Angst vor Staatspleite: Zypern präsentiert seinen Plan B

Aus Nikosia berichtet

Anti-Troika-Graffito in Nikosia: Guthaben unter 100.000 Euro sollen geschont werden Zur Großansicht
AFP

Anti-Troika-Graffito in Nikosia: Guthaben unter 100.000 Euro sollen geschont werden

Die Banken in Zypern bleiben fünf weitere Tage geschlossen, die Unsicherheit über die Zukunft des Landes wächst. Noch heute will Präsident Anastasiades einen neuen Plan vorstellen, um die Forderungen der Geldgeber zu erfüllen. Ob er damit im eigenen Land durchkommt, ist fraglich.

Es ist Abend in Nikosia, als das zyprische Finanzministerium die Nachricht verbreitet: Die Banken werden auch am Donnerstag und Freitag geschlossen bleiben, um "die Finanzstabilität zu sichern", heißt es in der Erklärung. Weil der kommende Montag in Zypern wieder ein Feiertag ist, werden die Banken - sollten sie am Dienstag tatsächlich wieder öffnen - insgesamt zehn Tage geschlossen haben. Weil die Institute in dieser Zeit nicht einmal Überweisungen ausführen, dürften vor allem Unternehmen die Folgen zu spüren bekommen. Auch die Börse soll den ausgesetzten Handel erst in der kommenden Woche wieder aufnehmen.

Auf den Straßen in Nikosia ist es trotzdem gespenstisch ruhig. Als das Parlament die Zwangsabgabe am Dienstagabend ablehnte, hatten die Demonstranten ihr Ziel erreicht. Weiter hat offenbar niemand gedacht. Weil zudem die Bankautomaten wieder gut gefüllt sind, geht das Leben in der zyprischen Hauptstadt weiter, als sei nichts geschehen - die Läden sind geöffnet und haben ausreichend Wechselgeld, die Cafés und Restaurants in der Innenstadt sind voll, auch wenn nicht mehr alle Kartenzahlung akzeptieren.

Russland und die orthodoxe Kirche: Das wird nicht reichen

Präsident Nikos Anastasiades arbeitet mit seinen Ministern schon seit Tagen an einem "Plan B", von dem in Nikosia jeder spricht. Wie mehrere Politiker am späten Mittwochabend im zyprischen Fernsehen sagten, könnte am Donnerstagabend im zyprischen Parlament darüber abgestimmt werden - vorausgesetzt die Parteien einigen sich.

Anastasiades will demnach unter anderem eine "gemilderte" Zwangsabgabe für Bankeinlagen vorschlagen. Summen unter 100.000 Euro würden dabei nicht angetastet, berichteten einige Politiker. Andere meinten, diese Einlagen sollen mit drei Prozent belastet werden.

Der ursprüngliche Rettungsplan, der mit den Euro-Ländern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgearbeitet worden war, sah eine Abgabe von 6,75 Prozent auf Einlagen unter 100.000 Euro und 9,9 Prozent auf höhere Summen vor. Das Hilfsprogramm war vom zyprischen Parlament aber abgelehnt worden.

Die Suche nach alternativen Geldquellen gestaltete sich schwierig. Selbst wenn Russland doch noch mit einem Milliardenkredit einspringen sollte und die zyprisch-orthodoxe Kirche ihr gesamtes Vermögen zur Verfügung stellt, wird Zypern voraussichtlich auf das Rettungspaket der Euro-Gruppe angewiesen sein. Weil aber die Hoffnung auf Hilfe aus Moskau schwindet und auch das Geld von Erzbischof Chrysostomos II. nicht reichen dürfte, um das Schuldenproblem des Landes zu lösen, muss die Regierung nun hektisch nach neuen Lösungen suchen.

Den Wunsch der Demonstranten, die Troika von Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds aus Zypern fernzuhalten, wird Anastasiades wohl nicht erfüllen können. Nach den Gesprächen mit den Vertretern der Geldgeber am Mittwoch im Präsidentenpalast wächst aber auch in der Politik der Unmut über die Forderungen der Troika.

"Merkel und Schäuble wollen uns bestrafen"

Schließlich habe die zyprische Regierung mehrere Vorschläge präsentiert, wie der Eigenanteil von 5,8 Milliarden Euro aufgebracht werden könne ohne die Bankkonten mit einer Zwangsabgabe zu belegen, bestätigten regierungsnahe Kreise SPIEGEL ONLINE. Beispielsweise hätte das zyprische Tafelsilber, also landeseigene Unternehmen und andere Vermögenswerte, in einer neu geschaffenen Gesellschaft gebündelt werden sollen, die dann wiederum Anleihen ausgegeben hätte. Auf diese Weise hätten mehr als vier Milliarden Euro eingesammelt werden sollen. Ein zweiter Vorschlag habe vorgesehen, die beiden größten - und am stärksten angeschlagenen - Banken des Landes abzuwickeln, die problematischen Teile in einer Bad Bank zu bündeln und den gesunden Rest an die schon in Zypern tätige russische VTB-Bank zu verkaufen.

Die Troika habe alles kategorisch abgelehnt. Die große Bereitschaft der Zyprer, Geld für die Rettung ihrer Banken zu geben, werde überhaupt nicht ernst genommen, hieß es aus Regierungskreisen. Die Folgerung: "Merkel und Schäuble wollen uns bestrafen" - diesen Satz hört man nicht nur von den Demonstranten, sondern auch von den Abgeordneten.

So langsam aber wächst im ganzen Land die Sorge, dass es für Zypern keinen Ausweg aus der tiefen Krise mehr gibt. Allein der Vorschlag einen Teil der privaten Vermögen zwangsweise einzuziehen, so fürchten viele Menschen in Nikosia, habe das zyprische Finanzsystem massiv beschädigt. Der Glaube, dass Geld auf einem Bankkonto in Zypern sicher ist, sei jetzt zerstört.

Die einzige Chance das Vertrauen der ausländischen - zum großen Teil russischen - Investoren wiederzugewinnen, sei eine verstärkte Zusammenarbeit mit Moskau. So jedenfalls äußern sich Abgeordnete hinter vorgehaltener Hand und viele Bürger - vom Kioskbesitzer bis zum Anwalt.

Am Donnerstagmorgen wird sich Staatspräsident Anastasiades in seinem Palast mit den Spitzen der im zyprischen Parlament vertretenen Parteien treffen. Angeblich soll dort der "Plan B" vorgestellt werden. Sollte er auf Zustimmung stoßen, werde er dem Parlament unterbreitet, hieß es im zyprischen Fernsehen. Die Nachrichtenagentur CNA meldete, Anastasiades habe beim Verlassen des Präsidentenpalasts gesagt, "eine Entscheidung über den Rettungsplan für Zypern muss spätestens am Donnerstag fallen".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 161 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Plan P ist richtig
ein-berliner 20.03.2013
Zitat von sysopDie Banken in Zypern bleiben fünf weitere Tage geschlossen. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme des Finanzministeriums. Die Unsicherheit über die Zukunft des Landes wächst, von einer überzeugenden Lösung ist die Regierung weit entfernt - auch wenn Plan B angeblich steht. Angst vor Staatspleite: Zypern sucht verzweifelt nach Plan B - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/angst-vor-staatspleite-zypern-sucht-verzweifelt-nach-plan-b-a-890084.html)
Nur der Plan P (Pleite) wird Realität.
2. versucht es mit dem Passhandel
ein-dummer-junge 20.03.2013
es gibt viele Menschen auf Erden die einen Pass der EU haben wollen. Also Staatsangehoerigkeit gegen bares.
3. Tja, Mutti Merkel
leif 20.03.2013
zieht ihr neoliberales Programm (Leipzig 2005) gnadenlos durch. Und leider ist weit und breit niemand in Sicht, der die mitleidslose Pastorentochter stoppen könnte.
4. Zypern-Krise
uwe1960 20.03.2013
Zitat von sysopDie Banken in Zypern bleiben fünf weitere Tage geschlossen. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme des Finanzministeriums. Die Unsicherheit über die Zukunft des Landes wächst, von einer überzeugenden Lösung ist die Regierung weit entfernt - auch wenn Plan B angeblich steht. Journal 24: Gadget News, Automobilwelt, Reisen, Finanzen und Lifestyle (http://journal24.info/)
Ich sehe in Russland einen Freund und Partner der EU. Und diesen Status gilt es zu erhalten. Eine Abhaengigkeit einzelner EU Staaten von Russland, die dem Kreml indirekt Mitspracherecht bei Entscheidungen der EU gaebe, waere nicht hilfreich.
5. Die Lösung ist einfach
sirisee 20.03.2013
... Altschuldenztilgungsfond, Eurobonds und Mindestlohn. Aber es ist auch klar, warum Schäuble und Merkel das nicht wollen. Sie wollen Europa beherrschen, mit Export- und Zinsimperialismus. Wer hat denn am meisten vom Euro profitiert? Das ist doch kein Zufall! Oskar und Sarah haben recht! Goldman Sachs und die Konzerne stecken dahinter. Gut, dass es jemanden wie Bofinger gibt, der das durchschaut hat und nicht nur Hetzer wie den Sinn und den Sarrazin. Im neuen Buch von Marina wird dazu auch etwas stehen. Es ist ein kybernetisches Problem.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Schuldenkrise in Zypern
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 161 Kommentare