Angst vor Billiglöhnern: Drei von vier Bürgern fordern raschen Mindestlohn

Der Jobmarkt erlebt einen beispiellosen Boom. Doch viele Deutsche fürchten, von Billigarbeitern überflutet zu werden, wenn Osteuropäer ab Mai in der Bundesrepublik leichter Stellen annehmen können. Drei von vier Bürgern fordern rasche Maßnahmen gegen mögliches Lohndumping.

Job-Markt: Wer alles einen Mindestlohn fordert Fotos
AP

Berlin - Eine überwältigende Mehrheit der Bürger in Deutschland will einen gesetzlichen Mindestlohn. In einer Umfrage sprachen sich 76 Prozent dafür aus, dass ihn die Bundesregierung sofort einführt. Damit soll Lohndumping im Zuge der ab 1. Mai geltenden erweiterten Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU verhindert werden, heißt es in einer Umfrage von infratest-dimap im Auftrag der Gewerkschaften Ver.di und Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

66 Prozent der Befragten halten der Bundesregierung vor, sie schütze den deutschen Arbeitsmarkt nicht ausreichend vor drohendem Lohndumping. Nach Angaben der Gewerkschaften sind inzwischen 1,4 Millionen Menschen darauf angewiesen, ihr Einkommen mit staatlichen Mitteln aufzustocken. In 25 europäischen Staaten gebe es dagegen einen Schutz vor einer "Lohnspirale nach unten", nur in Zypern und in Deutschland nicht.

Deutschland erlebt derzeit einen wahren Job-Boom. Die Zahl der Arbeitslosen ist im April deutlich gesunken. 3,078 Millionen Menschen waren ohne Job, das sind 132.000 weniger als noch im März und 321.000 weniger als vor einem Jahr. Wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) mitteilte, sank die Arbeitslosenquote um 0,3 Punkte auf 7,3 Prozent. Vor einem Jahr hatte sie bei 8,1 Prozent gelegen.

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle gab sich angesichts der Zahlen euphorisch. "Der Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt ist nicht zu stoppen", sagte der FDP-Politiker. Der Frühlingsaufschwung treibe den Arbeitsmarkt zu neuen Bestmarken.

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Mindestlohn: Welche Branchen Niedriglöhne zahlen
Für viele Betriebe hat der Boom auf dem Arbeitsmarkt auch Nachteile. Firmen klagen über Probleme, genügend qualifizierte Fachkräfte zu finden. Vor allem Zeitarbeitsfirmen sind laut BA in Not. Etwa jede dritte freie Stelle komme aus dieser Branche. Aber auch im Handel, im Bausektor, in der Gastronomie und im Gesundheitssektor würden zahlreiche Mitarbeiter gesucht.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagte, die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit biete Chancen, den Fachkräftemangel abzumildern. Allerdings reiche sie allein nicht aus, um den demografisch bedingten Rückgang des Erwerbspersonenpotentials auszugleichen. Notwendig sei eine Gesamtstrategie zur Fachkräftesicherung. Frauen, Ältere und Migranten müssten besser am Erwerbsleben beteiligt werden.

ssu/dpa-AFX

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insgesamt 68 Beiträge
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1. drei von vier Bürgern
marthaimschnee 28.04.2011
drei von vier Bürgern (oder mehr) wollen auch: - daß die Rente mit 67 rückgänig gemacht wird - ein lebenswürdiges Existenzminimum - Ende des Afghanistaneinsatzes - und neuerdings auch einen schnellen Atomausstieg mit dem Untertitel: "Was die Politik nicht im geringsten interessiert"
2. klug ist etwas anderes.
christiane006 28.04.2011
Zitat von marthaimschneedrei von vier Bürgern (oder mehr) wollen auch: - daß die Rente mit 67 rückgänig gemacht wird - ein lebenswürdiges Existenzminimum - Ende des Afghanistaneinsatzes - und neuerdings auch einen schnellen Atomausstieg mit dem Untertitel: "Was die Politik nicht im geringsten interessiert"
wenn das Lohnniveau weiter sinkt, dann ist dies in jedem Fall ein Angriff auf die sozialen Sicherungssysteme, daher ist die Politik gut beraten dafür zu sorgen, dass Vollzeitbeschäftigte wieder von ihren Löhnen leben können und Zeitarbeit nur ein kleiner Teil der Beschäftigten ausmachen darf.
3. ...
carranza 28.04.2011
Zitat von sysopDer Jobmarkt erlebt einen beispiellosen Boom. Doch viele fürchten, von Billiglöhnern überflutet zu werden, wenn es für Osteuropäer leichter wird, in Deutschland einen Job anzunehmen.*Drei von vier Bundesbürgern fordern rasche Maßnahmen gegen mögliches Lohndumping. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,759613,00.html
Wir brauchen branchenübergreifend einen flächendeckenden Mindestlohn, welcher bindend jedem gezahlt werden muß, der im Inland seine Arbeit verrichtet und zwar unabhängig davon, ob er über einen Subunternehmer aus dem Ausland tätig wird. Andernfalls würde langfristig die Nachfrage nach Gütern auf dem Binnenmarkt einbrechen, da dank Lohndumping die Leute immer weniger Geld zur Verfügung hätten.
4. Billiglöhner-Angst.
karin.nahm 28.04.2011
In einem Bananenstaat ist Lohndumping erwünscht, der Druck von Unternehmer-Lobbyisten auf die Politiker erlaubt keinen vernünftigen Mindestlohn in Deutschland. In allen Talkshows und Komentaren wird die EU als grossen Gewinn für Deutschlands Arbeitnehmer verbal verkauft, aber niemand zeigt wo der Gewinn beim Arbeitnehmer ist...der Vorteil darf wohl nur bei Unternehmen und beim Grosskapital liegen!! Wie lange kann der heimische Wähler und Arbeitnehmer noch diese Bananenstaat-Strategie ertragen??? Er hat es in der Hand Denkzettel zu verteilen und gewisse Leute von den Fleischtöpfen in Berlin zu verjagen. Der Trend dazu nimmt erfreulich zu......
5. Bundeswahl?
misca 28.04.2011
Aber warum, hat dann die Mehrheit schwarz-gelb gewählt, die ganz klar gegen einen Mindestlohn sind? Und auch ganz klar die Laufzeiten für AKW verlängern wollten? Liest eigentlich irgendwer die Parteiprogramme, bevor er sein Kreuzchen macht? Ich meine, es ist nun keine Überraschung, dass die Freizügigkeit kommt, das steht seit Jahren fest. Ich fürchte mit dieser Regierung wird es keinen Mindestlohn geben.
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