Arbeitende Rentner Malochen bis zum Tod

Hunderttausende Rentner arbeiten auch noch im Ruhestand - oft aus reiner Geldnot. Für viele reicht die staatliche Rente nicht zum Leben, mit Mini-Jobs halten sie sich knapp über Wasser. SPIEGEL ONLINE traf Malocher jenseits der 70.

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Ruheständler bei Handwerkstätigkeit: Zahl der arbeitenden Rentner stieg um 29 Prozent
Corbis

Ruheständler bei Handwerkstätigkeit: Zahl der arbeitenden Rentner stieg um 29 Prozent


Hamburg - Ernst Möller ist 73 Jahre alt, er wohnt mit seiner Frau Karin in einer Vier-Zimmer-Wohnung im mecklenburgischen Boizenburg. Wenn in seinem Leben alles rund gelaufen wäre, dann bräuchte der Rentner heute keine Arbeit mehr. Doch es lief nicht alles rund.

Nach der Volksschule machte Möller zunächst eine Bergmannslehre, später wechselte er ins Baugewerbe. Ein Besuch in der DDR im Frühjahr 1961 veränderte sein Leben. Der Bruder seiner Freundin überredete die beiden, doch einfach bei ihm im Osten zu bleiben. Möller ging darauf ein, schraubte als Schlosser an Kombinatstraktoren und arbeitete später als Melker. 2000 stand endlich seine Rente an. Doch die reicht bis heute nicht aus: "Ich lebe von 530 Euro im Monat. Ohne meine gute Frau, die in der Woche für 22 Euro Lebensmittel einkauft, wäre ich völlig aufgeschmissen."

Zunächst behalf sich Möller mit einem schlecht bezahlten Mini-Job als Hausmeister. Sechs Jahre lang sah er in großen Mietshäusern nach dem Rechten, war für vier Gebäude zuständig, arbeitete dort von 8 bis 12 Uhr. Möller war vor Ort, schippte im Winter auch nachts den Neuschnee. Doch sein Arbeitgeber wollte die Stelle lieber mit einer Ein-Euro-Kraft besetzen, erzählt Möller. Und so verlor der 73-Jährige seinen 400-Euro-Job. Seitdem sucht er nach neuer Arbeit.

"Die Menschen quälen sich"

In Deutschland müssen Hunderttausende Rentner auch nach ihrer Pensionierung malochen. Viele von ihnen halten sich mit lausig bezahlten Mini-Jobs über Wasser, das belegen Zahlen der Gewerkschaften Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und Ver.di. Waren es vor sechs Jahren bereits 559.203 ältere Menschen, die mit Mini-Jobs ihre Rente aufbesserten, so stieg deren Zahl bis 2007 auf 722.953. Eine satte Steigerung um gut 29 Prozent. In Nordrhein-Westfalen erhöhte sich die Zahl der arbeitenden Rentner sogar um knapp 35 Prozent.

Natürlich arbeiten manche Rentner freiwillig. Weil sie in ihrem Job Erfüllung finden. Oder weil sie gerne Zeit mit anderen Menschen verbringen. Doch für viele Ruheständler ist der Job einfach nur Pflicht - aus schlichter Geldnot.

Lutz Tillack kennt viele Rentner wie Ernst Möller, er ist Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG in der Region Hamburg und Elmshorn: "Wir sehen hier eine Fehlentwicklung, die immer rasanter um sich greift." Gegenwärtig hat Tillack vier Fälle auf dem Schreibtisch liegen. "Ich kenne die Menschen persönlich, ich weiß, wie die sich quälen. Ihre Situation ist einfach beschämend."

In anderen Bundesländern ist die Situation vergleichbar. "Im Handel finden Sie viele Rentner, die Regale auffüllen. Andere arbeiten als Zeitungszusteller", berichtet der Landesbezirksvorsitzende der NGG für Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz/Saar, Uwe Hildebrandt. "Und große Autohäuser schicken Rentner zum Amt, um die neuen Pkw anzumelden. Denn die alten Leute stellen sich auch für wenig Geld in die Schlange."

Rentner, die in Mülltonnen nach Essen suchen

Laut Deutscher Rentenversicherung erhielten Männer in den alten Bundesländern 2008 durchschnittlich 912 Euro Rente im Monat, in den neuen Bundesländern waren es 932 Euro. Frauen erhielten 640 Euro in den neuen und nur 503 Euro in den alten Bundesländern.

Laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2007 liegt Deutschland beim Rentenniveau im Verhältnis zum letzten Arbeitslohn auf dem viertletzten Platz. 39,9 Prozent erhalten deutsche Rentner, griechische Ruheständler kommen im Schnitt auf 95,7 Prozent des letzten Gehalts.

Für viele alte Menschen heißt das: sparen, sparen, sparen. "Auf dem Wochenmarkt sehe ich Rentner, die in Mülltonnen nach Obst und Gemüse suchen. Das darf doch nicht sein!", sagt Dieter Balck empört. Der 68-Jährige ist Bundesvorsitzender der Rentnerpartei Deutschland. Balck wünscht sich für seine Klientel "ein neues Rentensystem", in das "alle einzahlen". Dabei schwebt ihm das Schweizer Modell vor - eine steuerfinanzierte Basisrente für alle. Es müsse eine Grundrente geben, "die zum Überleben reicht", fordert der Politiker.

"Ich hoffe einfach auf gute Gesundheit"

Dabei fängt das Problem schon viel früher an - nicht erst im Ruhestand, sondern schon während des Erwerbslebens. "Hungerlöhne führen zu Hungerrenten", sagt Michaela Gehms vom Sozialverband Deutschland in NRW. "Es darf nicht sein, dass Menschen, die ein Leben lang in die Sozialkassen eingezahlt haben, eine Rente unterhalb der Armutsgrenze bekommen. Wir fordern einen gesetzlichen Mindestlohn."

Für die Rentner von heute ist das allerdings keine Lösung - sie müssen sich selbst helfen. Einer von ihnen ist Heinrich S., er lebt im Osten der Republik. "Noch verdiene ich mir im Monat ein paar Hundert Euro dazu." Der 73-Jährige verfasst freiberuflich Artikel für Fachmedien. "Aber ich habe Angst was wird, wenn ich einmal nicht mehr schreiben kann."

Nach Abzug des Krankenkassenbeitrags bleiben Heinrich S. rund 800 Euro im Monat. "In stillen Momenten denke ich: 'Du hast lebenslang bekommen!'" Er hoffe einfach weiter "auf gute Gesundheit".



Forum - Arbeiten bis zum Tod?
insgesamt 233 Beiträge
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Seite 1
Steve Holmes 22.10.2009
1.
Sicherlich in vielen Fällen beides aber zunehmend lebensnotwenige Geldbeschaffung. Das ist auch normal, weil die Lebenserwartung immer weiter steigt.
Berg 22.10.2009
2.
Zitat von sysopHunderttausende Deutschen arbeiten auch nach ihrer Pensionierung weiter. Ist der Job im Alter eine Bereicherung - oder oft lebensnotwenige Geldbeschaffung?
Nicht nur Pensionäre, auch viele Rentner hören nach dem Eintritt ins Rentenalter nicht auf, antsprechend ihren Fähigkeiten weiter tätig zu sein, sie schreiben Bücher, halten Vorträge, helfen in Bibliotheken oder Archiven, gärtnern, malern, reparieren, übernehmen Kinderbeaufsichtigungen, programmieren, machen Baustellenkontrolleure - die ganze Palette. Ehrenamtlich oder bezahlt, als Hilfe für Kinder oder Freunde. Meine Mutter arbeitete als Konsumverkäuferin bis zum 72. Lebensjahr (Rente ab 60), meine Schwiegermutter ging in "ihre" Telefonzentrale bis zum 74. Lebensjahr (Rente mit 60). Mein Stiefvater ging als Nachtwächter mit Hund bis zum 69. Lebensjahr (Rente ab 65). Das alles ist nichts Ungewöhnliches und bessert selbstverständlich die Altersversorgung auf. Wer wenig verdient hat im Leben und niedigere Rente bekommt, als er ausgeben möchte, muss noch etwas hinzuverdienen. Logisch.
Volker Gretz, 22.10.2009
3.
Zitat von sysopHunderttausende Deutschen arbeiten auch nach ihrer Pensionierung weiter. Ist der Job im Alter eine Bereicherung - oder oft lebensnotwenige Geldbeschaffung?
Wie der Deppendeutsch-Begriff "Job" ja bereits aussagt: notwendige Geldbeschaffung. "Jobs" haben zwei Gruppen von Menschen: 1. die intellektuelle und moralische Unterschicht (Wirtschaftsexperten, Manager, Politiker als Dank für Verelendungspolitik nach ihren Untaten, Fotomodels,...) 2. Diejenigen, die von Gruppe 1. gezwungen werden einen "Job" anzunehmen und nicht in einem Beruf arbeiten können.
DJ Doena 22.10.2009
4.
Wenn ich so sehe, wie viele ältere Menschen nur noch zu Hause rumsitzen und auf den Tod warten, da ist es für mich eher eine angenehmere Vision, bis ins hohe Alter arbeiten zu dürfen.
LouisWu 22.10.2009
5.
Zitat von sysopHunderttausende Deutschen arbeiten auch nach ihrer Pensionierung weiter. Ist der Job im Alter eine Bereicherung - oder oft lebensnotwenige Geldbeschaffung?
Die zwei Fälle, die ich persönlich kenne, machen das nicht, weil sie unbedingt Geld brauchen. Sie machen es, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden: Also um ihre Langeweile zu bekämpfen und damit auch noch ein nettes Zubrot zu verdienen. Einen hat sein Chef bekniet, doch bitte noch etwas weiter zu machen. Er hätte doch sonst keinen, der das alles kann. Unbeschränkter Zuverdienst zur Rente ist ja auch nur (ohne Rentenkürzung) erlaubt, wenn die Regelaltersrente bezogen wird, also mit 65+. Bei vorgezogener Rente sind nur 400,-EUR erlaubt.
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