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Arbeitsbedingungen in Costa Rica: Die bittere Seite der Ananas

Von Knut Henkel, Costa Rica

Costa Rica präsentiert sich gern als das vorbildlichste Land Lateinamerikas. Dabei ist es für Arbeiter alles andere als ein Paradies. Gewerkschaften kritisieren, dass ihre Mitglieder schikaniert werden - auch auf den großen Ananasplantagen.

Die Verpackungshalle der Ananasfarm Saint Peter ist fast ausgestorben. Die meisten Arbeiter haben bereits Feierabend gemacht. Victor Maroto, Oberaufseher der Del Monte-Plantage im Nordosten Costa Ricas, schlendert über den Vorplatz, der an ein Feld mit nahezu reifen Ananas grenzt. Auf einem riesigen Schild steht: "Willkommen auf der Farm Saint Peter. An diesem Arbeitsplatz regiert - dank der Solidarität - der Frieden, der Respekt und das gegenseitige Verständnis."

Es ist ein Satz, den gewerkschaftlich organisierte Arbeiter der Farm nur mit einem bitteren Lächeln quittieren können. "Aufseher Victor Maroto hat mir persönlich mitgeteilt, dass er mein gewerkschaftliches Engagement missbilligt, und einen Monat später wurde ich entlassen", sagt María Eugenia Angulo Durán.

Sie hat eine eidesstattliche Erklärung unterzeichnet, in der sie den Personalverantwortlichen von Del Monte in der Anbauregion von Guápiles in der Provinz Limón vorwirft, "jedwede Person zu entlassen, die Kontakte zur unabhängigen Gewerkschaft unterhält". Ziel sei es gewesen, die Arbeiter in der Unternehmensgewerkschaft zu organisieren und so die unabhängige Vertretung aus der Firma zu drängen.

"Wir sind dort nicht willkommen"

Die streitbare Frau Anfang 50 ist nicht die einzige, die das Management von Del Monte beschuldigt, gewerkschaftsfeindlich zu agieren. Auch ihr Kollege Alan Hernández Venega, der bis zu seiner Entlassung im November 2009 drei Jahre auf der Farm arbeitete, ist nach eigenen Angaben immer wieder von den Aufsehern schikaniert worden. "Mein Vorarbeiter hat sich als Jagdhund bezeichnet, der mich zur Strecke bringen wird. Letztlich hat das Unternehmen dann 2009 nahezu alle Erntearbeiter entlassen, um die Gewerkschaft platt zu machen", sagt der stämmige Mann.

Rodrigo Jiminez, Direktor der Del-Monte-Plantage in Costa Rica, widerspricht den Anschuldigungen: "Die Gewerkschaftsfreiheit ist ein Grundrecht aller unserer Angestellten. Das beweist die Tatsache, dass wir weltweit Tausende von organisierten Abeitern haben." Auch die gezielte Entlassung von Gewerkschaftsmitgliedern weist er weit von sich: "Das ist schlicht nicht wahr."

Ex-Mitarbeiter Venega ist an diesem Sommertag genauso wie María Elena und die beiden jungen Gewerkschafter David und Luis Antonio zu dem kleinen Platz vor der Plantage gekommen. Sie wollen Didier Leiton sprechen. Er ist Sekretär der Gewerkschaft der Plantagenarbeiter. Leiton muss die Mitglieder der Gewerkschaft meist nach der Arbeit und abseits der Plantagen aufsuchen. "Wir sind dort nicht willkommen. Nur zwei Prozent der Arbeiter auf den Ananasplantagen sind organisiert", sagt er, der selbst früher auf einer Bananenfarm arbeitete.

Auf den Bananenplantagen ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad etwas höher. Aber auch dort ist Leiton nicht unbedingt willkommen. Diesen Eindruck gewann auch die Kommission der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) bei einem Besuch Ende Mai. Die Experten stellten gegenüber der nationalen Presse fest, dass sich die Arbeitgeber aus Furcht vor gewerkschaftlichem Einfluss schwer tun, Tarifverträge abzuschließen.

Diese Einschätzung teilt Fernando Bolaños, ein auf Arbeitsrecht spezialisierter Anwalt in Costa Rica. "Im Privatsektor wird eine antigewerkschaftliche Politik verfolgt, die bis zur offenen Verfolgung reicht", sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung "La Nacion".

Juristischer Erfolg der Arbeiter

Von den Vorwürfen will man beim Branchenverband der Ananasproduzenten nichts wissen. Ihr Präsident Abel Chaves betont, dass im "Ananassektor alle Rechte der Arbeiter respektiert werden und dass diese rechtlich fixiert sind". Die Kritik nimmt er immerhin so ernst, dass er sich die Namen der Arbeiter notiert, die sich über die Verletzung ihrer Rechte beschwert haben.

Allerdings kursieren in Costa Rica nach Angaben der wichtigsten Gewerkschaften im Plantagenanbau auch schwarze Listen mit den Namen von organisierten Arbeitern. So hat Alan Hernández, der im November 2009 auf der Farm Saint Peter entlassen wurde, seither keine feste Arbeit mehr gefunden. "Ich bin mir sicher, dass mein Name auf einer Liste mit Gewerkschaftsaktivisten steht", sagt der 32-jährige Vater von zwei Töchtern. Del-Monte-Manager Jiminez bestreitet, dass Hernández auf einer solchen Liste steht.

Auch wenn im Einzelfall oft Aussage gegen Aussage steht: Indizien, dass im Geschäft mit der Ananas in Costa Rica nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht, gibt es immer wieder. So wurde ein wichtiger Zulieferer Mitte Juni dazu verurteilt, mehrere entlassene Gewerkschafter wieder einzustellen und die ausstehenden Löhne zu zahlen.

Der juristische Erfolg der Arbeiter wurde jedoch erst dank der finanziellen Unterstützung aus dem Ausland möglich. Denn Arbeitsrechtklagen sind in Costa Rica sehr teuer. Gleichwohl hat sich Gewerkschaftssekretär Didier Leiton mit Alan Hernández und María Eugenia darauf geeinigt, weitere rechtliche Schritte zu unternehmen. Ob Hernández allerdings zurück auf die Plantage Saint Peter will, weiß er nicht. Dann müsste er wieder unter Victor Maroto arbeiten. Und das kennt er schon zur Genüge.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Das ist der Preis für die guten ALDI-Preise,...
Centurio X 17.07.2011
Zitat von sysopCosta Rica präsentiert sich gern*als*das vorbildlichste Land*Lateinamerikas. Dabei ist*es für Arbeiter alles andere als ein Paradies. Gewerkschaften kritisieren, dass ihre Mitglieder schikaniert werden -*auch auf den großen Ananasplantagen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,770760,00.html
...die die Ananas-Plantagenarbeiter für uns zahlen. Jetzt ist mir klar, warum in Martinique, wo auch Ananas erzeugt wird, dort die Preise für diese Frucht gegenwärtig mehr als doppelt so hoch sind als in den ALDI-Filialen Deutschlands.
2. *
geroi.truda 17.07.2011
Zitat von sysopCosta Rica präsentiert sich gern*als*das vorbildlichste Land*Lateinamerikas. Dabei ist*es für Arbeiter alles andere als ein Paradies. Gewerkschaften kritisieren, dass ihre Mitglieder schikaniert werden -*auch auf den großen Ananasplantagen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,770760,00.html
(selbstdeklarierte) "Arbeiterparadiese" gibt es doch seit 1989 nur noch in Nordkorea und auf Cuba - sollen aber angeblich auch deutlich weniger gut sein als die Selbstdeklaration verheißt...
3. Costa Rica´s gute Verkäufer...
chris_bunny 17.07.2011
schaffen es immer wieder , ein unrealistisches Bild des Landes zu vermitteln. Lange Jahre habe ich dort gelebt, für deutsche Insititionen gearbeitet und die Realität als viel drastischer und verlogener erlebt. Sei es im Kaffeesektor oder bei den Bananan, im öffentl. Bereich und Schulen sowie Krankenhäusern fehlt es am Nötigsten: dem politischen Willen und einer tatsächlichen Demokratie. Ein handvoll Familien beherrschen das Land, oportunistisch lassen sie u.a. die Chinesen sich ungebremst einkaufen und beherbergen illegale Trainingscamp für ausländ. Söldnertruppen. Der gesamte Drogentransport über Land geht durch Mittelamerika und alle verdienen mit, da viel zu wenig entdeckt wird. Es gibt Sozialversicherungen - sicher gut - , die aber leider zu oft legal ausgehebelt werden und den sonst sehr netten costarikanischen Angestellten/Arbeitern sehr schwierige Bedingungen verursachen. Die Armut in CR ist mindestens dieselbe wie überall in Lateinamerika - die Zahlen der UNO (intern. Arbeiterorganisation ILO) müssen übrigens erst von der Regierung in San José abgesegnet werden, bevor sie sich traut, diese zu veröffentlichen... Nicht von ungefähr zieht sich (nicht nur) die deutsche Entwicklungsarbeit zurück - andere Länder sind mittlerweile wichtiger und auch dankbarer. Ökolog. Paradies? - nicht der Hochglanzprospekt ist es mehr wert. Das Land der ewig verpassten Chancen...
4. Was ist schon ein Arbeiterparadies?
randbemerkung 17.07.2011
Der Artikel lässt mich etwas ratlos zurück. Gewerkschaftliche Aktivität mag aus deutscher Sicht wünschenswert sein. Aber der Artikel gibt keine Auskunft über die Arbeitswelt auf den costa ricanischen Ananasplantagen. Hat die Abwesehnheit freier Gewerkschaften negative Folgen? Werden die Arbeiter ungerecht bezahlt, oder wird Lohn gar vorenthalten? Werden soziale Standards ignoriert aufgrund der fehlenden gewerkschaftlichen Aktivität? Der Artikel impliziert, dass gewerkschaftlicher Einfluss an sich ein Maßstab für Arbeitsqualität ist. Ironisch ist in diesem Zusammenhang: Während junge Costa Ricaner Jobs bei Hewlett-Packard oder Intel (zwei der größten Arbeitgeber des Landes) anstreben, arbeiten in der Landwirschaft zum großen Teil nicaraguanische Einwanderer. Und denen scheint ein gewerkschaftlich unorganisierter Job auf einer costa ricanischen Plantage immer noch attraktiver zu sein, als ein Job bzw. die Arbeitslosigkeit in Daniel Ortegas sandinistisch-sozialistischem Arbeiterparadies Nicaragua.
5. ...
ticophil 17.07.2011
Zitat von randbemerkungDer Artikel lässt mich etwas ratlos zurück. Gewerkschaftliche Aktivität mag aus deutscher Sicht wünschenswert sein. Aber der Artikel gibt keine Auskunft über die Arbeitswelt auf den costa ricanischen Ananasplantagen. Hat die Abwesehnheit freier Gewerkschaften negative Folgen? Werden die Arbeiter ungerecht bezahlt, oder wird Lohn gar vorenthalten? Werden soziale Standards ignoriert aufgrund der fehlenden gewerkschaftlichen Aktivität? Der Artikel impliziert, dass gewerkschaftlicher Einfluss an sich ein Maßstab für Arbeitsqualität ist. Ironisch ist in diesem Zusammenhang: Während junge Costa Ricaner Jobs bei Hewlett-Packard oder Intel (zwei der größten Arbeitgeber des Landes) anstreben, arbeiten in der Landwirschaft zum großen Teil nicaraguanische Einwanderer. Und denen scheint ein gewerkschaftlich unorganisierter Job auf einer costa ricanischen Plantage immer noch attraktiver zu sein, als ein Job bzw. die Arbeitslosigkeit in Daniel Ortegas sandinistisch-sozialistischem Arbeiterparadies Nicaragua.
Dazu folgender Artikel: http://www.blickpunkt-lateinamerika.de/nachrichten/msgf/costa_rica%3A_arbeiterproteste_gegen_ananas-produzenten_-_schwere_rechtsverstoesse_und_einsatz_eines_verbotenen_agrargiftes.html
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