Ein Kommentar von Henrik Müller
Hamburg - Man muss wohl den Status der finanziellen Unabhängigkeit erreicht haben, um solche Sätze zu formulieren: Er habe "mehr Spaß" daran, Geld für gemeinnützige Zwecke wegzugeben, als überhaupt "Geld zu machen", bekennt Peter George Peterson, Gründer der Private-Equity-Firma Blackstone und ehedem Chef von Lehman Brothers.
Investoren-Legende Warren Buffet lässt die Öffentlichkeit wissen, dass "weder unser Glück noch unser Wohlbefinden" gesteigert werden könnten, wenn er und seine Familie mehr als ein Prozent ihres Multimilliardenvermögens für sich behielten. Bill und Melinda Gates schwärmen von der "wundervollen Erfahrung", die ihnen das Weggeben großer Teile ihres Vermögens gebracht habe und die sie nun "mit anderen teilen" möchten.
Spaß, Glück, Wohlbefinden - die Bekenntnisse der Superreichen, die im Rahmen der Buffet-Gates-Initiative "The Giving Pledge" veröffentlicht wurden, zeigen in bemerkenswerter Offenheit, dass es beim Spenden auch um ganz eigennützige Motive geht: Man fühlt sich eben gut dabei.
Ja, man fühlt sich sogar besser, als es in der Funktion als Unternehmer, Manager, Investor oder Konsument möglich ist. Anders als manche rein ökonomische Aktivität vermittelt Philantropie Sinn, gesellschaftliche Wertschätzung und ein gesteigertes Selbstwertgefühl. Sie trägt hedonistische Züge. Das ist vollkommen in Ordnung. Privates Wohltätertum ist willkommen, natürlich.
Um es klar zu sagen: Die Rolle der Wirtschaftseliten darf sich nicht darauf beschränken, großzügige Spenden zu verteilen und sich ansonsten nicht um die Folgen ihres Geschäftsgebarens zu kümmern. Eliten müssen ihre besondere Stellung dadurch rechtfertigen, dass sie die Gesellschaft voranbringen.
Denn eigentlich darf es Eliten ja gar nicht geben: Wer es mit der Freiheit und der Gleichheit der Bürger ernst meint, dem fällt es nicht leicht zu begründen, warum eine Minderheit etwas gleicher sein sollte als der Rest - warum eine kleine Gruppe über mehr Geld, mehr Macht, mehr Prestige, mehr Einfluss verfügen sollte.
Eliten müssen sich permanent legitimieren
In liberalen Gesellschaften müssen sich die Eliten durch außergewöhnliche Leistungen für das Gemeinwesen legitimieren. Wer nicht fortwährend dabei erfolgreich ist, droht seine Position wieder zu verlieren. Diese permanente Möglichkeit zur Abberufung - durch Abwahl, Kündigung, Versetzung oder Bankrott - macht die Existenz von Eliten überhaupt erst erträglich. Gerade von Geldeliten erwarten die weniger Begüterten, dass sie ihre Mittel zum Wohl der Vielen einsetzen. Und zwar durch Taten in ihrem unternehmerischen Kerngeschäft, nicht durch Philantropie.
Der traditionelle deutsche Weg, den letztlich unlösbaren Konflikt zwischen dem gesellschaftlichen Gleichheitspostulat und der ökonomisch unvermeidbaren Ungleichheit zu entschärfen, besteht denn auch in der Selbstverpflichtung der Unternehmer - der Reichen, wenn man so will -, am Heimatstandort Werte zu schaffen und dessen Fortentwicklung voranzutreiben. Bei vielen Mittelständlern, aber auch bei manchem Großkonzern gehört das nach wie vor zum Geschäftsmodell: Unternehmen und Standort gehen eine Symbiose ein.
Das läuft, natürlich, nicht immer reibungslos ab. Aber es ist ein Modell, das sich in der Vergangenheit als überaus widerstands- und anpassungsfähig erwiesen hat und das gerade derzeit wieder mal sehr erfolgreich ist - siehe die überraschend gute Entwicklung in der Industrie und auf dem Arbeitsmarkt.
Der Graben zwischen Big Business und Normalbürgern wächst
Anders in den USA: Der Graben zwischen Big Business und dem Normalbürger wächst. Amerika steckt in einer tiefen gesellschaftlichen Krise. Eine großangelegte Studie des Meinungsforschungsinstituts Pew zeichnet das Bild einer frustrierten und massiv verunsicherten Gesellschaft: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist die höchste seit Generationen. Zwei Drittel der Amerikaner haben ihre Ausgaben eingeschränkt; die Mittelklasse schrumpft, die Unterklasse wächst.
Auch wenn Ökonomen technisch einen Aufschwung diagnostizieren, fühlt es sich für eine Mehrheit immer noch an, als stecke das Land in der Rezession. Auch was die langfristigen Aussichten der USA angeht, bröckelt der Optimismus; die Mehrheit der Bürger sieht ihre materiellen Möglichkeiten längerfristig eingeschränkt.
Das ist der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem Buffet, Gates und Co. sich nun dazu bekennen, Milliarden Dollar zu spenden. Die Situation erinnert an das Gilded Age, jene amerikanische Gründerzeit im späten 19. Jahrhundert, als Leute wie John D. Rockefeller, Cornelius Vanderbilt, Andrew W. Mellon und Andrew Carnegie zu Superreichen wurden. Ihren Wohlstand verdankten sie aggressiven Geschäftspraktiken und der Vermachtung ganzer Märkte.
"Räuberbarone" wurden Rockefeller und Co. damals geschmäht. Die Superreichen reagierten, indem sie große Teile ihrer Vermögen spendeten. Der US-Öffentlichkeit indes genügten die großzügigen Gesten nicht: Ab 1890 wurden neue Anti-Trust-Gesetze verabschiedet - und die allzu mächtigen Konzerne zerschlagen. Letztlich kommt es eben doch auf das Geschäftsgebaren an.
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