Steuerprozess in München Hoeneß' riskante Reue-Taktik

Uli Hoeneß' Verteidiger hat seinen Auftritt: Barsch weist Feigen die Argumente der Staatsanwalt zurück und setzt darauf, dass das Gericht die Selbstanzeige und die Kooperationsbereitschaft im Urteil berücksichtigt. Kann das aufgehen?

Aus München berichten und


Ulrich Hoeneß kommt am Mittwoch als Zweiter in den Gerichtssaal des Münchner Justizpalastes. Die beiden vorherigen Prozesstage war es anders, da stolzierte der Angeklagte jeweils mit durchgedrücktem Rücken und leichtem Lächeln als Erster in den Raum.

Diesmal ist es Hanns W. Feigen, Hoeneß' Staranwalt, der noch vor seinem Mandanten am Anklagetisch Platz nimmt. Das passt: Denn an diesem Prozesstag übernimmt Feigen die Rolle, die ihm alle von Anfang an zugesprochen haben - die des aggressiven Taktikers, der Staatsanwälte gerne in eigene Widersprüche verstrickt.

Kann die Selbstanzeige angerechnet werden?

"Ich verbitte mir eine solche Kommentierung. Wir sind ja nicht dämlich!", sagt Feigen, wenige Minuten nachdem der Prozesstag begonnen hat, in Richtung von Andrea Titz, der Gerichtssprecherin. Titz hatte am Dienstag gesagt, die Staatsanwaltschaft sei "von diesen Summen überrascht gewesen". Gemeint war die exorbitante Steuerschuld von 27,2 Millionen Euro, die Hoeneß in den Jahren 2003 bis 2009 angehäuft haben soll und die eine Steuerfahnderin am Dienstag genannt hatte. Die Summe sei von Seiten der Staatsanwaltschaft nicht nachzuvollziehen gewesen, hatte Titz gesagt. Feigen wiederum behauptet, die Summe sei so in der Selbstanzeige ausgewiesen. In der Selbstanzeige seines Mandanten seien "sämtliche Zahlen bereits enthalten".

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Fall Hoeneß: Die ersten Prozesstage
Es geht hier um den zentralen Punkt dieses Verfahrens. Kann die Selbstanzeige angerechnet werden oder nicht? Juristisches Klein-Klein, Spitzfindigkeiten, Formfehler innerhalb der Bürokratie stehen seit Tagen im Vordergrund der Verhandlungen. Und es geht um gewaltige Summen.

Nach SPIEGEL-Informationen gab Hoeneß seine Verdienstsummen in seiner Selbstanzeige größtenteils korrekt an. Für 2003 deklarierte er einen Gewinn von 51.956.660,72 Euro, für 2005 eine Summe von 78.389.716 Euro. Macht in Gänze 130 Millionen, von denen offenbar 70 Millionen steuerfreier Gewinn waren. Die restlichen 60 Millionen, so sagte es am Dienstag auch die Steuerfahnderin im Zeugenstand, unterlagen dem Spitzensteuersatz. Das entspricht ungefähr dem von der Steuerfahndung errechneten Betrag.

Die Hoeneß-Seite ging noch am ersten Prozesstag von einer Summe zwischen "15, 18 oder 20 Millionen aus", wie Feigen es formulierte. Die Steuerfahndung errechnete hingegen die Summe von etwa 27 Millionen. "Wir haben den gestrigen Abend dazu genutzt, die Summe zu prüfen", sagt Richter Rupert Heindl zum Auftakt am Mittwoch. Genauso wie die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung akzeptiert er die Summe. Sie gilt jetzt als die Bezugsgröße für das Urteil, das möglicherweise bereits am Donnerstag fallen soll.

Für einen Moment ist am Mittwoch Hoeneß' alte, heile FC-Bayern-Welt im Saal 134 des Münchner Justizpalastes zu spüren. Richter Heindl befragt den Miesbacher Steuerbeamten Walter T., der als Zeuge von der standardmäßigen Betriebsprüfung im Hause Hoeneß für die Jahre 2007 bis 2010 berichtete. Inhaltliche Gespräche zur Betriebsprüfung habe er mit Hoeneß allerdings nicht geführt, dafür habe dessen Steuerberater zur Verfügung gestanden, so T. Stattdessen habe er Hoeneß "ein paar Fußballfragen gestellt". Fußballfragen! Hoeneß' Miene hellt sich bei diesem Wort merklich auf.

Die Entspannung währt nicht lange. Schließlich ist Feigens expliziter Hinweis auf die Selbstanzeige und die dort enthaltenen Summen sowie sein Angriff auf die Staatsanwaltschaft nicht nur ein strategischer, sondern auch ein riskanter Zug. Hoeneß, so will es die Verteidigung darstellen, wollte sich vollständig steuerehrlich machen. Er gab alle Summen in Gänze an, scheiterte lediglich an der Bürokratie und seinen Beratern, das ist die Linie der Verteidigung.

"Bei einer Selbstanzeige hat man nur einen Schuss"

Sollte die Selbstanzeige wirksam und vom Gericht als solche anerkannt werden, könnte das sogar zur Einstellung des Verfahrens führen - diese Option erscheint allerdings recht unwahrscheinlich. Denn nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft war die Selbstanzeige inhaltlich und formal falsch und unvollständig. "Es fehlten Unterlagen und Zahlen, um dieses Ausmaß der Steuerschuld greifbar zu machen", sagt Ken Heidenreich, Sprecher der Staatsanwaltschaft. "Sie war einfach nicht korrekt erstellt. Es bringt nichts, wenn ich einfach nackte Zahlen hinwerfe", sagt Heidenreich.

Hoeneß, der die Selbstanzeige in einer Nacht- und Nebelaktion zusammenschustern ließ, weil er offenbar Sorge hatte, dass Recherchen des Magazins "Stern" seine Hinterziehung öffentlich machen könnten, unterfütterte die blanken Zahlen der Selbstanzeige nicht mit den notwendigen Angaben. In einer korrekten Selbstanzeige gibt es eine Extraspalte, aus der hervorgeht, wie hoch die mögliche Steuerschuld ist. Diese Spalte gaben Hoeneß und seine Berater nach Informationen des SPIEGEL nicht an. Es ist zu hören, dass sie diese Spalte nicht füllen konnten, weil die Unterlagen von der Schweizer Bank Vontobel nicht schnell genug zugesendet wurden.

Feigen muss dieses Chaos, das Hoeneß und sein früherer Stab verursacht haben, nun aufräumen. Seine Strategie, Hoeneß als reuigen, demütigen Menschen darzustellen, gelingt nicht immer überzeugend. Nun kommt es auf das Gericht an, wie es sowohl das Geständnis von Hoeneß bewertet als auch die Tatsache, dass er versuchte, alle Unterlagen noch vor dem Prozessstart nachzureichen.

"Bei einer Selbstanzeige hat man nur einen Schuss. Es gibt keine Option, dann noch nachzubessern", sagt Ken Heidenreich am Dienstag. Auf der anderen Seite: Ohne die Hilfe von Hoeneß würde die Staatsanwaltschaft immer noch davon ausgehen, dass es nur um 3,5 Millionen Euro geht. In Feigens Plädoyer dürfte diese Tatsache wohl die zentrale Rolle spielen.

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Teamkollegen unter sich: Hoeneß (r.) und Gerd Müller 1973. Der heutige Bayern-Präsident wurde am 5. Januar 1952 in Ulm geboren. Als 18-Jähriger wechselte er zum FC Bayern. Dort gehörte er mit Müller, Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Co. zum Erfolgsteam, das in den Siebzigern Titel in Serie gewann.

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Damals entstanden in München und auch in der Nationalmannschaft Bande, die bis heute halten. Müller ist heute Co-Trainer der zweiten Mannschaft, Jupp Heynckes (r.) führte die Bayern vergangene Saison zum Triple aus Sieg in Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League.

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Unter Bundestrainer Helmut Schön debütierte Hoeneß (2.v.r.) 1972 in der Nationalmannschaft und traf gleich im ersten Spiel gegen Ungarn. Bereits einen Monat später erzielte er die frühe Führung im EM-Viertelfinale gegen England und wurde kurz darauf mit dem DFB-Team Europameister. 1973 nahm die Nationalmannschaft den Ohrwurm-Song auf: "Fußball ist unser Leben".

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1974 das Turnier im eigenen Land: Hier musste sich unter anderem der Australier James Mackay der Dynamik des Außenstürmers Hoeneß geschlagen geben. Beim 4:2 gegen Schweden traf Hoeneß zum Endstand.

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Nach dem gewonnenen WM-Finale gegen die Niederlande (2:1) feierte Hoeneß mit Beckenbauer den Titel. Es war der Höhepunkt einer kurzen Karriere, in der Hoeneß nahezu alle wichtigen Titel des Weltfußballs gewinnen konnte. Mit dem FC Bayern wurde er jeweils dreimal Deutscher Meister und Europapokalsieger der Landesmeister. Bereits im Alter von 27 Jahren musste er aber wegen eines Knorpelschadens im Knie seine Karriere beenden - und wechselte ins Management des FC Bayern.

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1982 überstand er nur knapp einen Flugzeugabsturz: Mit drei Freunden war Hoeneß zu einem Länderspiel nach Hannover geflogen, beim Anflug auf die Landeshauptstadt stürzte die Propellermaschine ab, der Bayern-Manager überlebte als Einziger. Als Hoeneß am nächsten Tag im Krankenhaus erwachte, fragte er: "Wie ist das Länderspiel ausgegangen?"

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Hoeneß professionalisierte den Verein und setzte auch bei seinen Trainern gern auf alte Freunde. Heynckes (3.v.r.) war erstmals von 1987 bis 1991 für die Mannschaft verantwortlich. Mit Kapitän Klaus Augenthaler (Mitte) feierten die Bayern-Bosse hier die Meisterschaft 1990.

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Heynckes und Augenthaler gehörten zum Bayern-Kosmos, den Hoeneß zusammenhielt. Neben aller Professionalität zeigte sich aber auch immer wieder das soziale Engagement des früheren Managers und heutigen Präsidenten. Als etwa Gerd Müller unter Alkoholsucht litt, war es Hoeneß, der dem ehemaligen Mitspieler wieder auf die Beine half und ihm einen Job beim Rekordmeister gab.

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Hoeneß gefiel sich auch in der Rolle des Gönners. So bot er dem FC St. Pauli ein Freundschaftsspiel an, um so den damals finanziell heftig angeschlagenen Hamburgern zu helfen. Dafür gab es vom damaligen St.-Pauli-Präsidenten Corny Littmann ein Retter-T-Shirt.

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Christoph Daum war über Jahre Hoeneߑ Intimfeind. Daum sollte 2000 deutscher Nationaltrainer werden. Doch Hoeneß machte Daums Kokainkonsum öffentlich, was zu heftigen Anfeindungen gegen den Bayern-Manager führte. Daum unterzog sich freiwillig einer Haarprobe mit den Worten: "Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe." Dummerweise bewies diese Haarprobe seinen Drogenmissbrauch, Hoeneß lag richtig.

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Ein inniger Freund von Hoeneß wurde der langjährige Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld. Von 1998 bis 2004 und von 2007 bis 2008 war er Trainer in München, verlor 1999 im denkwürdigen Champions-League-Finale gegen Manchester United - und gewann den Titel zwei Jahre später gegen den FC Valencia.

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Auf Hitzfeld folgte Felix Magath, der beim VfB Stuttgart sein Händchen für talentierte Jungprofis unter Beweis gestellt hatte. Bei den Bayern gelangen Magath zwei Doubles aus Meisterschaft und Pokal in Folge. Doch der Trainer und Hoeneß rieben sich aneinander. Nach einem schlechten Rückrundenauftakt 2007 hatte der damalige Manager genug von seinem Coach, Magath musste gehen.

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Hitzfeld gab sein Comeback in München. Er sprang ein und blieb länger als ein Jahr. Im Mai 2008 verabschiedete sich Hitzfeld endgültig vom FC Bayern - mit der Meisterschaft und vielen Tränen. Da musste auch Hoeneß weinen.

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Nach dem emotionalen Abschied folgte Hoeneߑ wohl größtes Experiment: die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann. Der als Modernisierer und Reformer geholte Ex-Stürmer scheiterte und wurde im April 2009 nach nicht einmal einem Jahr gefeuert. "Bei Klinsmann haben wir viel Geld ausgegeben und wenig Erfolg gehabt", sagte Hoeneß später. Für den Rest der Saison übernahm Heynckes, der noch die Qualifikation für die Champions League schaffte.

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Es folgte der Neustart mit einem Niederländer: Louis van Gaal. Der führte die Bayern zum Sieg in Pokal und Meisterschaft sowie ins Finale der Champions League. Aber es prallten zwei gewaltige Egos aufeinander, van Gaals Zeit war bald abgelaufen. "Fachlich war er top. Dass er menschlich eine Katastrophe war, steht auf einem anderen Blatt", urteilte Hoeneß.

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Auf das holländische "Feierbiest" folgte wieder ein Mitglied der Bayern-Familie. Zum dritten Mal trat Heynckes die Trainerstelle beim FCB an - und stellte Hoeneß zufrieden. Heynckes habe die "kranke Seele" des Rekordmeisters geheilt, so der Präsident. Heynckes holte in seiner Abschiedssaison das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Im Sommer ging er in den Ruhestand.

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Die Steueraffäre wurde ausgerechnet im erfolgreichsten Jahr der Vereinsgeschichte öffentlich. 2013 holte der FC Bayern nämlich nicht nur das Triple, sondern zudem noch den europäischen Supercup und den Weltpokal. Hoeneߑ Auftritt bei der Jahreshauptversammlung im November wurde mit großer Spannung erwartet, die Affäre war seit einem halbem Jahr publik.

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Der Präsident hielt eine flammende Rede und wurde anschließend lautstark von den Mitgliedern gefeiert. Die "Uli, Uli"-Sprechchöre wollten kein Ende nehmen, was Hoeneß zu Tränen rührte. Wir, der FC Bayern München, sind eine Familie - das war die Botschaft an diesem Abend.

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Die Bayern-Familie wird Hoeneß vor Gericht nicht helfen können. Die Justiz entscheidet, ob der 62-Jährige wegen Steuerhinterziehung verurteilt wird und ob er womöglich ins Gefängnis muss.

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petrocelli 12.03.2014
1. Und wer klagt den Staat an?
Nicht alles was juristisch korrekt ist, erscheint auch gerecht. Wer klagt eigentlich des Staat an, der durch seine undurchsichtige und überbürokratische Steuergesetzgebung quasi "Beilhilfe zur Steuerhinterziehung" leistet? Ganz zu schweigen von den Milliardenverschwendungen im großen Stil (Stuttgart 21, Flughafen-Berlin u.a.). Ein Großteil von den etlichen Spenden von Hoeness kam wenigstens dort an, wo sie gebraucht werden. mfg
BettyB. 12.03.2014
2. Seltsam
Selbstanzeige ohne richtige Angabe von Zahlen, viel zu niedrige Angaben im Gerichtssaal, unglaubwürdiges Reuebekenntnis und rund 7000 hinterzogene (wenigstens) Durchschnittsjahresverdienste zu Lasten des Staates und seiner Bürger. Wenn das nicht nur wegen von nicht gezahlten Steuern im Verhältnis zu ihnen im geringem Maße bezahlten Hilfen nach Nachzahlung aussieht... Irre...
emanzi 12.03.2014
3. 70 Millionen steuerfrei
wohlgemerkt Spekulationsgewinne. NUR 60 Millionen werden versteuert. ALSO bitte kein falsches MITLEID.
vollimbiss 12.03.2014
4. Gehts noch?
Zitat von petrocelliNicht alles was juristisch korrekt ist, erscheint auch gerecht. Wer klagt eigentlich des Staat an, der durch seine undurchsichtige und überbürokratische Steuergesetzgebung quasi "Beilhilfe zur Steuerhinterziehung" leistet? Ganz zu schweigen von den Milliardenverschwendungen im großen Stil (Stuttgart 21, Flughafen-Berlin u.a.). Ein Großteil von den etlichen Spenden von Hoeness kam wenigstens dort an, wo sie gebraucht werden. mfg
Für undurchsichtige Steuergesetzgebung gibt es Steuerberater. Und wegen "undurchsichtigkeit" mußte UH dann leider hinterziehen? petrocelli, gehts noch? Wo sind die Spenden von UH denmn angekommen? Mal Butter bei die Fische, petrocelli!
monika4564 12.03.2014
5. Einem Steuerhinterzieher
tut der Verlust seinens Geldes am meisten weh. Er soll alles zurückzahlen und dazu noch eine empfindliche Geldstrafe und der Fall ist erledigt. Wenn man bedenkt wieviel Steuergelder die Regierung jeden Monat in den Sand setzt...
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