Arbeitslosigkeit in Euro-Zone BA-Chef Weise bietet Griechen Hilfe an

Um Deutschland herum herrscht die Krise - doch der Arbeitsmarkt ist stärker denn je: Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise spricht im Interview über den Traum von der Vollbeschäftigung, zehn Jahre Hartz und einen möglichen Export des deutschen Modells nach Griechenland.

Arbeitslose in Athen: "Einige unserer Ansätze sind sicher auf andere Länder übertragbar"
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Arbeitslose in Athen: "Einige unserer Ansätze sind sicher auf andere Länder übertragbar"

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Hamburg - Um 9.55 Uhr am Mittwoch veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit die Zahl der Erwerbslosen im Februar. Bis dahin aber bleiben die Daten unter Verschluss. Sie sind ein wohlgehütetes Geheimnis der Behörde in Nürnberg.

Fachleute rechnen allerdings damit, dass das deutsche Jobwunder weitergeht. So dürfte die Zahl der Erwerbslosen im Vergleich zu Januar maximal leicht gestiegen sein. Im Vormonat waren 3,1 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Der mögliche Anstieg im Februar dürfte aber vor allem am Winter gelegen haben, weil dann viele Arbeiten ruhen. Die Euro-Krise lässt den Jobmarkt erstaunlich kalt. "Der Arbeitsmarkt ist überraschend robust", sagt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), SPIEGEL ONLINE.

Nun könnte das erfolgreiche Modell der Bundesagentur sogar zum Exportschlager im krisengeplagten Griechenland werden. Der BA-Chef ist bereits in Gesprächen mit seinem griechischen Amtskollegen. Dabei gehe es vor allem darum, "zu überlegen, was wir zur Verbesserung beitragen können", sagte Weise. "Allerdings brauchen wir noch das Mandat der griechischen Regierung, um weitergehend helfen zu können." Es wäre nicht die erste Hilfe, über die deutsche Behörden nachdenken: Auch 160 deutsche Steuerprüfer stehen nach Regierungsangaben bereit, in Griechenland Gelder einzutreiben.

Im Interview spricht der BA-Chef über seinen Einsatz als Aufbauhelfer im Krisenland Griechenland, darüber wie er in seiner Behörde trotz Milliardeneinsparungen seine Ziele erreichen will und zieht eine Bilanz nach zehn Jahren Hartz:

SPIEGEL ONLINE: Herr Weise, um Deutschland herum herrscht die Krise. Die EU-Kommission rechnet mit einer Rezession in der Euro-Zone, die Arbeitslosigkeit steigt. Nur in Deutschland liegt die Beschäftigung auf Rekordniveau. Wie lange kann sich der deutsche Arbeitsmarkt noch vom Rest Europas abkoppeln?

Weise: Das gefühlte Risiko ist größer als das tatsächliche. Die Gefahr, dass die Krise den deutschen Arbeitsmarkt erreicht, liegt gerade mal bei 20 Prozent. Der Arbeitsmarkt ist überraschend robust. Dieser Einschätzung liegen umfassende Daten aus den Unternehmen zugrunde, die wir regelmäßig zu ihrer Auftragslage und zu ihrem Personal befragen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt konkret?

Weise: Wir rechnen in diesem Jahr damit, dass es ein kleines Plus bei der Beschäftigung gibt und ein kleines Minus bei den Arbeitslosen. Im Schnitt erwarten wir eine Quote von unter sieben Prozent. Das wären etwa 2,9 Millionen Arbeitslose.

SPIEGEL ONLINE: Forschungsinstitute hatten ursprünglich 2,5 Millionen Arbeitslose für dieses Jahr vorausgesagt. Hat die Schuldenkrise Vollbeschäftigung unmöglich gemacht?

Weise: Auf längere Sicht sollten wir das Ziel Vollbeschäftigung nicht aus den Augen verlieren, wobei es jetzt schon einige Regionen mit Vollbeschäftigung gibt. Wir sind schon froh, dass sich der deutsche Arbeitsmarkt bisher so überraschend gut gehalten hat. Jetzt hoffen wir, dass die Euro-Krise nicht eskaliert.

SPIEGEL ONLINE: In der Öffentlichkeit nimmt man vor allem wahr, welche Unternehmen Tausende von Stellen streichen: E.on, RWE, Nokia Siemens Networks, Schlecker - um nur einige Beispiele zu nennen. Wie passt das zusammen?

Weise: Diese Unternehmen streichen nicht Stellen, weil die Konjunktur bergab geht, sondern weil sie ihre eigene Organisation straffen oder sich ihr Marktumfeld verändert hat. Das sind Prozesse, die zum Teil seit Jahren stattfinden. Der Mittelstand fängt vieles davon auf. In der Öffentlichkeit bleiben die Stellenkürzungen deshalb länger haften, weil jeder die großen Unternehmen kennt.

SPIEGEL ONLINE: Zu diesem Strukturwandel gehört aber auch, dass immer mehr gut bezahlte Arbeitsplätze verloren gehen, während die Hälfte aller neuen Vollzeitjobs im Niedriglohnsektor entsteht. Sind Sie zufrieden mit dieser Entwicklung?

Weise: Die guten Seiten überwiegen. Wenn etwa Menschen eine Arbeit finden, die vorher keine Chance gehabt hätten, dann finde ich das positiv. Vor allem Geringqualifizierte unter den Langzeitarbeitslosen haben dadurch auf dem Arbeitsmarkt erstmals überhaupt eine Chance bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Hunderttausende solcher Menschen, die beispielsweise als Zeitarbeiter unterkommen, brauchen zusätzlich zu ihrem Vollzeitjob ergänzendes Arbeitslosengeld II, werden also Hartz-IV-Bezieher.

Weise: Wenn insbesondere Ein-Personen-Haushalte neben einem Vollzeitjob ergänzend das Arbeitslosengeld II dauerhaft in Anspruch nehmen müssen, ist das schon problematisch. Es darf nicht Sache der Jobcenter sein, die Aufgaben der Privatwirtschaft zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten also die Einführung eines allgemeinen, gesetzlichen Mindestlohns für sinnvoll, so wie ihn die Regierung derzeit plant?

Weise: Ein Mindestlohn müsste vor allem die richtige Höhe haben. Ist er zu hoch, vernichtet er Arbeitsplätze. Ist er zu niedrig, bringt er nichts. Es ist Aufgabe der Tarifparteien und der Politik, das richtige Maß zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderes Problem des Arbeitsmarktes ist, dass nicht nur viele Stellen im Niedriglohnsektor entstehen, sondern auch die Zahl der Teilzeitjobs stärker zunimmt als die der Vollzeitstellen. Viele Menschen würden gern mehr arbeiten. Ist die Unterbeschäftigung nicht tatsächlich viel größer als von Ihnen angegeben?

Weise: Es gibt durchaus einen Bedarf an Teilzeitjobs, etwa dann, wenn man sich noch um die Kindererziehung kümmern muss und möchte. Die Fälle aber, die Sie meinen, können wir nicht ausweisen. Wir wissen nicht, wie viele Teilzeitkräfte mehr arbeiten möchten. Wir können nur diejenigen erfassen, die derzeit beispielsweise an Weiterbildungsprogrammen teilnehmen oder Ein-Euro-Jobber sind. Diese Menschen bilden zusammen mit den statistisch erfassten Arbeitslosen - deren Definition ja gesetzlich vorgeschrieben ist - die Unterbeschäftigung ab. Wir veröffentlichen diese Zahl jeden Monat. Die Unterbeschäftigung liegt aktuell um rund eine Million höher als die statistisch erfasste Arbeitslosigkeit.

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insgesamt 193 Beiträge
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Seite 1
Systemrelevanter 28.02.2012
1. Jobwunder:
Prekäre Jobs; endlose Zeitverträge; Generation Praktikum; Aufstockung; Brain Drain Richtung Schweiz, Skandinavien oder Nordamerika. Ja, daraus ist das "Jobwunder" gemacht. Wer hat gesagt, man kann aus einem Vorzeigeland in Sachen Entwicklungsgrad nicht auch wieder ein Lohnentwicklungsland machen und darauf noch stolz sein! Am deutschen Wesen soll schließlich wiedermal die ganze Welt genesen.
rodelaax 28.02.2012
2. Klar doch
Zitat von sysopDPAUm Deutschland herum herrscht Krise - doch der Arbeitsmarkt ist stärker denn je: Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise spricht im Interview über den Traum von der Vollbeschäftigung, zehn Jahre Hartz und einen möglichen Export des deutschen Modells nach Griechenland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,818016,00.html
Ein Export des deutschel Modells. Unfähige Angestellte beim Arbeitsamt. Leben unter prekären Arbeits- und Lebenbedingungen, ausgebeutet von Zeitarbeitsfirmen und, damit man auch ab der zweiten Monatshälfte auch noch was zum Essen hat, Hartz 4 vom Staat oder einen Dritt- oder Viertjob. Herr Weise beliebt zu scherzen.
axel666 28.02.2012
3. wenn...
Zitat von sysopDPAUm Deutschland herum herrscht Krise - doch der Arbeitsmarkt ist stärker denn je: Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise spricht im Interview über den Traum von der Vollbeschäftigung, zehn Jahre Hartz und einen möglichen Export des deutschen Modells nach Griechenland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,818016,00.html
die griechen jetzt schon auf die strassen gehen und ganze häuserblocks niederbrennen, was passiert dann erst, wenn man ihnen das zumutet, was uns deutschen in den letzten zehn jahren zugemutet wurde!? ;-)
kinst 28.02.2012
4. verspiegelt
---Zitat--- Weise: Die guten Seiten überwiegen. Wenn etwa Menschen eine Arbeit finden, die vorher keine Chance gehabt hätten, dann finde ich das positiv. Vor allem Geringqualifizierte unter den Langzeitarbeitslosen haben dadurch auf dem Arbeitsmarkt erstmals überhaupt eine Chance bekommen. ---Zitatende--- Dieser Herr Weise hat nur ein Auge für seine Zahlen, das ist der BA nicht würdig. 1-Euro Jobs würde ich nicht als "Arbeit" bezeichnen. Genauso wie das sehr schön verallgemeinernde Wort "Job" in meinen Augen immer für eine Art Aushilfstätigkeit steht - und nicht für eine Art Beschäftigung die des Menschen "Potential" entfaltet - das Wort "Beruf" oder "Ausbildung" fällt in diesem Zusammenhang sowieso schon lange nicht mehr... Oder wie die Schwaben sagen: Hauptsach ebbes g'schafft! - Diese Sichtweise geht mir nicht in den Kopf!
anderton 28.02.2012
5. ...
Ohne den Export läuft in Deutschland gar nix! Und der Export läuft im Moment nur so toll, weil der Euro für die Deutschen zu schwach ist. Wenn die Welt erstmal die Schotten dicht gemacht hat (Protektionismus) und die Länder zusätzlich sparen, können wir den Herrn Weise nochmal zu einem Gepsräch einladen. Dann kann er wieder über die Vollbeschäftigung schwadronieren... Ehrlich gesagt geht mir diese Besserwisserei der Deutschen (als Deutscher) langsam auf die Nerven!
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