Umstrittene Praxis der Arbeitsagentur: Schnell vermittelt, schnell wieder arbeitslos

Ein immer größerer Anteil der Arbeitslosen wird an Zeitarbeitsfirmen vermittelt. Offenbar auch deshalb, weil die Jobcenter so am einfachsten Erfolge vorweisen können. Jetzt will Arbeitsagentur-Chef Frank Jürgen Weise gegensteuern.

Protest gegen Leiharbeit: Schnell vermittelt, schnell wieder arbeitslos Zur Großansicht
DPA

Protest gegen Leiharbeit: Schnell vermittelt, schnell wieder arbeitslos

Nürnberg - Die Bundesagentur für Arbeit (BA) überprüft ihre Zusammenarbeit mit der stark gewachsenen Zeitarbeitsbranche. BA-Chef Frank-Jürgen Weise räumte gegenüber der Zeitung "Die Welt" "Fehlentwicklungen" in diesem Bereich ein.

Ein immer größerer Anteil von Arbeitslosen wird in die Zeitarbeit vermittelt anstatt in normale Beschäftigungsverhältnisse. "Die Welt" zitiert aus einem Diskussionspapier, wonach der Anteil der Zeitarbeit 2007 bei den Stellenvermittlungen 2007 noch halb so hoch gewesen sei wie der regulärer Jobs. Mittlerweile hätten sich die beiden Werte angeglichen, und im Boomjahr 2010 habe der Anteil der Zeitarbeit bei den Vermittlungen sogar über dem regulärer Beschäftigungsverhältnisse gelegen.

Weise sagte, der BA-Vorstand werde gemeinsam mit den Führungskräften der Agentur, den Mitarbeitern und der Personalvertretung über das Diskussionspapier von Hauptpersonalrats-Chef Eberhard Einsiedler beraten. Dieser kritisiert, dass die Jobvermittler besonders große Anreize hätten, in Zeitarbeit zu vermitteln.

Denn die Integration eines Arbeitslosen in die Zeitarbeit zähle genauso als Erfolg wie die direkte Vermittlung in ein Unternehmen. Der Erfolg der einzelnen Agenturen wird auch an der Zahl der Integrationen gemessen. Da eine Vermittlung in Zeitarbeit einfacher sei und die Zeitarbeitsbranche besonders viele Stellenvorschläge übermittele, gebe es in dem Bereich eine große Dynamik.

"Wir wollen weg von einer Erfolgsbetrachtung, die vor allem Zahlen im Blick hat", zitiert die Zeitung aus dem Papier Einsiedlers. "Wir wollen uns stärker an Qualität und am nachhaltigen Kundenwohl orientieren." Laut "Welt" endet rund die Hälfte der Beschäftigungsverhältnisse in Leiharbeit nach weniger als drei Monaten. Weise sagte, eine Erfolgsmessung müsse auch den Aspekt der Nachhaltigkeit erfassen. Das könnte einer BA-Sprecherin zufolge heißen, dass eine Vermittlung in Zeitarbeit künftig anders gewichtet werde als die in einen Betrieb.

ric/rtr

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insgesamt 238 Beiträge
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1. Erfolgreiche Vermittlung
chb_74 12.01.2013
Zitat von sysopEin immer größerer Anteil der Arbeitslosen wird an Zeitarbeitsfirmen vermittelt. Offenbar auch deshalb, weil die Jobcenter so am einfachsten Erfolge vorweisen können. Jetzt will Arbeitsagentur-Chef Frank Jürgen Weise gegensteuern. Arbeitsagentur-Chef Weise will Vermittlung in Zeitarbeit begrenzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsagentur-chef-weise-will-vermittlung-in-zeitarbeit-begrenzen-a-877192.html)
Gegen diese Statistikmauscheleien gibt es ein einfaches Mittel: als "vermittelt" wird nur gezählt, wer 12 Monate nach der Vermittlung durch die AA noch einen festen Job hat, denn alles darunter ist ekine erfolgreiche Vermittlung in ein Arbeitsverhältnis, sondern ein Fehlschlag. Alle anderen gelten als "nicht erfolgreich vermittelt". Dafür kann man eine Kategorie einführen, und der Vermittler, der zu viel in der Kategorie hat, hat eben keine erfolgreiche Bilanz vorzuweisen.
2. ausserdem
Schweijk 12.01.2013
bin ich kein Kunde beim Arbeitsamt, sondern ein Hilfesuchender. Das Wort Kunde in diesem Kontext ist einfach nur Menschenverachtend.
3. aus zynischen Entscheidungen wird nur Heuchelei
Gorr 12.01.2013
Frau Merkel, Herr Steinbrück, gucken Sie mal auf Job Centern in dem Staat mit reichen Traditionen der Aussortierung und Ausfilterung? Sie sind Lieferanten der gnadenlos billigen Arbeitskraft und Speicher für dieselben Zwangsarbeiter, die kooperieren müssen, um Existenz ihrer Familien nicht zu gefährden. Das sind überforderte und verängstigte Sachbearbeiter, die schon ab erstem Gespräch jede Verantwortung dafür, was Sie hier tun, auf Politiker, die es produziert haben, weiter schieben. Wieso verängstigt? Weil sie jede Zeit nicht nur verbale „Anerkennung“, sondern auch körperliche Rückzahlung für Erniedrigung von den „Kunden“ erleben können. Job Centern sind überall gleich überfüllt und überfordert… wie in Guantanamo… Warum Guantanamo? Sehr einfach und nicht nur äußerlich, weil die Einschüchterungsmethoden und Sanktionen genauso wirken sollen, wie auf Häftlingen von Guantanamo! Wo sind eigentlich Menschenrechtler von FDP? Ah, das ist nicht ihre Klientel! Und was ist mit SPD? Menschenrechte sind nicht Kernthema von SPD! Ah-h…Und was ist mit CDU? Wir schaffen Flexibilität des Arbeitsmarktes! Ah… Und nach solchen Besuchen werden Sie noch behaupten, dass Harzt IV-Empfänger gleichberechtigte Bürger dieser Gesellschaft sind? Was für eine Heuchelei! Nun gehen wir weiter zur Geldvernichtungsmaschine - Agentur für Arbeit. Leere Flure, gelangweilte Sachbearbeiter. Hier nach Ihren „Reformen“ wird nicht gearbeitet. Hier wird mit Arbeitslosenstatistik geschummelt… Ah, es wird hier auch konsequent vermittelt… Die BA „vermittelt“ 60% der Arbeitslosen in den Hartz IV bzw. in die billige Zwangsarbeit…Nun gehen wir weiter… Pflege, wo sie gerne Hartz IV-Empfänger einsetzen, unter dem Vorwand, dass die Pflegekräfte fehlen… Nun es gibt kein Mangel an Pflegekräften, es mangelt an Verständnis unter Pflegekräften, warum sie unter Sklavenbedingungen arbeiten müssen, da viele von Ihnen noch an anderen Zeiten erinnern… Nun weiter zur Zeitarbeit, von der man nicht leben kann… Sie ktritisieren menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse in Fernosten. Nun mit der Zeitarbeit haben chinesische Verhälnisse per Gesetz mitten in Europa eingeführt… Gucken Sie mal, wie Zeitarbeit in Frankreich funktioniert, dann verstehen Sie, was Flexibilität des Arbeitsmarktes ist und was sie kostet. Wollen Sie nicht?! Deswegen gehen sie traditionell deutsch und versuchen diese Flexibilität mit Zwangsarbeit zu täuschen... Gehen wir weiter… Chancenlosigkeit der älteren Arbeitslosen, die Sie mit inzwischen allgemein bekannter Lüge mit s.g. Programmen 50 plus bzw. 50 aktiv und darin verpfutschen Steuergelder erfolglos füttern. Oder noch größere Lüge mit Mindestrente, mit der sowieso nicht überleben kann. Die Hungerlöhne können nicht Altersarmut verhindern. Und s.g. Mindestlohn bleibt immer noch Hungerlohn… Aber wieso sollen die Löne für Geringverdiener erhöht werden? Diese Geringverdiener sind sowieso meist Migranten und vom Hartz IV abhängig. Wenn sie als moderne Zwangsarbeiter für gering arbeiten müssen, kriegem sie sowieso die Aufstockung von Job Centern! Wenigstens sind sie auf diese Art und Weise als flexible Arbeitskräfte nützlich! Zynisch? Nein, das ist Ihre reale Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolituk! Sie werden lieber über Armut und Hungerlöhne der Geringverdiener aus wahlpolotischen Gründen schwätzen, anstatt Kernproblem zu lösen. Darin sehen Sie Ihre Aufgabe - zynische Vorstellungen und Entscheidungen in plausible und erträgliche für die Öffentlichkeit Erklärungen umzuwandeln… Egal wie heuchlerisch sie sind…
4. optional
carlo02 12.01.2013
Wenn ich nach Stellen beim Arbeitsamt im Internet suche, sind die ersten 5 Seiten fast ausschließlich Zeitarbeitsfirmen. Die kommen für mich nicht in Frage, da ich nicht vorhabe, als Arbeitskraft 2.ter Güte zu gelten.
5. Das Hartz 4 System zeigt immer mehr Züge eines Sklavenmarktes
Thomas Weber 12.01.2013
Zitat von sysopEin immer größerer Anteil der Arbeitslosen wird an Zeitarbeitsfirmen vermittelt. Offenbar auch deshalb, weil die Jobcenter so am einfachsten Erfolge vorweisen können. Jetzt will Arbeitsagentur-Chef Frank Jürgen Weise gegensteuern. Arbeitsagentur-Chef Weise will Vermittlung in Zeitarbeit begrenzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsagentur-chef-weise-will-vermittlung-in-zeitarbeit-begrenzen-a-877192.html)
Die Praxis des Sanktionensystems im Rahmen der Hartz IV - Gesetze, dessen Raison letzlich das Bild des käuflichen Menschen ist, läßt auf dem Hintergrund der grundlegenden Umbrüche der Arbeitsgesellschaft zunehmend die Situation eines staatlich/bürokratisch organisierten Sklavenmarktes entstehen, auf dem private Gewinne durch staatlich/bürokratisch organisierte Ausbeutung generiert werden. Diese Entwicklung ist nicht nachhaltig. Sie passt nicht zu einer der Aufklärung und Menschenwürde verpflichteten Gesellschaft. Sie ist weder auf die Zukunft noch auf andere Teile der Welt übertragbbar. Eine zukunftsweisende, die Menschen bestärkende Politik wird daher nicht auf Sanktionen setzen, sondern das Sanktionensystem so schnell wie möglich beenden. Das Sanktionensystem der Hartz-Gesetze schafft einen staatlich organisierten Sklavenmarkt - Am besten, Sie dchten auf der Stelle selber nach (http://thomasweber.blog.de/2012/11/25/sanktionensystem-sklaverei-15245140/)
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EU-Beschluss
Arbeitszeit-Richtlinie
Die Höchstarbeitszeit pro Woche beträgt 48 Stunden, durch individuelle Vereinbarung kann es aber auch mehr sein.
Allerdings kann die Bereitschaftszeit in aktive und inaktive Phasen gesplittet werden. Aktive Bereitschaftszeit gilt als Arbeitszeit, inaktive Bereitschaftszeit nicht.
Inaktive Bereitschaftszeit kann als Arbeitszeit berechnet werden, wenn nationale Gesetze dies vorsehen oder die Sozialpartner das vereinbaren.
Eine Arbeitszeit von mehr als 60 Wochenstunden ist nur ausnahmsweise und durch Vereinbarung der Tarifparteien möglich.
Für Beschäftigte, bei denen durch Ausnahmeregelungen die inaktive Bereitschaftszeit als Arbeitszeit gerechnet wird, gilt eine neue Obergrenze von 65 Stunden pro Woche.
Leiharbeitsrichtlinie
Zeitarbeiter sollen grundsätzlich vom ersten Tag an die gleichen Rechte im Betrieb bekommen wie ihre festangestellten Kollegen. Das gilt für Bezahlung, Urlaub und Elternzeit.
Zeitarbeiter müssen auch Kantine, Kindergarten oder Transportmittel der Firma nutzen dürfen. Ausnahmen sind möglich, wenn die Gewerkschaften und Arbeitgeber dies vereinbaren.
In Deutschland gilt bereits der Grundsatz der gleichen Bezahlung und Behandlung von Zeitarbeitern (equal pay). Davon kann aber abgewichen werden, wenn durch Tarifvertrag andere Regelungen vereinbart sind, etwa für die Zeit der Einarbeitung.

Schröders Erbe: Die Reformen der "Agenda 2010"
Wirtschaft und Steuern
Der Kündigungsschutz wurde flexibilisiert, heißt: Er besteht seit Januar 2004 nur für Betriebe mit mehr als zehn Arbeitnehmern (vorher fünf). Gesellen dürfen nun in einem Großteil der Handwerke nach sechs Jahren im Beruf auch ohne Meisterbrief einen Betrieb gründen. Eingangs- und Spitzensteuersatz sind auf schließlich 15 beziehungsweise 42 Prozent gedrückt worden.
Arbeitsmarkt
Der bekannteste Teil der Agenda-Reformen von Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD): Das Gesetzespaket Hartz I-IV zum Arbeitsmarkt. Im Mittelpunkt des Hartz-I-Gesetzes standen die Personal-Service-Agenturen (PSA). Sie stellten Arbeitslose ein und verliehen sie an Unternehmen. Dieser Teil der Reformen floppte allerdings. Hinzu kam noch das Programm "Kapital für Arbeit": Unternehmen, die Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen, konnten hierfür ein zinsgünstiges Darlehen von bis zu 100.000 Euro von der Kreditanstalt für Wiederaufbau erhalten. Mittlerweile ist diese Programm aber eingestellt - Mit dem Hartz-II-Gesetz wurden Minijobs eingeführt, die bis zu 400 Euro im Monat sozialversicherungsbegünstigt sind. Außerdem die Ich-AGs: Existenzgründer konnten einen über drei Jahre gestaffelten Zuschuss erhalten, wenn sie weniger als 25.000 Euro jährlich verdienten. Später wurde das Konzept der Ich-AG durch einen Gründerzuschuss ersetzt. Im Rahmen von Hartz II wurden die Arbeitsämter zu Job-Centern umgestaltet. Die Bundesanstalt für Arbeit wurde per Hartz III zur Bundesagentur für Arbeit umgebaut. Das Gesetz zu Hartz IV bewirkte die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II. Das bisherige Arbeitslosengeld wird seit 2006 in der Regel nur noch zwölf Monate (maximal 18 Monate) gezahlt, danach greift das Arbeitslosengeld II.
Bildung, Ausbildung und Familie
Im Bereich der frühkindlichen Förderung strebte Schröder eine Verbesserung von Betreuungs- und Bildungsangeboten bei den unter dreijährigen Kindern an. Zudem wurde ein Förderprogramm für Ganztagsschulen aufgelegt.
Rente und Gesundheit
Die Rentenformel wurde um einen Nachhaltigkeitsfaktor ergänzt, den Schröder bei Regierungsantritt erst abgeschafft hatte. Die Beitragssätze der Versicherten zur gesetzlichen Krankenversicherung sollten reduziert werden. Für Arztbesuche wurde eine Praxisgebühr von 10 Euro pro Quartal eingeführt, bei einem Krankenhausaufenthalt müssen nun zehn Euro pro Tag zugezahlt werden. Die Obergrenze für alle Zuzahlungen liegt aber bei zwei Prozent des Jahreseinkommens, für Familien gibt es Freibeträge. Veränderungen auch beim Leistungskatalog: Zuzahlungen für Medikamente wurden erhöht, nicht verschreibungspflichtige Präparate werden nicht mehr erstattet.