Hamburg - Ex-Bundesbank-Präsident Axel Weber lehnte sie strikt ab, EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark trat aus Protest dagegen zurück: Der Aufkauf von Staatsanleihen angeschlagener Euro-Staaten hat gerade in Deutschland viele Gegner. Entsprechend vehement lehnt die Bundesregierung bislang auch ein stärkeres Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) ab, das viele andere Euro-Staaten fordern.
Nun zeigt eine Studie: Die Anleihe-Käufe könnten der Bundesregierung Einnahmen in Milliardenhöhe bescheren. Zu diesem Schluss kommt das Beratungsunternehmen Kiel Economics in einer Studie, aus der die "Zeit" zitiert.
Der Ökonom Jonas Dovern hat demnach erstmals grob berechnet, mit welchen Zahlungen das Notenbanksystem rechnen könnte, wenn die aufgekauften Kredite planmäßig zurückgezahlt werden. Demnach könnte bis zum Jahr 2018 ein Gewinn von 63 Milliarden Euro anfallen. Rund ein Drittel davon, also etwa 20 Milliarden, entfiele an die Bundesbank, deren Gewinne wiederum an den Finanzminister fließen.
Der Grund für die positiven Annahmen: Weil Banken die Papiere abstoßen, kauft die EZB sie derzeit deutlich unter dem Nennwert - also für weniger Geld, als der Vorbesitzer ursprünglich dafür bezahlt hat. Falls die Staaten das über die Anleihen verliehene Geld voll zurückzahlen, macht die EZB also zusätzlich zu den Zinseinnahmen einen ordentlichen Gewinn. Das gilt natürlich nicht, sofern ein Staat pleitegeht.
Selbst wenn die EZB auf 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten müsste, würde sie aber dem "Zeit"-Bericht zufolge noch einen Gesamtgewinn von 13,8 Milliarden Euro machen. Das ist bislang aber nicht zu erwarten: Am kürzlich vereinbarten 50-prozentigen Schuldenschnitt für Griechenland sind nur private Banken beteiligt.
Bislang hat die EZB Anleihen im Wert von gut 200 Milliarden Euro gekauft. Wie hoch der Anteil einzelner Länder ist, gibt die Bank nicht bekannt. In den Berechnungen von Kiel Economics wurde deshalb unterstellt, dass sich die Verteilung nach der Höhe der jeweiligen Staatsschulden richtet. Zudem geht das Szenario davon aus, dass die EZB die Anleihen zu aktuellen Kursen erworben hat und dass es sich dabei um Anleihen mit einer siebenjährigen Restlaufzeit handelt.
Berücksichtigt wurden auch die Kosten dadurch, dass die EZB die Käufe sterilisiert. Das bedeutet, dass sie das durch den Kauf der Anleihen ausgegebene Geld über Einlagengeschäfte mit Banken wieder aus dem Markt nimmt. So soll Inflation vorgebeugt werden.
Einlagen bei EZB nahe 300 Milliarden
Die derzeitigen Einlagen bei der EZB zeigen unterdessen an, dass die Unsicherheit im Bankensektor steigt. Die sogenannten Übernacht-Einlagen seien von 281,4 Milliarden Euro am Dienstag auf 297,1 Milliarden Euro gestiegen, teilte die Zentralbank mit. Das ist der höchste Stand seit Anfang November. Die Marke von 300 Milliarden Euro hatten die Einlagen zuletzt im Sommer 2010 überschritten. Die eintägigen Ausleihungen der Banken stiegen von 1,72 Milliarden auf 2,7 Milliarden Euro - ebenfalls deutlich mehr als üblich.
Die eintägigen Einlagen und Ausleihungen der Banken bei der EZB gelten als Indikator für das Misstrauen der Institute untereinander. Normalerweise refinanzieren sich die Geschäftsbanken nur ungern über Nacht bei der Notenbank, da die Konditionen für sie ungünstig sind. Der direkte Handel zwischen den Banken ist aber - ähnlich wie in der Finanzkrise 2008 - erneut ins Stocken geraten.
dab/dpa
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Staat & Soziales | RSS |
| alles zum Thema Euro-Krise | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH