Aus Nikosia berichtet Nicolai Kwasniewski
Das umstrittene Zypern-Paket:
Auf den Straßen in Nikosia ist es trotzdem gespenstisch ruhig. Als das Parlament die Zwangsabgabe am Dienstagabend ablehnte, hatten die Demonstranten ihr Ziel erreicht. Weiter hat offenbar niemand gedacht. Weil zudem die Bankautomaten wieder gut gefüllt sind, geht das Leben in der zyprischen Hauptstadt weiter, als sei nichts geschehen - die Läden sind geöffnet und haben ausreichend Wechselgeld, die Cafés und Restaurants in der Innenstadt sind voll, auch wenn nicht mehr alle Kartenzahlung akzeptieren.
Russland und die orthodoxe Kirche: Das wird nicht reichen
Präsident Nikos Anastasiades arbeitet mit seinen Ministern schon seit Tagen an einem "Plan B", von dem in Nikosia jeder spricht. Wie mehrere Politiker am späten Mittwochabend im zyprischen Fernsehen sagten, könnte am Donnerstagabend im zyprischen Parlament darüber abgestimmt werden - vorausgesetzt die Parteien einigen sich.
Anastasiades will demnach unter anderem eine "gemilderte" Zwangsabgabe für Bankeinlagen vorschlagen. Summen unter 100.000 Euro würden dabei nicht angetastet, berichteten einige Politiker. Andere meinten, diese Einlagen sollen mit drei Prozent belastet werden.
Der ursprüngliche Rettungsplan, der mit den Euro-Ländern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgearbeitet worden war, sah eine Abgabe von 6,75 Prozent auf Einlagen unter 100.000 Euro und 9,9 Prozent auf höhere Summen vor. Das Hilfsprogramm war vom zyprischen Parlament aber abgelehnt worden.
Die Suche nach alternativen Geldquellen gestaltete sich schwierig. Selbst wenn Russland doch noch mit einem Milliardenkredit einspringen sollte und die zyprisch-orthodoxe Kirche ihr gesamtes Vermögen zur Verfügung stellt, wird Zypern voraussichtlich auf das Rettungspaket der Euro-Gruppe angewiesen sein. Weil aber die Hoffnung auf Hilfe aus Moskau schwindet und auch das Geld von Erzbischof Chrysostomos II. nicht reichen dürfte, um das Schuldenproblem des Landes zu lösen, muss die Regierung nun hektisch nach neuen Lösungen suchen.
Den Wunsch der Demonstranten, die Troika von Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds aus Zypern fernzuhalten, wird Anastasiades wohl nicht erfüllen können. Nach den Gesprächen mit den Vertretern der Geldgeber am Mittwoch im Präsidentenpalast wächst aber auch in der Politik der Unmut über die Forderungen der Troika.
"Merkel und Schäuble wollen uns bestrafen"
Schließlich habe die zyprische Regierung mehrere Vorschläge präsentiert, wie der Eigenanteil von 5,8 Milliarden Euro aufgebracht werden könne ohne die Bankkonten mit einer Zwangsabgabe zu belegen, bestätigten regierungsnahe Kreise SPIEGEL ONLINE. Beispielsweise hätte das zyprische Tafelsilber, also landeseigene Unternehmen und andere Vermögenswerte, in einer neu geschaffenen Gesellschaft gebündelt werden sollen, die dann wiederum Anleihen ausgegeben hätte. Auf diese Weise hätten mehr als vier Milliarden Euro eingesammelt werden sollen. Ein zweiter Vorschlag habe vorgesehen, die beiden größten - und am stärksten angeschlagenen - Banken des Landes abzuwickeln, die problematischen Teile in einer Bad Bank zu bündeln und den gesunden Rest an die schon in Zypern tätige russische VTB-Bank zu verkaufen.
Die Troika habe alles kategorisch abgelehnt. Die große Bereitschaft der Zyprer, Geld für die Rettung ihrer Banken zu geben, werde überhaupt nicht ernst genommen, hieß es aus Regierungskreisen. Die Folgerung: "Merkel und Schäuble wollen uns bestrafen" - diesen Satz hört man nicht nur von den Demonstranten, sondern auch von den Abgeordneten.
So langsam aber wächst im ganzen Land die Sorge, dass es für Zypern keinen Ausweg aus der tiefen Krise mehr gibt. Allein der Vorschlag einen Teil der privaten Vermögen zwangsweise einzuziehen, so fürchten viele Menschen in Nikosia, habe das zyprische Finanzsystem massiv beschädigt. Der Glaube, dass Geld auf einem Bankkonto in Zypern sicher ist, sei jetzt zerstört.
Die einzige Chance das Vertrauen der ausländischen - zum großen Teil russischen - Investoren wiederzugewinnen, sei eine verstärkte Zusammenarbeit mit Moskau. So jedenfalls äußern sich Abgeordnete hinter vorgehaltener Hand und viele Bürger - vom Kioskbesitzer bis zum Anwalt.
Am Donnerstagmorgen wird sich Staatspräsident Anastasiades in seinem Palast mit den Spitzen der im zyprischen Parlament vertretenen Parteien treffen. Angeblich soll dort der "Plan B" vorgestellt werden. Sollte er auf Zustimmung stoßen, werde er dem Parlament unterbreitet, hieß es im zyprischen Fernsehen. Die Nachrichtenagentur CNA meldete, Anastasiades habe beim Verlassen des Präsidentenpalasts gesagt, "eine Entscheidung über den Rettungsplan für Zypern muss spätestens am Donnerstag fallen".
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