Angst vor neuer Rezession Amerika im Abwärtsstrudel

Die Konjunkturdaten sind mies, die Aussichten bescheiden: An den Börsen wächst die Furcht vor einer neuen Rezession in den USA - gerade mal drei Jahre nach dem Lehman-Crash. Die Situation erinnert an die achtziger Jahre. Damals geriet das Land in einen Strudel aus Schrumpfwirtschaft und Inflation.

Von , San Francisco

US-Präsident Obama: "Wir müssen mit den Spielchen aufhören"
REUTERS

US-Präsident Obama: "Wir müssen mit den Spielchen aufhören"


Der US-Präsident tourte gerade mit dem Bus durch den mittleren Westen, als ihn die Botschaft erreichte. Eine Hiobsbotschaft - mal wieder. Es war am vergangenen Mittwoch, einen Tag nachdem Barack Obama ein Programm zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verkündet hatte.

Die Nachricht aus New York vermasselte den Vor-Wahlkampf in der amerikanischen Provinz gründlich. Der US-Leitindex Dow Jones Chart zeigen schloss mit fast vier Prozent im Minus, beinahe alle der 30 gelisteten Unternehmen verloren. Nur die Billig-Supermarktkette Wal-Mart profitiert von der Krise, die Aktie des Unternehmens legte leicht zu.

Die Wirkung der Obama-Rede war verpufft - mal wieder. Und in den folgenden Tagen sollte es noch schlimmer kommen: Am Donnerstag verlor der Dow erneut knapp vier Prozent, am Freitagvormittag sackten auch der japanische Nikkei und der deutsche Dax ab.

Nun brandet sie wieder auf: die Diskussion um die Machtlosigkeit der Politik, die Furcht vor einer dramatischen Abflachung der Weltkonjunktur, die Angst vor dem Double-Dip in der US-Wirtschaft, also dem zweiten Absturz in die Rezession, nachdem die größte Volkswirtschaft der Welt gerade erst die Nachwehen der Finanzkrise 2008 überstanden hat.

Erstmals seit 30 Jahren droht ein W-Verlauf der Konjunktur

"Es ist an der Zeit, uns daran zu erinnern, dass es nicht nur darum geht, eine zweite Rezession zu verhindern, sondern auch darum, die Weltwirtschaft wieder auf den Pfad eines ausgeglichenen und nachhaltigen Wachstums zu bringen", mahnt die neue IWF-Direktorin Christine Lagarde in der "Financial Times".

Doch der Appell der IWF-Chefin verhallt. Nimmt die Konjunktur-Kurve der USA nun jenen Verlauf, den Ökonomen als W bezeichnen? War der Mini-Aufschwung nach dem Lehman-Crash nur von kurzer Dauer, droht ein neuer Absturz?

Das letzte Mal erlebten die USA einen solchen Double-Dip vor rund 30 Jahren. Nun scheint das Szenario für die USA und den Rest der westlichen Industrienationen realistischer denn je: Experten beziffern den möglichen Einbruch der US-Wirtschaft auf 1,5 Prozent für das laufende Jahr.

Auch für Deutschland revidierten Forschungsinstitute ihre Vorhersagen nach unten. Im zweiten Quartal kam das deutsche Wachstum fast zum Erliegen. Die Wirtschaftsleistung der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt legte gerade noch um 0,1 Prozent zu. Auch das Wachstum von Japan, der drittgrößten Wirtschaftsmacht - nach China -, ist minimal. Die US-Großbank Morgan Stanley warnt: "Es wird nicht viel an zusätzlichen Schocks brauchen, bis die Weltwirtschaft das Gleichgewicht verliert."

Die Situation erinnert an das Jahr 1980

In den USA erinnert vieles an die Monate zu Beginn des Jahres 1980. Von Januar bis Juli schrumpfte die Wirtschaft aufs Jahr hochgerechnet um sagenhafte acht Prozent. Der Staat legte umfangreiche Konjunkturprogramme auf, kaufte schon damals den Banken faule Kredite in Milliardenhöhe ab und senkte die Steuern, um die Konjunktur anzukurbeln, die Notenbank Federal Reserve verfolgte eine Politik der Niedrigzinsen. Mit Erfolg - zumindest kurzfristig: In den ersten drei Monaten des Jahres 1981 wuchs die US-Wirtschaft aufs Jahr hochgerechnet um 8,4 Prozent. Doch mit dem Wachstum stieg auch die Inflation. Als die Fed unter ihrem damaligen Chef Paul Volcker die Zinssätze erhöhte, glitt die Wirtschaft von Juli 1981 bis November 1982 erneut in eine tiefe Rezession.

Auch diesmal drückte die Obama-Regierung ein Stützungspaket in die Wirtschaft, dass mit 786 Milliarden Dollar eines der größten in der Geschichte der USA überhaupt war. Auch diesmal verleiht die Fed Geld an die Banken quasi zum Nulltarif. Auch diesmal gedenkt die US-Regierung die Steuern eher zu senken als zu erhöhen - eine der Bedingungen der Republikaner, damit es überhaupt zu einer Einigung im Haushaltsstreit kommen konnte.

Dabei sind die Fundamentaldaten gegenwärtig gar nicht so schlecht. Für die Konjunkturschwäche im ersten Halbjahr sind vor allem zeitlich begrenzte Faktoren verantwortlich, wie beispielsweise der Anstieg der Ölpreise oder Lieferstörungen wegen der Naturkatastrophe in Japan. Die Gewinne der Unternehmen stiegen aufgrund der niedrigen Zinsen zum Teil extrem. Im Juni wuchs auch das verfügbare Einkommen der US-Haushalte im Vorjahresvergleich inflationsbereinigt um 1,1 Prozent, der Konsum um 1,8 Prozent. Auch die neuesten Arbeitsmarktdaten aus den USA fielen besser aus als erwartet. Im Juli wurden im öffentlichen Dienst 117.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, im Privatsektor sogar 154.000.

Märkte reagieren auf jede Schreckensmeldung

Doch diese Daten scheinen nicht viel zu zählen. Jede neue Wasserstandsmeldung wird von den Märkten begierig aufgenommen - und sei sie noch so nebensächlich. Spielt zum Beispiel der Philadelphia-Index, eine Art Geschäftsklima-Index, in normalen Zeiten eine eher untergeordnete Rolle, so war dessen Absinken von plus 3,2 Punkten im Vormonat auf aktuell minus 30,7 Punkte einer der Auslöser des Dow-Jones-Kursrutsches. Ebenso die Prognose der Analysten des "Economist", die mitteilten, die Wahrscheinlichkeit eines Double-Dip sei "alarmierend" gestiegen, das britische Magazin beziffert sie auf 50 Prozent.

In normalen Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg gab es alle fünf bis zehn Jahre eine Rezession. Die Zyklen waren deshalb so groß, weil immer jemand bereitstand, die Wirtschaft zu stimulieren, entweder die Verbraucher, die ihr Geld in den privaten Konsum steckten, oder aber der Staat, der mit Konjunkturpaketen oder sonstigen Investitionen die Ökonomie am Laufen hielt. Jetzt aber scheinen beide Marktteilnehmer auszufallen. Unternehmen und Haushalte beginnen, ihre Schulden zurückzuzahlen und sich wieder finanzielle Polster aufzubauen. Und der Staat hat kaum Geld, um teure Wachstumsprogramme aufzulegen. Statt Geld auszugeben, sparen beide. "Das ist eine sehr natürliche Sache, aber in den USA ist so etwas seit etwa 80 Jahren nicht mehr passiert" sagt David Rosenberg, Chef-Ökonom der kanadischen Investmentfirma Gluskin Sheff & Associates.

In den USA gibt es zehnmal mehr Einzelhandelsfläche pro Kopf der Bevölkerung als in Frankreich. Ein großer Anteil der US-Bevölkerung arbeitet im Dienstleistungssektor. Da wird verkauft, installiert, gewartet und auch sonst irgendwie Geld ausgegeben. Selbst wenn die privaten Konsumausgaben gerade noch um 1,8 Prozent zulegten, sind sie doch ins Stottern geraten, denn früher lagen die Wachstumsraten teilweise doppelt so hoch. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren die Amerikaner nicht mehr so vorsichtig bei ihren Konsumausgaben. "Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Bevölkerung und das Preisniveau steigen, dann ist ein Rückgang der Konsumausgaben ein Zeichen dafür, dass sich die große Korrektur intensiviert", sagt Rosenberg.

Obama plant Job-Programm

Und so versucht Obama nun, mit allen Mitteln gegenzusteuern. Noch während seiner Reise durch den mittleren Westen sickerten Details aus seinem für September angekündigten Befreiungsschlag durch. So plant der Präsident offenbar Steuererleichterungen für Arbeitgeber, die Langzeitarbeitslose oder zurückgekehrte Kriegsveteranen einstellen. Außerdem will er in die Substanz amerikanischer Schulen investieren. 50 Milliarden Dollar sollen dafür veranschlagt sein.

Obamas Kalkül: Jede Milliarde Dollar Investitionen schafft etwa 10.000 neue Jobs im Baugewerbe. Auf diese Weise würden mindestens eine halbe Million neue Jobs entstehen. Zwar muss Obama mit Widerstand der Republikaner rechnen, doch umso mehr wirbt er um sie. Noch während eines Stops in Cannon Falls, Minnesota, sagte der Präsident: "Wir müssen im Kongress gemeinsam handeln. Es ist Zeit, mit den politischen Spielchen aufzuhören, es ist Zeit, zuerst an das Land zu denken."

Denn eines weiß Obama genau: Mit mehr als 14 Millionen Arbeitslosen und einer Quote von über neun Prozent sind seine Aussichten, im kommenden Jahr als Präsident wiedergewählt zu werden, sehr schlecht.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 89 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Zyklotron, 19.08.2011
1. Nebeneffekt
Zitat von sysopDie Konjunkturdaten sind mies, die*Aussichten bescheiden: An den Börsen wächst die Furcht vor einer neuen Rezession in den USA - gerade mal drei Jahre nach dem Lehman-Crash. Die Situation erinnert an die achtziger Jahre. Damals geriet das Land in einen Strudel aus Schrumpfwirtschaft*und Inflation. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,781127,00.html
Und es gab unterhaltsame TV-Serien. Ein Grund zur Hoffnung.
Det70, 19.08.2011
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von sysopDie Konjunkturdaten sind mies, die*Aussichten bescheiden: An den Börsen wächst die Furcht vor einer neuen Rezession in den USA - gerade mal drei Jahre nach dem Lehman-Crash. Die Situation erinnert an die achtziger Jahre. Damals geriet das Land in einen Strudel aus Schrumpfwirtschaft*und Inflation. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,781127,00.html
Ich denke, dass sich die Situation eben nicht mit den 80´ern vergleichen lässt. Die wirtschaftliche Basis und die Dollarstärke ist nicht mehr gegeben, da ist kaum mehr Substanz von der man über eine längere Durststrecke zehren könnte.
peterhausdoerfer 19.08.2011
3. Stagflation
beruht auf der Tatsache das die langfristige Eigenkapitalverzinsung der Industrie relative unabhängig von der Inflation ist und bei ca. 12% liegt. Mit steigender Inflation sinkt die reale Eigenkapitalverzinsung und damit wächst das in der Wirtschaft vorhandene Kapital langsamer an, das Wirtschaftswachstum schwächt sich deswegen ab. Das ist der gesellschaftlich Preis dafür das die Staatsschulden über Inflation verwest werden.
Kalaharry 19.08.2011
4. Abwärtstrend
Zitat von sysopDie Konjunkturdaten sind mies, die*Aussichten bescheiden: An den Börsen wächst die Furcht vor einer neuen Rezession in den USA - gerade mal drei Jahre nach dem Lehman-Crash. Die Situation erinnert an die achtziger Jahre. Damals geriet das Land in einen Strudel aus Schrumpfwirtschaft*und Inflation. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,781127,00.html
Ein Staat lebt nun mal nicht allein vom steuerfreien Börsenumsatz. Er muss auch irgendetwas produzieren und da geht es vor allem abwärts in den USA. Mit Spekulation läßt sich heutzutage mehr Geld verdienen, als mit Produktion und deshalb investiert dort kaum noch jemand in die Produktion von Gütern. Es KANN nur abwärts gehen, solange sich das nicht signifikant ändert.
gorge11, 19.08.2011
5. Das hat doch die Condoleezza prophezeit
Zitat von sysopDie Konjunkturdaten sind mies, die*Aussichten bescheiden: An den Börsen wächst die Furcht vor einer neuen Rezession in den USA - gerade mal drei Jahre nach dem Lehman-Crash. Die Situation erinnert an die achtziger Jahre. Damals geriet das Land in einen Strudel aus Schrumpfwirtschaft*und Inflation. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,781127,00.html
Obama würde wie einst wie Carter wie ein heulender Schlosshund da sitzen, und beteuern wie ihm die USA am Herzen liegen,was aber nichts nutzt, Wirtschaft am Boden, Reputation am Boden, überall abstürzende und geklaute Hubschrauber, alles am Boden. Dann sei Reagan gekommen, und habe die USA wieder aufgerichtet. Die US-Bürger könnten sich solch ein Intermezzo sparen, indem sie wieder Republikaner wählen, nicht Obama. Mit Schwarzer Haut habe da nichts zu tun, sie sei selber Schwarze, voll nicht halb, wie Obama. Nun, Reagan hat die Geldpumpe angeschmissen, das mag geholfen haben, das ist aber jetzt keine Option mehr, mitunter war es der Grundstein für die jetzige Misere, die Clinton hat mindern können, mit ausgelichenem(n) Haushalten, Obama muss sie ausbaden, Und er hat keine tollen Erotikstories, wie Clinton und Kennedy, die die Weit ablenkten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.