Euro-Rettung Draghi-Plan enttäuscht die Börse

EZB-Chef Draghi deutet an, dass die Zentralbank und der Euro-Rettungsfonds bald Anleihen von Krisenländern kaufen könnten. Die Börsen hatten mehr Entschiedenheit erwartet, sie geben nach. Was sind die Risiken der Strategie, was genau ist geplant? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

dapd

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Hamburg - Man sei zu weiteren Stützungsmaßnahmen für den Euro bereit, sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag nach einer Sitzung der Europäischen Notenbank in Frankfurt am Main.

Besonders deutlich waren seine Worte nicht. Dennoch wecken sie Hoffnung. Im Nicht-Notenbanker-Sprech heißen sie in etwa: "Es naht Rettung."

Der verklausulierte Satz deutet auf eine geballte Rettungsaktion der EZB und des Euro-Rettungsschirms hin. Möglicherweise ist diese groß genug, um eine Phase der Entspannung in der Euro-Krise einzuläuten.

"Die hohen Risikoprämien für einige Staatsanleihen sind nicht akzeptabel", sagte Draghi. Die Gemeinschaftswährung dürfe nicht gefährdet werden. "Der Euro ist unumkehrbar." Allerdings werde es einige Wochen dauern, bis mögliche Stützungsmaßnahmen in allen EZB-Gremien besprochen sein werden.

Anleger hatten auf eine schnellere Rettung gehofft. Die Börsen rutschten nach Draghis Rede deutlich ins Minus. Der deutsche Leitindex Dax Chart zeigen verlor nach Draghis Rede gut zwei Prozent an Wert. Der amerikanische Dow Jones Chart zeigen sank um fast ein Prozent. Der Euro Chart zeigen fiel auf sein Tagestief - unter die Marke von 1,22 Dollar.

Was verbirgt sich hinter Draghis Äußerungen? Wo kommt das Geld für die EZB-Aktion her? Wir riskant ist die Rettungsaktion? Die wichtigsten Antworten im Überblick.


Was wollen EZB und der ESM tun?

EZB und ESM sollen gezielt die Staatsanleihen von Krisenländern wie Spanien oder Italien aufkaufen.

  • Der ESM würde den Regierungen ihre Anleihen direkt abkaufen. Der ESM könnte dafür einfach bei Auktionen dieser Anleihen mitbieten. Diese Art des Handels bezeichnet man als Primärmarkt.
  • Die EZB würde Anleihen erwerben, die bereits bei Auktionen versteigert wurden. Die Notenbank kann sie den Anleihenbesitzern abkaufen. Diese Art des Handels bezeichnet man als Sekundärmarkt.


Was bringt der Anleihenkauf?

Wenn ESM und EZB im großen Stil Anleihen kaufen, erhöhen sie die Nachfrage. Dadurch sinken die Renditen, die die Krisenländer Investoren bei Auktionen bieten müssen. Durch die niedrigeren Zinsen wächst die Staatsverschuldung der Krisenländer langsamer. Ihre Regierungen gewinnen so Zeit, ihre Sparprogramme und Strukturreformen voranzutreiben und ihre Wirtschaft zu stabilisieren.

Auch die übrigen Länder der Euro-Zone profitieren. Denn durch die Anleihenkäufe sinkt zumindest kurzzeitig das Risiko, dass große Euro-Staaten wie Spanien und Italien zahlungsunfähig werden und komplett unter den Euro-Rettungsschirm müssen.

Im Falle einer Komplett-Rettung sind Staaten mehrere Jahre vollkommen vom Markt abgeschottet und auf externe Hilfen angewiesen. Der ESM ist aber zu klein, um Spanien und Italien so lange zu stützen. Der Rettungsschirm umfasst 500 Milliarden Euro - Spanien und Italien brauchen bis Ende 2014 gut 876 Milliarden.


Wann startet der Anleihenkauf?

Die EZB könnte theoretisch sofort eingreifen. Sie hat es schon in der Vergangenheit getan, als die Zinsen für Staatsanleihen bestimmter Länder zu stark gestiegen waren. Dieses Mal aber hat Draghi Bedingungen gestellt. Die EZB will nur tätig werden, wenn die Regierungen der Krisenländer Reformen durchziehen und auch die Euro-Rettungsfonds Anleihen kaufen.

Eine koordinierte Aktion von EZB und des künftigen Rettungsfonds ESM wäre frühestens Mitte September möglich. Am 12. September urteilt das deutsche Verfassungsgericht darüber, ob der ESM rechtlich zulässig ist. Nur wenn das Urteil positiv ausfällt, kann der Rettungsschirm in Kraft treten.

Eine koordinierte Aktion von EZB und dem bestehenden Rettungsfonds EFSF wäre auch jetzt schon möglich. Allerdings hat Draghi angekündigt, dass es einige Wochen dauern wird, bis alle EZB-Gremien über neue Rettungsaktionen abgestimmt haben.


Woher kommt das Geld?

Die EZB ist die letzte Instanz der europäischen Geldpolitik. Sie kann die Euro-Menge beliebig ausweiten. Umgangssprachlich ausgedrückt: Sie kann theoretisch unbegrenzt Geld drucken, um Anleihen zu kaufen.

Praktisch sind aber auch der EZB Grenzen gesetzt. Denn wenn die Geldmenge im Vergleich zur Menge der Güter steigt, droht Inflation. Grob vereinfacht gesagt: Wenn 100 Äpfel und 100 Euro im Umlauf sind, kostet ein Apfel einen Euro. Sind es 100 Äpfel und 200 Euro, kostet ein Apfel zwei Euro.

Manche Experten glauben allerdings, dass die EZB beim Ausweiten der Geldmenge noch großen Spielraum hat. Bislang hat sie gut 211 Milliarden Euro in Anleihen schwächelnder Euro-Länder investiert - gut drei Prozent der Wirtschaftsleistung der Euro-Zone. Die US-Notenbank Fed hat bereits US-Staatsanleihen im Volumen von knapp 18 Prozent der US-Wirtschaftsleistung gekauft - die US-Inflationsrate liegt im laufenden Jahr dennoch nur bei 1,7 Prozent.


Wie riskant ist die Aktion?

Außer einem moderaten Inflationsrisiko hätte ein gebündelter Anleihenkauf von EZB und ESM vor allem einen Nachteil: Die EZB mutiert zum Finanzier von Staaten. Das steht im Widerspruch zu ihrer Kernaufgabe, die Inflation im Euro-Raum stabil zu halten. Die EZB gefährdet also ihre Unabhängigkeit und ihre Glaubwürdigkeit.


Wer ist für den Anleihenkauf - und wer dagegen?

Im EZB-Rat zeichnet sich eine Mehrheit für die Anleihenkäufe ab. Die Notenbankchefs der Krisenländer und zahlreiche weitere Ratsmitglieder sind Berichten zufolge für die Rettungsaktion. Dagegen war vor allem ein deutscher Vertreter: Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Andere Länder wie Finnland hatten sich im Vorfeld des EZB-Treffens skeptisch gezeigt.

Das generelle Programm für den Kauf von Anleihen wurde vom EZB-Rat bereits im Mai 2010 beschlossen. Nach Angaben der EZB reicht bei Folgebeschlüssen eine einfache Mehrheit im Rat.

Auch außerhalb Europas wächst der Druck auf die EZB. Zuletzt hatten IFW-Chefin Christine Lagarde und US-Finanzminister Timothy Geithner ein beherzteres Eingreifen der Euro-Retter gefordert.


Was bedeutet die Aktion für Deutschland?

Weidmann ist erklärter Gegner der Anleihenkäufe. Doch für Deutschland hätte eine geballte Aktion von EZB und ESM auch Vorteile. Immerhin sinkt das Risiko, dass sich die Währungsunion auflöst. Und das würde für Deutschland richtig teuer. Der Großteil der deutschen Rettungsgelder wäre verloren, Banken und Versicherungen müssten Hunderte Milliarden Euro abschreiben, und die Regierung müsste schon wieder die Finanzindustrie vor dem Kollaps retten.

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insgesamt 236 Beiträge
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Seite 1
Ron777 02.08.2012
1. Großmaul
Dem Großmaul Draghi wurde scheinbar in Hinterzimmern sehr deutlich gemacht, wo die Grenzen der EZB in Sachen Aufkäufe liegen. Nun will man sich auf kurfristige Anleihen konzentrieren. Tja, das wird den Ländern Spanien und Italien ja mächtig helfen. Großmaul!
domiandom 02.08.2012
2. Stoppt den Irrsinn...
und lösst die Staatengemeinschaft auf! Ich wähle sofort Eine republikanische Anti-EU Partei, wenn das Parteiprogramm stimmig ist und wenn sich ein paar Mutige finden. Das Gefasel, dass ein Anleihenkauf die einzige Möglichkeit ist und ansonsten "alles ganz ganz schlimm, wenn nicht sogar schlimmer" wird, ist totaler Nonsens. Mit dieser unbegründeten polemische Aussage versuchen sich nur die Banken aus der Äffäre zu ziehen. Die Interessen der Masse der Deutschen wird nicht mehr vertreten!
Christiane Schneider 02.08.2012
3. Schleichende Inflation...
Zitat von sysopDPAEZB-Chef Mario Draghi weckt Hoffnungen: Er deutet an, dass die Europäische Zentralbank und der Rettungsfonds ESM bald Staatsanleihen von Krisenländern wie Spanien und Italien kaufen könnten. Was soll die Aktion bringen? Was sind die Risiken? Antworten auf die wichtigsten Fragen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,847813,00.html
wir die Folge sein! Eine langsame Entwertung von Barvermögen, wer keine Ersparnisse oder Schulden hat, den wirds nicht scheren. Im Gegenteil, die Schuldner werden entlastet. Der Staat will sich so auch langsam von seiner Schuldenlast befreien. Vielleicht sollten wir uns alle entspannen und etwas mehr Inflation zulassen. Dann gibts vielleicht auch mal wieder Lohnsteigerungen. No Panik.
Sarkasman 02.08.2012
4. och nee
Die Märkte reagieren enttäuscht - wieso will die Allgemeinheit nicht das Geld der Reichen retten? Allesamt Verräter! Enteignen! Ach so - geht ja nicht, wir haben ja die Kohle, bloss a bisserl verzockt, falsch angelegt oder so ... die Flöze ( das ist, wo massenhaft Kohle ist - daher kommt auch der Ausdruck "Hinflözen" für das Rumlümmeln von monetär gut abgesicherten Arbeitsunwilligen) bleiben angespannt und nervös!
claudeka 02.08.2012
5. Unbegrenzt, aber unter Bedingungen
Die Richtung scheint auf den ersten Blick nicht so schlecht zu sein. Zum einen nimmt man die rechtlichen Bedenken ernst, zum anderen sind die Anleihekäufe an Reformen gebunden. Das scheint ein guter Kompromiss zu sein: Es gibt Anleihekäufe, notfalls unbegrenzt, aber nur für die Länder die sich an die Reformbedingungen halten.
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