Steigende Zinsen: Spanien taumelt Richtung Pleite

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In Spanien verschärft sich die Krise: Die Zinsen für Staatsanleihen schnellen in die Höhe, die Löcher in den Bilanzen der Banken werden immer größer. Dem Land droht die Zahlungsunfähigkeit - trotz der versprochenen Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro. Muss die EU noch mal eingreifen?

Börse in Madrid: Spanien sucht vergeblich nach billigem Geld Zur Großansicht
REUTERS

Börse in Madrid: Spanien sucht vergeblich nach billigem Geld

Hamburg - Die Auktion war ein Test. Ein Vertrauenstest für das bis zu 100 Milliarden Euro schwere Rettungspaket für Spanien. Am Vormittag versuchte die Regierung in Madrid das erste Mal am Markt Geld zu leihen, seit sie EU und Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfen für ihre Banken gebeten hatte.

Spanien hat den Test nicht bestanden. Die Anleger sind nervös, die Zinsen für Staatsanleihen in bedenkliche Höhen gestiegen. Wenn die Regierung sich für ein Jahr Geld leihen will, muss sie Anlegern inzwischen mehr als fünf Prozent Rendite bieten; im Mai waren es noch unter drei Prozent. Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren wurden am Mittwoch gar mit einer Rendite von bis zu 7,24 Prozent gehandelt. Seit der Euro 1999 an den Finanzmärkten eingeführt wurde, war die Kreditaufnahme für die spanische Regierung nicht mehr so teuer.

Die Zinsen für spanische Anleihen liegen damit in einem Bereich, in dem sie das Haushaltsdefizit spürbar in die Höhe treiben und sich ein Staat kaum noch aus eigener Kraft finanzieren kann. Der spanische Ökonom Luis Garicano von der London School of Economics spricht von einer "alarmierenden Situation".

Die Anlegerskepsis erinnert an die Entwicklungen in Griechenland, Irland und Portugal. Auch in diesen Ländern stiegen die Renditen für zehnjährige Anleihen zunächst über sieben Prozent, dann mussten die Staaten Hilfen aus dem EU-Rettungsschirm beantragen - und verloren dadurch vollends ihre Unabhängigkeit. Die Märkte werteten die EU-Hilfen als Zeichen, dass sich die Länder nicht länger eigenständig finanzieren können. Die Renditen für ihre Anleihen stiegen weiter: bei Irland und Portugal auf weit mehr als zehn Prozent, bei Griechenland zu Spitzenzeiten auf fast 50 Prozent. In Bereiche, in denen es für Staaten fast unbezahlbar wäre, selbst Schulden aufzunehmen.

Vom Kapitalmarkt abgeschottet

Es ist fast wie ein Naturgesetz der Euro-Krise: Staaten, die unter den Rettungsschirm müssen, sind auf Jahre weitgehend vom Kapitalmarkt abgeschottet. Bei den kleinen Ländern Griechenland, Irland und Portugal war das noch ein beherrschbares Problem. Sie brauchen zwar regelmäßig frisches Geld, um alte Schulden durch neue abzulösen. Doch ihr Finanzbedarf liegt in einem Bereich, den die anderen Staaten der Währungsunion im Kollektiv decken können - über die europäischen Rettungsschirme EFSF und ESM.

Bei Spanien, der viertgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone, sieht das anders aus. Bis 2014 braucht das Land rund 288 Milliarden Euro. Würden die Zinsen für spanische Staatsanleihen weiter steigen, hätte die Euro-Zone ein gewaltiges Problem. Sie könnte das Land mit den bestehenden Mitteln nicht jahrelang durchfüttern. Die Rettungsschirme reichen dafür schlicht nicht aus.

Doch dieses Szenario ist durchaus realistisch. Spanien laufen schon jetzt die Kreditgeber davon. Wie der IWF kürzlich festgestellt hat, stoßen ausländische Anleger spanische Staatsanleihen inzwischen ab. Käufer sind jetzt vor allem nationale Banken. Und da die Nachfrage nach den Schuldpapieren sinkt und die Belastung der Regierung durch die Bankenkrise zunimmt, steigen die Zinsen immer weiter.

Die Euro-Retter wollen vermeiden, dass Spanien unter einem ähnlichen Zinsschub leidet wie Griechenland, Irland und Portugal. Ihr Kalkül ist, den Finanzsektor vom Rest des Landes zu trennen. Nach dem Motto: Spaniens Banken schlüpfen unter den Rettungsschirm; Spanien nicht. Es finanziert seine Schulden weiter aus eigener Kraft. Die Regierung in Madrid hat deshalb explizit um eine Finanzspritze für ihre Banken gebeten, und die Euro-Retter haben immer wieder betont, dass nur der spanische Finanzsektor Geld braucht, nicht das Land selbst. Besonders überzeugt wirken die Anleger nicht - und das aus gutem Grund.

Die Märkte machen die Trennung von Staats- und Bankenrettung nicht mit

Bisher ist angedacht, dass EU und IWF der Regierung in Madrid die Hilfen zahlen - und diese sie über ihren Bankenrettungsfonds Frob an die Institute weiterreicht. Aus Sicht der Euro-Retter ist dieses Procedere verständlich, schließlich können sie nur so dafür sorgen, dass die spanische Regierung im Gegenzug für die Hilfsgelder bestimmte Spar- und Restrukturierungsauflagen erfüllt. Direkte Zahlungen an die spanischen Banken könnten Kanzlerin Angela Merkel und andere Regierungschefs vor ihren Parlamenten und Wählern wohl nicht rechtfertigen: Die Verwendung der Gelder ließe sich kaum kontrollieren.

So aber besteht die Gefahr, dass der Markt nicht differenziert und Spanien komplett unter den Schirm gedrängt wird. "Die Zinsen sind gestiegen, weil sich durch die zugesagten Hilfen für Spanien die Schulden der Regierung erhöhen", sagt Dorothea Schäfer, Finanzmarktexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Die Märkte machen die von der Politik suggerierte Trennung von Staats- und Bankenrettung nicht mit", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim.

Eine Lösung ist nicht in Sicht. Die Probleme dürften sich in den kommenden Monaten eher verschärfen. Spaniens Unternehmen und Verbraucher sind hoch verschuldet und bauen diese Schulden nun ab, das lähmt den Konsum. Die Wirtschaft steckt in der Rezession, die Industrieproduktion lahmt, die Arbeitslosigkeit steigt. Durch den Abschwung bekommen immer mehr Schuldner Probleme, ihre Kredite zu zahlen - was die Löcher in den Bilanzen der Banken weiter vergrößert. Spanische Zeitungen berichten bereits, dass die angedachte 100-Milliarden-Hilfe womöglich nicht ausreicht. In einem Bericht zur Lage des Bankensektors, den die Unternehmensberatungen Oliver Wyman und Roland Berger in der laufenden Woche veröffentlichen wollen, sei von bis zu 150 Milliarden Euro die Rede.

Es wird somit nicht nur an den Märkten befürchtet, dass ein reines Hilfspaket für die Banken Spanien nicht retten wird. Vermutlich muss die Europäische Zentralbank erneut im großen Stil spanische Staatsanleihen kaufen, um deren Zinsen zu drücken. Oder sie wird die Märkte mit Geld fluten. Die Alternative ist, dass die spanische Regierung trotz aller Dementi selbst unter den Rettungsschirm schlüpft - und dieser deutlich aufgestockt wird.

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insgesamt 304 Beiträge
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1. Keiner braucht den Euro-
Baikal 19.06.2012
Zitat von sysopIn Spanien verschärft sich die Krise: Die Zinsen für Staatsanleihen schnellen in die Höhe, die Löcher in den Bilanzen der Banken werden immer größer. Dem Land droht die Zahlungsunfähigkeit - trotz der versprochenen Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro. Muss die EU nochmal eingreifen? Analyse zu Spanien: Warum die Rettung der Banken nicht reicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839748,00.html)
- nur die Finanzmafia und die Brüsseler Europa-Phantasten.
2. Ein hoffungsloser Fall
lostineu 19.06.2012
Und was sagen unsere Euro-Retter dazu? Nichts, oder doch: Schnelle lösungen werde es nicht geben, dozierte H. Van Rompuy beim G20-Gipfel. Das hören wir nun schon seit drei Jahren und die Lage ist immer schlimmer geworden. Nach Griechenland, Irland und Portugal taumelt nun auch Spanien dem Abgrund entgegen - mit Renditen in der "Todeszone". US-Präsident Obama zog denn auch die Reißleine und sagte ein eigentlich fest geplantes Treffen mit den Europäern kurzerhand ab. Es sei alles schon gesagt worden, erklärten seine Berater. Frei übersetzt: es macht keinen Sinn mehr, mit diesen Betonköpfen zu reden. http://lostineurope.posterous.com/lasst-alle-hoffnung-fahren
3. Hier hilft nur die sofortige Rückkehr zum no-bailout-Prinzip:
bhayes 19.06.2012
Keine Haftung für fremde Schulden, so wie es aus gutem Grunde die EU-Verträge vorsehen. Und Spanien kann sehr wohl in EINEM TAG (!) sein Problem lösen, denn mehr Zeit benötigt man nicht, um das Budget dauerhaft ins Plus zu drehen (siehe auch "Wer ist Schuld an der Überschuldungskrise?").
4.
anderton 19.06.2012
Zitat von sysopIn Spanien verschärft sich die Krise: Die Zinsen für Staatsanleihen schnellen in die Höhe, die Löcher in den Bilanzen der Banken werden immer größer. Dem Land droht die Zahlungsunfähigkeit - trotz der versprochenen Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro. Muss die EU nochmal eingreifen? Analyse zu Spanien: Warum die Rettung der Banken nicht reicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839748,00.html)
Können Sie den Thread von letzter Woche nochmal hochholen, wo alle Foristen bereits gesagt haben, dass das Geld nicht reichen wird? Nur die blinden Eurokraten merken nicht was los ist!
5. Gähn...
beutzemann 19.06.2012
Lasst doch mal irgendwen Pleite gehen oder gebt die milliarden Stützen dem kleinen Mann. Der weiß dann sch damit Umzugehen...
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Arbeitslose in Spanien: "Wir werden das Land verlassen müssen"

So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.