Jersey: "Hart arbeiten, reich werden" gilt nicht mehr

New York - 321.000 neue Jobs in einem einzigen Monat, unerwartet starkes Wachstum, überdurchschnittliche Lohnsteigerungen - so gute Nachrichten hat die US-Wirtschaft seit Jahren nicht mehr produziert. Angesichts der schwächelnden Weltwirtschaft wirkt das ökonomische Comeback der USA noch beeindruckender. Doch immer weniger Amerikaner glauben einer Umfrage zufolge daran, auch persönlich durch harte Arbeit am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben zu können.

"Glauben Sie, dass es in diesem Land möglich ist, arm zu beginnen und dann durch harte Arbeit reich zu werden?", fragt die "New York Times" immer wieder einmal in ihren regelmäßigen Umfragen - und verzeichnet normalerweise Zustimmungsraten von mindestens 70, manchmal auch über 80 Prozent. Kein Wunder, gilt doch eben jenes Versprechen vom Aufstieg durch eigene Kraft als uramerikanisch.

In der vergangenen Woche antworteten jedoch nur noch 64 Prozent der befragten US-Bürger mit "Ja" . Lediglich 1983 - als die Frage zum ersten Mal gestellt wurde - lag die Zustimmung mit 57 Prozent noch niedriger.

Besonders erstaunlich ist, dass selbst im April 2009 noch 72 Prozent und damit ein deutlich höherer Anteil der US-Bürger an den American Dream glaubten. In einer Zeit also, in der die Finanz- und Wirtschaftskrise wütete und Millionen Amerikaner ihre Arbeitsplätze oder Häuser verloren hatten und die Zukunft des US-amerikanischen Kapitalismus ungewiss schien.

Ist das System fair oder unfair?

Selbst mit der relativ hohen Fehlertoleranz der Umfrage - bei 1006 Befragten beträgt diese jeweils vier Prozentpunkte nach oben und nach unten - lässt sich der Trend des schwindenden Vertrauens in die Möglichkeit des Aufstiegs nicht erklären. Zudem antworteten nur drei Prozent gar nicht oder gaben keine klare Einschätzung ab.

Jeder dritte Befragte meinte sogar explizit, Reichtum durch harte Arbeit sei in Amerika "nicht möglich". Offenbar hinterlässt auch in den Vereinigten Staaten mit ihrer Tradition des Wirtschaftsliberalismus die wachsende Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen zunehmend ein ungutes Gefühl bei den Bürgern.

Freilich glauben immer noch zwei von drei Amerikanern an den American Dream. Dementsprechend finden potenzielle Lösungsansätze keine Mehrheit - etwa der, dass die Politik mit neuen Gesetzen für eine gerechte Verteilung des Wohlstandes sorgen solle. Vor die Wahl gestellt, halten 54 Prozent eine wachstumsgefährdende Überregulierung für ein größeres Problem als fehlende Gesetze gegen die ungleiche Verteilung. 38 Prozent stufen hingegen den Mangel an staatlich organisierter Verteilung als schwerwiegender ein.

Regelrecht gespalten zeigen sich die Amerikaner in der Frage, ob ihr Wirtschaftsystem grundsätzlich fair ist oder nicht. Denn mit 52 Prozent hält nur eine sehr knappe Mehrheit das US-System für prinzipiell gerecht. 45 Prozent sind hingegen der Ansicht, es sei grundsätzlich unfair, da es nicht allen Amerikanern die gleichen Chancen auf Erfolg biete.

fdi

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insgesamt 139 Beiträge
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1. Wenn man ...
fridericus1 11.12.2014
... die Verantwortung für die Verelendung den Verelendete selber zuschiebt ("Ihr hättet einfach härter arbeiten müssen"), und diese Schafe das auch noch glauben, dann hält man sehr effektiv die Masse in Schacht.
2. Alte Legende
Immanuel_Goldstein 11.12.2014
Der Tellerwäscher blieb in den USA in Wirklichkeit immer nur Tellerwäscher. Nur von den ganz wenigen Personen, die tatsächlich durch irgendwelche glücklichen Umstände zu Wohlstand gekommen sind, redet jeder noch heute. Der American Dream ist eine gern gepflegte Legende, die nichts mit den Tatsachen zu tun hat. Schön, dass es die Amerikaner selbst auch so langsam merken.
3. Wer hätte das gedacht?
hansulrich47 11.12.2014
Menschen in den USA erkennen Grenzen und den Unterschied zwischen Träumen und der harten Realität! Das ist nicht schlimm, denn wir Europäer haben offenbar schon länger den Eindruck, dass die penetrante Selbstloberei und die rosa Disney Sosse eben nur Show ist ;-)))
4. Es heißt amerikanischer Traum
Fehlerfortpflanzung 11.12.2014
weil es ein Traum ist. (Randy Newman)
5. Glauben an den American Dream verloren.
eckawol 11.12.2014
Es spricht nicht für das amerikanische Ausbildungssystem, wenn Amerikaner so lange brauchen, um den Glauben an den American Dream zu verlieren.
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Wie Rating-Agenturen arbeiten
Geschichte
Die Geschichte der Rating-Agenturen reicht ins 19. Jahrhundert zurück, als das US-Eisenbahnnetz sich über den Kontinent ausdehnte. Das erforderte Kredite, die die Banken nicht alleine schultern konnten. Industrieunternehmen begannen, Anleihen auszugeben, um an Geld zu kommen. Heute dominieren drei Agenturen den Markt: Standard & Poor's, Moody's und Fitch.
Standard & Poor's
Standard & Poor's (S&P): Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das "Manual of the Railroads of the United States", in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor's Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor's. Das Rating reicht von AAA ("Triple A", exzellente Bonität, praktisch kein Ausfallsrisiko) über BBB (befriedigend) bis D (in Zahlungsverzug, keine Bonität).
Moody's
Moody's: John Moody gründete 1909 die Agentur Moody's Investors Service, die seit 1975 von der US-Börsenaufsicht SEC anerkannt ist. Die Bewertungen reichen von Aaa über Baa1 bis C.
Fitch
Fitch Ratings: 1924 entstand in New York aus der Fitch Publishing Company von John Fitch das Unternehmen Fitch Ratings. Alle drei Unternehmen haben ihren Sitz in New York, Fitch Ratings zudem in London; sie betreiben Büros in aller Welt. Das Rating reicht von AAA bis D.
Wie die Agenturen arbeiten
Rating-Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten und vergeben dazu verschiedene Bonitätsnoten. Dabei fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen oder eine Beurteilung des Managements.
Die Noten der Rating-Agenturen
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall
Bedeutung der Noten
Je schlechter sie die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, umso teurer und schwieriger wird es für diesen, sich Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, schlimmstenfalls ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern zum Beispiel auch institutionelle Investoren.

Hochspekulative Anleihen (Moody's: Ba1, S&P: BB+, Fitch: BB+) gelten als "Ramsch". Wird eine Anleihe als spekulativ eingestuft, müssen beispielsweise Zentralbanken sie verkaufen.
Kritik
Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen (Ratings) Mathematik und welcher Meinung ist. In der Finanzkrise wurden Rating-Agenturen an den Pranger gestellt: Weil sie Ramschpapiere als sichere Geldanlage anpriesen, wurde ihnen eine Mitschuld an der Krise gegeben.


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