So arbeitet Deutschland Wie viel Macht haben Gewerkschaften noch?

Völker, hört die Signale? Von wegen! Die Deutschen scheinen konfliktscheu - im Schnitt erlebt nur jeder fünfte Beschäftigte jemals einen Streiktag. Arbeitskampf-Fakten auf einen Blick.

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Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
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Nur noch für jeden zweiten Arbeitnehmer gilt ein Tarifvertrag - entweder ein Flächenvertrag oder einer der (in der Grafik nicht berücksichtigten) Haustarifverträge. Das ist allerdings erst seit Kurzem so. Jahrzehntelang war es die Norm, dass die Regelungen, die Gewerkschaft und Arbeitgeberverband aushandelten, für eine deutliche Mehrheit der Arbeitnehmer galt - meist einheitlich für ganze Branchen. Doch die sogenannte Tarifbindung nimmt seit vielen Jahren kontinuierlich ab.

Grund dafür dürfte sein, dass viele Arbeitsplätze inzwischen in Branchen entstehen, in denen Gewerkschaften traditionell schwach sind: Handel, Gastronomie, Gesundheit, Pflege und weitere Dienstleistungen. Inzwischen liegt die Tarifbindung in Deutschland deutlich unter dem Durchschnitt in der EU. Eigentlich ist sie nur noch in den wirtschaftsliberal geprägten Ländern Mittel- und Osteuropas, Irland und Großbritannien niedriger.

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Und dennoch profitieren immer noch viele Arbeitnehmer in Deutschland von Tarifverträgen, obwohl sie streng genommen gar nicht für sie gelten - eigentlich handelt eine Gewerkschaft Regelungen nur für ihre Mitglieder aus. Dass sie auch für Nichtmitglieder angewendet werden, hat viel damit zu tun, dass Arbeitgeber kein Interesse daran haben, den Gewerkschaften einen Massenzulauf zu bescheren. Entsprechend gering ist der Anteil der Arbeitnehmer, die überhaupt noch Mitglied in einer Gewerkschaft sind, und das schon seit Längerem. Der sogenannte Organisationsgrad ist von rund 27 Prozent im Jahr 1994 bis Mitte der Nullerjahre auf rund 20 Prozent gesunken, blieb dann lange relativ stabil, sackte aber zuletzt erneut deutlich auf rund 17 Prozent ab.

Während Gewerkschaften vor allem die Belange von Arbeitnehmern über Betriebsgrenzen hinweg vertreten - also für ganze Branchen oder Berufsgruppen, sind Betriebsräte für die Arbeitnehmer in einem konkreten Betrieb zuständig. Ihre Rechte sind im Betriebsverfassungsgesetz garantiert. Allerdings wird schon seit Langem nur noch eine Minderheit der Arbeitnehmer von Betriebsräten vertreten. Waren es im Jahr 2000 immerhin noch 50 Prozent in Westdeutschland und 41 Prozent in Ostdeutschland, ist der Anteil bis zum Jahr 2016 auf 43 Prozent im Westen und 34 Prozent im Osten gesunken. Grundsätzlich gilt: Je größer ein Betrieb, desto wahrscheinlicher ist es, dass es einen Betriebsrat gibt. In vielen kleinen und Kleinstbetrieben fällt er weg. Bezogen auf alle Betriebe in Deutschland, gibt es nur in etwa jedem zehnten einen Betriebsrat.

Was Streiks betrifft, sind die Deutschen ausgesprochen konfliktscheu - was auch erklären könnte, wieso die Arbeitskämpfe der Piloten, Lokführer und Kita-Erzieherinnen im Jahr 2015 die Schlagzeilen beherrschten: Nur was ungewöhnlich ist, empfinden wir als Nachricht. Tatsächlich summierten sich die wegen Streiks ausgefallenen Arbeitstage in diesem Jahr auch auf einen für Deutschland ungewöhnlich hohen Wert von 31 - pro tausend Arbeitnehmern.

Der Schnitt der vergangenen Jahrzehnte liegt eher um die fünf Streiktage pro tausend Arbeitnehmer - was nichts anderes heißt, als dass der durchschnittliche Arbeitnehmer in Deutschland alle 200 Jahre einmal einen Tag wegen eines Streiks nicht gearbeitet hat. Nimmt man ein durchschnittliches Erwerbsleben von 40 Jahren an, erlebt statistisch also nur jeder fünfte Arbeitnehmer überhaupt einmal einen wegen Streiks ausgefallenen Arbeitstag. Dazu muss er übrigens gar nicht selbst streiken - wenn etwa die Piloten streiken, kann ja auch das restliche Bordpersonal nicht arbeiten.

Übrigens: Wie viel die Deutschen im internationalen Vergleich streiken, ist nicht so einfach zu beantworten. Es gibt zwar Statistiken dazu - die werden aber derart unterschiedlich berechnet, dass sie sich nicht seriös vergleichen lassen. Daher verzichten wir an dieser Stelle darauf.



insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
noalk 28.08.2017
1. Allgemeinverbindlicherklärung
Hauptgrund für die abnehmende Bedeutung der Gewerkschaften ist nach meiner Ansicht die de-facto-Abschaffung der Allgemeinverbindlicherklärung für Tarifverträge.
hexenbesen.65 28.08.2017
2.
Zitat von noalkHauptgrund für die abnehmende Bedeutung der Gewerkschaften ist nach meiner Ansicht die de-facto-Abschaffung der Allgemeinverbindlicherklärung für Tarifverträge.
Nö, ich sehe den "Hauptgrund" die Gewerkschaftsbeiträge. Die sind imens hoch ---da treten erst mal gar keine Leute mehr ein. Und diese (ich sag es salopp) Bagage sind die Nutznieser von Leuten,die Beiträge für Gewerkschaften zahlen, die dann mit den Arbeitgebern verhandeln. Unsere Gewerkschaft zahlt den Mitgliedern deswegen noch einen Extra-bonus UND verhandelt über Extra-Urlaubstage. Die bekommen dann nur Gewerkschaftsmitglieder (ist auch richtig so ) Manche sind eben nur auf die Kohle aus---treten wegen der Kohle (sparen) aus der Kirche aus.... Ohne Gewerkschaften allerdings würden wir heute noch 6 Tage je 10 oder 12 Stunden schuften ! Allerdings sehe ich auch neuerdings die Gefahr der Verschlechterung durch die großen Gewerkschaften.... vom "Zeitarbeiter auf 4 Jahre" über Aufweichung des Kündigungsrechts...
yvowald@freenet.de 28.08.2017
3. Fehlende Durchsetzungskraft
Die Frage ist: Wieviel Macht hatten die deutschen Gewerkschaften jemals? Im Prinzip keine. Denn in den 1950er und 1960er Jahren prosperierte die Wirtschaft. Infolge der Milliardengewinne konnten die Arbeitgeber ihre Belegschaften üppig an den erzielten Gewinnen beteiligen. Nach der "Energiekrise 1973", die natürlich von den OPEC-Führern gezielt gesteuert wurde, kam es zu Gewinneinbrüchen. Dadurch wurden auch die Lohn- und Gehaltssteigerungen abgeschwächt. Niemals jedoch wurden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an den Produktions- und Rationalisierungszuwächsen angemessen beteiligt. Wir Beschäftigten erhielten nur die Brosamen, die vom Tisch der Wirtschaftsmächtigen abfielen. Somit waren und sind auch die deutschen Gewerkschaften lediglich Bittsteller, die formal versuchen, Löhne und Gehälter durch geringfügige Anhebungen zu steigern. Das Ganze ist und bleibt sowieso ungerecht, weil prozentuale Anhebungen die Schere zwischen Geringverdienenden und Gutverdienenden weiter öffnen. Sozial gerecht wären für alle gleich hohe Lohn- und Gehaltserhöhungen (zum Beispiel 100 EURO monatlich mehr für alle Beschäftigten). Dafür aber fehlt den Gewerkschaften erst recht die Durchsetzungskraft.
dennis_berber 02.09.2017
4. Immer mehr Beschäftigten in atypischen Beschäftigungsverhältnisse
Das Problem der geringen Gewerkschaftsorganisation ist einerseits die Branche und die zugehörige geringe und unsichere Entlohnung, andererseits aber auch das Wirken der Gewerkschaften. Diese haben in den letzten Jahren immer mehr mit den Arbeitgeberverbänden paktiert und zu Ungunsten von Zeit- und Leiharbeitern gewerkelt. Am Ende ist aber einfach nicht genug Arbeit vorhanden. Das Arbeitsvolumen stagniert und die Anzahl an Erwerbstätigen nimmt zu. So haben wir seit 1991 zwei Millionen Vollzeitstellen verloren und die Anzahl an Teilzeitstellen von fünf auf zehn Millionen verdoppelt. Wo die Arbeiterschaft errodiert, da errodieren auch die Gewerkschaften. https://www.finwir.de/wirtschaft/arbeitsvolumen-zu-wenig-arbeit-fuer-zu-viele-menschen/
Garda 02.09.2017
5. da bin ich mir nicht sicher
Zitat von hexenbesen.65Nö, ich sehe den "Hauptgrund" die Gewerkschaftsbeiträge. Die sind imens hoch ---da treten erst mal gar keine Leute mehr ein. Und diese (ich sag es salopp) Bagage sind die Nutznieser von Leuten,die Beiträge für Gewerkschaften zahlen, die dann mit den Arbeitgebern verhandeln. Unsere Gewerkschaft zahlt den Mitgliedern deswegen noch einen Extra-bonus UND verhandelt über Extra-Urlaubstage. Die bekommen dann nur Gewerkschaftsmitglieder (ist auch richtig so ) Manche sind eben nur auf die Kohle aus---treten wegen der Kohle (sparen) aus der Kirche aus.... Ohne Gewerkschaften allerdings würden wir heute noch 6 Tage je 10 oder 12 Stunden schuften ! Allerdings sehe ich auch neuerdings die Gefahr der Verschlechterung durch die großen Gewerkschaften.... vom "Zeitarbeiter auf 4 Jahre" über Aufweichung des Kündigungsrechts...
Ich glaube eher, dass es daran liegt, dass der heutige Angestellte und Arbeiter (zumindest die jüngeren) keinen Arsch mehr in der Hose haben, um gegen den heute üblichen Druck von oben aufzubegehren. Demonstriert wird für/gegen alles mögliche, erinnert eher an Folklore-Veranstaltungen als an "Arbeitskampf", nur begehrt keiner auf, wenn eine Firma Sozialleistungen abbaut, oder auch Szenarien für Personalabbau durchspielt. Renten- und Gesundheitsproblematik werden verdrängt oder nicht begriffen. Die jüngere Generation hat leider das Kämpfen nie gelernt, dafür war man in der Kindheit und Jugend zu weich gebettet.
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